Der zweite Blick

Lukas Egli's Geschichten aus der Provinz

Vom Schlachten heiliger Kühe

Erschienen in Brandeins, 23. Oktober 2009

Schweizer suchen ungern Streit. Harmonie ist ihnen lieber. Doch darüber bleibt viel liegen. Ein Institut in Zürich bekam die Aufgabe, wie die Hefe zu wirken im trägen Teig. Nun erweist es sich als schockierend unabhängig. Ein Experiment mit offenem Ende.

© Lukas Egli, 2009

Einmal Kuhschweiz, immer Kuhschweiz. Dabei ist die Schweiz schon lange kein Bauernland mehr. Nur vier Prozent der Bevölkerung leben noch von der Landwirtschaft, dennoch wendet das Land jedes Jahr mehr als vier Milliarden Franken zur Stützung des Bauernstandes auf – genauso viel wie für Bildung und Forschung. Die Landwirte sind eine Macht in dem Land, das sich rühmt, der siebtgrösste Finanzplatz und eines der wettbewerbsfähigsten Länder der Welt zu sein. Wie legitim sind die Subventionen noch angesichts globaler Märkte? Nützen sie der Allgemeinheit? Und: Halten die Bauern eigentlich, was sie versprechen?

Ein Ketzer, wer solche Fragen stellt.

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Eingetragen unter:Gesellschaft, Landwirtschaft, Wirtschaft

Der Fluch der Beständigkeit

Erschienen in NZZ Folio, 2. November 2009

Drei Erfindungen, drei tragische Ereignisse, drei Generationenwechsel: Die Tösstaler Pfannenfabrik Kuhn Rikon hat ­schon viel überstanden. Die grösste Prüfung steht noch aus.

© Lukas Egli, 2009

Eine gute Pfanne verkauft man so: Man versucht einem Kunden zu erklären, weshalb eine Markenpfanne 200 Franken kostet, während eine Billigpfanne für einen Viertel des Preises zu haben ist. Die Gründe können lauten: Weil die Markenpfanne hochwertiger ist. Oder schöner. Da ist viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Ist man endlich fertig und war erfolgreich, hat man 200 Franken Umsatz gemacht. Das gibt 100 Franken für den Verkäufer und 100 Franken für den Hersteller. Pfannen verkaufen ist kein Bomben­geschäft. Es ist das Geschäft des Familienbetriebs Kuhn Rikon.

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Eingetragen unter:Gesellschaft, Wirtschaft

Vom Fach: Neulich an der Whiskybar

© NZZ Folio, 2. November 2009

Freitagabend, 22 Uhr an einer Hotelbar im Bündner Oberland. Feierliche Stimmung. Was reden die da? Wir übersetzen.

Von Lukas Egli

«Es gibt doch nichts Besseres als ein hübsches Dram Malt im Winter!»
«Also, ich mag lieber Highlander.»
«Das sind auch Single Malts, Idiot.»
«Ach so.»
«‹Rome was built on seven hills, Dufftown was built on seven stills.›»
«Dann bist du ein Lowland-Typ.»
«Dufftown gehört zu Speyside.»
«Ach so.»
«Ah, dezenter Torf!»
«Von dem soll es nur fünf Fässer gegeben haben, hat der Barmann gesagt.»
«Ein echter Single Barrel! Knapp 1000 Flaschen, der Rest ist Angels’ Share.»
«Hä?»
«Der Anteil der Engel.»
«‹Nonchillfiltered› steht da. So einen habe ich mal im Waldhaus gehabt.»
«Ich sage nur: ‹Uisge Beatha.›»
«Hä?»
«Du hast echt keine Ahnung.»

Dram: kleines Whiskyglas. Malt: unverschnittene, aus Gerstenmalz gebrannte, schottische Whiskies. Highlands: das Hochland Schottlands; eine der bekanntesten Whiskyregionen der Welt. Dufftown was built…: Dufftown gilt als Whisky-Hauptstadt. Still: Whisky-Brennblase. Lowland: das Zentrum Schottlands; bringt eher weiche Whiskies hervor. Speyside: Teil der Highlands; von da kommen die meisten Whiskies. Torf: rauchiges Aroma. Single Barrel: Einzelfassabfüllung. Angels’ Share: Teil des Destillats, der während der Fasslagerung verdunstet. Non­chillfiltered: Whisky, der keiner Kaltfilterung unterzogen worden ist, bei der Trübstoffe entfernt werden. Waldhaus: Hotel in St. Moritz; nimmt für sich in Anspruch, mit 1000 Flaschen die grösste Whiskybar der Welt zu haben. Uisge Beatha: Lebenswasser auf schottisch.

Eingetragen unter:Vom Fach

Im Griff des Gripen

Im Griff des Gripen
© Sonntagsblick, 4. September 2009
Von Lukas Egli
Am Anfang ist nur Lärm. Dann kommt die Vibration, der Druck – und schon sind wir in der Luft. Oben. Weg. Unser Reporter im schwedischen Kampfjet, der bald auch über die Schweiz donnern könnte
In den Himmel geschossen, Himmelstrabant, Sternschnuppe.
Herzklopfen.
«Gooooooood morning, Laplaaaaaand!»
Atmen!
Nein, ich habe noch nie Flugangst gehabt. Auf die Rollbahn gefahren werden und auf das anspruchsvollste Manöver der Fliegerei warten? Kein Problem! Vom Sessel aus Tausende Meter über dem Boden auf Land und Leute niederschauen? Bitte! Über dem Ozean die Grossartigkeit von Mutter Erde bestaunen? Wunderbar!
Auch vor Geschwindigkeit habe ich mich nie gefürchtet. Im Gegenteil: das leere Gefühl im Bauch beim harten Anfahren, in den Sessel gedrückt werden während der Beschleunigung, schneller, immer schneller, bis das Nackenhaar aufsteht – mehr davon!
Bis ich vergangene Woche in Nordschweden in den Gripen gestiegen bin.
Ich habe gedacht: Ein Testflug in einem Kampfjet – aufregend, klar, machen wir, locker. Die werden mit uns ein wenig auf der Rollbahn rumkurven, und das wars. Als ich dann aber nach einem langen Tag Vorbereitung in der engen Kabine des Gripen sitze, umgeben von etwas Karbon, Kunststoff und Stahl, über ein Dutzend Kabel, Riemen und Schläuchen mit dem Fighter verbunden und auf Gedeih und Verderb meinem Piloten mit Übernamen «Combat» ausgeliefert, weiss ich: Es gilt ernst.
Ich sitze nicht in einem Kampfjet – ich bin mit einem Kampfjet bekleidet.
«Combat» zieht den Jet steil hoch. Wir gehen senkrecht in die Luft. 1000 Fuss, 2000 Fuss, 3000 Fuss. Drehen scharf links. Helm drückt auf Stahl. Arme wie Blei. Blickfeld eng. Gefesselt.
Atmen!
Ich sehe wie sich die Landschaft unter mir verformt, als wäre sie Knetmasse. Wie sie auf der einen Seite näher zu kommen scheint, auf der anderen Seite verschwindet. Als der Druck endlich nachlässt, stosse ich ein schweres «Uff» in die Atemmaske. Tobhias Wikström, wie «Combat» mit bürgerlichem Namen heisst, antwortet mit «Hahaha». Er habe beim Start, sagt er nachher, den Nachbrenner gezündet. Das sei zwar nicht üblich. Mache aber mehr Spass. «Hahaha.»
Luleå ist das Meiringen von Schweden: eine kleine Stadt knapp unterhalb des Polarkreises, die grösste Stadt am Bottnischen Meerbusen und, neben einer Basis südlich von Stockholm, Schwedens wichtigster Luftwaffenstützpunkt. Russland, jahrzehntelang eine realistische Bedrohung für das neutrale Land, ist nah, militärisch in Sichtweite.
Hierhin hat uns der Flugzeugbauer Saab und die schwedische Luftwaffe eingeladen, um «einmal die Erfahrung zu machen, was ein solcher Kampfjet leistet», wie es Peter Liander von Saab ausdrückte, der die Reise organisiert hatte. Sein Ziel war klar: den Gripen in die Schweiz zu verkaufen. Und wir – wir wollten einfach einmal Fighter fliegen. Und sei es auf dem Rücksitz eines Trainingsjets. Ein Abenteuer, das noch nicht vielen vergönnt worden ist: Selbst Max Ungricht, Chefredaktor der Fachzeitschrift «Cockpit», der auch eingeladen war, hatte diese Erfahrung noch nie gemacht.
Was es uns abverlangen würde, wurde schnell klar: Wir hatten in Luleå kaum die Füsse auf festen Boden gesetzt, als Peter Liander das Programm für den kommenden Tag skizzierte: Abfahrt vom Hotel zum Stützpunkt um 7 Uhr, medizinische Tests bis Mittag, dann Lunch, am Nachmittag Sicherheits-Briefings und, wenn Zeit, ein Rundgang auf dem Gelände. Es blieb wenig Zeit.
Wir mussten Blutund Urinproben abgeben, einen Gehör- und Sehtest machen, ein EKG, eine Untersuchung durch einen Militärarzt über uns ergehen lassen. Schriftlich gab er uns die Erlaubnis, am nächsten Morgen in den Kampfjet zu steigen. Keine Selbstverständlichkeit; er habe neulich acht Briten und Iren dagehabt, erzählte der Doc. Drei hätten nicht in die Luft gedurft. Uns schwante Übles.
«Da drüben, links, ist Finnland», sagt Tobhias auf 25000 Fuss.
«Rechts kannst du die Berge sehen.» Es bleibt mir nur wenig Zeit, die Aussicht zu geniessen, schon drückt «Combat» den Jet in Richtung Boden. «Lass uns zu den Wolken da unten fliegen», sagt er. Schon streifen wir den zarten weissen Dunst, fliegen hindurch, dann wieder hoch, das Flugzeug wie auf Schienen, ein Gefühl von Achterbahn. «That’s what it’s all about», sagt Tobhias. «Willst du mal das Steuer übernehmen?»
Der JAS-39 Gripen ist ein einmotoriger Kampfjet der fünften Generation. JAS steht für «Jakt, Attack och Spaning» – er ist Jäger, Angreifer und Aufklärer in einem. Seine kompakte Bauweise macht ihn zu dem Jet mit den niedrigsten Betriebskosten. Dennoch ist er in der Evaluation der Schweiz zur Beschaffung neuer Kampfjets eher der Aussenseiter. Allein schon deshalb, weil er so günstig ist: Die Schweizer Armee will immer das «Beste», heisst: Teuerste, Exklusivste. Die Industriekonzerne Dassault aus Frankreich sowie das deutsch-europäische Konsortium EADS, welche die Konkurrenten Rafale und Eurofighter anbieten, verfügen wegen der überaus engen wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen der Schweiz, Deutschland und Frankreich über eine stärkere Lobby.
«Is you a bit afraid?», hatte mich Roland Nordgren gefragt, als ich eingekleidet war. Er hatte uns mit Overalls, Druckanzug und Schuhen ausgestattet. Die Furcht war wohl nicht zu verbergen gewesen. Kein Wunder: Sie hatten uns Kotztüten in die Hosentaschen gesteckt und uns eingebläut, vor dem Erbrechen rechtzeitig die Atemmaske auszuziehen; sie hatten uns verboten, während des Starts und der Landung etwas anzufassen; sie hatten uns erklärt, was «Eject! Eject! Eject!» bedeutet: Arme zum Körper, Augen schliessen, Zähne zusammenbeissen und kräftig am gelb-schwarzen Stahlhebel zwischen den Beinen ziehen – der Schleudersitz, für den Notfall. Am Schluss mussten wir Namen und Telefonnummern unserer nächsten Angehörigen aufschreiben. «Das wird ein Flug, den man nicht buchen kann», hatte Peter Liander aufmunternd gesagt.
Dann hiess es: Raus in den Kampf um Tapferkeit und Würde!
«Fighter on two o’clock», flötet eine charmante Frauenstimme in meinem Helm. «Die schlechten Nachrichten überbringt jeweils ein Mann», lacht Tobhias. Die Dame macht uns darauf aufmerksam, dass links hinter uns ein anderer Jet fliegt. «Combat» dreht unvermittelt eine enge Rolle, bei der sich der Jet um seine eigene Achse dreht. Mein Körper ist augenblicklich wie gelähmt. Kopf leer. Wille weg. Sehe, wie Welt sich dreht. Füge mich.
Atmen!
Dass der da vorne überhaupt noch lenken kann!
«Hahaha», macht Tobhias.
Nein, das hier ist nicht Meiringen. Hier stört man keine Bewohner, Touristen, Murmeltiere. Wir blicken von 10 000 Meter auf Millionen von Seen und Billionen von Bäumen in allen erdenklichen Farben. Weit und breit keine Häuser. Nordschweden ist fast unbewohnt. Das Trainingsgelände der Staffel sei gut doppelt so gross wie die Schweiz, weiss Tobhias. «Ein Paradies für Fighter-Piloten.»
Warum nur sind die schönsten Flecken Erde immer Militärübungsplätze?
Als Tagesprogramm ist eine kleine Alltagsübung der Staffel vorgesehen: Wir sollen ein anderes Flugzeug abfangen, das in «unseren» Luftraum eingedrungen ist, und es auffordern, ihn zu verlassen. Mit Tempo Teufel fliegt «Combat» von hinten an den Jet heran und drosselt aggressiv sein Triebwerk. Das sei auch im Ernstfall eine Show, sagt der Pilot. So dass allen sofort klar ist, wer der Chef des Luftraums ist. Als wir die Übungspartner wieder verlassen, beschleunigt Tobhias von 250 auf 550 Knoten – gut 1000 km/h – in 6 Sekunden. 89 Kilo-Newton drücken mich in den Stahlsitz. Tränen im Gesicht.
Atmen!
Mir kommt der Kaffeeraum der Piloten in den Sinn, wo eine Plakette der Rocket Chair Society hängt. Niklas Sandström ist im Jahr 1998 der letzte schwedische Pilot gewesen, der unsanft aus dem Jet hat aussteigen müssen. Auf der Plakette sind nur diejenigen verzeichnet, die den Schleudersitz überlebt haben. Tote werden nicht Mitglieder in einem Club. Schon gar nicht in einem so exklusiven.
Jetzt nur diesen stählernen Hebel zwischen den Beinen nicht berühren!
In der Cafeteria hängt auch ein gut acht Meter breites Gemälde. Das Panorama zeigt zwei Jets in romantischer nordischer Landschaft. Sie fliegen nach Lapporten, zum Tor Lapplands. Vor diesem kitschigen Bild sitzen die Piloten mehrmals am Tag und trinken Kaffee, «Fika» wie es auf Schwedisch heisst, blättern in den Zeitschriften «Air Forces» oder «Combat Aircraft», plaudern. Ab und zu bringen sie ihre Jets auf das Rollfeld, steigen in den Himmel hinauf. Vorne links in ihrem Cockpit finden sie einen Kippschalter: «Peace», «War». Er ist unbenutzt. Die schwedischen «Top Guns» sind nette Typen.
«Combat» sei der Typ von Mann, dem man nicht allein im Wald begegnen wolle, hatte einer gesagt. Tobhias hatte nur verlegen gelacht. Er ist 36 Jahre alt, Major, Deputy Squadron Commander und stammt, wie die meisten Piloten, aus Stockholm. Er ist der entspannteste Karrierist, den ich je getroffen habe. Seit 1998 lebt er in der kleinen nordischen Stadt Luleå, deren Name nur aussprechen kann, wer besoffen ist – oder einem Kampfjet entsteigt: Lüüüleo.
«Jetzt machen wir ein paar akrobatische Figuren, okay?», fragt «Combat». Bevor ich antworte, setzt er zum Looping an. Schnell ziehen wir hoch, die Erde verschwindet, wir fliegen geradewegs in den Himmel. Über 5g, die fünffache Erdanziehungskraft, wirken nun auf uns. Der Druckanzug wird prall und hart, damit nicht alles Blut aus unseren Köpfen weicht. Der Körper heiss. Alles drückt.
Dann sehen wir die Erde auf dem Kopf stehen.
Rasen kopfüber wieder auf sie zu.
Alles wendet sich.
Atmen!
Der Flug – ein Wahn. Ein Rausch. Eine Gehirnwäsche.
Am Vorabend hatte ich vor lauter Aufregung nur Pizza gegessen. Statt Rentier. Jetzt ist mir kein bisschen schlecht. Langsam beginnt mir dieser Gripen zu gefallen. Künftig werde ich beim Start einer Linienmaschine an die Fahrt in einem alten Volvo denken müssen, beim Airbus-Fliegen an das Busfahren im Osten.
Der Greif – Gripen – ist ein mythisches Tier, halb Löwe, halb Adler. Das wohl aus dem Orient stammende Fabelwesen taucht in Märchen und Mythologie zwischen Indien und dem Aargau auf. Sogar auf der Bundesratskuppel in Bern sitzt einer. Ob das der schwedischen Offerte bei der Kampfjet-Evaluation dient, ist fraglich.
«Cockpit»-Chefredaktor Max Ungricht ist für den Gripen .
Der agile Jet sei wie gemacht für unser Land, Schweden stelle ähnliche Anforderungen an seine Luftwaffe wie die Schweiz. Würde man den Eurofighter als Rolls-Royce und den französischen Rafale als Bentley unter den Kampfjets bezeichnen, wäre der Gripen ein Audi-Kombi: leichter – mehr Arbeitstier denn Repräsentant. «Ganz einfach die vernünftigste Lösung», findet Ungricht.
Nach 41 Minuten ist der Höllenritt vorbei. «Combat» ist in einem Radius von gut 250 Kilometern über Nordschweden geflogen, hat 3000 Liter Kerosin verbrannt, literweise geschwitzt. Bei unserer Rückkehr sitzen die Piloten wieder beim Kaffee. «Hey, how was it?», fragen sie. Und antworten selbst: «I can see it in your face!» Es steht in mein Gesicht geschrieben.
GOOD MORNING, LAPPLAND
Reporter Lukas Egli im zweisitzigen Trainingsjet hoch über dem Übungsgebiet der schwedischen Luftwaffe, das gut doppelt so gross ist wie die Schweiz
AUF HERZ UND NIEREN GEPRÜFT
Ordentlich liegen die massgefertigten Pilotenhelme in ihren Kästchen, blitzblank glänzt der Wartungshangar. SonntagsBlick-Autor Egli wird vor dem Start medizinisch durchgecheckt, inklusive EKG, und von seinem Piloten Tobhias «Combat» Wikström ausführlich gebrieft
DIE HERREN DER LÜFTE
Bei akrobatischen Figuren treten Belastungen bis zur neunfachen Erdanziehung auf – Helm und Druckanzug sollen Fluggast Egli dafür wappnen. Pilot «Combat» war gnädig und liess es bei 5g bewenden

