Wie ich Werbung für den Gripen machte

© 20 Minuten Online, 3. Dezember 2011

Sie wollen Kampfflugzeuge verkaufen, möchten aber kein Inserat schalten? Kein Problem, PR-Profis bringen Ihre Jets auch in den redaktionellen Teil. Zum Beispiel den Gripen.

Von Lukas Egli

Es war einer jener Anrufe, auf die man als Reporter jahrelang wartet, meist vergeblich. «Hast du Lust, mal in einen Kampfjet zu steigen?», fragte mich der Redaktionsleiter des «Sonntagsblick Magazins» eines schönen Dienstags im September 2009 am Telefon. «Kampfjet?», wiederholte ich perplex, «äh, ja, klar!» Über Militärflugzeuge hatte ich mir noch nie viel Gedanken gemacht, selbst damals bei der «Stop F/A 18»-Initiative nicht, die ich altersgerecht selbstverständlich unterstützt hatte. Das Angebot klang vielversprechend – es versprach ein Abenteuer. Und einen Geschwindigkeitsrausch. Wie hätte ich da Nein sagen können?

Im Rückblick muss ich sagen: Das war ganz schön naiv. Dass bei der Geschichte handfeste Interessen im Spiel waren, war mir damals schon klar. Aber wer im Hintergrund die Fäden zog, überraschte mich dann doch. So viel sei verraten: Es waren nicht finstere Waffenhändler – es waren Journalisten.

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Die Mutter aller Niederlagen ist ein alter Mann

© 20 Minuten Online, 26. Oktober 2011

Die Nationalmannschaft fährt nicht an die EM, der Freisinn verliert einen Bundesratssitz: Was Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld und Parteipräsident Fulvio Pelli voneinander lernen können.

Von Lukas Egli

Die Vereinigte Bundesversammlung wird im Dezember wohl zum dritten Mal in ihrer Geschichte einen Bundesrat abwählen. Dabei ist schon fast ausgemacht, dass Johann Schneider-Ammann von der FDP nach nur einem Jahr im Amt über die Klinge springen muss. Das wäre dann die bitterste Niederlage dieses Wahlherbsts 2011: Politbeobachter waren bis zum Schluss davon ausgegangen, dass eher der BDP-Sitz von Eveline Widmer-Schlumpf gefährdet ist.

Obwohl die Verluste der FDP nicht so gross waren, wie erwartet, kam es anders: Die «neue Mitte» um CVP, BDP und GLP ist zwar zersplittert, aber gestärkt aus den eidgenössischen Wahlen hervorgegangen. Und diese «neue Mitte» lässt durchblicken, dass sie die kompetent wirkende Bündnerin, die vor vier Jahren SVP-Übervater Christoph Blocher aus dem Amt drängte, dem müde wirkenden Berner vorzieht. Die verschnarcht-partiarchale Partei nicht rechtzeitig einer radikalen Verjüngungskur zu unterziehen, war ein kapitaler Fehler – Parteipräsident Fulvio Pelli kann bei den Gesamterneuerungswahlen vom 14. Dezember fast nur noch verlieren.

Das Reservoir an Top-Spielern war nie grösser

Damit geht es ihm wie Ottmar Hitzfeld. Weiterlesen

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Bravo, Ihr Höhlenbewohner!

© Tages-Anzeiger/Newsnetz, 12. Oktober 2011

Warum wohl nur das Kinderkriegen «too big to fail» ist.

Ein Papablog von Lukas Egli

Der Bund will den Vaterschaftsurlaub noch einmal diskutieren, konnte man Mitte September lesen. Man wolle eine Auslegeordnung der verschiedenen Modelle«trotz grundsätzlicher Vorbehalte» vornehmen, schrieb der Bundesrat in einer Antwort auf ein Postulat. Bravo, Ihr Höhlenbewohner! Wahrscheinlich haben schon die Männer der Pfahlbauer mehr Zeit mit ihren Neugeborenen verbracht als wir Schweizer im Jahr 2011. Weiterlesen

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Der bessere Gaddafi

20 Minuten Online, 23. August 2011

Er galt als akzeptabler Nachfolger seines Vaters Muammar. Auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs in Libyen zeigt Saif al Islam sein wahres Gesicht. Er ist wie sein Vater. Nur opportunistischer.

Von Lukas Egli

Ein junger Mann tritt aus dem grossen Schatten seines Vaters: Am frühen Morgen des 23. August erscheint der nur Stunden zuvor vermeintlich von Rebellen festgesetzte Saif al Islam in einer weissen Limousine vor dem Rixos Hotel in Tripolis, wo westliche Journalisten untergebracht sind. Aufgekratzt zeigt sich der Diktatorensohn der Weltpresse – frei und unbehelligt. Er, der im Verlauf des vorangegangenen Tages schon abgeschrieben worden war. Was für ein Triumph!

«Zuversichtlich und voller Adrenalin»

Dann führt der zweite Sohn von Muammar Gaddafi die verblüfften internationalen Berichterstatter mit einem Konvoi gepanzerter SUVs durch die südlichen Viertel von Tripolis, die noch von Regierungstreuen kontrolliert werden. Klappert mit ihnen die «Hotspots» der umkämpften Hauptstadt ab. Fährt zum Häuserkomplex seines Familienklans. Vorbei an Kasernen, wo Männer nur darauf warten, mit Waffen ausgerüstet zu werden. Die Botschaft: Wir sind noch immer da – wir werden nicht weichen. Der 39-Jährige sei «zuversichtlich und voller Adrenalin» gewesen, berichtet die BBC.

Es ist ein Auftritt nach bester Gaddafi-Art: bizarr, fast surreal, verwirrend. Weiterlesen

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Ein Tyrann spielt Moralapostel

© 20 Minuten Online, 12. August 2011

Der saudische König hat Syriens Herrscher Baschar al Assad wegen Gewalt am eigenen Volk ermahnt. Dabei weiss der greise Scheich auch ganz gut, wie man sein Volk gängelt. Porträt eines Meisters der Doppelmoral.

