Die Einsamkeit und der Trost

© «Neue Zürcher Zeitung», Januar 2007

Von Lukas Egli

DIE EINSAMKEIT IST EINE WEICHE HÜGELLANDSCHAFT am frühen Morgen. Feiner Dunst entsteigt satten Wiesen, die Wälder baden im Nebel. In der Ferne sind die Graustufen von Karwendel- und Wettersteingebirge sichtbar. Buchenlaub wirbelt durch die kalte Luft. Manchmal ist Oberbayern eine gottverlassene Gegend.

«Wenn es einen Gott gäbe, dann hätte er mich aus dieser Scheisse rausgeholt damals», nuschelt Tobias. Er war sechzehn, als ihn seine Eltern auf die Strasse gestellt haben. Jetzt ist er sechsundzwanzig. Als Dreizehnjähriger hatte er angefangen mit LSD, Kokain, Ecstasy, Speed, Haschisch. Er flog vom Gymnasium, von der Gesamtschule, von der Hauptschule und der Abendschule. Drei, vier Jahre lang kam er bald hier, bald dort bei Freunden und Bekannten unter. Irgendwann wusste er nicht mehr, wohin. Irgendwann wusste er nicht mehr, wer er eigentlich war. «Man ist kein normaler Mensch, wenn man täglich Drogen nimmt», sagt Tobias. Seine Augen sind glasig. Er sieht müde aus. Am Schluss sei es ihm ziemlich dreckig gegangen. Typen wie Tobias zieht es in A-Städte, sagen Soziologen.

A wie arbeitslos, abhängig, ausgestossen, alt, asozial, anders. Oder A wie akzeptiert, im oberbayrischen Herzogsägmühle, einem Dorf zwischen Peiting und Schongau, achtzig Kilometer südwestlich von München. Hier finden Jugendliche mit Verhaltensproblemen, Menschen mit Behinderungen, seelischen Erkrankungen, Suchtproblemen, Menschen im Alter sowie in Krisensituationen, also Menschen, die gerne als Randständige bezeichnet werden, Orientierung, Förderung, Aus- und Schulbildung, Therapie, Pflege und – im besten Fall – Heimat.

«Ich kann mich noch genau an die erste Nacht erinnern. Es war schrecklich», erzählt Tobias. Zu sechst hätten sie im selben Zimmer geschlafen, einer der Zimmerkameraden sei schizophren gewesen. Mitten in der Nacht sei der plötzlich schreiend im Raum gestanden und habe gerufen, da seien Wanzen in seinem Bett. Dann habe er das ganze Bett aufgeschnitten. So ging das einen vollen Monat lang. Tobias erzählt aber auch: «Ich war froh. Endlich hatte ich ein Irgendwo.» Nur im Gasthaus, dem niederschwelligen Angebot für Obdachlose, habe er es kaum ausgehalten. Erst als er dann in eine betreute Wohngruppe wechseln durfte, kam er richtig hier an.

Er war durch die Vermittlung der Münchner Caritas nach Herzogsägmühle gekommen, nachdem er erfolglos versucht hatte, über das Sozialamt eine Stelle zu finden. Ein Teufelskreis: Ohne Wohnung keinen Job und ohne Job keine Wohnung. Auch in diversen Obdachlosenheimen hatte er, kaum volljährig, schon Hilfe gesucht. Doch da seien lauter alte Männer gewesen, die tagein, tagaus nur rauchten, soffen und TV schauten, erzählt Tobias, «aber ich wollte ja raus aus der Scheisse!»

Seit drei Jahren lebt er nun in Herzogsägmühle, mittlerweile in seiner eigenen Wohnung. Seit zwei Jahren absolviert er in der Künstlerwerkstatt, einem kleinen Backsteinbau, in dem früher Schmiede und Wagnerei waren, eine Goldschmiedlehre. Menschen, die hierherkommen, brauchen oft erst einmal eine gewisse Zeit zum Luftholen, sagt Stefan von Bergwelt, der Werkstattmeister. Aber nach dieser Auszeit müssten sie wieder ihre Möglichkeiten entdecken. Die Angebote in Herzogsägmühle basieren auf Freiwilligkeit, aber es gibt eine Pflicht, an der eigenen Rehabilitation mitzuwirken. Eine sensible Angelegenheit. «Wenn man einfach ruft: <He, hallo, komm nun mal endlich in die Gänge!>, erlebt der Klient genau das, was er immer schon erlebt hat, nämlich Scheitern», weiss Stefan von Bergwelt.