Erschienen in Sonntagsblick Magazin, 4. September 2009

© Lukas Egli, 2009

Am Anfang ist nur Lärm. Dann kommt die Vibration, der Druck – und schon sind wir in der Luft. Oben. Weg.

In den Himmel geschossen, Himmelstrabant, Sternschnuppe.

Herzklopfen.

«Gooooooood morning, Laplaaaaaand!»

Atmen!

Nein, ich habe noch nie Flugangst gehabt. Auf die Rollbahn gefahren werden und auf das anspruchsvollste Manöver der Fliegerei warten? Kein Problem! Vom Sessel aus Tausende Meter über dem Boden auf Land und Leute niederschauen? Bitte! Über dem Ozean die Grossartigkeit von Mutter Erde bestaunen? Wunderbar!

Auch vor Geschwindigkeit habe ich mich nie gefürchtet. Im Gegenteil: das leere Gefühl im Bauch beim harten Anfahren, in den Sessel gedrückt werden während der Beschleunigung, schneller, immer schneller, bis das Nackenhaar aufsteht – mehr davon!

Bis ich vergangene Woche in Nordschweden in den Gripen gestiegen bin. Read the rest of this entry »

Eingetragen unter:Gesellschaft

Editorial: Das Ausbildungsprinzip

Editorial: Das Ausbildungsprinzip
Wer eine Berufslehre macht, lernt etwas, das er im Arbeitsalltag brauchen kann. In dieser Beziehung kann die Hochschule viel von der Lehre lernen.
Von Lukas Egli
Haben Sie gewusst, dass Universitätsabgänger ihr akademisches Wissen im Berufsleben oft gar nicht brauchen? Zum Beispiel Ursula: Sie ist Biologin, spezialisiert in Zoologie, Fachbereich Verhaltensforschung, stolze Besitzerin eines Abschlusses der Universität Zürich. Sie hat, erklärte sie einmal lachend bei Tisch, das in neun langen Semestern angeeignete Fachwissen nicht ein einziges Mal während ihrer Laufbahn eingesetzt.
Anders sieht das bei der «simplen» Berufslehre aus: Das duale Modell, bei dem die Lehrlinge am Arbeitsplatz und in der Schule ausgebildet werden, ist stark auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts ausgerichtet. Es bietet ein breites und durchlässiges Berufs- und Leistungsspektrum, ist weitgehend selbsttragend und bildet, dafür sorgen gewinnorientierte Lehrmeister, nur diejenigen aus, bei denen die Chance besteht, dass sie ihr Wissen eines Tages auch einsetzen werden. Fragen Sie einmal in einem Lehrbetrieb nach, was sie von denjenigen halten, die nicht mindestens ein paar Jahre auf ihrem Beruf arbeiten. Oder die Lehre abbrechen.
Bei der Universität ist ein effektiver Nutzen oft nicht vorgesehen – Hauptsache Studium. Praktische Fertigkeiten holt man sich anderswo. Ursula zum Beispiel hat nach der Uni ein Redaktionsvolontariat bei einer Zeitschrift gemacht und ist dank einer Ausbildung «on the job» Journalistin geworden. In der Medien branche ist ein Universitätsabschluss immer gern gesehen, in manchen Verlagen sogar ein Muss. Nichts gegen Forschung und Lehre und die Anleitung zum selbständigen und vernetzten Denken – aber wofür eigentlich all das Studieren, wenn die Diplome fürs Berufsleben dann doch nicht taugen?
Da kann man diejenigen, die sich nach den neun obligatorischen Schuljahren sagen: «Weiter in die Schule gehen? Ganz sicher nicht!», nur ermutigen. Geht! Lasst euch von einem guten Lehrmeister etwas Anständiges beibringen! Und setzt das Erlernte ein! Wenn es sein muss bei der Konkurrenz. Aber Achtung: Ohne ein Minimum an schulischer Bildung geht heute nichts mehr.

© NZZ Folio, 7. September 2009

Wer eine Berufslehre macht, lernt etwas, das er im Arbeitsalltag brauchen kann. In dieser Beziehung kann die Hochschule viel von der Lehre lernen.

Von Lukas Egli

Haben Sie gewusst, dass Universitätsabgänger ihr akademisches Wissen im Berufsleben oft gar nicht brauchen? Zum Beispiel Ursula: Sie ist Biologin, spezialisiert in Zoologie, Fachbereich Verhaltensforschung, stolze Besitzerin eines Abschlusses der Universität Zürich. Sie hat, erklärte sie einmal lachend bei Tisch, das in neun langen Semestern angeeignete Fachwissen nicht ein einziges Mal während ihrer Laufbahn eingesetzt.

Anders sieht das bei der «simplen» Berufslehre aus: Das duale Modell, bei dem die Lehrlinge am Arbeitsplatz und in der Schule ausgebildet werden, ist stark auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts ausgerichtet. Es bietet ein breites und durchlässiges Berufs- und Leistungsspektrum, ist weitgehend selbsttragend und bildet, dafür sorgen gewinnorientierte Lehrmeister, nur diejenigen aus, bei denen die Chance besteht, dass sie ihr Wissen eines Tages auch einsetzen werden. Fragen Sie einmal in einem Lehrbetrieb nach, was sie von denjenigen halten, die nicht mindestens ein paar Jahre auf ihrem Beruf arbeiten. Oder die Lehre abbrechen.