Von Lukas Egli

Abdullah von Saudi-Arabien ist ein König wie aus einem Märchen: Er besitzt unendliche Reichtümer, umgibt sich mit Tausenden von Prinzessinnen und Prinzen, er unterhält einen riesigen Hofstaat und verfügt über absolute Macht. Mit einem Vermögen von 21 Milliarden Dollar ist Abdullah bin Abdul-Aziz al Saud einer der reichsten Monarchen der Welt — und einer der letzten, der wirklich bestimmen kann, was in seinem Land geschieht. Eigentlich bestimmt Abdullah über eine ganze Region: Arabien.

«Religion, Werte oder Ethik» — neue Töne aus Riad

Abdullahs Land ist der grösste Staat des Mittleren Ostens, es besitzt die grössten Erdölreserven und ist der weltgrösste Exporteur des «schwarzen Goldes». König Abdullah ist Schutzherr der zwei heiligsten Städte des Islam, Mekka und Medina. Er ist ein Machtfaktor auf der ganzen Welt. Am Persischen Golf und am Roten Meer indes geniesst er unangefochtene Autorität.

Für seine Nachbarn war es darum ein kleiner Schock, als der bedächtig wirkende Regent am Montag seinen Botschafter aus Damaskus abzog und Syriens Machthaber Baschar al Assad ultimativ aufforderte, die Gewalt gegen die Protestierenden einzustellen. Weiterlesen

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Lass gut sein, Roger!

© 20 Minuten Online, 6. August 2011

Vom Zauderer zum Zauberer, vom Dominator zum Gedemütigten: Roger, du hast mir ein paar der schönsten Sonntage meines Lebens beschert. Jetzt, an deinem Dreissigsten – gratuliere! – ist es an der Zeit, abzutreten.

Von Lukas Egli

Roger, wenn ich dich wäre, ich würde aufhören: Motivationskrampf lösen, Muskeln lockern, Rackets verschenken, den Kumpels ein lautes «Bye!» zurufen – und mit Frau und Töchtern mal was ganz anderes machen.

Zum Beispiel drei Wochen am selben Ort verbringen. Ohne Feriencoach! Nachts, wenn deine Zwillinge Myla Rose und Charlene Riva schlafen, ein Buch lesen. Deiner Mirka beim Träumen zuschauen. Einen Freund in Übersee anrufen. Alleine an einer Bar einen Whisky trinken und unklare Gedanken ordnen. Was man halt so macht als glücklicher junger Vater.

Oder, besser: Sei doch endlich mal ungezogen! Schnapp dir den Mercedes SLS und ras über eine deutsche Autobahn! Lass den Burdsch Al Arab in deiner Wahlheimat Dubai erzittern! Tu mal was Böses! Amüsier dich! Freak out! Come on!

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Krieg und Frieden in Stuttgart

© 20 Minuten Online, 4. August 2011

Goebbels zitiert Geissler, äh, umgekehrt, und bringt damit alles durcheinander – hoch und tief, gut und schlecht, de Föifer und s Weggli. Eine Glosse

Von Lukas Egli

Eigentlich wollte Joseph Goebbels ja nur helfen. Er wollte die Leute an einen Tisch bringen, einen Kompromiss schliessen. Er wollte den Stuttgartern im Streit um den neuen Hauptbahnhof eine «Schweizer Lösung» schmackhaft machen. Schweizer Lösung heisst, wie immer: de Föifer und s Weggli. Tiefbahnhof und Kopfbahnhof. Schnell und langsam. Modern und ewiggestrig. Ausgewogen und fair – wie man Goebbels eben kennt. Weiterlesen

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Ich muss drinnen bleiben!

© 20 Minuten Online, 22. Juli 2011

Ferien beim Pleitegriechen? Einkaufen beim Geizgermanen? Nix da! Dem Schweizer ist die Heimat auch bei Regen teuer. Eine Glosse

Von Lukas Egli

Der Euro sinkt, der Franken steigt, die Wirtschaft ächzt, der Privatbankier stöhnt. Und der Konsument? Der sitzt brav zu Hause und trinkt Tee. Schweizer Tee, natürlich, zu einem entsprechend hohen Preis. Das gebietet ihm der Anstand. «Selber schuld!», findet Rafael Corazza. Wer weiterhin «lammfromm» überteuert in der Schweiz einkaufe, sei ganz schön doof, erklärte der Direktor der Wettbewerbskommission letzte Woche. Die Konsumenten könnten ja «den Händler, die Marke oder das Land» wechseln. – Der Schweizer Detailhandel war wie vom Donner gerührt.

Arbeitsplätze in Gefahr

Es war, als hätte der Direktor von Schweiz Tourismus gesagt: «Selber schuld, wer weiterhin lammfromm in der nasskalten Schweiz Ferien macht.» Weiterlesen

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Wenn Anonymous will…

© 20 Minuten Online, 1. Juli 2011

Das Internet wird bald volljährig. Zähmungsversuchen der Computerindustrie stehen Attacken von Hackern und Virusentwicklern gegenüber. Was treibt digitale Halbstarke wie Anonymous um?

Von Lukas Egli

Der Elvis Presley der Schadsoftware heisst Stuxnet. Der beste aller Computerwürmer stammt vermutlich aus Cyberlabors der USA und Israels und ringt jedem IT-Fachmann anerkennendes Kopfnicken ab. Nicht, dass Stuxnet etwas getan hat, was andere Malware nicht auch könnte. Aber die Präzision, mit der er seinen Auftrag ausgeführt hat, ist beispiellos: Stuxnet zwang im Alleingang die umstrittenen iranischen Atomanlagen in die Knie. Er ist ein virtueller Virtuose.

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Blattmanns schwierigste Mission

© Schweizer Illustrierte, 26.04.2011 

Humor, Charme und Aufsässigkeit: Armeechef André Blattmann braucht sein ganzes rhetorisches Arsenal, um seinen Offizieren die Zukunft der Schweizer Armee zu erklären. Unterwegs mit dem Oberbefehlshaber.