1894 AUS EINER ARBEITERKOLONIE ENTSTANDEN, ist die Herzogsägmühle mit ihren sechs Betreuungsbereichen die wohl grösste Hilfsinstitution ihrer Art in Deutschland. Sie wird getragen vom evangelisch-lutherischen Verein Innere Mission, Diakonie in München und Oberbayern. Rund 1200 Einwohner zählt die Dorfgemeinschaft. Sie leben in drei Dorfteilen: im Dorfeingang an der Landstrasse zwischen Peiting und Schongau mit dem Gasthaus für Obdachlose und dem Haus an der Brücke, einer Orientierungs- und Übergangsstelle für Jugendliche. Im Unterobland, dem Dorfkern, wo Verwaltung, Kirche, Cafeteria, Schule und Metzgerei sowie die meisten Wohnhäuser und Werkstätten stehen, sowie im Obland mit Bauernhof, Ställen und Weiden. Die Herzogsägmühle beschäftigt rund 900 Mitarbeiter. Mit ihren 350 Hektaren Land ist die Ortschaft mehr als doppelt so gross wie der Stadtstaat Monaco.

Stefan von Bergwelts Werkstatt ist eine Nische. In den vierzig Betrieben und Werkstätten von Herzogsägmühle wird alles angeboten, von einfachsten Tätigkeiten, die Menschen in Krisensituationen eine Tagesstruktur geben sollen, bis zu hochkomplexen Arbeitsplätzen für Behinderte, die hier ihr ganzes Leben verbringen. 110 Ausbildungsplätze stehen in den Fachbetrieben zur Verfügung, 39 Berufsabschlüsse können gemacht werden. Aber nur im Kunsthandwerkatelier treffen Menschen aus fast allen Betreuungsbereichen aufeinander – vom Zwölfjährigen bis zum Rentner. «Diese soziale Durchmischung fördert die solidarische Haltung», sagt Bergwelt. Jugendliche mit Alten, seelisch Kranke mit Obdachlosen, Behinderte mit ehemaligen Drogenabhängigen – das geht nicht zusammen, ist die landläufige Meinung. In Herzogsägmühle ist genau dieses Nebeneinander Konzept.

Er habe hier alles, was er brauche, sagt Tobias: eine Wohnung, eine Ausbildung und Essen. Dennoch will er möglichst bald weg von hier. «Du kommst verrückt hier rein, und noch verrückter gehst du wieder raus», murmelt er düster. Er habe schon immer einen Hang zum Dunklen, zum Übernatürlichen, zum Satanismus gehabt. «Warum muss denn das Böse schlecht sein?», fragt er. Was in der Bibel stehe, stimme ja auch nicht alles. So heilig seien die Christen gar nicht. «Ich glaube, was ich sehe. Und ich sehe eine Welt, die nicht nach christlichen Geboten lebt. Die Welt ist am Arsch», sagt er. Für ihn fange das Leben erst nach dem Tod an. Erst dann sei er frei von all dem, was ihn zerstört habe. Frei von all dem, was er nicht habe verkraften können. Der Tod – sein Trost.

DIE EINSAMKEIT IST EIN ABGELEGENER FRIEDHOF im kalten Herbstwind. Die kleinen, knöchelhohen Grabsteine stehen in regelmässigen Reihen, wie auf einem Soldatenfriedhof. Auf den Granitsteinen die Namen der Verstorbenen: Gerhards Paul, Schaberl Georg, Storf Eduard, Schaller Waldemar, darunter Geburts- und Todestag. Sonst nichts. Keine tröstenden Worte zum Abschied, keine Wünsche fürs Jenseits. Es sind Namen von Menschen, die zu Lebzeiten niemand wollte, und die nach ihrem Ableben niemand vermisste. Namen von Menschen, deren Schicksale keiner mehr kennt. Ein Friedhof der unbekannten Landstreicher.