Bei der Universität ist ein effektiver Nutzen oft nicht vorgesehen – Hauptsache Studium. Praktische Fertigkeiten holt man sich anderswo. Ursula zum Beispiel hat nach der Uni ein Redaktionsvolontariat bei einer Zeitschrift gemacht und ist dank einer Ausbildung «on the job» Journalistin geworden. In der Medien branche ist ein Universitätsabschluss immer gern gesehen, in manchen Verlagen sogar ein Muss. Nichts gegen Forschung und Lehre und die Anleitung zum selbständigen und vernetzten Denken – aber wofür eigentlich all das Studieren, wenn die Diplome fürs Berufsleben dann doch nicht taugen?

Da kann man diejenigen, die sich nach den neun obligatorischen Schuljahren sagen: «Weiter in die Schule gehen? Ganz sicher nicht!», nur ermutigen. Geht! Lasst euch von einem guten Lehrmeister etwas Anständiges beibringen! Und setzt das Erlernte ein! Wenn es sein muss bei der Konkurrenz. Aber Achtung: Ohne ein Minimum an schulischer Bildung geht heute nichts mehr.

Eingetragen unter:Bildung, Gesellschaft

Das Risikopapier

Das Risikopapier
Das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis gewährleistet einen soliden Karrierestart, zahlreiche Auf- und Umstiegsmöglichkeiten – und hat dennoch einen zweifelhaften Ruf. Zu Recht?
Von Lukas Egli
Sohn, du sollst es einmal besser haben! Es ist dieser elterliche Auftrag, der uns nach oben streben lässt: im Betrieb, in der Gesellschaft, im Leben – das Ziel ist, den Vater zu übertreffen. Wo dieser Weg durchführt, ist klar: über eine höhere Bildung. Die Kehrseite dieses Vaterkomplexes ist, dass viele meinen, dass am Gymnasium gescheitert sei, wer eine Lehre mache. So gerät unversehens nicht nur ein Berufsstand oder eine Branche, sondern die Hälfte aller Werktätigen in Verruf: Knapp 50 Prozent aller Schweizer im Alter zwischen 25 und 65 Jahren verfügen «nur» über ein Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ), das man mit der Berufslehre erwirbt – nach obiger Lesart ein quasi wertloses Papier.
Das ist natürlich Unsinn. Das Schweizer Berufsbildungssystem ist ein Erfolgsmodell, das international viel Anerkennung erfährt. Noch immer entscheiden sich mehr als zwei Drittel aller Jugendlichen für den soliden Weg einer Berufslehre; laut Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) stehen 200 000 Lehrlinge in der beruflichen Grundbildung, jedes Jahr werden 60 000 Fähigkeitszeugnisse vergeben. Zu Recht, wie Statistiken eindrücklich belegen: Was die Arbeitsmarktintegration Jugendlicher angeht, belegt die Schweiz einen Spitzenplatz. Sie weist mit 4,1 Prozent (Staatssekretariat für Wirtschaft, Juni 2009) eine der tiefsten Jugendarbeitslosigkeitsquoten auf; in Deutschland liegt sie bei 10,5 Prozent, in Grossbritannien bei 17,9, in Frankreich bei 22,3, in Italien bei 24,9. Europäischer Spitzenreiter ist Spanien mit 33,6 Prozent (Eurostat, 2009).
Auch was die Berufsperspektiven angeht, scheint unser Modell vorbildlich zu sein: Über 200 Lehrberufe stehen den angehenden Fachkräften zur Wahl. An die drei bis vier Jahre dauernde berufliche Grundbildung schliesst nahtlos die höhere Berufsbildung mit knapp 400 höheren Fachprüfungen an, in der berufsspezifische Qualifikationen erlangt werden können und auf Führungsfunktionen vorbereitet wird. Hier werden die Lehrmeister der Zukunft geformt, die neuen Träger des Zunfterbes. Die im Jahr 1994 eingeführte Berufsmaturität öffnet zudem den direkten Zugang zu Fachhochschulen. Mit einem zusätzlichen Schuljahr und einer eidgenössischen Maturitätsprüfung ist es den Lehrlingen mit einer Berufsmatur heute sogar möglich, ein Universitätsstudium aufzunehmen. Diese sogenannte Passerelle ist der Königsweg – hier ist Heinrich Pestalozzis Forderung nach Bildung mit «Kopf, Herz und Hand» erfüllt. In Sachen Durchlässigkeit und Fachkompetenz der Lehrabgänger gilt das Schweizer System weltweit als beispiellos.
Dennoch geniesst die Berufslehre in der Schweiz selbst einen schlechten Ruf. In den Städten, vor allem aber in der französischen und der italienischen Schweiz, ist es mit dem Ansehen der Lehrlinge nicht weit her. «Ils sont nuls», titelte 2005 das Westschweizer Wirtschaftsmagazin «Bilan» und erklärte auf einem Halbdutzend Seiten, warum die Patrons bald keine Lehrlinge mehr wollen. Die Titelgeschichte formulierte in deutlichen Worten, was in besseren Kreisen in der französischen Schweiz längst feststand: Wer heute eine Berufslehre macht, ist entweder etwas dumm oder war in der Schule nicht fleissig genug – und lehnt sich in der Lehre zurück. Die Lehrlinge, ein faules Pack. Das Westschweizer Bildungssystem ist vom elitären Frankreich geprägt. Da fällt Handwerk auf keinen goldenen Boden.
Doch auch in Deutschschweizer Agglomerationen müssen sich Mittelstandseltern rechtfertigen, wenn es ihr Nachwuchs nicht aufs Gymnasium schafft. Es ist keine Überraschung, dass die Maturitätsquote in der Zürcher Goldküstengemeinde Erlenbach bei 50 Prozent liegt; der Vorstadtschulkreis Wallisellen und die Oberländergemeinde Wald bilden mit 6 beziehungsweise 8 Prozent das düstere kantonale Schlusslicht. Ein Banquierssohn, der Verkäufer wird? Eine Arzttochter, die Flachmalerin lernt? Undenkbar! Das Schweizer Berufsbildungssystem mag zwar gut sein, aber nicht gut genug für die eigenen Kinder. Sohn, du sollst es einmal besser haben – auf einem gewissen Niveau wird die Vorgabe anspruchsvoll.
Gegen das latent schlechte Image der Berufsbildung kämpft das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie mit allen Mitteln an – einigermassen erfolglos. In gut gemachten und verständlichen Broschüren mit eingängigen Titeln («Der Weg der Profis») verbreitet es die Kunde vom erfolgreichen und zukunftsträchtigen Weg «für eine erfolgreiche Karriere». «Die Schweiz ist Berufsweltmeisterin – in diversen Branchen», lobt Volkswirtschaftsministerin Doris Leuthard im Vorwort. Schweizer Berufsleute seien weltweit begehrt. «Unser duales Berufsbildungssystem ermöglicht vielfältige Bildungsmöglichkeiten, Karriereperspektiven und berücksichtigt die Bedürfnisse der Betriebe und des Arbeitsmarktes.» Es ist das Mantra der eidgenössischen Bildungspolitiker.
Doch stimmt’s wirklich? Ein Ketzer, wer es hinterfragt.
Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass das Schweizer Berufsbildungssystem geprägt ist von immensen Unterschieden. So bewegt sich ein angehender Feinmechaniker bei einem international tätigen Hightechkonzern wie ABB oder ein Banklehrling bei der Grossbank UBS in einem hochkompetitiven, innovativen Arbeitsumfeld. Während ein Kellner, heute «Gastrofachmann» genannt, Bauer, pardon: «Agrarpraktiker», oder Metzger in ein traditionelles, kleingewerbliches Umfeld eintritt, das je nach Region und Betrieb noch genauso funktioniert wie vor hundert Jahren – Berufsfelder, die von allen Reformen der letzten Jahre unberührt geblieben sind und die trotz «modernen» Berufsbezeichnungen kaum Anschlussmöglichkeiten bieten.
«Das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis ist ein ausserordentlich grobes Etikett», findet Thomas Meyer. Der Berner Soziologe ist Co-Leiter von TREE (Transitions from Education to Employment), einem Langzeitforschungsprojekt, das den Übergang Jugendlicher von der Ausbildung in die Arbeitswelt begleitet. «Der Titel ‹Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis› suggeriert, dass es sich bei den verschiedenen Berufen um ein Zertifikat von gleicher Ordnung handelt», sagt Meyer. «Zu Unrecht.» Beim EFZ handle es sich vielmehr um eine Art Berufszulassung, welche die effektive Qualität der Ausbildung nur teilweise widerspiegle.
Dass der Arbeitsmarkt die EFZ-Inhaber gut absorbiere, sei noch kein Qualitätsmerkmal, sagt Meyer. «Man müsste untersuchen, wer sich mit welcher Ausbildung wie auf dem Markt behaupten kann, wenn sich das Berufsumfeld verändert», sagt er. Viele Berufsbilder seien schon seit Jahren stark im Wandel begriffen. Die Frage sei, wie und ob sich die Leute überhaupt umschulen und weiterbilden liessen. Die Fragestellung ist keine rhetorische: Zur Weiterbildungsfähigkeit ehemaliger Lehrlinge existieren überaus beunruhigende Indizien. Zum Beispiel in einer brisanten, aber weitgehend unbeachteten Sonderauswertung der Volkszählung 2000 von Jean-Marc Falter und Cyril Pasche von der Universität Genf aus dem Jahr 2007. Die ALL-Studie (Adult Literacy and Life Skills Survey) wurde in fünf Ländern durchgeführt (in Kanada, den USA, Italien, auf den Bermudas, im mexikanischen Teilstaat Nuevo León und in der Schweiz), sie gilt als Pisa-Studie der Erwachsenen. Die Erhebung zeigt unter anderem, dass Berufsleute mit EFZ in zentralen allgemeinbildenden Fertigkeiten wie «Literacy» – also in der Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben und auch zu verstehen – nur unwesentlich besser abschneiden als solche, die gar keinen Abschluss gemacht haben. Gemäss Falter und Pasche müssen 40 Prozent aller Schweizer Werktätigen als «inadäquat» gebildet für ihre Tätigkeit bezeichnet werden. Das Phänomen, so schreiben die Forscher weiter, betreffe vor allem Arbeitnehmer mit mittlerer Berufsbildung, solche, die Ausbildungen mit fachspezifischem Fokus und wenig Grundwissen gemacht haben, kurz: Arbeitskräfte mit EFZ.
«Die Pisa-Studie kennt Wertungsstufen von 1 bis 5; wer unter einer 2 liegt, wird als ‹nicht weiterbildungsfähig› betrachtet», so Meyer. In der Schweiz liege die Quote der funktionalen Analphabeten bei 15 bis 20 Prozent. Es stellt sich die Frage, wie diese Bildungsschwachen ein Zertifikat erlangen, das sie laut «Pisa» nicht schaffen können. Oder andersherum: Was ist ein Zertifikat wert, wenn selbst funktionale Analphabeten es erhalten? Da bekommt die stolze Lehrabschlussquote von 90 Prozent, die das BBT gern ins Feld führt, plötzlich einen seltsamen Beigeschmack. «Das ist eine bildungspolitische Zeitbombe», konstatiert Meyer, «die noch nicht einmal entdeckt worden ist.»
Die hohe Durchlässigkeit des Schweizer Berufsbildungssystems, schreibt Bundesrätin Doris Leuthard, sorge dafür, dass die Fachkräfte «in allen Abschnitten des Berufslebens ihre Karriere individuell und den eigenen Fähigkeiten entsprechend planen können». Tatsächlich?
Für diesen Eifer auf höchster Ebene gibt es noch einen anderen Grund: Das duale Modell der Schweiz, bei dem Auszubildende zugleich am Arbeitsplatz und in der Schule ausgebildet werden, ist international – wie könnte es anders sein – ein Sonderfall. Einzig unsere nächsten, gleichsprachigen Nachbarn Deutschland und Österreich kennen ein ähnlich praxisorientiertes Ausbildungssystem. Lateinischsprachige Länder wie Italien, Frankreich, Portugal und Spanien sowie Skandinavien und der ganze angelsächsische Raum sind fest in der Hand der Akademiker. Die EU wie die USA setzen bei der Berufsbildung auf ein vollschulisches Modell. Die Schweiz steht mit ihrer Berufsbildung allein da und gerät in Zeiten der Globalisierung, in der die Arbeitskräfte immer mehr darauf angewiesen sind, dass ihre Diplome auch jenseits der Grenze anerkannt werden, in die Defensive. Zwar schauen die anderen mitunter sehnsüchtig auf die Erfolge der Arbeitsintegration des germanischen Modells, schütteln aber ob der gymnasialen Maturitätsquote der Schweiz, die mit 19,7 Prozent (2008) etwa auf dem Niveau der Türkei liegt, nur den Kopf. Es fehlt ihnen am tieferen Verständnis für unsere Ausbildungstradition. Der Boss – mein Lehrer und Ausbilder? No thanks!
Die jüngste OECD-Studie attestiert dem System mittlerweile zwar «umfassende Qualitätskontrollen»; der erste Bericht 1991 war noch vernichtend ausgefallen. Die Qualitätskontrolle verlaufe, so heisst es in der Studie «Learning for Jobs» vom April 2009, auf konstruktive Art und Weise, indem die Berufsfachschulen mittels Fragebogen evaluieren, wie Lehrbetriebe und Lernende die Qualität ihrer Leistungen beurteilen. Die Autoren empfehlen der Schweiz aber, die Stärken ihres Systems aktiv zu fördern. «Dazu braucht es aussagekräftige Daten und Analysen.» Vor allem die Berufswahl sehen die Experten kritisch: «Der Anteil von Lehrabgängern, die in ihrem erlernten Beruf arbeiten, sank von 49,5 Prozent im Jahr 1970 auf 35,5 Prozent im Jahr 2005.» Auch wenn man die Veränderung des Tätigkeitsbereichs als Flexibilität werten könne, sei der nahtlose Übergang von der Ausbildung zu einer Arbeitsstelle wünschenswert.
Mit der Forderung, die Schweiz solle die Stärken ihres Systems besser fördern, legen die OECD-Experten den Finger auf einen wunden Punkt. «Die Schweiz könnte ein bildungspolitisches Labor sein», ist Meyer überzeugt. Es vereine Einflüsse der Bildungsräume Frankreichs, Italiens und Deutschlands. Leider schaffe es die Schweiz nicht, dieses Spannungsverhältnis produktiv zu nutzen. «Die Annäherung müsste in beide Richtungen erfolgen», sagt Meyer: Die Berufsbildung müsse schulischer werden, mehr Allgemeinbildung wie Sprachen und Mathematik fördern, Universitäten und Hochschulen hingegen müssten näher an die Praxis rücken. «Das würde uns die akademische Praxisferne, die in vielen Ländern Europas ein grosses Problem ist, ­ersparen», sagt er. «Die Praxiskultur ist ja dank der Berufs bildung vorhanden.» Diese Vision sieht Meyer in Berufs bildungssegmenten wie den kaufmännischen, den Informatik- und den technisch-industriellen Berufen mit ihren Möglichkeiten, an Hochschulen überzutreten, schon fast realisiert.
Der Trend indes läuft in die entgegengesetzte Richtung, auch in der Schweiz: Wegen der Bologna-Reform spielen sich die Fachhochschulen mittlerweile vielerorts wie kleine Universitäten auf. Die einst für ihren Praxisbezug hochgelobten Höheren Technischen Lehranstalten (HTL), Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschulen (HWV) sowie Höheren Fachschulen für Gestaltung (HFG) nähern sich immer mehr den universitären Hochschulen an. Mit den entsprechenden Folgen für Lehrplan und Gewichtung: Die Studiengänge werden akademischer, die praktischen Teile geraten unter Druck. Statt ihre Stärke auszuspielen, geben die Fachhochschulen sie kampflos preis.
Völlig vergessen geht in der Diskussion um die Ausrichtung der höheren Berufsbildung, dass es neben «Bologna» auch ein «Kopenhagen» gäbe. So heisst der Reformprozess der EU im Bereich der Berufsbildung, der zusammen mit «Bologna» zum Ziel hat, die EU zum «wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt» zu machen, wie es die Lissabon-Agenda im Jahr 2000 formulierte. Die Stichworte dazu lauten: Durchlässigkeit, Transparenz, Mobilität. Zwar nimmt die Schweiz auf «Expertenebene» am Kopenhagen-Prozess teil, doch findet er im Gegensatz zur Bologna-Reform weder in der Verwaltung noch in der Öffentlichkeit wirklich statt.
Die Schweiz ist die einzige Gesellschaft weltweit, die die erste nachobligatorische Bildung der Bevölkerungsmehrheit dem freien Markt überlässt. Sie sollte darum genau beobachten, wo die Entwicklung hinführt. «Die Schweiz ist Berufsweltmeisterin – in diversen Branchen», schwärmte Volkswirtschaftsministerin Doris Leuthard. «Schweizer Berufsleute sind weltweit begehrt.» Stimmt – noch. Warum das selbsternannte Mutterland der Berufsbildung nicht aktiver an der Berufsbildung der Zukunft mitarbeitet, ist ein Rätsel.
Mein Sohn, du sollst es einmal besser haben! Darum wisse: Auch der Weg der Profis birgt gewisse Risiken.

