Seilziehen im Aletschgebiet

© «Beobachter», September 2005

Der Provinzfürst Albert Bass will endlich eine Seilbahn zwischen Belalp und Riederalp ­ Unesco-Weltnaturerbe hin oder her. Da kann Ralph Manz vom WWF noch so lange murren. Ein Rendezvous nach Walliser Art.

Von Lukas Egli

Kommt er oder kommt er nicht? Bereits zweimal hat Albert Bass das Treffen mit Ralph Manz abgeblasen. Und dann schliesslich doch zugesagt. Sonntag, 16 Uhr, auf Riederalp, lautete die Abmachung. Nun ist es bereits 16 Uhr 30. Und wieder ist unklar, ob die Zusammenkunft stattfinden wird. «Der Wind ist zu stark. Der Seilbahnbetrieb wurde eingestellt», muffelt Bass ins Telefon. Er ist Verwaltungsratspräsident der Aletsch-Riederalp-Bahnen. Das Leben spielt manchmal mit feiner Ironie.

«Nur dass das klar ist: Ich warte hier nicht ewig auf den Herrn Direktor», murrt Ralph Manz. Auch der Geschäftsleiter des WWF Oberwallis hat seine Zusage für das Treffen mehrmals zurückgezogen. Er kenne das Projekt im Detail nicht und könne darum nicht fundiert Stellung nehmen, hatte er gesagt. Doch letztlich obsiegte die Neugierde über seinen Unwillen.

Die Aufregung im Oberwallis war gross, als die Aletsch-Riederalp-Bahnen und die Belalp-Bahnen im Dezember 2004 ankündigten, sie wollten ihre Gebiete mit einer Seilbahn verbinden. Die Idee ist nicht neu. Ihre Umsetzung scheiterte bislang an technischen und Finanzierungsproblemen. Touristisch birgt das Projekt einige Logik: Das Skigebiet von Riederalp, an einem kurzen Südhang gelegen, ist relativ bescheiden. Umgekehrt fehlt es dem landschaftlich grosszügigeren Belalp an Betten. Die beiden Orte würden sich gut ergänzen.

Bewehrt mit einem dicken Dossier von Landkarten und Verordnungen ist Ralph Manz auf die Riederfurka gekommen. Bei der Villa Cassel, einem skurrilen Herrschaftshaus des deutsch-britischen Naturschutzpioniers Sir Ernest Cassel, erläutert er die raumplanerischen Tücken des Terrains. «Über diesem Gebiet liegt ein regelrechter Schutzvertragsteppich», erklärt der Umweltschützer. «Dieses Projekt ist total unrealistisch.»

«Was heisst denn hier leider?»

«Belalp, Riederalp, Bettmeralp ­ das gehört alles zum Aletschgebiet. Wir verbinden nur, was natürlich zusammengehört. Doch leider trennt uns die Massaschlucht», gluckst Albert Bass, der Seilbahnpromotor. In den kleinen Augen hinter den Brillengläsern blitzt Schalk, die kleine Provokation bereitet ihm sichtlich Vergnügen. Die Empörung von Manz ist ihm sicher.

Mittlerweile sitzen sich die beiden in Riederalp gegenüber und hauen sich ihre Argumente um die Ohren ­ die Walliser pflegen eine deutliche Sprache. «Was heisst denn hier leider? Zum Glück haben wir diese Schlucht!», faucht Manz. «Die Touristiker sollten endlich das vermarkten, was sie haben», ruft er. Intakte Landschaften hätten ein grosses Potenzial.

Die Aufregung hat gute Gründe: Die geplante Bahn tangiert nämlich eines der bestgeschützten Gebiete der Schweiz. Die Massaschlucht ist Jagdbanngebiet. Der obere Teil dieses Taleinschnitts gehört zum Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN). Und auf dem Grat der Riederfurka beginnt das Unesco-Weltnaturerbe Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn.