«Wo will ich denn noch hin?», sagt Siegfried. Sein Kumpan, der neben ihm steht und ungenannt bleiben will, nickt. Wie Spitzbuben stehen die alten Männer am Wegrand unweit des Friedhofs. Die Fahrräder haben sie ins Feld gelegt. Sie blinzeln in die Herbstsonne, essen Kuchen und nuckeln an einer Flasche Bier. «Leben tun wir gut hier. Aber es gibt halt kein Bier», sagt Siegfried. Es sei besser, wenn die da drüben – er zeigt in Richtung Herzogsägmühle – nicht wissen, dass sie trinken, meint er. «Sonst gibt es Zirkus.»

Siegfried ist Knecht gewesen. Von morgens vier bis abends um neun hat er damals gearbeitet, in einer Zeit, als man noch alles von Hand machte. Dann war er zwölf Jahre als Gärtner tätig. Sein Chef holte ihn jeweils morgens in der Wirtschaft ab und brachte ihn abends wieder dorthin zurück. «Arbeit und Wirtschaft – etwas anderes hab ich nicht gekannt», sagt er. Wohl mit ein Grund, weshalb ihm der Alkohol in Herzogsägmühle verboten ist. Oder besser: verboten wäre. «Das war eine gemeine Zeit. Aber schöner als heut», sagt Sigi.

Der Siebzigjährige gilt als einer der fleissigsten im Dorf. Meist ist er schon um fünf Uhr früh bei der Arbeit. «Ich mach halt, was die anderen nicht mehr machen», sagt er. Besenbinden für den Weihnachtsmarkt zum Beispiel, in einer kleinen Blechhütte im Obland. Da verbringt er am liebsten seine Tage, schweigsam, allein. In den ersten Jahren – er lebt nun seit zwölf Jahren in Herzogsägmühle – habe er kein Wort gesagt, nicht einmal Ja oder Nein, erzählen seine Betreuer. Siegfried war schon immer ein Einzelgänger. Ein Einsamer auch. Wer seine Eltern waren, wisse er nicht mehr. Er sei ja schon als Bub von zu Hause weggegangen.

Siegfried kommt aus einer anderen Zeit. An ihm scheitert sogar die Altersvorsorge. Eine anständige Rente bekommt einer wie er nicht. «Ich habe ja alle paar Jahre schwarz gearbeitet», erzählt er. Nur einmal in seinem Leben blieb er sechs Jahre lang am selben Ort, mit Lohn, Papieren und allem Drum und Dran. Doch dann brannte die Lohnbuchhalterin des Betriebs durch. Als er sein Geld abholen wollte, hiess es, laut Buchhaltung habe er schon alles bezogen. Wer es gewohnt ist, sich allein durchzuschlagen, verarbeitet so etwas auf seine eigene Art. «Seit da habe ich nur noch schwarz gearbeitet», sagt Sigi und lacht. Resignation als Triumph über ein beschwerliches Leben.

Die Herzogsägmühle geht zurück auf drei Bauernhöfe, die der Verein für Arbeiterkolonien in Bayern nach und nach aufkaufte. Ziel war die Schaffung eines Orts der Selbsthilfe für arbeitslose Landarbeiter; es war unter anderem eine Massnahme gegen Kleinkriminalität und Mundraub. «Um 5 Uhr wird aufgestanden, dann wird eine halbe Stunde Zeit gelassen zum Reinigen und Bettenmachen: 6 Uhr 30 ist Andacht, nach Konfessionen getrennt, dann kommt das Frühstück, Kaffee ein halber Liter und ein halbes Pfund Brot. Gearbeitet wird im Sommer morgens von 6 bis 19 Uhr abends, im Winter wird bei Licht angefangen und aufgehört. Es gibt eine halbe Stunde Vesperpause. Die Mittagspause dauert von 12 bis 13 Uhr. Die Mahlzeit wird mit Tischgebet begonnen und beschlossen», beschreibt ein Rechenschaftsbericht von 1894 das Regime. Zur Zeit des Dritten Reichs war die Herzogsägmühle eine Aussenstelle des Konzentrationslagers Dachau. Die hier lebenden Menschen wurden als «Arbeitsscheue» bezeichnet. Nicht wenige bezahlten ihre Unangepasstheit mit dem Tod.

