Wochentags bleibt der Tea-Room geschlossen

© Oktober 2002, Neue Zürcher Zeitung

Über die Grimsel kommen nur noch drei Dinge: der Föhn, die Bise und die Armeeflugzeuge. Der Tourismus entlang der Schweizer Alpenpässe serbelt

Von Lukas Egli

Da wäre der See. Da die Gerstenhörner. Dort der Rhonegletscher. Alpenblick, weiss in Weiss. Zu sehen ist nichts. Nur vereinzelt zeigen sich Löcher in der Nebelwand, tauchen im dichten Weiss eindimensionale Fetzen von Landschaftsbildern auf: graugrüne Moosflecken auf graugrünem Granitfels, kulissenhafte Geröllhalden und verwitterte Betonpfeiler, kleine Wellen auf tiefschwarzem Wasser, sekundenlang die Insel auf dem Totensee. Es ist wie so oft auf der Grimsel, es ist neblig.

Unterhalb der Strasse endet die Welt

«Vielleicht sollten wir gleich weiterfahren. Da ist ja nix», beklagt sich eine deutsche Autotouristin bei ihrem Mann. Hinter dem Ehepaar taucht ein Postauto auf und verschwindet ebenso lautlos schwebend wieder. Das Paar steht ratlos auf dem Parkplatz. «Und wie ist’s im Wallis?», fragen sie einen anderen Automobilisten. Dort scheine die Sonne, meint dieser. Die Klimaanlage des Familienwagens surrt, es weht ein eisiger Wind. Auch im Haslital sei es schön, sagt ein anderer. Überall scheint die Sonne zu scheinen. Nur auf der Grimsel nicht. Die Grimsel ist heute eine unselig widerspenstige Dame. Erst am nächsten Tag wird sie ihre Schönheit enthüllen. Doch dann werden die Autofahrer allesamt weitergefahren sein.

Die Panoramastrasse von der Passhöhe zum nahen Oberaargletscher ist von einem samtenen Tuch eingehüllt. Auf der linken Strassenseite sind ausgewaschene Felsbrocken zu erkennen, auf der rechten Seite eine verrostete Leitplanke, der Farbton ist irgendwie derselbe. Wenige Meter unterhalb der Strasse endet die Welt. Dann reisst die Nebelwand auf. Jäh bekommt die Mondlandschaft Schärfentiefe und Farben, ist die Struktur des Steins zu erkennen, die Maserung des Betons.

Aussterbende Passion Passfahren

Wer sich ein Automobil leisten konnte, befuhr die Alpenpässe. Passfahren, das war einst ein gesellschaftliches Vergnügen erster Güte, eine nationale Passion. Durch die Strassenerschliessung der Alpen wurden die Wunder der Berge greifbar, für jedermann erreichbar. Diese Zeit ist vorbei. Heute zieht es nur noch wenige Motorfahrer auf die Serpentinenstrassen. Und diesen wenigen fehlen Zeit und Geduld. Man fährt nicht mehr auf die Grimsel. Nein, wenn schon, dann werden Brünig, Grimsel, Furka und Oberalp in einem Zug genommen. Die heutige Motoren- und Kühltechnik macht’s möglich. Und ist der Wetterbericht einmal unsicher, bleibt man doch lieber zu Hause. Der Passstrassen-Hotellerie geht es im beschleunigten Zeitalter nicht eben gut.

Im Gegensatz zu Simplon, Gotthard und Grossem Sankt Bernhard hat die Grimsel verkehrstechnisch und geostrategisch nie eine grosse Bedeutung gehabt. Dafür gilt sie als eine der schönsten Passstrassen der Schweiz. Fünf Hotelrestaurants säumen seit dem Strassenausbau in den fünfziger Jahren den Weg zwischen dem Berner Oberhasli und dem Walliser Obergoms, zwei touristischen Kleinoden. Doch mit dem Tourismus ist es an der Passstrasse bald vorbei.

«Wenn das so weitergeht . . .», sagt Josephine Gemmet, verdreht die Augen und verschluckt das unglückselige Satzende. «Der Herr ist treu», schwört ein Schild an der Wand. In den Blumenkisten auf dem Fenstersims wachsen Edelweiss, die zusammengeklappten Sonnenschirme an der Strasse wanken im milchigen Wind. Den ganzen August über hätten sie schon Schlechtwetter gehabt, klagt die Wirtin vom Hotel Grimselblick. Und schon die vergangene Saison sei schlecht gewesen. Wegen eines Felssturzes bei Innertkirchen im Juni, zwei Tage nach der Öffnung, blieb die Passstrasse wochenlang geschlossen. Sie hätten grosse Verluste eingefahren, erzählt sie. – Der Geschäftsgang ihres Hotels sei extrem wetterabhängig, erklärt Stefan Gemmet. Sei das Wetter schlecht – oder auch nur der Wetterbericht -, gehe es rasant bergab. Die Amerikaner und Japaner blieben schon lange weg, die Deutschen müssten seit Einführung des Euro sparen.

Und wegen der Expo fehlten nun auch noch die sonst so treuen Schweizer Gäste, sagt er. Einzig die Busreisenden kämen noch bei Wind und Wetter. In Gemmets Gästebuch kleben unzählige Amateurphotographien von Reisebussen. Cars in allen Farben, aufgenommen vor demselben Hintergrund.