Volle 20 Jahre hat der Nominationsprozess für das Unesco-Welterbe gedauert ­ er musste mehrfach wegen Konflikten mit Bauprojekten unterbrochen werden. «Mein Traum war, dass sich das Weltnaturerbe von Gemmi bis Grimsel erstreckt», erzählt Bruno Messerli. Das seien die natürlichen Einschnitte, die das Gebiet eingrenzen. Der emeritierte Geografieprofessor der Universität Bern hat sich massgeblich für die Aufnahme des Aletschgebiets ins Unesco-Inventar eingesetzt. Bei der Erstellung des Schutzperimeters hätten aber touristische Projekte eine grosse Rolle gespielt. «Da wurde vielen politischen Interventionen nachgegeben», so Messerli. Umso wichtiger sei es nun, dass man das Erbe ernst nehme: «Jedem, der das Alpenpanorama vom Berner Münster aus betrachtet, leuchtet spontan ein, dass es sich hier um etwas Einmaliges handelt.»

Tourismus kontra Landschaftsschutz ­ es ist ein ewiger Streit. «Wir wollen nicht weiter über Einzelprojekte verhandeln. Wir verlangen einen Gesamtplan der touristischen Entwicklung für das Aletschplateau. Nur so lässt sich seriös arbeiten», stellt der Umweltschützer klar. «Da bin ich voll deiner Meinung», pflichtet ihm der Bergbahnpräsident bei. Und kurzzeitig sind die beiden per du. Doch die Harmonie ist nur von kurzer Dauer. «Das Ganze ist doch total unprofessionell», bellt Ralph Manz. «Trotz mehrmaligen Versprechen haben sich die Seilbahnpromotoren bis heute nicht mit den Umweltverbänden in Verbindung gesetzt», enerviert er sich. «Die Verbände sind Querulanten», ätzt Albert Bass zurück. Man habe in den Medien laufend über das Projekt informiert. Trotzdem würden die Verbände Halb- und Unwahrheiten verbreiten.

Keine 200 Meter liegen ihre Büros in Brig voneinander entfernt, dennoch haben die beiden noch kaum je ein Wort gewechselt. Zu weit auseinander liegen ihre Interessen. Ein ungleiches Duell: Der eine, Bass, ist ein Oberwalliser Schwergewicht ­ er waltet als Treuhänder, Vizepräsident der Walliser Kantonalbank, Präsident der Wirtschaftsförderung, Verwaltungsrat der Matterhornbahnen. Der andere, Manz, behauptet sich als Verbandsvertreter in schwierigem Terrain. Der Kanton Wallis lebt zu einem Viertel vom Tourismus und ist nicht eben für seine Aufgeschlossenheit gegenüber Umweltanliegen bekannt.

Das Projekt ist noch sehr vage

Und Albert Bass macht ihm die Aufgabe nicht leicht. Projektdetails rückt er keine heraus. Nur so viel: Das Bundesamt für Verkehr als Konzessionsbehörde prüfe derzeit drei Varianten: eine, die quer über das Unesco-Naturerbe führt, eine, die das BLN-Gebiet umfährt, sowie eine unterirdische. Einen ersten Entscheid erwartet er am 30. September. Laut Bass betragen die Kosten für das Projekt je nach Variante zwischen 25 und 80 Millionen Franken. Wie die Grossinvestition finanziert werden soll, bleibt sein Geheimnis.

Laut Professor Hansruedi Müller, Leiter des Forschungsinstituts für Freizeit und Tourismus der Universität Bern, sind Zusammenschlüsse von Bergbahnen sinnvoll, wenn sie sich naturräumlich ergeben. «Die Schweizer Bergbahnen sind immer noch zu stark aufgesplittert. Da besteht grosser Nachholbedarf», sagt er. Das heisse aber nicht, dass unbedingt neue Bahnen gebaut werden müssten. Es gehe vor allem um Managementkooperationen oder Fusionen. «Das Marktumfeld im Tourismus ist sehr schwierig, der Konkurrenzkampf hart», so Müller. «Die Schweiz hat Überkapazitäten. Eigentlich brauchts keine neuen Bahnen.» Darum sei jedem Investitionsvorhaben gegenüber grosse Skepsis angebracht. «Ich glaube, dass es sehr kritisch wird, wenn die Verantwortlichen das Belalp-Riederalp-Projekt einmal richtig durchrechnen», sagt Müller.

