Beruf: Verräter


© Schweizer Illustrierte, 06.12.2010 (PDF)

Unerschrocken, unverfroren, unfassbar: Julian Assange legt sich mit den Mächtigen der Welt an. Wer ist der umstrittene Chef von Wikileaks?

Von Lukas Egli

Die ganze Welt kennt seinen Namen. Kennt sein bleiches, maskenhaftes Gesicht. Sein gequältes wissendes Lächeln. Sein weissblondes Haar. Und die ganze Welt sucht ihn: Julian Assange steht zuoberst auf der Fahndungsliste von Interpol, die Geheimdienste sind hinter ihm her, die Weltpresse ebenso. Der Chef von Wikileaks hat gute Chancen, das Jahr auf dem Titelblatt des «Time Magazine» zu beenden – als Mann des Jahres. Oder in einem Gefängnis. Barack Obama will ihn wegen Spionage hinter Gitter bringen.

Wer ist dieser Mann, der mit seinen Veröffentlichungen die Welt das Fürchten lehrt? Der die Regeln des Informationszeitalters radikal umschreibt. Sich furchtlos mit den Mächtigen dieser Welt anlegt.

Etiketten trägt er viele: Programmierer, Computerfreak, Hacker. Globetrotter, Einzelgänger, Flüchtiger. Charismatiker, Egomane, Diktator. Antiamerikaner, Staatsfeind, Verräter. Manche finden, er sei einer der gefährlichsten Männer der Welt. Julian Assange ist Phänomen. Und Phantom.

Er wird 1971 in Melbourne geboren. Seine Eltern, die ein Wandertheater leiten, trennen sich, als er ein Jahr alt ist. Die Mutter wechselt oft die Partner, sie ziehen 37 Mal um, trampen durch Australien. Eine Schule besucht Julian nie. Er läuft oft von zu Hause weg, lernt aus Büchern. Seine Rechtschreibung soll katastrophal sein. Fotos aus der Kindheit gibt es keine.

Mit 11 bekommt er den ersten Computer, mit 16 das erste Modem, wenig später hackt er sich von seinem Kinderzimmer aus in Rechenzentren, angeblich sogar ins Pentagon. Der Junge hat Talent. Bald wird er etwas damit anzufangen wissen. «Jules», wie ihn seine Mutter Christine nennt, will schon damals gegen die «Bösen» antreten. Es wird ein Kampf gegen staatliche Institutionen: Mit 18 Jahren schwängert er seine Freundin. Sie verlässt ihn, er kämpft für das Sorgerecht des gemeinsamen Sohns Daniel – verliert. Damals erfährt er, wie «die Bürokratie einen Menschen zermalmen kann».

2006 beginnt er die Website Wikileaks zu programmieren: ein «toter Briefkasten», in den Informanten anonym Dokumente zu Missständen hinterlegen können. Es ist die Grundsteinlegung für eine fünfte Gewalt. Wikileaks handelt nicht mit Informationen, wie das klassische Medien tun – Wikileaks streut sie: breit, ungefiltert, schonungslos.

Die Skandale folgen Schlag auf Schlag: Im August 2007 enthüllt der «Guardian» Korruption in der Familie des kenianischen Ex-Präsidenten Daniel arap Moi. Als Quelle nennt die britische Zeitung Wikileaks. Im November 2007 veröffentlicht die Internetplattform Richtlinien der US-Armee für das Gefangenenlager in Guantanamo; sie beweisen Verletzungen der Genfer Konvention. Zwei Monate später folgen sensible interne Dokumente der Bank Julius Bär; sie enthalten Details zur Steueroptimierung.