Heute bietet die Herzogsägmühle «maximale Flexibilität für Menschen, die nicht nur in einem Bereich ihres Lebens Probleme haben», wie Werkstattleiter Stefan von Bergwelt erklärt. Was die Institution interessant mache, seien die Zwischenräume. Doch letztlich könne man nur Möglichkeiten zur Verfügung stellen. Was die Klienten damit machten, sei ihnen überlassen. Rund ein Drittel der Dienste wird mittlerweile in den Dörfern der Umgebung angeboten. Die klassische Heim-Situation im abgelegenen Dorf mit grossen Häusern und Massenlagern hat man in den letzten Jahren entschärft.

DIE EINSAMKEIT IST EIN SONNIGER NACHMITTAG und riecht nach Frittieröl und Cafeteria. «Look, who’s alone now, it’s not me», singt ein Popsänger am Radio. Die wenigen Gäste sitzen mit leeren Blicken im kalten Neonlicht. Die Zeit will nicht vergehen. Doch was soll danach kommen?

«Es ist sehr deprimierend, immer so viele alte Leute um sich zu haben», meint Gordon. Er mag diesen Ort nicht. Er sei nur hier, damit er ein Dach über dem Kopf habe, sagt er. Nie hätten die Schwestern Zeit, ständig müssten sie auf die anderen aufpassen, schauen, dass alle ihre Pillen nähmen. Es sei traurig hier.

Seiner Lebtag hat sich der Amerikaner Gordon den gesellschaftlichen Konventionen verweigert. Nach einem Studium an der University Michigan beim renommierten Komponisten Aaron Copland zog er pausenlos um die Welt. Rom, Hamburg, Nairobi, Beirut, Kairo, Kalkutta. Eines Tages verliess er seine Frau, ohne ein Wort des Abschieds. Er habe es sich nie verziehen, dass er ihr kein bürgerliches Zuhause bieten konnte, meint ein Betreuer. «Man braucht eine Frau, ein Kind und einen Hund und muss sich für Sport interessieren, um ein normales Leben zu führen», sagt Gordon, zornig, noch heute.

So kommt es, dass Gordon sich sogar in Herzogsägmühle, an dem Ort, der es sich zum Ziel setzt, den Ausgestossenen der Gesellschaft Geborgenheit zu vermitteln, von den andern abheben will. «Es ist eine Missachtung der Menschenrechte, dass ich so leben muss», sagt Gordon. Reich und berühmt sollte er sein; statt dessen sei er der weltweit unbekannteste aller unbekannten Komponisten.

Seit einem Jahr lebt Gordon in Herzogsägmühle. Er ist der Einzige, für den niemand aufkommt, für den es keinen Kostenträger gibt. Jemand aus der Gegend hat ihn in Portugal aufgelesen, hierhergebracht und versucht nun, sein Werk zu vermarkten. Aber erst muss Gordon Ordnung schaffen in seinen Partituren, die er grösstenteils auf seinen ausgedehnten Reisen geschrieben und unvollendet gelassen hat. An einem Festival in der Region soll im kommenden Herbst ein Flötenwerk uraufgeführt werden. Wenn es Gordon denn so lange aushält an dem Ort, der für ihn sorgt. An diesem Ort, der ein Paradies sein könnte – unter anderen Umständen.

FÜR DIE NACHBARORTE übernimmt Herzogsägmühle eine Entlastungsfunktion. Wird irgendwo ein Zaun niedergerissen oder etwas gestohlen, müssen es «die von der Anstalt» gewesen sein. Anschuldigungen, die Wilfried Knorr, der Direktor von Herzogsägmühle, gar nicht gerne hört. «Viele Leute haben Angst vor der Andersartigkeit. In Bayern scheint diese Furcht noch ausgeprägter zu sein als anderswo», meint er. Seine Rede ist laut und klar. Zwölf Jahre hat er als Offizier bei der Luftwaffe gedient. Heute ist er nebenamtlich als Kabarettist tätig. Sein Temperament will so gar nicht passen zur Gemächlichkeit dieses Orts. Und doch ist er wohl genau der Direktor, den eine solche Institution in einem solchen Umfeld braucht. Er, der von sich sagt, er tue seine Arbeit als Christ, nicht als Sozialarbeiter, ist derjenige, der sich vor seine Schützlinge stellt, wenn diese angegriffen werden. Er ist aber auch derjenige, der unbequeme Entscheide fällen muss, wenn die Gemeinschaft wegen eines Einzelnen gefährdet ist.

