Blattmanns schwierigste Mission

© Schweizer Illustrierte, 26.04.2011 

Humor, Charme und Aufsässigkeit: Armeechef André Blattmann braucht sein ganzes rhetorisches Arsenal, um seinen Offizieren die Zukunft der Schweizer Armee zu erklären. Unterwegs mit dem Oberbefehlshaber.

Von Lukas Egli

Militärische Führung kennt einfache Prinzipien. Eines lautet: KKK – Kommandieren, Kontrollieren, Korrigieren. Der Befehl kommt von oben. Er wird peinlich genau ausgeführt. Keine Widerrede, marsch!

Das war einmal. Heute müsste man zumindest ein viertes K hinzufügen: für Kommunizieren. Oder gar ein fünftes: Konfrontieren. Keiner hat das besser verinnerlicht als André Blattmann, 55, seit dem 1. März 2009 Chef der Armee (CdA).«Es ist mir ein Anliegen», erklärt er bei einem Truppenbesuch in Herisau, «dass Sie das eine oder andere aus erster Hand hören.» Die neunzig Schüler der Berufsunteroffiziersschule BUSA, angehende Berufsmilitärs, sitzen stramm im Versammlungsraum der Kaserne. Der CdA trägt wie sie Kampfanzug, die Ärmel bis hinter die Ellbogen hochgekrempelt.

«Welches sind die Eckwerte des Armeeberichts vom 1. November?», fragt er in das schmucklose Schulzimmer. Es ist keine rhetorische Frage. «Schreiben Sie es auf», befiehlt der höchste Schweizer Militär. «Sie haben zwei Minuten!» Schon startet er seinen stählernen Chronografen und schlendert erhobenen Hauptes zwischen den Tischen durch, lässt langsam seinen stechenden Blick von Schüler zu Schüler wandern.

Es ist eine knifflige Frage, die der Armeechef seinem Nachwuchs stellt, hat es doch mehrere Fassungen gegeben. Dass die Medien die Berichte als «unvollständig» und «unbrauchbar» taxierten, macht die Sache nicht einfacher. «Mir ist wichtig, dass die angehenden Berufsunteroffiziere wissen, wo die Armee steht», erklärt Blattmann. «Schliesslich sind sie unsere künftigen Botschafter.» Der Nachwuchs soll sich auch in unübersichtlichem Feld zurechtfinden, so sein Anspruch. Die Schweizer Sicherheitspolitik ist zum Minenfeld geworden.

Die Armee ist von allen Seiten unter Druck. In den Regionen schrumpft die Unterstützung für die oft lauten Aktivitäten des Militärs. Die Politik streicht ihr die Mittel. Die Wirtschaft will keine militärisch ausgebildeten Führungskräfte mehr. Und auch die Bevölkerung weiss nicht mehr recht, wofür es eine so teure Armee überhaupt braucht. Die Zeit des Selbstzwecks ist auch bei der heiligsten aller heiligen Kühe längst vorbei.

Doch haben das die Militärs selbst auch wirklich begriffen? Dies herauszufinden und gegebenenfalls zu korrigieren, ist CdA Blattmanns schwierigste Mission. Mit einfachem KKK wird sie nicht zu bewerkstelligen sein.

«Wenn der Bundesrat darauf besteht, dass wir jährlich tausend Millionen einsparen, wie es im aktuellen Armeebericht vorgesehen ist», mahnt der Chef vor seinen Unteroffizieren in Herisau, «dann bleibt bei der Armee kein Stein auf dem andern.» Nun geht sein Adlerblick auch in die hinteren Reihen des Schulungsraums, wo seine Ausbildner und Offiziere sitzen. «Einfach so weitermachen wie bisher, das wird nicht gehen!»

Als André Blattmann Mitte der 1980er-Jahre Einheitsinstruktor bei den Flab-Rekrutenschulen in Payerne war, verfügte die Schweizer Armee über 12 Divisionen, 17 Brigaden, 625 000 Soldaten. Blattmann hatte eine Banklehre bei der UBS gemacht, deren Generaldirektoren alle als Miliz-Oberste dienten. Damals war die Armee noch Teil der Schweiz, Teil der Wirtschaft. «Die Führungspersönlichkeiten, die aus der Armee kamen, hatten noch etwas anderes vor Augen als das schnelle Geld», ist Blattmann überzeugt. Er bildete sich zum Betriebsökonomen HWV weiter und machte einen MBA an der Universität Zürich. Zivile Bildung, die er heute als CdA gut gebrauchen kann. Denn er hat viel Vermittlungsarbeit zu leisten.

