Der Nierenstein der Nation

© «Beobachter», August 2006

Anfang September steigt das Unspunnenfest – 201 Jahre nach der ersten Austragung und ohne den legendären Originalstein. Die Steinstösser wollen ihn gar nicht mehr zurück.

Von Lukas Egli

Er will an dem Tag, als der Unspunnenstein in Interlaken zum zweiten Mal gestohlen wurde, in seinem Bett gelegen und tief geschlafen haben: David Herdener, 26, gelernter Confiseur-Pâtissier aus Boécourt und bis Anfang Juni 2006 Animateur Principal der Groupe Bélier, der legendären separatistischen Jugendorganisation. Es sei das Telefon gewesen, das ihn aus seinen Träumen gerissen habe, erzählt er. Zu Dutzenden riefen die Journalisten bei ihm an und wollten wissen, wo der Stein sei. Und er habe immer nur sagen können: «Je n’ai aucune idée!» Genüsslich dehnt er die Worte. Dann fährt er sich mit den Händen durch das lange gerade Haar.

Und noch heute singt David Herdener jedem, der ihn nach dem Verbleib des Unspunnensteins fragt, diese eine kurze Strophe desselben Lieds: Es tue ihm leid, aber er habe keinen blassen Schimmer, wo sich das traditionsreiche Sportgerät der Berner Oberländer befinden könnte. Denn eifersüchtig wachen die Jurassier über ihre «objets de guerre»: Die Standorte ihrer diversen Schätze halten die verschiedenen Bélier-Generationen voreinander geheim. Behauptet zumindest Herdener.

Am helllichten Tag des 20. August 2005 wurde der 83,5 Kilo schwere Granitbrocken aus der Lobby des Fünfsternehotels Victoria-Jungfrau in Interlaken entwendet, wo er im Rahmen einer Unspunnen-Exposition ausgestellt war. «Le grand caillou» ­ der grosse Kiesel ­, so nennen ihn die Jurassier liebevoll und spöttisch; dennoch mussten sie ihn zu viert abtransportieren. «Kurz nach zehn Uhr betraten vier unbekannte Männer die Eingangshalle und machten sich am Stein zu schaffen», teilte die Polizei mit. «Alle vier Männer waren jung und trugen Jeans. Drei von ihnen sollen lange gerade, bis auf den Hintern reichende Haare gehabt haben, die zu einem Pferdeschwanz gebunden waren.» Doch trotz Signalement, Strassensperren, Grossfahndung und zahlreichen Zeugenaussagen konnten die Diebe unerkannt entkommen. Bis heute fehlt von ihnen jede Spur.

Schwerer Stein und leichte Füsse

Auf dem Podest in der Lobby blieb nur ein Pflasterstein mit aufgemaltem Jurawappen zurück. «Wir waren alle im Haus, die Halle war voller Leute. Wie immer war der Stein ein Anziehungspunkt für Fotos. Jeder wollte zeigen, wie stark er ist», berichtet Hotelier Emanuel Berger. Die Diebe waren gut vorbereitet: Die fingerdicke Kette, an welcher der Stein gesichert war, haben sie mit einer grossen Zange durchtrennt, den Stein in eine Sporttasche gesteckt und sind rausmarschiert. Die Hotelangestellten hätten den Verlust sofort entdeckt und die Verfolgung aufgenommen, so Berger. Auch die Polizei sei nur Minuten später zur Stelle gewesen. Doch die Diebe waren schon weg. «Offenbar war die Aktion bis ins letzte Detail geplant», meint der Hotelier. «Viele finden, die Jurassier sollen den Stein doch behalten. Wir hingegen können die Sache leider nicht so auf die leichte Schulter nehmen. Es ist natürlich schmerzvoll, dass er ausgerechnet bei uns weggekommen ist. Das ist uns peinlich», so Berger. So wurde aus dem Symbol der Berner Einheit wieder ein schwerer Stein auf des Berners Brust.

Mit einem dumpfen Geräusch poltert der Granit auf den Asphalt. «Man sollte eine Wagenladung solcher Steine in Delsberg abladen. Hier gibt es in jedem Bachbett Tausende brauchbare Steine», sagt Peter Michel, 35, Möbelschreiner und Restaurator, beim Training. Er ist 1,98 Meter gross, 110 Kilo schwer, ein Fetzen von einem Mann, ein richtiger Oberländer halt. Dreimal die Woche trainiert er im Kraftraum, einmal pro Woche übt er mit seinem 75 Kilo schweren Trainingsstein Steinstossen. Sein Ziel: am Unspunnenfest unter die besten drei zu kommen.

«Da ist jeder froh, dass dieser Stein endlich weg ist. Jetzt, wo er 12 EU-Sterne trägt. Bestimmt hat er mittlerweile noch mehr ­ wegen der Osterweiterung», meint Michel trocken. Mit dem alten Stein sei nichts mehr zu machen; die Kanten der Sterne seien scharf und schnitten ein beim Werfen, und das Gewicht sei auch nicht mehr korrekt. Der neue Stein hingegen, den ein Wiederbeschaffungskomitee am Fusse der Jungfrau gefunden hat, sei viel schöner und auch besser zu handhaben, sagt Peter Michel.

Der neue Stein wird bewacht wie ein Gral: In einem Tresor der UBS Interlaken wird er aufbewahrt. Aber niemand dürfe wissen, wo genau, betont Bankdirektor Peter Steffen, der sich persönlich um das aussergewöhnliche Objekt kümmert.