Je mehr Assange publiziert, desto brisanter wird sein Material: Im April 2010 erscheint ein Video, das von der Zielkamera einer Bordkanone eines Helikopters aufgenommen worden ist; der 38-minütige Film zeigt, wie im Irakkrieg Menschen unter Feuer genommen werden; zwölf Zivilisten sterben, darunter zwei Journalisten. Am 25. Juli erscheint ein afghanisches Kriegstagebuch («Afghan War Diary»), am 22. Oktober ein irakisches («Iraq War Logs»). In den Hunderttausenden von geheimen Dokumenten: Hinweise auf Folterungen und Tötungen von Zivilisten. «Die USA sind dabei, ihren Ruf als Hüterin der Meinungsfreiheit und der Menschenrechte zu verlieren», erklärt Assange vor einem Monat an einer Pressekonferenz in Genf. «Statt Ermittlungen aufzunehmen, haben die US-Behörden gegenüber meiner Organisation eine aggressive Haltung eingenommen, indem sie diese öffentlich bedrohen und zu zerstören versuchen.»

Julian Assange – der gute Verräter?

Genauso gut könnte er ein Bösewicht sein: Seit August dieses Jahres wird Assange per Haftbefehl gesucht, seit Ende November auch international. Zwei Schwedinnen beschuldigen ihn der Vergewaltigung. Man könne sagen, so ein ehemaliger Mitstreiter andeutungsreich, Julian interessiere sich nicht nur für Computer. Der Angeschuldigte weist die Vorwürfe zurück. Man versuche, eine kritische Stimme mundtot zu machen, verteidigt er sich. Mitarbeiter legen ihm nahe, sein Engagement ruhen zu lassen. Julian Assange ruht nicht.

Sein jüngster Coup heisst «Cablegate». Vergangene Woche veröffentlicht er 250 000 teils geheime Berichte der US-Botschaften an das Aussenministerium. Die Depeschen offenbaren Banales, Pikantes und Brisantes. Die Schweiz: «eine frustrierende Alpendemokratie». Wladimir Putin: «Top dog». Der türkische Ministerpräsident Erdogan: «korrupt». Silvio Berlusconi: «eitel» und «schwach». Kanada: «antiamerikanisch». Nicolas Sarkozy: «dünnhäutig». Dank Wikileaks erfährt die ganze Welt, was Washington über Russlands First Lady denkt: Swetlana Medwedewa sei eine «dumme und ehrgeizige Frau», eine «eifrige Tratschtante» – ein «Racheweib». Und dass Saudi-Arabien die USA gedrängt habe, den Iran anzugreifen.

Die Weltpolitik erstarrt. US-Aussenministerin Hillary Clinton bezeichnet die Veröffentlichungen als «Angriff auf die Sicherheit des Landes», Politiker sprechen von Sabotage, Diplomaten vom Ende der Diplomatie. Wer nichts zu verbergen habe, habe nichts zu befürchten, behaupten Staatsschützer gerne. Die Argumentation wendet sich plötzlich gegen sie. Information sei die Währung der Demokratie, sagte Thomas Jefferson, der dritte Präsident der Vereinigten Staaten. Was der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung wohl von Wikileaks gedacht hätte? Assange publiziert, was Regierungen nicht zugeben, was Medien nicht bringen wollen – was wir eigentlich nicht wissen sollen. Der «Hacktivist» offenbart eine Welt, wie sie nicht sein dürfte: verlogen, zerstritten, gefährlich.

Was ist Julian Assanges Antrieb? Was sein Ziel? Auf die Frage des «Time Magazine», ob er Pazifist sei, antwortet er: «Überhaupt nicht. Ich bin eine sehr streitlustige Person.» Auf die Frage von «Forbes», wie er nationale Sicherheit umschreiben würde: «Das interessiert mich nicht. Mich interessiert Gerechtigkeit. Wir sind eine supranationale Organisation. Nationale Sicherheit interessiert uns nicht.»

Assange spielt Weltpolitik: Er kündigt an, schüchtert ein, droht. Und hält immer eine Handvoll Trümpfe in der Hinterhand. Wird in den USA ein Server abgeschaltet, ist sofort anderswo ein anderer verfügbar. Julian Assange ist für die Politiker, was der Terrorist für die Generäle ist: ein kaum zu ortender Gegner.

Sein Versprechen: «Pain for the guilty!» Schmerzen für die Schuldigen.