Blattmann spricht, er schreit nicht.

Er fragt, doziert nicht. Und der oberste Befehlshaber kann gut zuhören. Als ihn später in kleinerer Runde ein Unteroffiziersschüler auf Missstände bei Infrastruktur und Material aufmerksam macht, verdankt er die Kritik und verspricht Besserung. Mühelos wechselt der Zürcher zwischen Mundart, Hochdeutsch, Französisch und Englisch. Wie sein Vorgesetzter, Verteidigungsminister Ueli Maurer, stammt er aus Hinwil im Zürcher Oberland. Das gemeinsame Idiom schafft Vertrauen trotz unterschiedlichem Parteibuch: Ueli Maurer SVP, André Blattmann FDP.

Am liebsten stellt André Blattmann Fragen: «Ist es ein Ziel, nur noch 120 000 oder gar nur 60 000 Soldaten zu haben?» Die Frage hallt durch den Schulungsraum. Für die Verteidigung blieben beim vom Bundesrat vorgeschlagenen Bestand von 80 000 noch 15 000 Mann plus die Luftwaffe, erläutert er den Schülern. Keiner der jungen Militärs streckt die Hand auf, aber viele schütteln schweigend den Kopf. «Es ist nicht an uns, diese Frage zu beantworten», antwortet sich Blattmann selbst. «Aber wir müssen der Politik erklären, was es für unser Land bedeuten würde.»

Gerne wirft er einfache Fragen auf, auf welche es nur schwierige Antworten gibt. Und er liebt die Kunstpause. «Warum geht es uns in der Schweiz so gut?» – «Wegen den tiefen Steuern?» – «Natürlich nicht! Tiefe Steuern gibt es auch anderswo. Uns geht es so gut, weil wir viel arbeiten und alle gut ausgebildet sind. Und weil wir in Sicherheit leben!» Darum sein Tipp: «Lassen Sie sich nicht durcheinanderbringen. Dieses Jahr sind noch Wahlen. Politiker dürfen auch unausgegorene Sachen sagen.»

Überall auf der Welt seien derzeit die Armeen im Einsatz, erklärt der Armeechef. Katastrophenhilfe, Unterstützung der Sicherheitskräfte, Transportdienste – alle Teile des Militärs, von den Bodentruppen bis zur Luftwaffe, würden in Haiti, Chile, Australien und Japan gebraucht. «Wer von Ihnen wusste denn im Januar, dass es in Nordafrika zu Volksaufständen kommen wird?» Pause. «Keiner wusste es!» Pause. «Das EDA ging Anfang Jahr sogar noch davon aus, dass der Nahe Osten und Nordafrika zu den stabilsten Regionen der Erde gehören.» Womit auch die heikelste aller Fragen geklärt wäre: die nach der Daseinsberechtigung der Armee.

Heute spricht er vor Unteroffizieren und Ausbildnern in Herisau, morgen wird er vor den Angestellten des Flugplatzes Meiringen BE sprechen, danach geht es nach Magglingen BE zu einem Führungsseminar mit seinen Offizieren. Der Chef der Armee spricht mit Wirtschaftsführern, mit Politikern, mit Behörden. «Die Armee hat es während Jahren verpasst, zu erklären, was sie eigentlich macht und was sie will», sagt er. Ein heutiger General muss viel reden. Nicht befehlen.

Dann steigt der CdA in den Eurocopter.

«Tolles Flugwetter!», sagt er. «Bestimmt wird mir das als Ferientag abgezogen.» Dass ihn der Armeehelikopter später zu Hause auf dem Mont Vully absetzen wird – fraglos ein verdientes Privileg. Am nächsten Morgen geht der Redemarathon weiter: «CdA-Zmorge», geladen sind die Flugplatzangestellten und Anwohner. Auf dem Programm: jede Menge einfache Fragen. Und schwierige Antworten.

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