Der Volksmörder

© Schweizer Illustrierte, 28.02.2011 (PDF)

Erpresser, Geiselnehmer, Mörder – und eben noch Verbündeter des Westens: Muammar Gaddafi. Die Zeit des Vaters des internationalen Terrors ist abgelaufen

Von Lukas Egli

Er ist ein sensibler, ja ein feingeistiger Mann: Muammar Gaddafi mag Flamenco. Er hat eine philosophische Ader. Schreibt Geschichten und Essays. Fürchtet sich vor der Höhe. Und vor dem Fliegen, vor allem übers Wasser. Der libysche Revolutionsführer versteht sich als fürsorglicher Vater der Nation. Sieht sich als beliebter Führer. «Wer für die Massen und für die Freiheit kämpft, liebt mich immer und überall», behauptet er.

Doch der von 200 afrikanischen Königen und Stammesherrschern ernannte König der Könige ist ein überaus brutaler Herrscher. «Die Protestierenden sind Diener des Teufels. Sie bringen Schande über ihre Familie, falls sie Familie haben. Aber das haben sie nicht», rief er letzte Woche in die TV-Kamera. «Ich werde kämpfen bis zum Ende!»

Seit Tagen geht Muammar Gaddafi mit afrikanischen Söldnern und Spezialeinheiten gegen sein eigenes Volk vor. Gesicherte Informationen, was in Libyen passiert, gibt es kaum. Die spärlichen Fotos aus den Unruhegebieten zeigen tote Demonstranten, die von grosskalibrigen Geschossen zerfetzt wurden. Zerbombte Häuserzeilen. Strassengefechte. Beobachter und Zeugen sprechen von Hunderten von Todesopfern.

Gaddafi ist nach König Bhumibol von Thailand und der britischen Queen Elizabeth II. der dienstälteste Machthaber. Er ist ein raffinierter Machthaber, eine gefährliche gespaltene Persönlichkeit.

Da war einmal der idealistische Revolutionär, der 1969 im Alter von 27 Jahren König Idris I. stürzt. Der blutjunge Oberst entpuppt sich als Visionär. Als einer, der sein Land verändern will. Im «Grünen Buch» formuliert der Beduinensohn 1975 einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Skizziert, wie er die Demokratie verbessern will. Gaddafi gibt Libyen eine basisdemokratische Struktur. Zumindest auf dem Papier. Er gibt vor, für den ganzen afrikanischen Kontinent zu kämpfen.

Doch da war auch der blutrünstige Staatsterrorist. Gaddafi unterstützt Revolutionäre im benachbarten Tschad, in Sierra Leone, Liberia, Marokko, auf den Philippinen, im Iran. Er finanziert die IRA und palästinensische Terrorgruppen, die im olympischen Dorf in München 1972 ein Massaker anrichten. Er ist verantwortlich für das Bombenattentat auf ein amerikanisches Linienflugzeug über dem schottischen Lockerbie 1988. Hunderte Menschen sterben.

Da ist der exzentrische Staatsführer, der sich gern mit fantasievollen Uniformen schmückt und eine weibliche Leibgarde hält, die «Nonnen der Revolution»: 40 Frauen mit langen Haaren und lackierten Fingernägeln, die in engen Uniformen und hochhackigen Sandalen exerzieren. Wie sein enger Freund Silvio Berlusconi, Premierminister Italiens, bekämpft der eitle Wüstenfuchs das Alter mit Botox und Haartransplantationen.

Doch da ist auch der gnadenlose Diktator, der Presse-, Versammlungsund Meinungsäusserungsfreiheit rigoros beschneidet. Keine Opposition duldet. Kritiker konsequent verfolgt. Gemäss Amnesty International sind in den 42 Jahren seiner Herrschaft Hunderte von Menschen «verschwunden».

Auch Westler waren in Libyen nie sicher: 1999 liess Gaddafi fünf bulgarische Krankenschwestern und einen Arzt festnehmen. Zum Tode verurteilt, weil sie angeblich Hunderte Kinder absichtlich mit HIV infiziert hatten, schmorten sie jahrelang in Kerkern, wo sie gefoltert wurden. Erst nach Zahlung mehrerer Hundert Millionen Dollar und einer persönlichen Intervention des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy kamen sie 2007 frei.

Die Schweiz bekam Gaddafis Willkür in voller Härte zu spüren: 2008 liess er die in Libyen tätigen Schweizer Max Göldi und Rachid Hamdani festnehmen – als Rache für die Verhaftung seines Sohnes Hannibal in Genf. Er und seine Frau hatten Hausangestellte schwer misshandelt. Göldi verbrachte fast zwei Jahre in Gaddafis Geiselhaft.

«Mad dog of the Middle East» nannte ihn US-Präsident Ronald Reagan: der wahnsinnige Hund des Nahen Ostens. Der Ostblock ging unter, der irakische Diktator Saddam Hussein wurde in einem brutalen Krieg von der Macht entfernt, Irans Mahmud Ahmadinedschad und Nordkoreas Kim Jong Il werden weltweit geächtet. Nur Gaddafi hat es mit seinem Ölreichtum geschafft, die ganze Welt zur Geisel zu nehmen.