© NZZ Folio, 7. September 2009

Das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis gewährleistet einen soliden Karrierestart, zahlreiche Auf- und Umstiegsmöglichkeiten – und hat dennoch einen zweifelhaften Ruf. Zu Recht?

Von Lukas Egli

Sohn, du sollst es einmal besser haben! Es ist dieser elterliche Auftrag, der uns nach oben streben lässt: im Betrieb, in der Gesellschaft, im Leben – das Ziel ist, den Vater zu übertreffen. Wo dieser Weg durchführt, ist klar: über eine höhere Bildung. Die Kehrseite dieses Vaterkomplexes ist, dass viele meinen, dass am Gymnasium gescheitert sei, wer eine Lehre mache. So gerät unversehens nicht nur ein Berufsstand oder eine Branche, sondern die Hälfte aller Werktätigen in Verruf: Knapp 50 Prozent aller Schweizer im Alter zwischen 25 und 65 Jahren verfügen «nur» über ein Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ), das man mit der Berufslehre erwirbt – nach obiger Lesart ein quasi wertloses Papier.

Das ist natürlich Unsinn. Read the rest of this entry »

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«Dummes Prestigedenken»

«Dummes Prestigedenken»
Rolf Dubs kämpft seit Jahren für die bessere Akzeptanz der Berufslehre. Er erklärt, warum ein guter Liftmonteur bald mehr verdient als ein Universitätsprofessor.
Von Lukas Egli und Andreas Heller
Herr Professor Dubs, was würden Sie lernen, wenn Sie noch einmal von vorn beginnen könnten?
Ich würde wieder Hochschullehrer werden, und zwar auf dem gleichen Weg, den ich beschritten habe: Ich würde erst an möglichst vielen Schulen unterrichten, um die Praxis kennenzulernen, und mich erst später primär mit der Wissenschaft beschäftigen. Ich hatte ein gutes Leben und sehe keinen Grund, etwas anders zu machen.
Könnte man diesen Weg noch so beschreiten?
Nein, das ist vorbei. An den Universitäten geht vieles in die falsche Richtung. Man ist heute sehr auf Grundlagenforschung fixiert und übernimmt immer mehr die US-Doktrin, dass man möglichst viele Artikel in A-Journals publiziert haben muss, um Professor zu werden. Wer das nicht nachweisen kann, hat keine Chance. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Wer einen Lehrstuhl im Bereich Pädagogik hat, sollte vorher auf dieser Stufe unterrichtet haben. Nur so kann verhindert werden, dass Pädagogik und Schulalltag noch mehr auseinanderklaffen.
Was haben Ihre Kinder gelernt?
Die älteste Tochter ist Handelslehrerin an der kantonalen Berufschule. Der Sohn ist Jurist, er arbeitet in einer Zürcher Anwaltskanzlei. Die jüngste Tochter machte zuerst eine Tourismusfachschule und schliesst gerade ein Zweitstudium ab.
Also sind alle Akademiker?
Die älteste Tochter machte zuerst das Handelsdiplom. Ich fand das gut. Doch sie wollte an die Universität. Auch die Jüngste wollte nach der Fachhochschule an die Uni. Ich unterstützte das natürlich. Aber ob Berufsschule oder Matura war für mich nie entscheidend.
Kann man heute ohne Matura überhaupt noch etwas «Rechtes» werden?
Da beobachten wir in der Tat eine gefährliche Entwicklung. Politiker vergleichen gerne Maturaquoten: Sie verweisen auf Spanien oder Frankreich mit einer Quote von 75 Prozent, während die Schweiz eine Quote von nur 20 aufweist. Wir hätten Nachholbedarf, sagen sie. Dabei ist unser Problem nicht der Akademikermangel, sondern die Unausgeglichenheit in der Erwerbsstruktur: Gewisse Branchen und Sektoren haben enorme Überschüsse, bei anderen, bei den Ingenieuren zum Beispiel, herrscht Mangel. Uns fehlen vor allem qualifizierte Facharbeiter.
Dennoch ist die Meinung weit verbreitet, wer eine Lehre mache, habe es nicht ans Gymnasium geschafft.
Das ist dummes Prestigedenken. Schauen Sie, wie viele Juristen und Psychologen wir ausbilden – wo sollen die alle eine ihrer Ausbildung entsprechende Arbeit finden? Das gilt auch für die Hochschule St. Gallen: Viele HSG-Absolventen glauben, sie stünden vor einer Wahnsinnskarriere. Dem ist nicht so! Ich frage mich, ob die HSG-Absolventen, die als Kreditsachbearbeiter im mittleren Kader einer Bank hängenbleiben, zufriedener sind als ein Konditor mit eigenem Laden. Ich liess eine Dissertation über die Beweggründe für ein Hochschulstudium schreiben. Die Hauptmotive sind das Prestige und der Glaube, das Diplom öffne Tür und Tor. Das geht durch alle Schichten: Ich sprach einmal an der Generalversammlung des Metzgermeisterverbandes. Man kritisierte mich, weil ich mich für die Förderung von Universitäten ausgesprochen hatte. Da fragte ich: Wessen Kinder machen noch eine Metzgerlehre? Aus 120 Teilnehmern waren es gerade noch deren 3.
Was müsste man tun, um das Ansehen der handwerklichen Berufe wieder zu verbessern?
Wenn ich darauf eine Antwort wüsste, hätte ich schon viel darüber geschrieben. Das Ansehen wird erst wieder steigen, wenn die Erwerbsstruktur, angetrieben durch die Rezession und eine rückläufige demographische Entwicklung, noch mehr aus dem Lot gerät. In den USA gibt es bereits handwerkliche Berufe, denen es massiv an qualifiziertem Personal fehlt. Nicht ohne Folgen: Ein guter Liftmonteur verdient dort so viel wie ein Professor an einer mittleren Universität. Dieser Trend wird auch zu uns kommen.
Das klingt nach Wunschdenken. Der Trend geht doch gerade in die andere Richtung: Auch die Berufsbildung wird immer mehr verschult.
Das stimmt. Und auch hier spielt Prestigedenken eine grosse Rolle, diesmal das der Lehrmeister. Sie sagen: Wir nehmen keine Schüler mehr aus der Realschule, und bauen Hindernisse – obwohl gerade Realschüler zum Teil hervorragende Voraussetzungen für gewisse Berufe mitbringen.
Heute braucht ja selbst die Kindergärtnerin eine Matura.
Einer meiner Enkel veranstaltete kürzlich eine Kinderparty und sagte, er habe auch seine Kindergärtnerin eingeladen. Ich dachte: An ihrem freien Samstag kommt die bestimmt nicht an eine Kinderparty. Doch sie kam und sagte: «Wissen Sie, ich wäre nie Kindergärtnerin geworden, wenn ich dafür eine Matura gebraucht hätte, ich war ja so schlecht in Mathematik.» Eine Kindergärtnerin, die an einem freien Tag an einen Kindergeburtstag geht – ein solches Engagement ist doch wichtiger für diesen Beruf als eine Matur! Aber da geht es um Lohnfragen. Mit einer längeren Ausbildung glaubt man, höhere Löhne erwirken zu können.
Wie kann man diesem Trend entgegenwirken?
Das duale Modell muss attraktiver werden. Dafür sollten gewisse Strukturen überdacht werden. Statt vier Tage im Betrieb und ein Tag in der Schule sollte man die Aufteilung von Praxis und Theorie flexibler gestalten. Im Druckgewerbe weiss man im ersten Lehrjahr oft nicht, was mit den Lehrlingen anfangen, weil die Maschinen so komplex sind. Es wäre besser, diese Lehrlinge ein Jahr zur Schule zu schicken, damit sie im zweiten Lehrjahr richtig eingesetzt werden können. Aber grundsätzlich sollte man eine gewisse Akademisierung nicht verteufeln: Grundwissen ist zentral. Aber die Theorie darf nicht zum Selbstzweck werden.
Einem Franzosen würde diese Diskussion absurd vorkommen – in unseren lateinischen Nachbarländern gibt es keine Berufslehre. Nur Deutschland und Österreich kennen ein ähnliches Modell. Warum eigentlich?
Das hat viel mit Tradition zu tun. Bei uns überlegt sich jeder Lehrmeister, ob er Lehrlinge ausbilden soll oder nicht. Länder wie China interessieren sich zwar für das Schweizer Berufsbildungssystem, haben aber Mühe, es zu verstehen, weil ihnen diese Tradition fehlt. Auch England macht Versuche in unsere Richtung, scheitert aber an Betriebsstrukturen und Vorurteilen. Kommt hinzu, dass das duale Modell von vielen EU-Funktionären abgelehnt wird. Der erste OECD-Bericht über das Schweizer Bildungswesen bewertete unser System extrem schlecht.
Der Bericht bezweifelte die Nachhaltigkeit des Modells und bezeichnete die Ausbildung als zweitklassig.
Das war nicht verwunderlich: Der französische Soziologe, der unser Kapitel verfasst hatte, kannte das System nicht. Er hat es durch seine akademische Brille betrachtet. Der österreichische Experte hat den Bericht deshalb nicht unterzeichnet. Die Studie hätte nicht erscheinen dürfen.
Dennoch: Welches System ist denn nun besser, das duale oder das vollschulische?
Neuste Studien zeigen, dass weder das eine noch das andere generell besser ist. Wenn man auf die Berufsfertigkeiten, den Umgang mit Kunden und die Teamfähigkeit abstellt, schneidet das duale System klar besser ab. Das vollschulische System hat Vorteile in Theorie und Weiterbildung. Es kommt also darauf an, welche Ziele man hat. Ich gehöre zu jenen, denen das erste Ziel wichtiger ist. Den andern sage ich: Geht in die USA und schaut, was ein amerikanischer Monteur für euch tut, wenn die Klimaanlage ausfällt. Wenn wir davon ausgehen, dass eine zukunfts orientiere Wirtschaft gute Facharbeiter benötigt, dann gibt es nichts anderes als das duale System.