Von Lukas Egli

Militärische Führung kennt einfache Prinzipien. Eines lautet: KKK – Kommandieren, Kontrollieren, Korrigieren. Der Befehl kommt von oben. Er wird peinlich genau ausgeführt. Keine Widerrede, marsch!

Das war einmal. Heute müsste man zumindest ein viertes K hinzufügen: für Kommunizieren. Oder gar ein fünftes: Konfrontieren. Keiner hat das besser verinnerlicht als André Blattmann, 55, seit dem 1. März 2009 Chef der Armee (CdA). Weiterlesen

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Der kleine Sonnenkönig

© Schweizer Illustrierte, 18.04.2011

EU-Befürworter, AKW-Gegner, machtbewusst: Der Grünen-Pionier Ruedi Baumann war erfolgreich – und umstritten. Seit zehn Jahren lebt er im Südwesten Frankreichs den Traum vom grünen Leben.

Von Lukas Egli

Vor der Kirche in Traversères rechts und ans Ende der Sackgasse fahren» – Ruedi Baumann hätte besser «ans Ende der Welt» geschrieben. Der Weg führt an zwei, drei bewohnten Häusern vorbei, über einen windigen und zauberhaft stillen Hügelrücken, dann taucht er in eine Allee von uralten, knorrigen Eichen, die die Strasse überdachen, bis er vor Ruedi Baumanns Haus abrupt endet, einem Herrschaftshaus, das über einer grandiosen Landschaftsarena thront.

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Der Volksmörder

© Schweizer Illustrierte, 28.02.2011 (PDF)

Erpresser, Geiselnehmer, Mörder – und eben noch Verbündeter des Westens: Muammar Gaddafi. Die Zeit des Vaters des internationalen Terrors ist abgelaufen

Von Lukas Egli

Er ist ein sensibler, ja ein feingeistiger Mann: Muammar Gaddafi mag Flamenco. Er hat eine philosophische Ader. Schreibt Geschichten und Essays. Fürchtet sich vor der Höhe. Und vor dem Fliegen, vor allem übers Wasser. Der libysche Revolutionsführer versteht sich als fürsorglicher Vater der Nation. Sieht sich als beliebter Führer. «Wer für die Massen und für die Freiheit kämpft, liebt mich immer und überall», behauptet er.

Doch der von 200 afrikanischen Königen und Stammesherrschern ernannte König der Könige ist ein überaus brutaler Herrscher. «Die Protestierenden sind Diener des Teufels. Sie bringen Schande über ihre Familie, falls sie Familie haben. Aber das haben sie nicht», rief er letzte Woche in die TV-Kamera. «Ich werde kämpfen bis zum Ende!»

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Der Widerspenstige

© Schweizer Illustrierte, 20.12.2010

Er kam als Hoffnungsträger, wurde zum Prügelknaben und ging als bester Finanzminister Europas. Erstmals nach seinem Rücktritt schaut alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz zurück: «Es war eine Achterbahn!»

Von Lukas Egli und Stefan Regez

Es ist drei Minuten vor zehn, als wir ankommen – alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz steht schon in Winterjacke und Schneestiefeln bereit. Mit festem Schritt geht er voran auf den tief verschneiten Hügel hinter seinem Haus. Er zeigt uns sein Herisau. Hier die psychiatrische Klinik, wo der Rorschach-Test erfunden wurde, da der Komponentenhersteller Huber + Suhner, bei dem er lange Verwaltungsrat gewesen war, dort der Ortskern mit Kirche, Regierungsgebäude und Kulturstätte. «Auf dem Hügel vis-à-vis», sagt der ehemalige Finanzminister, «hat man am Weihnachtstag 1956 den Schriftsteller Robert Walser tot im Schnee gefunden. Herzattacke.» Er macht eine kurze Pause. «Und auf der Strasse direkt darunter habe ich vor zwei Jahren meinen Herzstillstand gehabt.» Er kann sein Glück noch immer kaum fassen: «Das passiert in der Schweiz jedes Jahr 8000 Menschen. Nur 400 überleben!»

Herr Merz, sind Sie froh, nicht mehr Bundesrat zu sein?

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Beruf: Verräter


© Schweizer Illustrierte, 06.12.2010 (PDF)

Unerschrocken, unverfroren, unfassbar: Julian Assange legt sich mit den Mächtigen der Welt an. Wer ist der umstrittene Chef von Wikileaks?

Von Lukas Egli

Die ganze Welt kennt seinen Namen. Kennt sein bleiches, maskenhaftes Gesicht. Sein gequältes wissendes Lächeln. Sein weissblondes Haar. Und die ganze Welt sucht ihn: Julian Assange steht zuoberst auf der Fahndungsliste von Interpol, die Geheimdienste sind hinter ihm her, die Weltpresse ebenso. Der Chef von Wikileaks hat gute Chancen, das Jahr auf dem Titelblatt des «Time Magazine» zu beenden – als Mann des Jahres. Oder in einem Gefängnis. Barack Obama will ihn wegen Spionage hinter Gitter bringen.

Wer ist dieser Mann, der mit seinen Veröffentlichungen die Welt das Fürchten lehrt? Der die Regeln des Informationszeitalters radikal umschreibt. Sich furchtlos mit den Mächtigen dieser Welt anlegt.

Etiketten trägt er viele: Programmierer, Computerfreak, Hacker. Globetrotter, Einzelgänger, Flüchtiger. Charismatiker, Egomane, Diktator. Antiamerikaner, Staatsfeind, Verräter. Manche finden, er sei einer der gefährlichsten Männer der Welt. Julian Assange ist Phänomen. Und Phantom.

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«Ein Kernkraftwerk? Ja, gern!»

© Schweizer Illustrierte; 29.11.2010 (PDF)

Wer will schon ein AKW in seinem Dorf? Mühleberg BE will! Döttingen AG will! Und Däniken SO will! Zu Besuch bei drei Gemeindepräsidenten, die miteinander um die neuen Kernkraftwerke rangeln.