Gerne zelebrierte er das Nomadendasein. Auf Staatsbesuchen schlug Gaddafi seine Zelte auf, egal ob in Paris oder in New York. Immer reiste er mit einer Gruppe ukrainischer Krankenschwestern, angeführt von einer üppigen Blondine namens Galyna. Gerne führte er besserwisserische Reden: «Es gibt keinen demokratischen Staat auf der Welt neben Libyen», behauptete er anlässlich einer Rede an der Columbia University in New York 2008.

Letzte Woche bekam die ganze Welt seinen Wahnsinn zu sehen. In der ersten TV-Ansprache seit Beginn der Unruhen am 17. Februar sagte Muammar Gaddafi: «Ich wollte mit den jungen Leuten auf dem Grünen Platz reden und mit ihnen die Nacht verbringen, doch dann kam der gute Regen. Hört nicht auf die Ansagen der streunenden Hunde.» Er sass in einem alten Jeep, in der rechten Hand hielt er einen grossen Regenschirm. Der absurde Film dauerte nur 22 Sekunden. Darauf folgte ein arabisches Musikvideo. Warum nur hat die Weltgemeinschaft diesen Irren wieder aufgenommen?

Überraschend hat Gaddafi die Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001 in New York verurteilt. 2003 erklärte er den Verzicht auf Massenvernichtungswaffen. 2004 unterzeichnete er das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag und liess Kontrollen der nuklearen Anlagen zu. Weiter liess sich Libyen, Transitland von Migrationsströmen, in den Kampf gegen die illegale Einwanderung nach Europa einbinden. Die Rehabilitation ging so weit, dass Libyen im 2006 gegründeten Uno-Menschenrechtsrat Einsitz nahm. Gaddafi werde in der arabischen Welt nicht als Diktator wahrgenommen, so Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy 2007.

Letzte Woche dann die Kehrtwende: «Herr Gaddafi muss gehen», sagte derselbe Sarkozy am vergangenen Freitag. Die EU will wieder ein Waffenembargo verhängen, das man 2004 aufgehoben hatte. Die Schweiz beschloss als erster Staat, mutmassliche Vermögen des Gaddafi-Clans zu blockieren. Noch im Januar hatte sie die Libyer am WEF willkommen geheissen.

Die Vermögenswerte sind immens. Aufgrund der Libyen-Krise wird nur wenig in der Schweiz vermutet; Dutzende von Milliarden Dollar sollen in den USA liegen. Die Verflechtungen des libyschen Machtclans durchdringen sowohl Öl-, Gas- und Lebensmittelindustrie wie auch Telekommunikations-, Bau- und Medienbranchen. US-Diplomaten sprachen laut Wikileaks von «Gaddafi Incorporated». Die «Financial Times» schätzt die Exportgewinne auf mehrere zehn Milliarden Dollar im Jahr.

Milliarden, mit denen vor allem seine Söhne Aufsehen erregten: Hannibal mietete sich auf seinen Reisen mit Vorliebe in Dutzende von Luxussuiten ein – allerdings oft ohne seine Rechnungen zu begleichen. Saadi, der jüngste Spross, kaufte sich in Italien in Fussballvereine ein, um Profifussballer zu werden – trotz mittelmässiger Begabung. Die Hoffnungen des Westens lagen auf Saif, 38: Er gab sich gemässigt und versöhnlich und präsentierte Reformpläne für Libyen. Letzte Woche aber drohte er den Protestierenden am Fernsehen mit Bürgerkrieg. «Es gibt einen Komplott gegen Libyen», sagte er. Und klang schon fast so paranoid wie sein Vater.

Vater Gaddafi ist ein Hypochonder, der Arztbesuche filmen lässt, um Zweit- und Drittmeinungen einholen zu können. In Gesprächen meidet er jeglichen Augenkontakt. Zeigt sich extrem launisch. Macht gerne lange, unangenehme Redepausen.

Ausländische Agenten und Terroristen hätten den jungen Leuten Halluzinogene gegeben, sagte er letzte Woche live am Telefon zur arabischen TV-Station Al Jazeera. Er sprach so wirr, als sei er selbst im Drogenrausch. Ohne Gruss hängte er das Telefon unvermittelt auf. Die Verbindung brach ab. Besetztton.

In seiner letzten Ansprache auf dem Grünen Platz machte Gaddafi das Terrornetzwerk Al Kaida und Osama Bin Laden für die Unruhen im Land verantwortlich. Ohne zu erwähnen, dass der saudische Terrorfürst sein Wiedergänger ist: Der Begründer des internationalen Terrorismus heisst Muammar Gaddafi.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Politik, Schweizer Illustrierte

2 Antworten zu “Der Volksmörder

  1. Wer sind oder wer ist der Moerder von Oberst Gaddafi

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s