Ade, heile Heidiwelt

© «Beobachter», 25. Oktober 2006

Das lange beschworene Konzept des sanften Tourismus ist sanft entschlafen: In den Bergen wird gebaut und geplant, was das Zeug hält − und die Projekte haben Dimensionen, die es in der Schweiz noch nie gab.

Von Lukas Egli

Die Legende geht so: Ein steinreicher Ägypter fliegt eines Tages mit dem Helikopter über den Gotthard, wirft einen Blick auf Andermatt und verliebt sich sogleich in diesen Fleck Erde. Seither setzt er alles dran, dass im Urserental eines seiner Ferienresorts zu stehen kommt.

Eine schöne Geschichte, auch wenn ihr Ausgang noch unklar ist. Vorderhand ist es aber vor allem eine schmeichelhafte Legende für einen ausgemusterten Waffenplatz. Vielleicht erwies sich das Dorf an der Gotthardstrasse ja auch einfach als hoffnungslosestes aller Schweizer Bergdörfer. Der Ägypter soll ein schlauer Kerl sein.

Samih Sawiris entstammt einer begüterten koptischen Familie, die weltweit mehrere Resorts betreibt, etwa die künstliche Lagunenstadt El Gouna am Roten Meer. Sein Vermögen wird auf 5,2 Milliarden Dollar geschätzt. In Andermatt plant er auf rund 140 Hektaren ein Ferienresort, das vier bis sechs Hotels mit 800 Zimmern umfassen soll, 600 Appartements, 100 Ferienhäuser, ein Wellnessbad und einen 18-Loch-Golfplatz. Auch von einem beheizten Sandstrand mitten im Schnee ist die Rede.

Golfplatz statt Bauernhof

Es gebe noch kein konkretes Projekt, nur Ideen, sagt Franz Egle, Sawiris’ Berater in der Schweiz. Zuerst müssten diverse Bedingungen erfüllt werden. Die Lex Koller, wonach Ausländern in der Schweiz der Kauf von Land untersagt wird, dürfe keine Anwendung finden – diesen Entscheid hat der Bundesrat bereits gefällt -, und es müsse genug Land zusammenkommen für den Golfplatz. Ohne Green kein Resort. Die Urschner Landwirte treffen in den nächsten Wochen schwere Entscheidungen. Sie könnten ja Greenkeeper werden und den Golfplatz unterhalten, wird ihnen geraten.

Andermatt steht mit seinem gigantischen Projekt nicht allein. Auf der Schatzalp in Davos soll das erste Hochhaus in den Schweizer Alpen entstehen. Im Prätschli in Arosa ist ein zwei Hektaren grosses Wellnessresort in Planung. Savognin liebäugelt mit einer 1700-Betten-Burg im Hochtal Radons. Der Zermatter Heinz Julen träumt von einem gläsernen Hotel auf dem Gipfel des 3883 Meter hohen Klein Matterhorns (siehe Artikel zum Thema «Bauprojekt: Basteln am Berg»). Bruson im Kanton Wallis plant ein neues Verbier mit 300 Ferienwohnungen im Chaletstil. In Anzère bei Sitten sollen 3000 neue Ferienwohnungen her, und auch die Laxeralp will einen Turm, den Penis von Lax, wie die Einwohner frotzeln. Immer höher und immer verrückter: Reissbrettprojekte haben Hochkonjunktur – obwohl die Bettenauslastung im Schweizer Tourismus immer noch unter 40 Prozent liegt. Es ist ein Paradigmenwechsel im Gang: Schluss mit den Kleinstrukturen im touristischen Angebot – schiere Grösse soll es richten.

Im Kanton Uri, wo die Armeereform 1400 Arbeitsplätze gekostet hat, kommt der Mann aus «1001 Nacht» gerade recht. Von der Sogwirkung des Luxusresorts werde die ganze Region profitieren, sagen dessen Promotoren. Welcher Gemeindepräsident kann schon Nein sagen, wenn die Millionen winken? Hat der Bauer angesichts dieser Heilsversprechungen die Wahl? Es birgt eine gewisse Ironie, dass ausgerechnet ein Ausländer diese konservative Ecke der Schweiz retten soll. Und es zeigt deren Grad an Verzweiflung.

Die Bauplanung kommt aus Malaysia

«Das Mitwirkungsverfahren haben wir nach neun Monaten eröffnet. Das ist Rekord», sagt Benno Bühlmann, Vorsteher des Amts für Umweltschutz und Projektleiter beim Kanton. «Das Ziel ist, dass die Richtplananpassung bis Ende Jahr genehmigt ist und die Gemeinden Andermatt und Hospental Anfang 2007 darüber befinden können.» Die Haltung der Regierung sei sehr positiv, und auch die Bevölkerung stehe überwiegend hinter dem Vorhaben. Der Investitionsbedarf im Tal sei beträchtlich, da komme das Resort natürlich zum richtigen Zeitpunkt.

Noch vor Gstaad, St. Moritz und Davos war Andermatt Ziel des Luxustourismus. Es war eine der ersten Stationen des Ski Club of Great Britain, der vor dem Zweiten Weltkrieg das Gotthardmassiv erkundete, zu einer Zeit, als man noch mit Fellen Ski lief. Nach dem Krieg war damit Schluss. Wer heute auf der Website des Ski Club nach Andermatt sucht, findet einen Hinweis auf ein «low profile» und ein «non-mainstream resort»; es ist ein Paradies für Tourenskifahrer und Wanderer. Das soll sich nun ändern. Andermatt ist auf dem Weg zum internationalen Standard, der in Fachkreisen als Modell der Zukunft gilt.