Bereits kündigt er einen weiteren «Megaleak» an. Einen, der die Privatwirtschaft treffen werde. Eine amerikanische Bank, fragt «Forbes»? «Ja, eine amerikanische Bank.» Eine, die noch existiert? «Ja, eine grosse Bank.» Die grösste US-Bank? «Kein Kommentar.» Wann werden Sie die Daten freigeben? «Anfang nächstes Jahr. Mehr verrate ich nicht.» Allein diese Ankündigung lässt die Aktienkurse der Bank of America und von Goldman Sachs absacken.

Seither ist der Robin Hood der Hacker ein gejagter Mann. Untergetaucht. Mitte letzter Woche hiess es, er verstecke sich im Raum London. Am Freitag chattete er mit Lesern des «Guardian». Dann hiess es, er sei in New York in einer Bar gesichtet worden. Genauso gut könnte er in Zürich sein. Wie die meisten Chefs, sagte er einmal kokettierend, beschäftige er sich vor allem mit Logistik. Julian Assange ist das Phantom der Weltpolitik.

«Ich weiss nicht, wo er steckt», sagt seine Mutter Christine, die heute ein Puppentheater führt. «Ich weiss auch nicht, wie es ihm geht. Ich mache mir grosse Sorgen.» Selbst Australien hat Ermittlungen gegen ihren Sohn aufgenommen. Es prüft, ob er mit seinen Enthüllungen australische Gesetze verletzt hat. «Ich fürchte, alles wird eine Nummer zu gross für ihn, und die Mächtigen, die er herausfordert, werden zu stark sein», sagt Christine.

Julian Assange hat das Zeug zum Volkshelden. Nur: von welchem Volk?

Seit Jahren ist er ohne feste Adresse, unterwegs mit Rucksack und Laptop. Im digitalen Exil. Gefragt, wo er zu Hause sei, antwortet er: «Auf Flughäfen.» Es gebe vier Orte, an denen er sich sicher fühle: auf Island, wo die Zentrale von Wikileaks ist. In Kenia, wo er gelebt hat. Die andern beiden Refugien verrät er nicht. Die Schweiz dürfte auch darunter sein: Als er in Genf war, erkundigte er sich nach den Möglichkeiten, hier politisches Asyl zu erhalten.

«Ich wundere mich», sagt sein Sohn Daniel, 20, Software-Spezialist, «dass die Regierungen noch nicht das getan haben, was einige Journalisten schon lange empfehlen: ihn einfach umzubringen.»

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7 Kommentare

Eingeordnet unter Politik, Schweizer Illustrierte, Wirtschaft

7 Antworten zu “Beruf: Verräter

  1. Christopher Peterka

    Welch angenehm differenziertes Portrait einer wirklich relevanten Person öffentlichen Interesses. Glückwunsch an den Autoren, gerne mehr davon und häufiger. Interessant wäre noch eine persönliche Einschätzung zur Frage, ob es weiterhin eine “Nicht-Öffentlichkeit” in der Diplomatie geben muss, die sich in der bekannt geworden “schmutzigen” Art und Weise gerieren darf, um letztlich zu öffentlichen Informationen mit staatlich geprüftem Siegel zu kommen, die dann den Politik- und Medienapparat wie wir ihn kennen, er nicht oder doch zum Schutze der Checks and Balances sein sollte – zu erhalten? Wie sieht eine Medienwelt mit Wikileaks-Dominanz aus Sicht des Autoren aus? Interessant sind auch die Ausführungen Tunku Varadarajans, der im DailyBeast hierzu Stellung nahm.

    • lukasegli

      Vielen Dank! Ich bin dezidiert der Meinung, dass es eine nicht-öffentliche Diplomatie braucht — auch wenn die gelegentlich nicht höflich und von Hidden Agendas geprägt ist. Das liegt in der Natur der Diplomatie. Offen gesagt, frage ich mich je länger je mehr, was es einer Öffentlichkeit bringt, wenn eine Organisation nach und nach Einschätzungen von Diplomaten veröffentlicht. Im Falle der Kriegstagebücher oder des Apache-Shooting-Videos war das öffentliche Interesse zweifellos gegeben. Aber bei den US-Depeschen? Oder beim Verraten “lohnender” Terrorziele? Hier scheint mir jemand mit heiklem Material zu hantieren, der sich der möglichen Konsequenzen nicht bewusst ist — oder sehr bewusst ist (was umso beänstigend wäre). Vermutlich wird der “Transparenz-Wahn” (NZZ: http://www.nzz.ch/nachrichten/startseite/der_transparenz-_wahn_foerdert_intransparenz_1.8534633.html) sogar das Gegenteil zur Folge haben: Dass wieder mehr hinter verschlossenen Türen abläuft.

