Der kleine Sonnenkönig

© Schweizer Illustrierte, 18.04.2011

EU-Befürworter, AKW-Gegner, machtbewusst: Der Grünen-Pionier Ruedi Baumann war erfolgreich – und umstritten. Seit zehn Jahren lebt er im Südwesten Frankreichs den Traum vom grünen Leben.

Von Lukas Egli

Vor der Kirche in Traversères rechts und ans Ende der Sackgasse fahren» – Ruedi Baumann hätte besser «ans Ende der Welt» geschrieben. Der Weg führt an zwei, drei bewohnten Häusern vorbei, über einen windigen und zauberhaft stillen Hügelrücken, dann taucht er in eine Allee von uralten, knorrigen Eichen, die die Strasse überdachen, bis er vor Ruedi Baumanns Haus abrupt endet, einem Herrschaftshaus, das über einer grandiosen Landschaftsarena thront.

Hierhin also hat sich der ehemalige Präsident der Schweizer Grünen Partei zurückgezogen. Nach zwölf Jahren im Nationalrat (bis 2003) und Jahrzehnten als Biobauer in Suberg im Berner Seeland wanderte er 2001 mit seiner Frau Stephanie in den Südwesten Frankreichs aus. In die Gascogne, einem Schlaraffenland, das Delikatessen wie Fois gras und Armagnac hervorgebracht hat. Und lebt den Traum vom grünen Leben.

«La France rurale!», schwärmt Biobauer Baumann, 63, auf dem Innenhof seines schönen, gepflegten Guts. «Sieht noch aus wie die Schweiz in den 1950er-Jahren. Ich liebe dieses Land!»

Ruedi Baumann hat immer eigene Ideen gehabt. 1997 wurde der Ingenieur-Agronom ETH in einer Kampfwahl Parteipräsident. Er blieb bis zum Rücktritt 2001 umstritten. Baumann kämpfte für einen Beitritt der Schweiz zur EU und für die Kleinbauern, kämpfte gegen die Kernkraft und den «Mobilitätswahn». Bereits unter seiner Ägide wurden parteiinterne Konflikte sichtbar, die in der Abspaltung der Grünliberalen Partei 2004 mündeten, der politischen Kraft der Stunde.

Hackstriegel, Schlegelhäcksler, Hangmäher – in der offenen Scheune reihen sich die Landmaschinen aneinander, der Stolz jeden Bauers, sauber arrangiert. Die Ordnungsliebe wird der Schweizer Bauer auch in der Fremde nicht los. Davor der Traktor, Inbegriff des Bauerndaseins. Es ist ein Massey Ferguson, eine «Rostlaube», wie seine Nachbarn spotten. Sie haben grössere, bessere, amerikanischere. Ruedi Baumann geht auch in der Gascogne seinen eigenen Weg.

Doch sein grösster Stolz ist nicht in, sondern auf der Scheune: Eine 80 Quadratmeter grosse Solaranlage ziert das Ziegeldach, im sonnenreichen Süden eine gute Sache. Seit 2009 fördert Frankreich die Netzeinspeisung stark. 60 Eurocent erhalten Kleinkraftwerk-Betreiber pro Kilowattstunde. 12 000 Franken löst AKW-Gegner Baumann mit seinen 15 000 kW/h jährlich. Ohne nur einen einzigen Finger zu rühren. Das einstige Solarpionierland Schweiz ist in Sachen Alternativenergien längst vom Atomstromland Frankreich überholt worden. Sehr zum Ärger des Grünen-Pioniers.