Von Lukas Egli

Mühleberg – das ist eine schöne, ländliche Gemeinde im Osten von Bern: 30 Dörfer und Weiler, viel Wald, 70 Bauernhöfe, 2700 Einwohner. Die Bundesstadt ist keine Viertelstunde entfernt, der Steuerfuss tief, in der Nacht herrscht Stille. Mühleberg ist ein kleines Paradies. Wenn nur das AKW nicht wäre.

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«Mein Lieber, ich würde das nicht schönreden!»


© Schweizer Illustrierte, 8. November 2010 (PDF)

Armee abschaffen, Kapitalismus überwinden, der EU beitreten! Die SP zeigt wieder ihr radikales Gesicht. Helmut Hubacher regt sich auf über den von Cédric Wermuth diktierten Kurs.

Von Lukas Egli und Stefan Regez

Sie sind Meister und Zauberlehrling: Helmut Hubacher, 1975 bis 1990 SP-Präsident, und Cédric Wermuth, seit 2008 Juso-Präsident und eines der grössten Polittalente der Schweiz. Zwischen ihnen liegen 60 Jahre und eine Menge Erfahrung. Am SP-Parteitag letzte Woche spielte der Jüngere erstmals mit den Mitteln des Meisters: Der 24-Jährige schwor die Mutterpartei auf einen radikalen Kurs ein. Sehr zum Ärger des grossen Alten.

Herr Hubacher, Sie sind 60 Jahre älter als Cédric Wermuth …

Wermuth: Echt, du bist 84 Jahre alt?

… Wer von Ihnen beiden steht für eine zukunftsträchtigere SP?

Hubacher: Die Partei will die nächsten Wahlen gewinnen. Ich bin nicht sicher, ob sie vor einer Woche ein zeitgemässes Programm verabschiedet hat.

Wermuth: Die Geschichte der Menschheit ist ein Kampf zwischen Bevormundung und Demokratie. Die SP hat gesagt, dass der Kapitalismus nicht die letzte Antwort der Geschichte ist. Ich kann mir nichts Moderneres vorstellen.

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Der schlaue Fuchs

© Schweizer Illustrierte, 25. Oktober 2010 (PDF)

Er bekommt keine neuen Kampfjets, sein Budget wird empfindlich gestutzt, der Armeebericht wird zerzaust – Bundesrat Ueli Maurer hat viele Sorgen. «Wenn die Armee zum Einsatz kommt, muss sie die beste sein. Die zweitbeste wird erschossen.» Mit dem VBS-Chef auf Truppenbesuch.

Von Lukas Egli

Das Wetter ist prächtig, die Kulisse mit Genfersee und Montblanc-Massiv grossartig, der Stützpunkt der schönste überhaupt: Château de Morges, eine Befestigungsanlage aus dem 13. Jahrhundert. In dieser «De-luxe-Kaserne» empfängt Divisionär Jean-François Corminboeuf seinen Chef Ueli Maurer zum Briefing. In Montreux tagt der Frankofonie-Gipfel, Staatschefs von 70 Staaten sind am Léman zu Gast, der Verteidigungsminister soll sehen, was seine Truppe leistet. «Was, hier arbeitest du?», ruft Maurer seinem ehemaligen Vorgesetzten bei den Radfahrertruppen zu; Corminboeuf war Regiments-, Maurer Bataillonskommandant. Der Berufsmilitär nickt nur lachend.

Herr Bundesrat Maurer, bei Ihrem Amtsantritt vor zwei Jahren sagten Sie, die Schweiz brauche die beste Armee der Welt. Wo stehen Sie heute?

Auf halbem Weg.

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Mensch Blocher

© Schweizer Illustrierte, 4. Oktober 2010 (PDF)

Der mächtige Mann von Herrliberg erzählt zu Hause, wie es alles kam und was ihn noch reizen würde.

Von Lukas Egli

Wer kennt ihn nicht: Wie er mit den Händen rudernd auf dem Podium steht. Wie er den Buckel macht wie ein Wolf beim Angriff. Wie er seine Unterlippe schürzt und mit schneidendem Schaffhauser Dialekt genüsslich seine Gegner demontiert. Wie er nach der Attacke die Zähne bleckt. Wie dann urplötzlich jede Anspannung aus seinem Gesicht weicht und dem breiten Lächeln Platz macht. Jeder kennt Christoph Blocher. Den Politiker, Polemiker, Polterer.

Keiner kennt Christoph Blocher. Am 11. Oktober wird er 70.

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Es ist Zeit!

Erschienen in «Das Magazin», 20. März 2010 (PDF)

Wie sich die Schweizer Uhrenindustrie von ihrem Übervater Nicolas Hayek emanzipiert

© Lukas Egli, 2010

Im Juli 2002 weckte Nicolas Hayek seine Konkurrenten mit einem Donnerschlag. Per 1. Januar 2003, teilt der Bieler Uhrenpate ihnen in einem Brief mit, werde die zu seiner Swatch Group gehörende Uhrenfabrik ETA nur noch in reduziertem Mass Rohwerke – «ébauches» – ausliefern, Ende 2005 die Lieferungen ganz einstellen. Rohwerke sind die Bausätze, aus denen Uhrwerke gemacht werden. Ohne Rohwerke keine Uhrwerke. Der Branche stockte der Atem. Konnte es sein, dass der Mann, der nach der Quarzkrise in den Siebzigerjahren quasi im Alleingang die Schweizer Uhrenindustrie vor dem Untergang gerettet hatte, die Branche nun seinerseits in eine schwere Krise stürzen wollte? Konnte es sein, dass der industrielle Übervater seine Konkurrenz in die Knie zwingen wollte? Und wie hatte es überhaupt so weit kommen können, dass er in der Lage war, seinen Mitbewerbern den Hahn zuzudrehen?

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Sterben muss jeder, bezahlen nicht

Erschienen in NZZ Folio, 4. Januar 2010 (PDF)

Vergleichen lohnt sich: Je nachdem wo man stirbt, kostet die Bestattung ein kleines Vermögen, oder sie ist gratis.