Hinter einem engmaschigen Gitterzaun blinzeln zusammengekniffene Augen, im Futtertrog liegt ein Haufen toter Kücken, das braunschwarze Kleid der Eulen zittert nicht im steifen Bergwind. Zwei Düsenjets brechen über die neblige nachmittägliche Alpenruhe ein, die eingepferchten Waschbären schlafen ungerührt. Fünf Murmeltiere klettern über groteske hölzerne Modellhäuser, die wenigen Touristen reden den depressiven Tieren gut zu. An einer Fahnenstange dengelt ein Hanfseil. Unterhalb des verwahrlosten Tierparks gibt es einen Kiosk. Kristalle, Souvenirs und Ramsch aller Art. Zerstreuung und Andenken für die vom Wetter gelangweilten Durchreisenden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben Gemmets Eltern das Hotel auf der Grimsel gekauft, damals noch ein kleines Häuschen. Seither wurde Jahr für Jahr an- und umgebaut. 100 bis 650 Mittagessen servieren die Gemmets jeden Tag, je nach Witterung und Wochentag. Heute verfügt das Gasthaus über 16 Hotel- und 30 Lagerbetten, 500 Essplätze sowie über den Murmeltier-Park. Einen solchen gibt es wenige hundert Meter weiter bei der Konkurrenz im Übrigen auch. Es gebe einfach zu viele Hoteliers, sagt Gemmet. Zumal zu viele Einfallslose. Der Murmeltier-Park sei seine Idee gewesen.

Als die Engländer noch blieben

Gegen 18 Uhr kehrt eine unwirkliche Stille ein. In den Ritzen eines Verkehrsschilds summt der Wind, irgendwo im Nebel blökt ein trotziges Schaf. Drei junge Engländer rennen in T-Shirt und kurzen Hosen über die vernebelte Strasse. Doch der Souvenirladen ist bereits geschlossen. Schnell sind sie wieder weg. Es ist Ende August, für Sommerkleider ist es hier oben zu kalt. Eine Handvoll Hotelgäste und zwei Arbeiter der Grimselkraftwerke sitzen in der Beiz vor warmen Getränken.

Ja, es sei eine schwierige Zeit, meint Diego Schmidhalter, Betreiber des am andern Ende des Totensees gelegenen Hotels Grimsel-Passhöhe. Das Gasthaus sei nur gerade vier bis maximal fünf Monate im Jahr geöffnet, so lang wie die Strasse halt, es sei wie bei den Freibädern. «Die heutigen ausländischen Touristen kehren nur noch bei Schönwetter ein», sagt er und trauert vergangenen Zeiten nach. Die Engländer, die in den fünfziger Jahren gekommen seien, die seien wenigstens auch bei Schlechtwetter geblieben. Damals war Zeit noch etwas anderes.

Am einen Tag laufe es dem einen gut, am andern dem andern, am dritten dem Dritten, sagt Schmidhalter. Es gehe allen Hoteliers hier oben gleich, lautet seine resignative Einsicht. Die Holzdielen seines Gasthofs knarren, die Betten knarzen, in den einfach eingerichteten Hotelzimmern schwingt eine wunderbar nostalgische Stimmung. Keiner habe mehr Geld für Investitionen. Einen Bankkredit zu erhalten, sei ein Ding der Unmöglichkeit, so Schmidhalter.

«Jedes zweite Hotel in der Region ist in Konkurs, jeder zweite Bauernhof steht zum Verkauf», weiss Bergführer Hansruedi Abbühl. Es sei dramatisch, dem Oberhasli und dem Obergoms stehe das Wasser nicht bis zum Hals, sondern bereits darüber, erklärt der pensionierte Landwirt und ehemalige Politiker aus Hasliberg abends am Stammtisch. Nur drei Dinge kämen noch über die Grimsel: der Föhn, die Bise und die Armeeflugzeuge, sagt er. Er habe genug davon, er ziehe weg.

Weg hier, der Tag ist noch jung

Trost bringt erst der nächste Morgen. Wie verwandelt zeigt sich nun die Passlandschaft. Eine geradezu bunte Bergkulisse spiegelt sich im dunkelgrünen See, die ganze Umgebung erstrahlt in einem versöhnlichen hellblauen Licht. Was die Grimsel am vergangenen Tag im Nebelkleid verbarg, zeigt sie nun gleich verdoppelt.

Doch auch diese Schönheit vermag die Passfahrer nicht zu bremsen. Um 9 Uhr 10 treffen die ersten Motorradfahrer ein, um 9 Uhr 18 hält der erste Reisecar, um 9 Uhr 22 halten die ersten Velofahrer. Wenig später donnern die Kampfflieger über den stahlblauen Himmel, die ersten Durchreisenden fahren wieder ab. Wellenweise werden die Touristen auf den Parkplatz der Grimsel-Passhöhe gespült, und wellenweise rauschen sie wieder davon. Einer bleibt im Cabriolet sitzen, blickt eineinhalb Minuten über den Totensee – die Franzosen sollen darin einst die Österreicher versenkt haben – und braust wieder zu Tal. Auf zur nächsten Bergstrecke. Der Tag ist noch jung.

Die Terrasse des Tea-Rooms ist bestuhlt, zwei Wanderer warten auf das Postauto. Die warme, spätsommerliche Sonne bescheint die weisse Fassade. Es wäre schön, hier zu verweilen. Doch der Tea-Room auf dem Grimselpass bleibt an Wochentagen mangels Gästen geschlossen. Wochentags bleibt der Tea-Room geschlossen.

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Eingeordnet unter Die Anatomie der Peripherie, Neue Zürcher Zeitung, Tourismus

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