Aber auch im dualen Modell steht nicht alles zum besten. Zwischen den Branchen gibt es grosse Unterschiede. Es gibt welche, die Aufstiegschancen anbieten…
Für die Ausbildung von Lehrlingen gibt es zwei Strategien: Die einen bilden Lehrlinge aus, um Arbeitskräfte zu haben – die Metzger, Maurer, Spengler. Hier hat die Lehre Produktionsfunktion. Dann gibt es Branchen, die einen guten Nachwuchs nachziehen wollen – die Drucker, Informatiker, Polymechaniker. Hier hat die Lehre Innovationsfunktion. Blöd ist nur, dass die Berufe mit der Produktionsfunktion viel mehr Lehrlinge ausbilden als die anderen.
Ist es nicht unsinnig, dass ein Metzger gleich lang in die Lehre muss wie ein Drucker?
Doch, da müsste man klarer differenzieren. Aber wo die Produktionsfunktion im Vordergrund steht, will man eben eine lange Lehrzeit, um von den Auszubildenden als Arbeitskräften zu profitieren.
Lehrlinge als billige Arbeitskräfte?
Klar. Die Lehrlingsausbildung kostet nicht nur. Studien zeigen, dass Lehrbetriebe in gewissen Branchen auch profitieren. Allerdings sind die Unterschiede von Branche zu Branche und von Betrieb zu Betrieb sehr gross.
Oft hört man, es gebe zu wenig Lehrstellen. Braucht es mehr Lehrstellenförderung?
Das Problem wird überschätzt. Zwar besteht die Gefahr, dass bei schlechter Konjunktur weniger Lehrlinge eingestellt werden, aber bis anhin ist es der Schweiz immer gelungen, mit Aktionen und Appellen zusätzliche Angebote zu erwirken, so dass man nicht von einem Lehrstellenmangel sprechen kann. In den entsprechenden Statistiken sind auch jene enthalten, die gar keine Lehrstelle suchen, weil sie zum Beispiel ein Zwischenjahr machen. Es ist vielmehr so, dass wir langfristig wegen der demographischen Entwicklung nicht alle Lehrstellen werden besetzen können.
Das Bildungswesen ist seit Jahren eine permanente Baustelle. Was haben Reformen wie «Bologna» gebracht?
Es ist erwiesen, dass äussere Schulreformen wie «Bologna» weniger bringen als innere. Gute Bildungspolitik konzentriert sich auf die Verbesserung des Unterrichts. Aber damit kann man sich nicht profilieren, weshalb alle auf äussere Reformen setzen. Ob die gut oder schlecht sind, kann man nicht generalisieren. Doch je mehr man aus einer Gegenposition zum Bestehenden operiert, desto fragwürdiger wird es. Im Zentrum sollte immer die Frage stehen: Was hat sich bewährt, was muss verbessert werden?
Ist die Vergleichsstudie «Pisa» dazu ein guter Ratgeber?
Es ist richtig, einmal zu prüfen, welche Resultate Bildung wirklich bringt. Ich war als Lehrer mein Leben lang im Blindflug – ich wusste nie, wie gut oder schlecht der Unterricht war, es gab keine Daten. Die Frage ist nur, was man mit den Daten macht. Diejenigen, die gerne mit der Pisa-Studie argumentieren, wissen oft nicht, dass sie drei Phasen kennt: Datenerhebung, Auswertung, Ableitung von Massnahmen. Dafür brauchte es zwei, drei Jahre Forschung. Die Politiker wollen aber nicht warten, sie publizieren lieber unsinnige Ranglisten, die dazu verleiten, alles auf den Kopf zu stellen – obwohl die Aussagekraft der nackten Daten sehr beschränkt ist. Bis heute weiss niemand, was man vom Ranglistenersten Finnland übernehmen müsste.
Immerhin, die europaweiten Bildungsreformen ermöglichen es den Studenten, freier die Universität zu wechseln.
Die Idee der Freizügigkeit für Studenten war gut, sie gab wichtige Anstösse. Aber «Bologna» wird bei weitem nicht das bringen, was die Politiker sich versprachen – zumal nun jede Universität wieder eigene Vorschriften erlässt.
Wo würden Sie ansetzen?
Mein dringlichstes Anliegen war immer, die Lehrer aus ihrer Einseitigkeit herauszuführen. Alle kämpfen heute gegen den «schlechten» Frontalunterricht; man müsse neue Unterrichtsformen finden, sagt man. Dabei nutzt ein guter Lehrer viele Methoden, je nach Voraussetzung und Ziel. Der Frontalunterricht ist eine wichtige Grundlage. Schüler brauchen Anleitung, um selbständig zu arbeiten. Weiter finde ich, dass die Lehrer mehr auf die Schüler eingehen sollten. In den USA spricht man von «Caring». Und man sollte endlich die 68er vergessen und wieder mehr auf Ordnung setzen und klarere Anforderungen stellen.
In der Mittelstufe, so unser Eindruck, wird immer mehr nivelliert – nach unten. Stimmt das?
Das ist sogar erwiesen. Im Nivellieren steckt der Wunsch nach Chancengleichheit. Utopisten meinen, dass alle ans Gymnasium müssten. Doch wenn immer mehr schwache Schüler in die höchste Stufe kommen, sinkt das Niveau.
Der Zürcher Geschichtsprofessor Philipp Sarasin schrieb neulich in der NZZ am Sonntag: «Lieber ein schlechter Gymnasiast als ein guter Sekundarschüler!»
Diese These halte ich für gefährlich. Die heutige Universität steht in einem internationalen Konkurrenzkampf; sie muss Spitzenleute ausbilden. Wenn wir Heerscharen von Studierenden mitziehen, die nur knapp mitkommen, wird der Unterricht herabgestuft. Dann bekommen die Spitzenkräfte zu wenig Förderung. Wenn die HSG nur halb so viele Studenten hätte, wäre sie eine bessere Universität.
Sind die Studenten von heute eigentlich dümmer oder gescheiter als früher?
Seit Jahren sind Forscher dieser Frage auf der Spur. Empirisch kann man sie nicht beantworten, die Resultate sind zu widersprüchlich. Ein deutscher Professor schrieb dazu: «Wir werden nie zu einer eindeutigen Aussage kommen, weil immer ein unheimlicher Verklärungseffekt mitspielt.» Jede Generation hält das für wichtig, was sie gelernt hat. Ich beherrsche den französischen Subjonctif noch heute besser als meine Kinder. Dafür schlagen mich Drittklässler am Computer. Ich glaube, die Studenten sind nicht insgesamt schlechter geworden, aber die Streuung ist breiter.
Alle müssen immer besser werden. Ist die permanente Weiterbildung das Dogma der Neuzeit?
Zweifellos. Die Weiterbildung ist ein Riesengeschäft geworden, mit zum Teil absurden Folgen. Ich liess eine Dissertation schreiben über den Nutzen von Weiterbildungskursen im Marketing. Das Resultat: Nur wenn der Chef Interesse am Gelernten zeigte, brachten die Kurse etwas. Wenn sich Vorgesetzte nicht interessierten, war der Effekt gleich null: aus dem Fenster geworfenes Geld.
Nun haben wir viel über die schulisch Starken gesprochen. Ungelöst ist der Umgang mit den Lernschwachen.
Es ist eine Tatsache, dass Kinder aus unteren sozialen Schichten und schlecht integrierten Migrantenfamilien Bildungsdefizite haben. Diese Defizite muss man früh angehen, möglichst schon im Kindergarten oder in der Primarschule. Nachher ist es zu spät. Dieses Problem lässt sich nicht über die Berufsbildungspolitik lösen.
Sie meinen, die Attestausbildung ist keine Lösung?
Ich bin ein Befürworter der Attestlehre, aber sie müsste viel spezifischer auf die Schwachen ausgerichtet werden. Die ursprüngliche Idee war, Lernschwache in Berufsfeldern mit geringen intellektuellen Ansprüchen praktisch auszubilden und sie schulisch in Basisfähigkeiten, Deutsch und Mathematik zu fördern. Doch Parlament und Verwaltung haben die Idee umgedreht. Plötzlich gab es das Attest wie die Berufslehre für alle Berufe. Jetzt ist es ein Schwächezeugnis. Dass es auch anders ginge, zeigt Deutschland: In Berlin werden in der Autobranche Hilfsarbeiter ausgebildet, die nur Autos waschen, Staubsaugen und Ölwechsel machen. Sie verdienen zwar weniger als ein Mechaniker, aber sie sind beschäftigt und integriert. In der Schweiz bekämpfen die Gewerkschaften solche Lösungen.
Schwierig wird die Situation für viele oft erst nach der Lehre, wenn die erste Frage heisst: «Haben Sie Erfahrung?»
Natürlich funktioniert das ganze Berufsbildungssystem nur, wenn auch die Arbeitgeber mitmachen. Wenn sie nur Leute mit Berufserfahrung einstellen – tja, was dann?
Hochschulabgänger haben ja oft auch keine Erfahrung.
Das ist wahr. Deshalb werden Fachhochschulabsolventen in der Krise leichter angestellt als Universitätsabgänger. Die Arbeitgeber denken sich: Die sind näher an der Praxis. Das ist erwiesen, auch wenn es die Unis nicht gerne hören

© NZZ Folio, 7. September 2009

Rolf Dubs kämpft seit Jahren für die bessere Akzeptanz der Berufslehre. Er erklärt, warum ein guter Liftmonteur bald mehr verdient als ein Universitätsprofessor.

Von Lukas Egli und Andreas Heller

Herr Professor Dubs, was würden Sie lernen, wenn Sie noch einmal von vorn beginnen könnten?

Ich würde wieder Hochschullehrer werden, und zwar auf dem gleichen Weg, den ich beschritten habe: Ich würde erst an möglichst vielen Schulen unterrichten, um die Praxis kennenzulernen, und mich erst später primär mit der Wissenschaft beschäftigen. Ich hatte ein gutes Leben und sehe keinen Grund, etwas anders zu machen.