© Lukas Egli, 2009

Sterben muss nicht teuer sein: Als Alois H. Meyer (Name geändert), Jahrgang 1920, am Donnerstag, 12. November 2009, im städtischen Pflegezentrum Käferberg in Zürich verstirbt, wäscht ihn das Personal ein letztes Mal, zieht ihm ein blütenweisses Baumwollhemd über, legt ihn wieder auf das Bett, das nun mit einer Plasticfolie unterlegt ist, deckt ihn zu und bringt ihn zu den zwei am selben Tag Verstorbenen in die Aufbahrung. Hier liegt Herr Meyer nun bei einer konstanten Temperatur von 4 Grad Celsius in der Dunkelheit, bis ihn Rolf Gyger vom Bestattungs- und Friedhofamt am nächsten Morgen abholt.

Der städtische Bestatter kontrolliert die Kopie der Todesbescheinigung, die neben dem Verstorbenen unter dem Laken liegt, legt Alois H. Meyer in den bestellten Sarg «No. 0», löst die Totenstarre in den Armen, damit er ihn anständig betten kann, und legt ihm drei Blumen, die parat stehen, auf die Brust. «Dem Herrn Meyer einen letzten Dienst erweisen, für den er sich nicht mehr bedanken kann», nennt es Rolf Gyger. Dann macht er sich mit dem Sarg auf seiner Schubkarre auf den Weg durch das unter irdische Labyrinth des Pflegezentrums, den Verstorbenen immer Fuss voran. Beim Technischen Dienst kommt Gyger wieder ans Tageslicht. Von dort fährt er den Leichnam ins nahe gelegene Krematorium Nordheim. Schon am kommenden Montag soll Alois H. Meyer eingeäschert werden.

Kosten für das Einsargen, Überführen und Einäschern: keinen Rappen. Und selbst wenn die Hinterbliebenen eine Abdankung in der Kapelle mit Orgelspiel, Pfarrer und Solistin wünschen und mit einer Limousine dahinchauffiert werden wollen, müssen sie nichts bezahlen. In Zürich ist der letzte Dienst, für den man sich nicht bedanken kann, seit 1893 gratis. Einzig für den Totenschein stellt das Bestattungs- und Friedhofamt seinen nunmehr toten Bürgern 25 Franken in Rechnung – Amt ist schliesslich Amt.

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Das Derby

Erschienen in Sonntagsblick Magazin, 13. Dezember 2009 (PDF)

Die Portugiesen sind die grösste Ausländergruppe im Oberengadin. Nur in einem Punkt konnten die Gastarbeiter bislang mit den Einheimischen mithalten: im Fussball. Bis «Rudi» Rodriguez die Seiten wechselte.

© Lukas Egli, 2009

Es ist die 61. Minute: Der Libero des FC Celerina spielt einen Steilpass tief in den Strafraum des FC Lusitanos de Samedan. Daniel Rodriguez nimmt ihn mit dem rechten Aussenrist an, legt sich den Ball vor, macht zwei, drei kurze Schritte zur Feldmitte hin und drückt ab. Der Torhüter streckt seinen ganzen Körper, seinem Mund entfährt ein Ächzen, er bleibt chancenlos.

Der Ball dreht sich um ihn herum – und landet im Netz.

Die Spieler des FC Celerina reissen die Arme hoch, schreien und umarmen sich triumphierend, ebenso die Hälfte der einhundert Zuschauer. Der Torschütze selbst aber trabt in seine Platzhälfte zurück, ballt nur kurz die rechte Hand zur Faust, winkelt den Arm an, spannt den Bizeps. Denn Daniel Rodriguez ist Portugiese.

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Vom Schlachten heiliger Kühe

Erschienen in Brandeins, 23. Oktober 2009 (PDF)

Schweizer suchen ungern Streit. Harmonie ist ihnen lieber. Doch darüber bleibt viel liegen. Ein Institut in Zürich bekam die Aufgabe, wie die Hefe zu wirken im trägen Teig. Nun erweist es sich als schockierend unabhängig. Ein Experiment mit offenem Ende.

© Lukas Egli, 2009

Einmal Kuhschweiz, immer Kuhschweiz. Dabei ist die Schweiz schon lange kein Bauernland mehr. Nur vier Prozent der Bevölkerung leben noch von der Landwirtschaft, dennoch wendet das Land jedes Jahr mehr als vier Milliarden Franken zur Stützung des Bauernstandes auf – genauso viel wie für Bildung und Forschung. Die Landwirte sind eine Macht in dem Land, das sich rühmt, der siebtgrösste Finanzplatz und eines der wettbewerbsfähigsten Länder der Welt zu sein. Wie legitim sind die Subventionen noch angesichts globaler Märkte? Nützen sie der Allgemeinheit? Und: Halten die Bauern eigentlich, was sie versprechen?

Ein Ketzer, wer solche Fragen stellt.

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Der Fluch der Beständigkeit

Erschienen in NZZ Folio, 2. November 2009 (PDF)

Drei Erfindungen, drei tragische Ereignisse, drei Generationenwechsel: Die Tösstaler Pfannenfabrik Kuhn Rikon hat ­schon viel überstanden. Die grösste Prüfung steht noch aus.

© Lukas Egli, 2009

Eine gute Pfanne verkauft man so: Man versucht einem Kunden zu erklären, weshalb eine Markenpfanne 200 Franken kostet, während eine Billigpfanne für einen Viertel des Preises zu haben ist. Die Gründe können lauten: Weil die Markenpfanne hochwertiger ist. Oder schöner. Da ist viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Ist man endlich fertig und war erfolgreich, hat man 200 Franken Umsatz gemacht. Das gibt 100 Franken für den Verkäufer und 100 Franken für den Hersteller. Pfannen verkaufen ist kein Bomben­geschäft. Es ist das Geschäft des Familienbetriebs Kuhn Rikon.