Die schlechte Meinung in der Region ist über all die Jahre, seit es die Herzogsägmühle gibt, eine Konstante geblieben. «Die mit der Industrialisierung verbundene Landflucht und die bei jedem Konjunkturrückgang wachsende soziale Not ist von den bürgerlichen, gesellschaftlich gesicherten Schichten als äusserst bedrohlich wahrgenommen worden», schreibt die Historikerin Annette Eberle über die Gründerjahre der Institution. Das Heraufbeschwören einer «moralischen Gefährdung der Gesellschaft durch das Landstreicherelend» wurzelte in der Angst, dass «die umherziehende materielle und moralische Not sich wie ein Geschwür von Haus zu Haus verbreiten und letztlich auch an die eigene Tür klopfen könnte». Die Legende vom Tippelbruder mit Bart und Bündel, der frei und freiwillig durch die Gegend zieht, hat mit der Realität nicht mehr viel zu tun. Der Obdachlose von heute ist ein anderer. Er kommt aus einfachen, bürgerlichen Verhältnissen und hat durch Schicksalsschläge Arbeit und Familie verloren. Er hat innerlich resigniert und ist untergegangen in einer komplexer werdenden Welt. Nicht wenige kommen mehrmals nach Herzogsägmühle zurück, weil sie es allein nicht schaffen, «draussen».

Noch heute ist eine diffuse Furcht spürbar. So machen Spendeneinnahmen nur ein Prozent des Jahresbudgets aus. «Spätestens wenn wir ein weiteres Orientierungshaus für männliche Jugendliche errichten wollen, merken wir, wie wenig belastbar das Klima in der Region ist», sagt Knorr. Da könne ein ganzes Dorf kopfstehen wegen vier Jungs, die ja noch gar nicht da sind. Doch dieselben, die sich am Biertisch lauthals über die Herzogsägmühle beklagen, die die Problemfälle und bösen Buben aus dem ganzen Bundesgebiet hierherziehe, riefen jeweils zuerst bei ihm an, wenn sie eine Wohnung zu vermieten hätten. Denn die Herzogsägmühle ist mittlerweile einer der grössten Arbeitgeber in der Region. Und ein verlässlicher. «Die verdienen ja ihr Geld mit uns», ätzt Knorr.

Es gibt aber auch erfreulichere Beispiele. Etwa die Kooperation mit einer Firma, die Edelparkette herstellt und deren Auftragsbücher seit Jahren übervoll sind. Nun stellt die Schreinerei seit einiger Zeit Herzogsägmühler an und lässt sie so teilhaben am Erfolg – eine für die heutige Zeit keineswegs selbstverständliche Integrationsleistung.

DIE EINSAMKEIT IST EIN TRAUMLOSER SCHLAF in einem fremden Bett. «Nehmt einander an, wie Jesus uns angenommen hat», steht auf einem Kleber im Türrahmen. Um 17 Uhr ist es nun stockdunkel. Gespenstisch wirkt die Herbstlandschaft, einsam und verlassen. Wie müssen sich die Menschen fühlen, die hier ankommen, die hier einsam wachen? Allein in dieser stillen, neuen und sauberen Welt. Allein, wenn all die Erlebnisse, die sie nach Herzogsägmühle geführt haben, über sie hereinbrechen.

Der bald sechzigjährige Klaus hat der Herzogsägmühle schon 1972 und 1992 zwei kurze Besuche abgestattet. Dazwischen war der gelernte Gas- und Wasserinstallateur trocken geblieben. Er hatte eine Frau, zwei Kinder, einen Job als Monteur. Vor einem Jahr kam er wieder von Schongau hierhergelaufen, bei strömendem Regen und sturzbetrunken. Das letzte Pils habe er vor dem Gasthaus weit ins Feld hinaus geworfen, die restlichen fünf beim Empfang abgegeben, erzählt er. Klaus war wieder einmal am Ende.