Könnte man diesen Weg noch so beschreiten?

Nein, das ist vorbei. Read the rest of this entry »

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Der Weg zum «Chef»

Der Weg zum «Chef»
Er will einmal ein grösseres, renommierteres Restaurant führen als sein Lehrmeister: Felix Pauli, Kochlehrling bei Georges Wenger in Le Noirmont.
Von Lukas Egli
Einen guten Koch erkennt man an seinem Gang: Ein Meister der Töpfe hebt beim Gehen seine Füsse kaum, schwingt stattdessen die Hüfte, gleitet schwerelos über die Fliesen, geschmeidig, lautlos. Keine Bewegung zu viel, keine Regung zu schnell, zu gross die Gefahr, auf dem nassen Küchenboden auszurutschen. Einen küchentauglichen Gang hat Felix Pauli nicht lernen müssen, als er vor drei Jahren im Restaurant de la Gare in Le Noirmont anfing. Unter seinen Copains in La Chaux-de-Fonds erkannte man sich am tiefen, lässigen Gang. Sonst aber hat Felix bei null angefangen. Er hat einen strengen Lehrmeister.
Georges Wenger ist einer der besten Köche der Schweiz, sein Restaurant rangiert seit Jahren ganz oben in den Gastronomieführern. Die einst einfache Gaststätte in den Freibergen ist der letzte Aussenposten schweizerischer Kochkunst, bevor sich die menschenleere Juralandschaft im Nichts verliert. Dahinter beginnt Frankreich, in Sachen Gastronomie eine ganz andere Liga, Wunschziel eines jedes werdenden Gastronomen, so auch von Felix.
«Zweimal die Drei», ruft Wenger in die Küche. «Oui!» antworten die Köche im Chor. Los, die zweite Vorspeise will in wenigen Minuten auf dem Tisch sein! Flink holt Felix die Zutaten, greift zum Messer, setzt an: Er schneidet die Karotte längs, zack, zack, zack, millimetergenau, ordnet die Schichten für den zweiten Längsschnitt, zack, zack, zack, packt die nun feinen Streifen mit Klinge und linker Hand, legt sie quer, zack, zack, zack – fertig ist die Brunoise.
Felix war, was man einen schlechten Schüler nennt: unmotiviert, unkonzentriert, undiszipliniert. «Ein schlechtestes Fach gab es nicht», sagt der schmächtige Achtzehnjährige. «Es gab nur eins, das nicht so schlimm war wie alle andern: Haushaltsunterricht.» Doch vom gelegentlich für Freunde kochenden Jugendlichen zum Küchenprofi, der sich in ein zwölfköpfiges Team fügt, das für bis zu sechzig Gäste zwei Gourmetmenus mit je sechs Gängen und ­anspruchsvolle A-la-carte-Gerichte zubereitet, war es ein weiter Weg: sechs Monate kalte, sechs Monate warme ­Vorspeisen, je sechs Monate Gemüse, Pâtisserie, Fisch, bis – endlich – die Hauptspeisen anstanden. Wäre der autoritäre Chef nicht gewesen, ehemals selbst ein schlechter Schüler, Felix wäre den Weg wohl nicht gegangen. «Der Lehrmeister ist manchmal der erste und letzte, der einem jungen Mann etwas sagen kann», sagt Georges Wenger.
«Zweimal die Vier», ruft der Chef. «Oui!» antworten die Köche. Den Hauptgang, rasch! Drei Stages hat Felix gemacht, bevor er bei Wenger unterschrieb. Er war davor nie gereist, hatte nie ein Spitzenrestaurant von innen gesehen; seine Mutter ist Haushaltshilfe, sein Vater unbekannt. Doch als er das erste Mal in dieser Küche stand, begriff er sofort: Hier ist alles raffinierter, präziser, anspruchsvoller. «Es ist mehr Arbeit. Aber es kommt Gutes dabei raus», sagt er.
«Malléable» müsse man heute für die Schule sein, sagt Wenger, formbar. Er sagt es mit Abscheu. «Die Gesellschaft kreiert immer mehr Normen. Da haben jene, die nicht ganz konform sind, schon verloren, bevor es angefangen hat.» Ein guter Koch aber muss haben, was ihn in der Schule scheitern lässt: Charakter, Initiative.
«Wilde Tiere» nennt Wenger seine Lehrlinge, liebevoll wie kritisch. Oft müssen er und seine Frau Andrea ihnen auch Dinge des Alltags beibringen: Einzahlungen machen, Waschen, zum Arzt gehen. Die Arbeit sei nie das Problem, es mangle am Sozialen. Auch der Umgang mit Prestige erweist sich als Lehrstück. Sein Ziel sei, einmal ein grösseres Restaurant zu führen als der Chef, sagt Felix. Grösser, renommierter. Sein Lehrmeister, der sich als Handwerker versteht, hört zu, ungeduldig. Felix’ Augen glühen nun, sie rufen: «Euch werd ich es zeigen!» Dann ein Lächeln. Es entblösst Zähne, die von seiner zeitweiligen Verwahrlosung zeugen.
«Zweimal die Fünf», ruft Wenger. «Oui!» Allez, das Dessert! Es ist Küchenballett in Perfektion. Und viel mehr: Ein «Chef» empfängt und plaudert, kocht, richtet an, serviert, erfindet, rechnet, charmiert. Und wenn die Gäste gegangen sind, fegt er den Vorplatz. «Die beste Art, als Gastronom Geld zu verdienen, ist, es nicht zu tun», so Wengers paradoxes Credo. «Oder es nicht zu zeigen.» Den guten Gastgeber erkennt man an der Schwerelosigkeit seines Tuns. Diese Lektion wird er dem Lehrling ganz am Schluss beibringen.

© NZZ Folio, 7. September 2009

Er will einmal ein grösseres, renommierteres Restaurant führen als sein Lehrmeister: Felix Pauli, Kochlehrling bei Georges Wenger in Le Noirmont.

Von Lukas Egli

Einen guten Koch erkennt man an seinem Gang: Ein Meister der Töpfe hebt beim Gehen seine Füsse kaum, schwingt stattdessen die Hüfte, gleitet schwerelos über die Fliesen, geschmeidig, lautlos. Keine Bewegung zu viel, keine Regung zu schnell, zu gross die Gefahr, auf dem nassen Küchenboden auszurutschen. Einen küchentauglichen Gang hat Felix Pauli nicht lernen müssen, als er vor drei Jahren im Restaurant de la Gare in Le Noirmont anfing. Unter seinen Copains in La Chaux-de-Fonds erkannte man sich am tiefen, lässigen Gang. Sonst aber hat Felix bei null angefangen. Er hat einen strengen Lehrmeister. Read the rest of this entry »

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Vom Fach: Neulich auf dem Sportflugplatz

© NZZ Folio, 3. August 2009

Sonntagnachmittag, 14 Uhr 30 an der Flightline eines kleinen Flugfelds. Segelflugwetter. Was reden die da? Wir übersetzen.

Von Lukas Egli

«Oh, schau dort, eine Taurus! Das wird mein nächstes Flugzeug.»
«Mh, ja, ja, das wäre was anderes als deine G 109.»
«Das ist Ultraleichtbau! Ohlmann hat sie in den höchsten Tönen gelobt!»
«Mh, ja, ja. Weisst du noch, wie wir mit der Grob damals in Frankreich durch die feste Nebeldecke geflogen sind?»
«Das STOL ist quasi konkurrenzlos!»
«Mh, ja, ja. Das war ja damals völlig gegen die VFR.»
«Ich habe gelesen, sie soll einen Gleitwinkel von 1:41 haben!»
«Mh, gut, gut. Du, die Grob hätte damals leicht die Ohren anlegen können.»
«Und schau: feste Winglets!»
«Mh, ja, ja. Oder weisst du noch, wie ich damals mit dem Falken in Samaden startete und fast in den Muottas Muragl geflogen bin?»
«Mit der kommst du nicht ins Rollen!»
«Mh, ja, ja. Was ist das damals doch für ein warmer Tag gewesen!»

Taurus: modernes Motorsegelflugzeug. G109: ­veraltetes Motorsegelflugzeug. Ultraleichtbau: Flugzeuge, deren Abfluggewicht 472 kg nicht überschreiten darf. Klaus Ohlmann: Segelflug-Ikone; Langstreckenweltrekordhalter. Grob: Flugzeughersteller. Feste Nebeldecke: Tabuzone für Segelflugzeuge. STOL: Short Takeoff and Landing; Flugeigenschaften, die über das Verhalten im Langsamflug Auskunft geben. VFR: Visual Flight Rules; Regeln des Sichtflugs. Gleitwinkel: Verhältnis von Höhe zu Strecke im Gleitflug. Ohren anlegen: auseinanderbrechen. Winglets: hochgezogene Flügelenden. Falke: der «Volkswagen» unter den Motorsegelflugzeugen. Samedan: höchstgelegener Flughafen Europas; wegen der dünnen Luft eine Herausforderung für Segelflieger. Rollen: Drehung um die Längsachse.

Eingetragen unter:Gesellschaft, Verkehr

Der Sparschäler

© NZZ Folio, 6. Juli 2009

Oskar Marti gehört zu den wenigen Köchen, die keinen riesigen Abfallberg produzieren. Was andere Leute kompostieren, landet bei «Chrüteroski» auf dem Teller.

Von Lukas Egli

Rillettes sind ein klassisches Abfallprodukt: würzige Brotaufstriche, die aus sogenannt unedlen Teilen, meist aus Gänse-, Enten- oder Kaninchenfleisch, gemacht werden. Die Fleischstücke werden im eigenen Saft geschmort, bis sie vom Knochen fallen und streichbar werden. In Frankreich sind Rillettes eine Delikatesse. In der Schweiz gelingt es nicht mehr vielen Köchen, sie an den Gast zu bringen – zu gross ist das Abfallfleisch-Stigma. Einer, der Rillettes oft und gern auftischt, ist der Spitzenkoch Oskar Marti.

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Eingetragen unter:Gesellschaft, Kulinaria

Vom Fach: Neulich unter Jugendlichen

© NZZ Folio, 6. Juli 2009

Früher Mittwochnachmittag, 14 Uhr 30 in einer schönen Quartierstrasse in Bern. Sonnenschein. Was reden die da? Wir übersetzen.

Von Lukas Egli

«Hey Jänu?»
«Hey.»
«Schlecht drauf?»
«Bö?»
«Löru kann jetzt den Kick Flip.»
«Bö?»
«Bald macht er den Impossible.»
«Easy.»
«Wir gehen ins Weierli.»
«Bö?»
«Kommst du auch?»
«Hä?»
«Skaten?»
«Boarden ist scheisse!»
«Easy.»
«Ich geh Bouldern.»
«Hä?»
«Klettern.»
«Wo?»
«Magnet.»
«Easy.»

Jänu: in Bern übliche Abkürzung für Jan. Bö: Universalantwort; hier: Nein, wieso? Löru: in Bern übliche Abkürzung für Lorenz. Kick Flip: Skateboardtrick, bei dem das Brett während eines Sprungs eine Rolle macht. Bö: Universalantwort; hier: Interessiert mich nicht. Impossible: noch schwierigerer Trick. Easy: Universalantwort; hier: Interessiert mich das? Weierli: Skateboardpark im Weyermannshaus in Bern. Bö: Universalantwort; hier: Na und? Hä: Universalfrage; hier: Lass mich in Ruh! Skaten: Tricks auf dem Skateboard üben. Boarden: dazu gehört auch Snowboarden, das mit dem Skateboarden verwandt ist. Easy: Universalantwort; hier: Ich weiss zwar nicht, warum, aber okay. Bouldern: Sportklettern ohne Seil; wird oft in Hallen, aber auch an Felswänden und Fassaden gemacht. Hä: Universalfrage; hier: Habe ich zwar noch nie gehört, tönt aber spannend. Magnet: Kletterhalle in Niederwangen. Easy: Universalantwort; hier: Ich weiss zwar nicht, wo das ist, aber – okay.

Eingetragen unter:Gesellschaft

Vom Fach: Neulich am Töggelikasten

© NZZ Folio, 1. Juni 2009

Montagabend, 23 Uhr, in einer Szenebar in Zürich. Bierdunst und Zigarettenrauch. Was reden die da? Wir übersetzen.