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Vom Fach: Neulich an der Whiskybar

© NZZ Folio, 2. November 2009

Freitagabend, 22 Uhr an einer Hotelbar im Bündner Oberland. Feierliche Stimmung. Was reden die da? Wir übersetzen.

Von Lukas Egli

«Es gibt doch nichts Besseres als ein hübsches Dram Malt im Winter!»
«Also, ich mag lieber Highlander.»
«Das sind auch Single Malts, Idiot.»
«Ach so.»
«‹Rome was built on seven hills, Dufftown was built on seven stills.›»
«Dann bist du ein Lowland-Typ.»
«Dufftown gehört zu Speyside.»
«Ach so.»
«Ah, dezenter Torf!»
«Von dem soll es nur fünf Fässer gegeben haben, hat der Barmann gesagt.»
«Ein echter Single Barrel! Knapp 1000 Flaschen, der Rest ist Angels’ Share.»
«Hä?»
«Der Anteil der Engel.»
«‹Nonchillfiltered› steht da. So einen habe ich mal im Waldhaus gehabt.»
«Ich sage nur: ‹Uisge Beatha.›»
«Hä?»
«Du hast echt keine Ahnung.»

Dram: kleines Whiskyglas. Single Malt: unverschnittene, aus Gerstenmalz gebrannte, schottische Whiskies. Highlands: das Hochland Schottlands; eine der bekanntesten Whiskyregionen der Welt. Dufftown was built…: Dufftown gilt als Whisky-Hauptstadt. Still: Whisky-Brennblase. Lowland: das Zentrum Schottlands; bringt eher weiche Whiskies hervor. Speyside: Teil der Highlands; von da kommen die meisten Whiskies. Torf: rauchiges Aroma. Single Barrel: Einzelfassabfüllung. Angels’ Share: Teil des Destillats, der während der Fasslagerung verdunstet. Non­chillfiltered: Whisky, der keiner Kaltfilterung unterzogen worden ist, bei der Trübstoffe entfernt werden. Waldhaus: Hotel in St. Moritz; nimmt für sich in Anspruch, mit 1000 Flaschen die grösste Whiskybar der Welt zu haben. Uisge Beatha: Lebenswasser auf schottisch.

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Eingeordnet unter Gesellschaft, NZZ Folio