  2. Phi stroemson

    Lieber Lukas Egli,
    mir ist leider durch den Artikel nicht deutlich geworden was der Inhalt mit der Überschrift gemein hat? Ist dies die Haltung des Redakteurs? Ebenfalls rätzelhaft ist die Schlussbemerkung welche ich mehr als zynisch erachte. Es fehlt mir die journalistische Distanzierung zu dieser Äußerung.

    • lukasegli

      Hallo Phi Stroemson, eine Schlagzeile soll den Leser packen, ihn an ein Thema oder an einer Person heranführen – rasch! Ich glaube, das ist uns mit dieser Headline ganz gut gelungen. Der Begriff “Verräter” wird im Text aufgenommen, als Frage: “Der gute Verräter?” Es ist der Versuch, mit der Ambivalenz des Begriff zu spielen. Wer etwas verrät, ist ja nicht per se schlecht. Zugleich wollten wir die Leser schon in der Headline anregen, über die Wirkung von Wikileaks nachzudenken. Die Schlussbemerkung klingt zynisch, ja. Aber es ist ein Zitat. Ein starkes Zitat des Sohnes. Da gibt es meiner Meinung nach nichts zu distanzieren.

  3. ich halte den letzten satz auch für zynisch und sogar journalistisch bedenklich. der gemeine si-leser kann dieses zitat nicht einordnen, mir fehlt da für so einen hammer-schluss-satz eine quelle oder ein kontext. es bleibt ein zerrbild hängen, das der realität nicht gerecht wird und in erster linie den boulevard bedient.
    die da und dort geäusserte forderung, man solle assange am besten erschiessen, – davor kann man sich gar nicht genug distanzieren. oder wie meinen sie das genau?

    • lukasegli

      Der letzte Satz ist zynisch, ohne Zweifel. Es gibt nun mal Leute, die sich zynisch äussern, auch in Medien, und wenn dies der Sohn der betreffenden Person ist, die da umgebracht werden soll, ist das in erster Linie ein starkes Moment – ein zynisches halt. Was der gemeine SI-Leser einordnen kann oder nicht, weiss ich nicht. Es ist meiner Meinung nach auch nicht meine Aufgabe, den imaginären Leser ständig zu bevormunden. Ich hatte als Schluss eine einordnende Passage, die sinngemäss sagte, dass der Sohn zumindest den Verfolgungswahn von seinem Vater geerbt hat; ich habe mich nicht lange gewehrt, den Absatz wegzulassen. Zum Boulevard: Die SI ist Boulevard! Dass man sich von einem offensichtlich zynisch gemeinten Ausspruch distanzieren muss – ich weiss nicht… Ich will meine Leser zum Denken anregen, und ihnen das nicht in jeder heiklen Situation abnehmen

  4. ich finde, assange ist eben nicht einfach “eine heikle Situation” unter vielen. sondern ein akteur, der erstens so schnell wie kaum ein anderer in die schlagzeilen gekommen ist, weil er zweitens so schnell wie kein anderer die welt ziemlich durchgerüttelt hat. zudem ist sein privatleben nicht wirklich bekannt, da wurde in den letzten tagen einfach zu viel widersprüchliches herumgeboten. was bekannt ist, ist aber abenteuerlich genug für feinsten medienstoff. schon klar.
    wie auch immer – bei mir bleibt der eindruck, dass es mehr um das starke moment geht als um journalismus. es geht auch nicht um die bevormundung des lesers, sondern um eine klare distanzierung von irgendwelchen erschiessungsideen. damit macht man solche wahnideen salonfähig. eine einordnung wäre wichtig gewesen.

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