Von Lukas Egli

«Spielt ihr noch lange?»
«Hast du gefordert?»
«Äh, nein. Was braucht’s?»
«Einen Zweier.»
«Okay. Spielt ihr mit Fünfer?»
«Klar, alle Tricks. Nur Anspielgoals zählen nicht.»
«Oh, ihr spielt Liga, was?»
«Ich nicht. Nur der vorne.»
«Hey! Spielst du oder quatschst du?»
«Ja, ja, den kenn ich aus der ‹Sansibar›. Macht immer nur den Snake.»
«Dafür ist er auf dem Fünfer eine totale Nuss, hahaha.»
«Hey! Spielst du?»
«Wundert mich nicht. Er spielt ja auch mit einem Gummi.»
«Total schwul.»
«Hey!»
«Ihr müsstet wieder einmal one touch auf einem Roberto spielen, statt nur immer auf dem Garlando zu künsteln.»
«Hey! Wollt ihr euch lieber an der Bar ein bisschen kennenlernen gehen?»

Fordern: herausfordern; eine Münze hinlegen für das nächste Spiel. Zweier: Zweifränkler. Fünfer: das Tischfussballmittelfeld; je nach Spielregeln gelten Tore, die von da geschossen werden, nicht. Anspielgoal: Torschuss, bevor der Gegner den Ball berührt hat. Liga: auch im Tischfussball gibt es regionale ­Ligen, nationale Meisterschaften und internationale Wettbewerbe. Vorne: da spielt der Sturm. «Sansibar»: Zürcher Szenebeiz; Töggeler-Mekka. Snake: Spieltrick, mit dem kaum haltbare Bälle gespielt werden können. Gummi: eine Art Präservativ, das über den Griff geschoben wird; gibt der Spielhand mehr Halt. Schwul: uncool. One touch: italienische Spielregeln, nach denen der Ball nie gestoppt werden darf. Roberto Sport: italienischer Töggelikasten. Garlando: in der Schweiz gängiges Modell.

Eingetragen unter:Gesellschaft, Sport

Vom Fach: Neulich im Jeansshop

© NZZ Folio, 4. Mai 2009

Freitagnachmittag, 16 Uhr in der Hosenabteilung eines US-amerikanischen Kleidergeschäfts. Vorsommerwetter. Was reden die da? Wir übersetzen.

Von Lukas Egli

«Ist die neue Kollektion schon da?»
«Soeben eingetroffen.»
«Wow, was für ein geiler Vintage-Denim! Die Japaner wieder, was?»
«Yep. Der ist 14 Unzen schwer.»
«Das nenne ich echten Dead Stock!»
«Mit einem tollen Red Selvage.»
«Yeah, gut fürs Rollup.»
«Und hier: eine Big E.»
«Wow, mit Zip. Wie original 50er.»
«Aber low geschnitten.»
«Und trotzdem kein Tussi-Hösli.»
«Nein, da ist kein Gummi drin.»
«Hahaha. Endlich ist Schluss mit diesen Taucheranzügen!»
«Yep.»
«Und auch kein Used Look mehr.»
«Nope. Shrink to fit ist wieder im Kommen. Und klassischer Bootcut.»
«Hey, das ist was ganz anderes als diese elenden Rüebli der letzten Jahre.»
«Yeah.»

Vintage: Stoffe, die traditionell hergestellt werden. Denim: eigentlich «Serge de Nîmes»; sehr robuster französischer Stoff, aus dem die ersten Jeans gefertigt wurden. Japaner: gute Jeansstoffe kommen heute aus Japan. Unze: Gewichtsmass für Jeansstoffe. Dead Stock: unbehandelte Stoffe, auch «raw» genannt. Red Selvage: bunte Webkante; früher hatte jede Jeansmarke ihre eigene Selvage-Farbe. Rollup: Hosen hochschlagen. Big E: Levi’s mit einem versalen E im Schriftzug. Zip: in den 1950ern waren kurzzeitig Jeans mit Reissverschluss statt mit Knöpfen in Mode. Low: tiefer Schnitt. Gummi: heute wird in Jeansstoffe häufig Elastan eingewoben, um sie weicher zu machen. Used Look: Jeans, die durch Waschungen aussehen wie gebraucht. Shrink to fit: Hose, die beim Waschen einläuft. Bootcut: Schnitt, bei dem die Hosenbeine unten weiter werden. Rüebli: Schnitt, bei dem die Beine unten eng werden.

Eingetragen unter:Gesellschaft

Editorial: Vom Vreneli verführt

© NZZ Folio, 6. April 2009

Der Reiz des Goldes ist tückisch. Nur wer seinem Glanz nicht verfällt, findet einen besonnenen Umgang mit ihm.

Von Lukas Egli

Da stand dieser graue Ordner. Er stand im untersten Regal im Wohnzimmer ­neben anderen Ordnern. Sie enthielten Fotos, Dias, Briefmarken. Doch dieser eine Ordner war besonders. In ihm lagen die Goldvreneli.

Man bekam sie zur Geburt, zur Taufe, zum Geburtstag, zur Konfirmation. Ein Zwanziger für ein kleineres Ereignis, den wertvolleren Zehner zu den grossen Ereignissen. Hübsche Münzen aus Gold. Den Ordner rührte keiner an. Er war tabu. Warum, war mir schleierhaft.

Umso reizvoller war es, ihn in geheimen Stunden zu öffnen. Gold! Echtes Gold!

Eine der Münzen herauszunehmen, war schneller getan als gedacht. Sie in Bargeld umzuwandeln, erstaunlicherweise auch. Ich brachte sie zur örtlichen Kantonalbank. Dort überreichte man mir Minderjährigem, ohne zu fragen, eine Quittung, grosse Banknoten, etwas Kleingeld. Der Vorgang imponierte mir: Was für ein Betrag für eine so kleine Münze!

Es ist ein verführerisches Stück, das Vreneli. Als dem Bundesrat 1897 eine ­kleine Vorauflage zur Ansicht vorgelegt wurde, kritisierte einer der Magistraten eine Stirnlocke, die dem «Frauenzimmer ein frivoles Aussehen» gab. Die Stirnlocke wurde entfernt. Als die Goldmünze erschien, fanden auch Fachleute, dass das dargestellte Mädchen zu jung und unwürdig sei, die Schweiz zu repräsentieren. Dennoch wurden bis 1949 über 60 Millionen Vreneli geprägt. Ich erlag ihrer Verführung immer wieder.

Nach und nach machte ich fast alle Goldmünzen meiner Familie zu Geld. ­Irgendwann unterschied ich nicht mehr zwischen Mein und Dein. Was erstaunlicherweise niemand merkte. Und mich in meinem Gefühl bestärkte, dass ich ja niemandem etwas wegnahm, was er im Alltag gebrauchen würde.

Welch ein Sakrileg es gewesen war, die Vreneli zu veräussern, begriff ich erst viel später. Dass ich Dinge von symbolischem Wert leichtfertig weggegeben ­hatte. Und vor allem: Dass ich ohne Not stille Reserven aufgelöst hatte.

Ich war der Frivolität des Goldes erlegen. Wie schon so mancher.

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Der talentierte Monsieur Jaquet

© NZZ Folio, 6. April 2009

Laut Justiz ist er ein Goldräuber, Hehler, Uhrenfälscher. Branchenkenner allerdings sagen, dass Jean-Pierre Jaquet nur das delikate Geschäft der Uhrmacherei optimiert hat.

Von Lukas Egli

Am 15. Januar 2002 überfielen zwei bewaffnete Männer vor dem Polierwerk Miranda in La Chaux-de-Fonds einen Lieferanten, der Uhrengehäuse aus Gold abholte. Die Räuber machten sich mitsamt dem Überfallenen und seinem Lieferwagen aus dem Staub. Geisel und Wagen liessen sie später am Wegrand zurück. Das Uhrengold aber, das für Rolex bestimmt war, verschwand. Und ist nie wieder aufgetaucht. Wurde es eingeschmolzen? Ins Ausland geschafft? Weiterverarbeitet? Die Wege von Gold sind geheimnisvoll. Read the rest of this entry »

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Vom Fach: Neulich in der Online-Redaktion

© NZZ Folio, 6. April 2009

Donnerstagnachmittag, 15 Uhr im Sitzungszimmer eines grossen Nachrichtenportals. Was reden die da? Wir übersetzen.

Von Lukas Egli

«Was sagen die Netmetrix-Zahlen?»
«Alles bestens. Die Live-Ticker bringen extrem viel Traffic.»
«Gut für die Glaubwürdigkeit!»
«Und die Duration Time!»
«Beim WNK haben wir den Schwellenwert wohl überschritten.»
«Ja, da kommen keine Neuen hinzu.»
«Aber bei den Heavy Usern liegt noch viel Potential.»
«Die Doppelnutzer müssen wir gut im Auge behalten.»
«Auch der Community-Channel entwickelt sich erfreulich.»
«Sehr gut! Je mehr Community, desto mehr Frauen.»
«Ich würde das nicht übergewichten.»
«Man muss immer vor Augen haben, wer die User sind.»
«Auch die Adwords haben zum erwarteten Ausschlag geführt.»
«Reines Strohfeuer!»
«Wir sollten endlich mehr über Games machen.»
«Gegen P-to-P antreten? Vergiss es! Das bringt nichts.»

Netmetrix: Statistiken über den Internetgebrauch. Live-Ticker: Online-Sportberichterstattung in Echtzeit. Traffic: Datenverkehr. Duration Time: Verweildauer der Internetnutzer. WNK: weitester Nutzungskreis; Leser, die halbjährlich die Website besuchen. Heavy User: Leser, die täglich die Website besuchen. Doppelnutzer: Leser, die auch andere Online-Medien nutzen. Community-Channel: Inhalte, die Leser einbeziehen; spricht vor allem Frauen an. User: Leser. Adwords: kontextbezogene Werbung der Suchmaschine Google. Games: Computerspiele. ­P­-to-P: Peer-to-peer; Netzwerke, in denen Internetnutzer Mundpropaganda betreiben.

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«Dr. Doom» gibt Rat

© NZZ Folio, 6. April 2009

Der Schweizer Börsenguru Marc Faber alias «Dr. Doom» fürchtet in Sachen Gold nur die Euphorie der anderen Investoren, Frauen und die Enteignung.

Von Lukas Egli und Daniel Weber

Marc Faber, was sollen wir mit unseren Goldvreneli tun?

An Ihrer Stelle würde ich sie behalten.

Warum? Read the rest of this entry »

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Vom Fach: Neulich im Bioladen

© NZZ Folio, 2. März 2009

Dienstagnachmittag an der Theke eines Reformgeschäfts in der Berner Innenstadt. Winterwetter. Was reden die da? Wir übersetzen.

Von Lukas Egli

«Salut Vreni.»
«Saluuut, Claudia. Was darf ich dir denn geben?»
«Hat es Brot vom Ängeli-Beck?»
«Nein, wir haben aber Aryana-Brot.»
«Sehr gut. Dann ein Urdinkel, bitte.»
«Geeern.»
«Jonathan ist schon wieder krank.»
«Hat er Grippe?»
«Nein, er hat eine Laktoseintoleranz.»
«Was darf’s noch sein, Claudia?»
«Ein bisschen Hirschhornwegerich.»
«Geeern. Nimmt er Globuli?»
«Soll er eben nicht. Die sind auf Milchzuckerbasis. Er versucht jetzt Spagyrik.»
«Was genau?»
«Herzsame.»
«Ahaaa.»
«Und 250 Gramm Tsampa, bitte.»
«Geeern. Mein Mann trinkt im Winter gern einen heissen Faun mit Schnaps.»
«So?»
«Hast du den Rüeblichäs versucht?»
«Weisst du, wir leben ja vegan.»
«Ahaaa.»

Ängeli-Beck: beliebter Biobäcker in Bern. Aryana: Spezialbrot für Diabetiker. Urdinkel: alte Kornsorte. Laktoseintoleranz: Milchzuckerunverträglichkeit. Hirschhornwegerich: Salatspezialität aus der Toscana. Globuli: Kügelchen zur Verabreichung homöopathischer Heilmittel. Spagyrik: aus der Alchemie abgeleitete Philosophie der Heilmittelherstellung. Herzsame: Mittel gegen Allergien. Tsampa: geröstetes Gerstenmehl, Grundnahrungsmittel der Tibeter; wird meist zum Buttertee gereicht. Faun: beliebte Sirupsorte vom «Sirupier de Berne»; nicht biologisch. Rüeblichäs: Weichkäse mit Karotten­geschmack. Veganismus: Ernährungsform, die auf jegliche tierischen Lebensmittel verzichtet.