Im Gasthaus angekommen, trank er die ersten Tage noch seine zwei, drei Flaschen. Eines Tages fragte ihn ein Betreuer, ob er seinen Konsum nicht auf eine Flasche am Tag reduzieren wolle. «Aber für ein Bier muss ich doch nicht mit Saufen anfangen», meint Klaus. Wenn er schon anfange, dann mache er die Kiste leer; ein halber Rausch sei verschwendetes Geld. Seit knapp einem Jahr ist Klaus trocken. In Schongau besucht er eine Blaukreuz-Gruppe und hat einen guten Bekanntenkreis gefunden, wie er sagt. «Ich habe es geschafft, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen und über die Störfaktoren zu reden», erklärt er. Man müsse die grossen Brocken annehmen und sich um die kleinen Sachen kümmern.

Über dem Sofa in der Stube, die er mit fünf Mitbewohnern teilt, hängt ein Poster von einem Leuchtturm bei bewegter See. «Imagination» steht über dem Bild. Man könne es aushalten hier, sagt Klaus. Herzogsägmühle sei ein Dorf wie jedes andere – nur eben übersichtlicher. «Wir leben hier in der Realität. Man hat so seinen Krimskrams, wie draussen auch. Aber Berlin-Moabit wäre mein Untergang», sagt der gebürtige Berliner. Er hat in Stuttgart, Reutlingen, Karlsruhe und Kiel gelebt. «Ja, und wo komme ich her?», fragt er.

«Wer koh, der koh», sagt ein bayrisches Sprichwort. Wer kann, der kann. Freiwilligkeit ist ein wichtiges Gut für Menschen in besonderen Lebenslagen. Die Herzogsägmühle orientiere sich an der Würde des Menschen, sagt Direktor Knorr. «Die Lebenswirklichkeit, die wir als normal empfinden, wollen wir auch Menschen mit Nachteilen zur Verfügung stellen.» Mit den herkömmlichen Massstäben eines sogenannt erfüllten Lebens indessen komme man hier nicht weit. Er wolle nun dableiben und es gemütlich auslaufen lassen, sagt Klaus. «Ich kann machen, was ich will, Hauptsache, ich mache was», sagt er. Es gebe noch so ein paar Dinge, die er gerne täte. Zum Beispiel im Obland bei den Pferden arbeiten. Aber ob er die schwere Schubkarre noch stossen könne, sei fraglich.

Seine Töchter seien 24 und 19 Jahre alt, erzählt er. Seit Dezember 1994 hat er sie nicht mehr gesehen. Mehrmals habe er versucht, mit ihnen in Kontakt zu treten, aber weder Telefonnummer noch Adresse herausbekommen. Seine Exfrau habe alles unterbunden. «Das ist eine Sache, die ich noch ins Reine bringen muss, sonst werde ich meine Ruhe nicht finden», sagt er. Er weiss noch nicht einmal, ob er ein schlechtes Gewissen haben soll oder nicht. Auf seinem Büchergestell steht seine Tabakdose, daneben ein Puzzle mit Kätzchenbild – für die Momente, wenn er gar nicht mehr weiter wisse, sagt er.

DIE EINSAMKEIT IST EINE WEICHE HÜGELLANDSCHAFT am frühen Morgen. Feiner Dunst entsteigt satten Wiesen, die Wälder baden im Nebel. In der Ferne sind die Graustufen von Karwendel- und Wettersteingebirge sichtbar. Buchenlaub wirbelt durch die kalte Luft. Manchmal ist Oberbayern eine gottverlassene Gegend.

So gottverlassen, dass es Geschichten gibt, die niemand kennen darf. Eine handelt von einem fünfzehnjährigen Mädchen, das als Missbrauchsopfer hierher kam, schwanger wurde und nach viel Zureden das Kind in eine Pflegefamilie gab. Wenig später wurde der hilflose Säugling von seinem Pflegevater erschlagen. Es ist eine Geschichte, die keine Namen nennen darf. Eine Geschichte, die von einer Realität erzählt, mit der man in Herzogsägmühle auch konfrontiert ist. Einer grausamen, manchmal ausweglosen Realität, vor der jeder Sozialpädagoge kapituliert.

Die Einsamkeit ist ein Jesus an der Wand. Ein gekreuzigter Trost.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gesellschaft, Neue Zürcher Zeitung

Eine Antwort zu “Die Einsamkeit und der Trost

  1. stefan v. bergwelt

    danke

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