Bereits in der Schweiz hatte sich der Biobauer als Stromproduzent versucht. Ein Wasserrad im Dorf hatte es ihm angetan. Er wollte einen Stromgenerator damit betreiben. Jahrelang kämpfte er gegen die Kantonsbehörden, die ihm stur die Wasserkonzession verweigerten. Am Ende durfte er unter strengen Auflagen sein kleines Flusswasser-Kraftwerk betreiben, das 1 kW/h produzierte. «Keine Erfolgsgeschichte», meint Baumann im Rückblick trocken. Doch es ging ums Prinzip. In der Schweiz gebe es Tausende blockierte Stromprojekte. Dabei wäre die Sonnenenergie doch das Beste für die Landwirtschaft. «Auf jede Scheune gehört eine Solaranlage!», fordert Baumann. «Nur die Schweizer Bauern merken es nicht», enerviert er sich.

Doch Baumann hat den Schweizer Kleinkram längst hinter sich gelassen.

«Ich schnaufe jedes Mal auf, wenn ich von den Ferien bei den Söhnen in der Schweiz hierhin zurückkehre», erklärt er, während er sein schönes Ackerland betrachtet. 70 Hektaren bewirtschaftet er. Für Schweizer Verhältnisse fast ein Grossbetrieb, in Frankreich fast nichts. Baumann produziert Biogetreide, Sonnenblumen, Bohnen. Bescheidene Erträge mit minimalem Aufwand. Und hält kein Stück Vieh. «So kann ich Ferien machen!» Er ist ein Anti-Bauer geworden.

«Hier sehe ich nie einen Bauern arbeiten», erzählt er lachend. «Aber plötzlich sind die Felder gemacht. Wie von Geisterhand.» Anders als die Schweizer würden die französischen Bauern ihre Tage nicht mit «Chrättele» verbringen. Sätze wie Dornen in die Schwielen fleissiger Schweizer Bauernhände.

Das politische Umfeld meint es gut mit dem linken Immigranten. In der Gascogne kandidieren selbst Bauern als Kommunisten. «Ich bin hier sehr gut aufgenommen worden, gerade auch wegen meiner grünen Haltung», so Baumann. Er kann sich nicht vorstellen, dass es einem Fremden in der Schweiz so erginge, wenn er ein Heimet kaufen wollte.

Gerne fährt Ruedi Baumann in seiner Freizeit über Land, auf der Suche nach alten Landmaschinen, die er auf seinem Hof selbst wieder instand stellt. Bäche, Hecken und Wälder unterteilen die weitläufige, fruchtbare Hügellandschaft. Auf den Kuppen stehen alte Kornmühlen. Die Nutzung der Naturkräfte ist in Südfrankreich keine neue Erfindung. Am liebsten zeigt er seinen Schweizer Gästen das nahe Sonnenkraftwerk Saint-Clar: 15 Hektaren Solarpanels, Strom für 10 000 Personen. 30 Millionen Euro wurden hier in Sichtweite zum AKW Golfech investiert. «Jedes Dorf könnte seinen eigenen Strom machen!», ist AKW-Gegner Baumann überzeugt.

Wie er auf seinem Hof: Mehrmals am Tag schlurft der Berner Biobauer zu seiner Stromzentrale, liest den Zählerstand ab, notiert ihn auf dem Kalender. Wieder ein Rekordtag! Wieder 50 Euro verdient! Ohne nur einen Finger zu rühren! 100 000 Franken hat er investiert. In zehn Jahren wird die Anlage amortisiert sein. Und weitere zehn Jahre Gewinn abwerfen.

«Ich habe hier zehn extrem schöne Jahre verbracht», sagt Baumann, dem der Vater einst den Besuch der Sekundarschule verbot, weil er dann weniger hätte helfen können auf dem Hof. Nun endlich lebt er ein Flohnerleben.

Die Schweizer Politik verfolgt er aus der Ferne, hofft, dass die Grünen bei den Wahlen im Herbst wieder vorwärtsmachen. Selbst wieder antreten? «Ich will doch nicht noch mehr Zeit meines Lebens herumsitzen!» Oder in Frankreich kandidieren? «Hier wird ja noch mehr gschnurret!» Nein, in der Gascogne bekämpft Ruedi Baumann nur noch wilde und wohlriechende Gewächse: Lorbeer und Brombeere, die alles zu überwuchern drohen.

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