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Viermal begrüssen

© «NZZ Folio», Februar 2009

Will man maximalen Ertrag aus Zuwanderern holen, dürfen sie sich nicht in Parallelgesellschaften einrichten. Sonst wird’s teuer. Das weiss man in Basel seit zehn Jahren.

Von Lukas Egli

Migration ist eine ärgerliche Angelegenheit. Einwanderer erleben Einheimische oft als verbohrt und abweisend. Sie sprechen eine kuriose Sprache, essen eklige Dinge, haben seltsame soziale Codes und Verkehrsregeln, hässliche Kinder. Einheimische sind irgendwie rückständig. Kein Wunder, bleiben Einwanderer lieber unter sich. Read the rest of this entry »

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Vom Fach: Neulich hinter der Bühne

© NZZ Folio, 2. Februar 2009

Mittwochmorgen, 7 Uhr auf der leeren Hauptbühne einer mittelgrossen Oper. Neonlicht. Was reden die da? Wir übersetzen.

Von Lukas Egli

«Da bist du ja. Wir haben dich schon über Intercom gesucht.»
«Ich war auf dem Schnürboden.»
«Siehst frisch aus. Geht es dir gut?»
«Ja. Es ist Morgen.»
«Mh.»
«Hoffmann ist ausgefallen. Da gingen wir halt in die Beiz.»
«Wollen wir die Züge besprechen?»
«Okay.»
«Hier kommt der Grosse Schwarze.»
«E 34 – okay.»
«Hier die Opera.»
«Das ist nicht gut. Da hab ich die Profiler parkiert.»
«Das musst du wechseln. Hier kommen die Soffitten.»
«Gut.»
«Auf E 37 zwei PC.»
«So weit hinten noch Licht?»
«Offenbar.»
«Ist das alles? Dann geh ich mal ans Pult, fahre ein paar Züge runter.»
«Übrigens: Der E 11 ist gestorben.»
«Also, dann geh ich ins Café.»
«Hahaha.»

Intercom: Freisprechanlage. Schnürboden: Zwischendecke oberhalb der Bühne, von der aus die Seilzüge bedient werden. «Les Contes d’Hoff­mann»: Oper von Jacques Offenbach. Züge: Seilwinden, an denen Dekor befestigt wird. Grosser Schwarzer: Bühnenabschluss hinten. E 34: elektrischer Seilzug. Opera: Folie, die Licht und Farben reflektiert. Profiler: Scheinwerfer, deren Lichtkegel geschnitten werden können. Parkieren: Dekor einer Vorstellung in einem Zug versorgen. Soffitten: Vorhangabschlüsse oben. PC: plankonvexe Leuchten; Streulichtlampen. Fahren: hoch- und runterziehen. Gestorben: Planung, die nicht umgesetzt wird.

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Vom Fach: Neulich beim Autohändler

© NZZ Folio, 5. Januar 2009

Donnerstag, 16 Uhr, auf dem Vorplatz eines Gebrauchtwagenhändlers im Oberemmental. Nieselregen. Was reden die? Wir übersetzen.

Von Lukas Egli

«Ist der W8 noch zu haben?»
«Der Kombi? Ja, ja!»
«Ein schönes Auto.»
«Ein sehr schönes Auto! Mit lückenlosem Heft. Schauen Sie diesen Mocken!»
«Acht Zylinder in einer so kurzen Haube – raffiniert.»
«275 Ross!»
«Ist halt ein bisschen durstig.»
«Jaa… geht so.»
«Aber schon mehr als zehn Liter…»
«Ach, diese Angaben stimmen nie.»
«Sind das 17-Zöller?»
«Ja, ja.»
«Darf ich ihn mal probefahren?»
«Ja, ja. Aber nicht heizen!»
«Warum leuchtet dieses Lämpchen?»
«Die Motorenleuchte? Hat nichts zu bedeuten.»
«Nichts?»
«Es geht nicht aus.»
«Wie bitte?»
«Sensor kaputt.»
«Was für ein Sensor?»
«Der Nockenwellenstellmotor.»
«Und was bedeutet das?»
«Nichts.»
«Kann man das reparieren?»
«Ja, ja, muss man aber nicht… Okay, ich gehe zwei Mille runter.»

W8: kompakter Motorentyp; viel Hubraum in kleinem Motorenraum. Lückenloses Heft: alle Wartungen sind im Serviceheft dokumentiert. Mocken: Motor. Kurze Haube: kurzer Motorraum. Ross: PS. Durstig: hoher Benzinverbrauch. 17-Zöller: grosse Räder. Heizen: hochtouriges und schnelles Fahren. Nockenwellenstellmotor: Steuerung, die je nach Tourenzahl die Nockenwelle verschiebt. Zwei Mille: 2000 Franken.

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Vom Fach: Neulich in der Weinhandlung

© NZZ Folio, 1. Dezember 2008

Von Lukas Egli

«Oh, ein Barolo-Melchior von 2005. Ein gutes Jahr?»
«Ein heisses Jahr. Der Nebbiolo kam im Juli an die Grenze zum Trockenstress. Trotzdem ein schöner Wein. Noch etwas hart, aber sehr lang.»
«Wie viele Umdrehungen?»
«15.»
«Klingt nach Umkehrosmose.»
«Im Gegenteil. Es ist ein Sponti, von einem uralten Klon. Das ist noch ein echter Terroir-Wein.»
«Wie wurde er ausgebaut?»
«Klassisch im Bottich, auch die BSA. Kein Edelstahl!»
«Und dann mit Neuholz erschlagen.»
«Quatsch. Probier! Er ist frisch. Zeigt aber einen leichten reduktiven Stinker.»
«Dann also lang belüften. Wobei – der sieht schon etwas maderös aus.»
«Nebbiolo hat halt wenig Anthocyane. Alles andere ist aufgemotzt.»
«Ich mag das Leder.»

Melchior: 18-Liter-Flasche. Nebbiolo: Rebsorte des Barolo. Trockenstress: Wassermangel der Rebe in der Reifephase. Hart: stark gerbsäurehaltig (verursacht eine «pelzige Zunge»). Lang: guter Abgang. Umdrehungen: Alkoholgehalt. Umkehrosmose: Verfahren zur Konzentrierung aller Inhaltsstoffe. Sponti: Spontanvergärung auf traubeneigenen Hefen; beim modernen Wein werden Hefekulturen angesetzt. Klon: aus ungeschlechtlicher Fortpflanzung gewonnener Rebstock. Terroir-Wein: widerspiegelt Boden und Klima. Ausbau: Art der Lagerung. Bottich: grosses Holzfass. BSA: biologischer Säure­abbau. Edelstahl: Lagerung in Stahltanks. Neuholz: Lagerung im kleinen, neuen Holzfass (Barrique). Reduktiver Stinker: Ammoniaknote. Maderös: mit Sauerstoff in Berührung gekommener Wein; Farbe und Geschmack zerfallen. Anthocyane: Pflanzenfarbstoffe. Aufmotzen: mit farbintensiven Rebsorten mischen. Leder: typisches Barolo-Aroma.

Eingetragen unter:Gesellschaft, Kulinaria

Das hässliche Entlein

© «NZZ Folio», November 2008

Grenchen ist der unattraktivste Ort der ganzen Schweiz. Wie lange noch? Die Krisenstadt arbeitet intensiv an ihrem Image. Und punktet.

Von Lukas Egli

Das grösste Ärgernis des SBB-Fahrplans ist der Halt des Intercitys von Zürich nach Neuenburg in Grenchen Süd. Steigt hier überhaupt jemals einer ein oder aus? Der Halt verspricht zudem ein «Nord», ein «West», ein «Ost». Ein Grenchen Nord gibt es wohl, aber nicht, weil der Ort so bedeutend wäre, dass er zwei Bahnhöfe brauchte. Vielmehr ist der Grund die ungünstige Lage der Stadt: Die SBB-Linie von Osten und die BLS-Linie von Norden vereinen sich erst einige hundert Meter vom Ortsausgang entfernt. Eigentlich wäre die doppelte Anbindung ans Schweizer Schienennetz ein Vorteil. Tatsächlich aber unterstreicht sie die Zweiteilung der Stadt am Jurasüdfuss und förderte ihren Niedergang. Read the rest of this entry »

Eingetragen unter:Wirtschaft

Vom Fach: Neulich an der Viehschau

© NZZ Folio, 3. November 2008

Von Lukas Egli

«Der Richter will erst rangieren, dann punktieren.»
«So? Ja, dann. Das ist Denmaro. Wird im Jänner sechs Jahre alt.»
«Hei! Was ist es?»
«Weiss nicht. Der Besitzer hofft auf eine 95.»
«Der geht aber bald, oder?»
«Nüüüt! Der hat zwei Brüder in der KB und eine ganz starke Mutter.»
«Da ist Zorro. Ist ein scharfer.»
«Ja, wenn sie Rasse haben, hocken sie gerne auf. Ein toller OB-Stier.»
«Halt etwas rauher als ein BS.»
«Schöne trockene Sprunggelenke!»
«Mh. Trotzdem wohl nur eine 92.»
«Die obere Linie ist nicht perfekt.»
«Ja, der eine schaut mehr aufs Format, der andere aufs Fundament.»
«Der Rokj. Ein hübsches Blüem.»
«Mit diesem Wyssrugg würde ich aber nicht führen. Zu viele Winkel.»
«Schau, Aurora hat schon wieder geputzt. Wie hoch das Euter nach der fünften Laktation noch steht! Tolle Braune.»
«In Oberegg führen sie ja schon Rote und Schwarze auf den Schauplatz.»

Richter: Viehschauexperte. Rangieren: Vieh nach Qualität einreihen. Punktieren: bewerten. «Es»: Wertung. 95: Höchstpunktzahl. Gehen: geschlachtet werden. KB: künstliche Befruchtung. Aufhocken: Kühe besteigen. OB: Original Brown, Rinderrasse. Rauh: schwerer Knochenbau. BS: Brown Swiss, Rinderrasse. Trocken: kein Fett über dem Knochen. 92: mittlere Wertung für ausgewachsenen Stier. Obere Linie: Rückgrat. Format: Grösse, Länge, Breite. Fundament: Stand, Glieder, Klauen. Blüem: Braunvieh mit hellen Flecken; Erbfehler. Wyssrugg: Blüem mit weissem Rücken. Winkel: krumme Glieder. Aurora: typischer Kuhname. Putzen: gewinnen. Laktation: Milchphase nach dem Kalben. Braune: OB, BS. Rote: Redholstein. Schwarze: Holstein.

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Jeder ein Pornostar

© «NZZ Folio», Oktober 2008

Youporn ist eine der meistbesuchten Internetseiten der Welt. Hier können Privatpersonen ihre selbstgedrehten Pornovideos hochladen. Das Amateurportal bietet Pornographie gratis an und macht so eine Milliardenindustrie kaputt. Oder ist das nur eine Legende?

Von Lukas Egli

Die Pornoindustrie war die erste Branche, die im Internet Geld verdient hat. Mehr noch, ohne die Pornographie wäre das Internet heute technisch nicht so weit entwickelt. Die Einbindung von Multimediafunktionen, sichere Zahlungsverbindungen, ja selbst Breitbandverbindungen – alles undenkbar ohne die immense Nachfrage nach Bildern von sexuellen Handlungen und eine Klientel, die bereit ist, für diese Bilder viel zu bezahlen. Laut Schätzungen sind mehr als die Hälfte aller Filme, die im Internet angeschaut werden, pornographischer Natur: «Sex sells.» Zumindest galt das bis März 2007. Da tauchte Youporn auf, das pornographische Pendant zum Videoportal Youtube. Die Umsätze der Pornoindustrie brachen empfindlich ein. Amateurpornographen zwangen mit einem Gratisangebot eine Milliardenindustrie in die Knie. So weit die Legende. Read the rest of this entry »

Eingetragen unter:Gesellschaft