Andermatt heisst «an der Matte». Und genau diese Matte, die der Walsersiedlung vor 800 Jahren ihren Namen gab, soll nun bebaut werden. Wie in Davos, Arosa, Savognin, Zermatt, Bruson, Anzère und Lax setzt die Planung auch in Andermatt auf der grünen Wiese an – auf einer grossen Wiese: Die Fläche, die das Projekt beansprucht, ist doppelt so gross wie die Berner Altstadt. Der Golfplatz, Hauptverkaufsargument von Sawiris, soll der schönste im ganzen Alpenraum werden. Auch in der Schweiz scheint die Landschaft allein nicht mehr zu genügen.

Die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz beurteilt das Projekt kritisch. «Der Landschaftsverbrauch solcher Tourismusgettos ist enorm», meint Geschäftsleiter Raimund Rodewald. «Es wird ja nicht im Siedlungsgebiet gebaut, es werden neue Bauzonen erschlossen. Das ist Zersiedelung in der klassischen Form.» Fraglich sei auch, was das Projekt den Andermattern bringen werde. Mit der Erstellung des Masterplans ist ein Büro im malaysischen Kuala Lumpur beauftragt worden, der Bau wird international ausgeschrieben werden. Und ob sich die dereinstigen Luxusgäste je aus dem Resort wagen und ins alte Andermatt verirren werden, ist fraglich.

Das Konzept des Resorts, einer weitgehend unabhängigen Ferienstadt, stammt aus den sechziger und siebziger Jahren. Wie eine Perlenkette reihen sich diese saisonalen Geisterstädte entlang der Mittelmeerküste. In den Achtzigern erlebte das Resort ein Revival, als die Golfstaaten begannen, ihre Küsten mit Luxushotelkomplexen zu bebauen. Märchenlandschaften, die das bieten, was der Tourist von heute offenbar will: luxuriöse Unterkünfte, klimatisierte Shoppingmalls, grandiose Wellnessanlagen, Pools, Bars, Lobbys, Lounges, Restaurants, Tiefgaragen, Golfplätze – sprich: Ferienstädte, die er nicht verlassen muss.

Alle wollen Ausnahmebewilligungen

Noch vor zehn Jahren hätten solche Grossprojekte keine Chance gehabt. «Naturnah» wollte die Schweiz sein, «einzigartige Landschaften» verkauften die Hoteliers und Fremdenverkehrsvereine, «sanften Tourismus» wollten sie betreiben – Schlagworte, die schal schmecken angesichts des ausgebrochenen Bauwahns. Doch unter Touristikern steht die Ferienstadt hoch im Kurs: «In einem Resort ist man an einem einzigen Ort, kann aber alles: Skifahren, Wellnessen, Golfen», erklärt Urs Eberhard, Vizedirektor von Schweiz Tourismus (siehe Interview). In keiner Weise widerspreche das Resort dem Konzept des sanften Tourismus. «Einzig das Tempo ist unsanft», meint Projektleiter Bühlmann. Andermatt habe im Dornröschenschlaf gelegen und entwickle sich nun sehr schnell weiter.

Das dürfte Schule machen, denn Sawiris’ Projekt hat eine Tür geöffnet. «Ich begrüsse es, dass der Bundesrat eine Ausnahme von der Lex Koller gemacht hat. In Andermatt geht es um ein bedeutendes Projekt für die ganze Region», sagt der Walliser Staatsrat Jean-Michel Cina. Nun müsse der Bund dem Grundsatz der Gleichbehandlung nachleben. Es gebe im Wallis Projekte mit ähnlichen Dimensionen. «Der Bundesrat kann es drehen und wenden, wie er will: Letztlich haben wirtschaftliche Überlegungen zu diesem Entscheid geführt.» Schon lange stehen im Wallis kanadische, amerikanische und französische Investoren bereit. Der Startschuss zum Umbau der Alpen ist gefallen.

Uri hat staatspolitische Gründe geltend gemacht für die Befreiung von der Lex Koller. In Andermatt gehe es nicht nur um ein Hotel, sondern um einen Komplex von vier bis sechs Hotels, die direkt oder indirekt 2000 Arbeitsplätze schafften – eine bedeutende Grösse für einen Kanton mit 35’000 Einwohnern. Anderseits hat die Alpenfestung Gotthard eine touristische Entwicklung verhindert. Der Bund stehe dem Kanton Uri gegenüber in der Pflicht, sagt Bühlmann. Inwieweit andere Projekte mit Andermatt vergleichbar seien, müsse der Bundesrat klären. «Die Diskussion um die Lex Koller läuft ohnehin – auch ohne unser Resort», meint Bühlmann.

Doch genau das müsste ihn beunruhigen. Denn ob in Andermatt oder anderswo – das Projekt von Milliardär Sawiris könnte auch im Wallis zu stehen kommen, wenn die Bauern vom Urserenboden nicht mitspielen. Denn auch das gehört zum Charakter des Resorts: Sein Standort ist austauschbar; es entsteht dort, wo die Forderungen der Investoren erfüllt werden. Das ist keine Legende. Schon gar keine schmeichelhafte.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Beobachter, Die Anatomie der Peripherie, Tourismus

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s