Bass, indirekt angesprochen, winkt ab, wischt alle Einwände vom Tisch. Er sieht nur eine Schwierigkeit für das Projekt: den Vertrag über die Abgeltung von Einbussen bei der Wasserkraftnutzung. Der Vertrag entschädigt die Gemeinden Ried-Mörel und Naters sowie den Kanton Wallis für die Nichtnutzung des Wassers oberhalb des Aletschgletschers. Er ist erst seit vier Jahren in Kraft, wurde über 40 Jahre abgeschlossen und spült jedes Jahr 70000 Franken ins Wallis.

«Ich habe den betroffenen Gemeinden geschrieben und sie gefragt, ob es wirklich ihr Wille war, dass hier keine Seilbahn gebaut wird», verrät der Bergbahnpräsident. Es ist ein unerwarteter, verwegener Spielzug. Ralph Manz bleiben die Worte weg. «Der Vertrag ist ja noch kaum umgesetzt und der politische Wille zur Umsetzung klein», frotzelt Bass. Die Gemeinden hätten nur das Geld gesehen. Man sollte die Bevölkerung noch einmal fragen. Dass es sich um einen Bundesvertrag handelt, kümmert ihn kein bisschen.

Grundsätzlich sei natürlich jeder Vertrag auflösbar, hält man im Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) hinter vorgehaltener Hand trocken fest. Im Vorfeld der Vertragsunterzeichnung sei aber immer offen kommuniziert worden, dass nach Abschluss des Vertrags in dieser Zone keine Bahnen mehr gebaut werden dürften, so ein Sachbearbeiter.

Die Regeln sind schärfer geworden

Doch auch wenn die Gemeinden den Vertrag wieder auflösen wollten, dürften die Seilbahnpromotoren am Jagdbann- und BLN-Perimeter einiges zu beissen haben. Zwar existieren in der Schweiz vier Seilbahnen durch Jagdbanngebiet. Doch sie wurden vor 1991 erstellt. Die seither gültige Verordnung bietet eine gute Handhabe gegen den Seilbahnbau. «Es ist klar, dass der Bau von touristischen Anlagen den Zielen von Faunavorranggebieten, wie es Jagdbanngebiete sind, meistens widerspricht», sagt Reinhard Schnidrig, Leiter der Sektion Jagd und Wildtiere des Buwal.

Ähnlich ist es beim BLN-Inventar: 2003 zeigte eine Studie, dass in 24 von 38 untersuchten BLN-Gebieten die Schutzziele nicht erreicht wurden. Der Bundesrat beschloss daraufhin, das Instrument griffiger zu machen. «Sollte es dem Bund ernst sein, ist dieses Projekt ein Präzedenzfall», knurrt Manz. «Die Seilbahn wäre ein massiver Eingriff und eine starke ästhetische Beeinträchtigung des BLN-Gebiets.»

Albert Bass bleibt ungerührt, lässt sich vom Widerspruch nicht beirren. «Dieses Projekt ist auch unter den heutigen Auflagen machbar», sagt er. Mit dieser Bahn würden sich existenzielle Dinge für die Region entscheiden. «Hier geht es um das Überleben des Aletschgebiets», verkündet er und steht auf. Die Unterredung ist beendet. Das Schlusswort hätte auch von Ralph Manz sein können. Nur dass es die umgekehrte Bedeutung gehabt hätte.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Beobachter, Die Anatomie der Peripherie, Politik, Tourismus

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s