Im Griff des Gripen

Im Griff des Gripen
© Sonntagsblick, 4. September 2009
Von Lukas Egli
Am Anfang ist nur Lärm. Dann kommt die Vibration, der Druck – und schon sind wir in der Luft. Oben. Weg. Unser Reporter im schwedischen Kampfjet, der bald auch über die Schweiz donnern könnte
In den Himmel geschossen, Himmelstrabant, Sternschnuppe.
Herzklopfen.
«Gooooooood morning, Laplaaaaaand!»
Atmen!
Nein, ich habe noch nie Flugangst gehabt. Auf die Rollbahn gefahren werden und auf das anspruchsvollste Manöver der Fliegerei warten? Kein Problem! Vom Sessel aus Tausende Meter über dem Boden auf Land und Leute niederschauen? Bitte! Über dem Ozean die Grossartigkeit von Mutter Erde bestaunen? Wunderbar!
Auch vor Geschwindigkeit habe ich mich nie gefürchtet. Im Gegenteil: das leere Gefühl im Bauch beim harten Anfahren, in den Sessel gedrückt werden während der Beschleunigung, schneller, immer schneller, bis das Nackenhaar aufsteht – mehr davon!
Bis ich vergangene Woche in Nordschweden in den Gripen gestiegen bin.
Ich habe gedacht: Ein Testflug in einem Kampfjet – aufregend, klar, machen wir, locker. Die werden mit uns ein wenig auf der Rollbahn rumkurven, und das wars. Als ich dann aber nach einem langen Tag Vorbereitung in der engen Kabine des Gripen sitze, umgeben von etwas Karbon, Kunststoff und Stahl, über ein Dutzend Kabel, Riemen und Schläuchen mit dem Fighter verbunden und auf Gedeih und Verderb meinem Piloten mit Übernamen «Combat» ausgeliefert, weiss ich: Es gilt ernst.
Ich sitze nicht in einem Kampfjet – ich bin mit einem Kampfjet bekleidet.
«Combat» zieht den Jet steil hoch. Wir gehen senkrecht in die Luft. 1000 Fuss, 2000 Fuss, 3000 Fuss. Drehen scharf links. Helm drückt auf Stahl. Arme wie Blei. Blickfeld eng. Gefesselt.
Atmen!
Ich sehe wie sich die Landschaft unter mir verformt, als wäre sie Knetmasse. Wie sie auf der einen Seite näher zu kommen scheint, auf der anderen Seite verschwindet. Als der Druck endlich nachlässt, stosse ich ein schweres «Uff» in die Atemmaske. Tobhias Wikström, wie «Combat» mit bürgerlichem Namen heisst, antwortet mit «Hahaha». Er habe beim Start, sagt er nachher, den Nachbrenner gezündet. Das sei zwar nicht üblich. Mache aber mehr Spass. «Hahaha.»
Luleå ist das Meiringen von Schweden: eine kleine Stadt knapp unterhalb des Polarkreises, die grösste Stadt am Bottnischen Meerbusen und, neben einer Basis südlich von Stockholm, Schwedens wichtigster Luftwaffenstützpunkt. Russland, jahrzehntelang eine realistische Bedrohung für das neutrale Land, ist nah, militärisch in Sichtweite.
Hierhin hat uns der Flugzeugbauer Saab und die schwedische Luftwaffe eingeladen, um «einmal die Erfahrung zu machen, was ein solcher Kampfjet leistet», wie es Peter Liander von Saab ausdrückte, der die Reise organisiert hatte. Sein Ziel war klar: den Gripen in die Schweiz zu verkaufen. Und wir – wir wollten einfach einmal Fighter fliegen. Und sei es auf dem Rücksitz eines Trainingsjets. Ein Abenteuer, das noch nicht vielen vergönnt worden ist: Selbst Max Ungricht, Chefredaktor der Fachzeitschrift «Cockpit», der auch eingeladen war, hatte diese Erfahrung noch nie gemacht.
Was es uns abverlangen würde, wurde schnell klar: Wir hatten in Luleå kaum die Füsse auf festen Boden gesetzt, als Peter Liander das Programm für den kommenden Tag skizzierte: Abfahrt vom Hotel zum Stützpunkt um 7 Uhr, medizinische Tests bis Mittag, dann Lunch, am Nachmittag Sicherheits-Briefings und, wenn Zeit, ein Rundgang auf dem Gelände. Es blieb wenig Zeit.
Wir mussten Blutund Urinproben abgeben, einen Gehör- und Sehtest machen, ein EKG, eine Untersuchung durch einen Militärarzt über uns ergehen lassen. Schriftlich gab er uns die Erlaubnis, am nächsten Morgen in den Kampfjet zu steigen. Keine Selbstverständlichkeit; er habe neulich acht Briten und Iren dagehabt, erzählte der Doc. Drei hätten nicht in die Luft gedurft. Uns schwante Übles.
«Da drüben, links, ist Finnland», sagt Tobhias auf 25000 Fuss.
«Rechts kannst du die Berge sehen.» Es bleibt mir nur wenig Zeit, die Aussicht zu geniessen, schon drückt «Combat» den Jet in Richtung Boden. «Lass uns zu den Wolken da unten fliegen», sagt er. Schon streifen wir den zarten weissen Dunst, fliegen hindurch, dann wieder hoch, das Flugzeug wie auf Schienen, ein Gefühl von Achterbahn. «That’s what it’s all about», sagt Tobhias. «Willst du mal das Steuer übernehmen?»
Der JAS-39 Gripen ist ein einmotoriger Kampfjet der fünften Generation. JAS steht für «Jakt, Attack och Spaning» – er ist Jäger, Angreifer und Aufklärer in einem. Seine kompakte Bauweise macht ihn zu dem Jet mit den niedrigsten Betriebskosten. Dennoch ist er in der Evaluation der Schweiz zur Beschaffung neuer Kampfjets eher der Aussenseiter. Allein schon deshalb, weil er so günstig ist: Die Schweizer Armee will immer das «Beste», heisst: Teuerste, Exklusivste. Die Industriekonzerne Dassault aus Frankreich sowie das deutsch-europäische Konsortium EADS, welche die Konkurrenten Rafale und Eurofighter anbieten, verfügen wegen der überaus engen wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen der Schweiz, Deutschland und Frankreich über eine stärkere Lobby.
«Is you a bit afraid?», hatte mich Roland Nordgren gefragt, als ich eingekleidet war. Er hatte uns mit Overalls, Druckanzug und Schuhen ausgestattet. Die Furcht war wohl nicht zu verbergen gewesen. Kein Wunder: Sie hatten uns Kotztüten in die Hosentaschen gesteckt und uns eingebläut, vor dem Erbrechen rechtzeitig die Atemmaske auszuziehen; sie hatten uns verboten, während des Starts und der Landung etwas anzufassen; sie hatten uns erklärt, was «Eject! Eject! Eject!» bedeutet: Arme zum Körper, Augen schliessen, Zähne zusammenbeissen und kräftig am gelb-schwarzen Stahlhebel zwischen den Beinen ziehen – der Schleudersitz, für den Notfall. Am Schluss mussten wir Namen und Telefonnummern unserer nächsten Angehörigen aufschreiben. «Das wird ein Flug, den man nicht buchen kann», hatte Peter Liander aufmunternd gesagt.
Dann hiess es: Raus in den Kampf um Tapferkeit und Würde!
«Fighter on two o’clock», flötet eine charmante Frauenstimme in meinem Helm. «Die schlechten Nachrichten überbringt jeweils ein Mann», lacht Tobhias. Die Dame macht uns darauf aufmerksam, dass links hinter uns ein anderer Jet fliegt. «Combat» dreht unvermittelt eine enge Rolle, bei der sich der Jet um seine eigene Achse dreht. Mein Körper ist augenblicklich wie gelähmt. Kopf leer. Wille weg. Sehe, wie Welt sich dreht. Füge mich.