Einzig Peter Michel und er wüssten, wo der Wettkampfstein genau sei. Damit sich nicht wiederhole, was im Hotel Victoria-Jungfrau geschehen ist. Wird der Stein gebraucht, muss der Banker den Steinstösser aufbieten; Michel ist einer der wenigen, die den Chemp tragen können. Für 20000 Franken ist der eigentlich wertlose Stein versichert.

Im Jura ist das Steinstossen keine anerkannte Sportart. «Wir werfen höchstens Pflastersteine», sagt Marc Freléchoux, 23, Uhrmacher aus Boncourt und Nachfolger von David Herdener als Animateur Principal der Groupe Bélier. Die Jugendorganisation ist in die Jahre gekommen. Ihre grosse Zeit erlebte sie in den 1960er und 1970er Jahren, als sie mit teils originellen, teils kriminellen Aktionen für die Unabhängigkeit des Jura vom Kanton Bern kämpfte.

Übrig geblieben ist nicht viel mehr als ein Lausbubenverein, der mit der Illegalität kokettiert. «Ich bin noch unschuldig», sagt Marc Freléchoux auf die Frage, was denn seine ersten Amtshandlungen waren. Er trägt kurze Hosen, englische Arbeiterstiefel, ein Antifa-T-Shirt, eine schrille weisse Sonnenbrille und einen Irokesenschnitt. Er ist der erste Bélier-Chef, der im Kanton Jura geboren ist. «Ich kenne den Stein nur aus den Medien», behauptet er.

Dass der Stein im Jahr 2001 einfach so zurückgegeben wurde, hat die beiden Béliers-Animateure wütend gemacht. «Es sind nur ein paar wenige gewesen, die das entschieden haben. Man hat ihn uns geklaut», sagt Freléchoux. Der Unspunnenstein sei als Geisel gehalten worden. «Ihr gebt uns die Bezirke Courtelary, La Neuveville und Moutier, und wir geben euch den Stein ­ das war der Deal», erklärt er. Und so lautet auch heute noch das Ziel der Béliers. Auch wenn sie ihn diesmal nicht gestohlen haben wollen. «Das waren ganz sicher militante Jurassier, davon bin ich überzeugt», erklärt Herdener. Die Diebe seien der Groupe Bélier bestimmt sehr nah, aber wohl keine Mitglieder, sinniert er.

Ein Umstand, den Sylvain Astier, 31, Stadtrat von Moutier und Berner Grossrat, rasend macht. «Sie haben den Stein ­ und niemand kann sie dafür belangen», ruft er. Überhaupt ist Astier der Meinung, dass die Autonomisten keine Daseinsberechtigung mehr haben. «Die Béliers brauchts nicht mehr. Der Kanton Jura existiert», sagt er. Er verstehe nicht, wie man zugleich für Europa und Separatist sein könne. «Für uns war der neuerliche Diebstahl noch schmerzvoller als für die Oberländer. Die Aktion weckte böse Erinnerungen an die Zeiten des offenen Konflikts», so Astier, der den Unspunnenstein endlich wieder an seinem alten Platz wissen möchte. «Er ist schliesslich nicht nur ein Symbol der Berner, sondern aller Schweizer», findet er. Sich an Kultobjekten zu vergehen sei primitiv.

Doch dass der Stein bald heimkommt, ist unwahrscheinlich. Die Jurassier sind geduldig, und die Ausbeute der Ermittlungen der Polizei scheint bescheiden zu sein. Als «latent pendent» bezeichnet die Thuner Untersuchungsrichterin Christine Schenk die Angelegenheit ­ das Verfahren sei eingestellt, aber nicht abgeschlossen. Zum Stand der Ermittlungen will sie auch ein Jahr nach dem dreisten Diebstahl im Oberländer Nobelhotel und dem Grosseinsatz der Polizei keine Stellung nehmen. «Gewisse Dinge wissen wir. Aber darauf möchte ich nicht weiter eingehen. Wir können ja nicht den ganzen Jura verhaften und zum Reden zwingen», erklärt Schenk weiter. Klingt nicht gerade nach ausgefuchster Taktik.

Die Béliers haben den Stein annektiert

Den Jurassiern kanns recht sein. David Herdener sagt, er sei nie von der Polizei befragt worden ­ «zumindest nicht deswegen», wie er präzisiert. Er hat Spass gehabt mit dem «grand caillou»: Kurz nach dem Diebstahl feierte er Geburtstag. Freunde schenkten ihm, weil er sich so oft mit dem Unspunnenstein hatte befassen müssen, einen Granitstein, wie Herdener amüsiert erzählt. Zweifellos ein gelungener Gag unter Jurassiern. «Vielleicht wurde er ja aus dem echten Kiesel gehauen», meint er. Herdener und Freléchoux lachen.

Die Annexion des Unspunnensteins ist somit auch auf ideeller Ebene gelungen: Längst ist das einstige Symbol der Aussöhnung zwischen Berner Oberland und Unterland zu einem Kultobjekt der Jurassier geworden. Für die Berner hingegen ist er wie ein Nierenstein ­ ein schmerzendes Objekt, das entfernt werden muss. Es kursiert denn auch das Gerücht, wonach die Schwinger selbst den Stein geholt und ihn vernichtet haben sollen.

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Eingeordnet unter Beobachter, Die Anatomie der Peripherie, Gesellschaft, Tourismus

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