Atmen!
Dass der da vorne überhaupt noch lenken kann!
«Hahaha», macht Tobhias.
Nein, das hier ist nicht Meiringen. Hier stört man keine Bewohner, Touristen, Murmeltiere. Wir blicken von 10 000 Meter auf Millionen von Seen und Billionen von Bäumen in allen erdenklichen Farben. Weit und breit keine Häuser. Nordschweden ist fast unbewohnt. Das Trainingsgelände der Staffel sei gut doppelt so gross wie die Schweiz, weiss Tobhias. «Ein Paradies für Fighter-Piloten.»
Warum nur sind die schönsten Flecken Erde immer Militärübungsplätze?
Als Tagesprogramm ist eine kleine Alltagsübung der Staffel vorgesehen: Wir sollen ein anderes Flugzeug abfangen, das in «unseren» Luftraum eingedrungen ist, und es auffordern, ihn zu verlassen. Mit Tempo Teufel fliegt «Combat» von hinten an den Jet heran und drosselt aggressiv sein Triebwerk. Das sei auch im Ernstfall eine Show, sagt der Pilot. So dass allen sofort klar ist, wer der Chef des Luftraums ist. Als wir die Übungspartner wieder verlassen, beschleunigt Tobhias von 250 auf 550 Knoten – gut 1000 km/h – in 6 Sekunden. 89 Kilo-Newton drücken mich in den Stahlsitz. Tränen im Gesicht.
Atmen!
Mir kommt der Kaffeeraum der Piloten in den Sinn, wo eine Plakette der Rocket Chair Society hängt. Niklas Sandström ist im Jahr 1998 der letzte schwedische Pilot gewesen, der unsanft aus dem Jet hat aussteigen müssen. Auf der Plakette sind nur diejenigen verzeichnet, die den Schleudersitz überlebt haben. Tote werden nicht Mitglieder in einem Club. Schon gar nicht in einem so exklusiven.
Jetzt nur diesen stählernen Hebel zwischen den Beinen nicht berühren!
In der Cafeteria hängt auch ein gut acht Meter breites Gemälde. Das Panorama zeigt zwei Jets in romantischer nordischer Landschaft. Sie fliegen nach Lapporten, zum Tor Lapplands. Vor diesem kitschigen Bild sitzen die Piloten mehrmals am Tag und trinken Kaffee, «Fika» wie es auf Schwedisch heisst, blättern in den Zeitschriften «Air Forces» oder «Combat Aircraft», plaudern. Ab und zu bringen sie ihre Jets auf das Rollfeld, steigen in den Himmel hinauf. Vorne links in ihrem Cockpit finden sie einen Kippschalter: «Peace», «War». Er ist unbenutzt. Die schwedischen «Top Guns» sind nette Typen.
«Combat» sei der Typ von Mann, dem man nicht allein im Wald begegnen wolle, hatte einer gesagt. Tobhias hatte nur verlegen gelacht. Er ist 36 Jahre alt, Major, Deputy Squadron Commander und stammt, wie die meisten Piloten, aus Stockholm. Er ist der entspannteste Karrierist, den ich je getroffen habe. Seit 1998 lebt er in der kleinen nordischen Stadt Luleå, deren Name nur aussprechen kann, wer besoffen ist – oder einem Kampfjet entsteigt: Lüüüleo.
«Jetzt machen wir ein paar akrobatische Figuren, okay?», fragt «Combat». Bevor ich antworte, setzt er zum Looping an. Schnell ziehen wir hoch, die Erde verschwindet, wir fliegen geradewegs in den Himmel. Über 5g, die fünffache Erdanziehungskraft, wirken nun auf uns. Der Druckanzug wird prall und hart, damit nicht alles Blut aus unseren Köpfen weicht. Der Körper heiss. Alles drückt.
Dann sehen wir die Erde auf dem Kopf stehen.
Rasen kopfüber wieder auf sie zu.
Alles wendet sich.
Atmen!
Der Flug – ein Wahn. Ein Rausch. Eine Gehirnwäsche.
Am Vorabend hatte ich vor lauter Aufregung nur Pizza gegessen. Statt Rentier. Jetzt ist mir kein bisschen schlecht. Langsam beginnt mir dieser Gripen zu gefallen. Künftig werde ich beim Start einer Linienmaschine an die Fahrt in einem alten Volvo denken müssen, beim Airbus-Fliegen an das Busfahren im Osten.
Der Greif – Gripen – ist ein mythisches Tier, halb Löwe, halb Adler. Das wohl aus dem Orient stammende Fabelwesen taucht in Märchen und Mythologie zwischen Indien und dem Aargau auf. Sogar auf der Bundesratskuppel in Bern sitzt einer. Ob das der schwedischen Offerte bei der Kampfjet-Evaluation dient, ist fraglich.
«Cockpit»-Chefredaktor Max Ungricht ist für den Gripen .
Der agile Jet sei wie gemacht für unser Land, Schweden stelle ähnliche Anforderungen an seine Luftwaffe wie die Schweiz. Würde man den Eurofighter als Rolls-Royce und den französischen Rafale als Bentley unter den Kampfjets bezeichnen, wäre der Gripen ein Audi-Kombi: leichter – mehr Arbeitstier denn Repräsentant. «Ganz einfach die vernünftigste Lösung», findet Ungricht.
Nach 41 Minuten ist der Höllenritt vorbei. «Combat» ist in einem Radius von gut 250 Kilometern über Nordschweden geflogen, hat 3000 Liter Kerosin verbrannt, literweise geschwitzt. Bei unserer Rückkehr sitzen die Piloten wieder beim Kaffee. «Hey, how was it?», fragen sie. Und antworten selbst: «I can see it in your face!» Es steht in mein Gesicht geschrieben.
GOOD MORNING, LAPPLAND
Reporter Lukas Egli im zweisitzigen Trainingsjet hoch über dem Übungsgebiet der schwedischen Luftwaffe, das gut doppelt so gross ist wie die Schweiz
AUF HERZ UND NIEREN GEPRÜFT
Ordentlich liegen die massgefertigten Pilotenhelme in ihren Kästchen, blitzblank glänzt der Wartungshangar. SonntagsBlick-Autor Egli wird vor dem Start medizinisch durchgecheckt, inklusive EKG, und von seinem Piloten Tobhias «Combat» Wikström ausführlich gebrieft
DIE HERREN DER LÜFTE
Bei akrobatischen Figuren treten Belastungen bis zur neunfachen Erdanziehung auf – Helm und Druckanzug sollen Fluggast Egli dafür wappnen. Pilot «Combat» war gnädig und liess es bei 5g bewenden

Erschienen in Sonntagsblick Magazin, 4. September 2009 (PDF)

© Lukas Egli, 2009

Am Anfang ist nur Lärm. Dann kommt die Vibration, der Druck – und schon sind wir in der Luft. Oben. Weg.

In den Himmel geschossen, Himmelstrabant, Sternschnuppe.

Herzklopfen.

«Gooooooood morning, Laplaaaaaand!»

Atmen!

Nein, ich habe noch nie Flugangst gehabt. Auf die Rollbahn gefahren werden und auf das anspruchsvollste Manöver der Fliegerei warten? Kein Problem! Vom Sessel aus Tausende Meter über dem Boden auf Land und Leute niederschauen? Bitte! Über dem Ozean die Grossartigkeit von Mutter Erde bestaunen? Wunderbar!

Auch vor Geschwindigkeit habe ich mich nie gefürchtet. Im Gegenteil: das leere Gefühl im Bauch beim harten Anfahren, in den Sessel gedrückt werden während der Beschleunigung, schneller, immer schneller, bis das Nackenhaar aufsteht – mehr davon!

Bis ich vergangene Woche in Nordschweden in den Gripen gestiegen bin. Weiterlesen

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