«Der ‹heilige Krieg› hat bei uns keinen Platz»

Erschienen in Beobachter, 17. Januar 2007

Der Leiter des Muslimischen Vereins Bern, Mustafa Memeti, predigt seinen Mitgliedern einen modernen Islam. Ausländische Imame verhindern den Integrationsprozess, sagt er.

© Lukas Egli, 2007

Der Gebetsraum des Muslimischen Vereins Bern befindet sich in einem Keller im Berner Neufeld. «Wir können den islamischen Fundamentalismus nicht leugnen», sagt Mustafa Memeti. «Er ist eine Realität, die wir behandeln müssen, wie eine Krankheit», so der 43-jährige Albaner aus Südserbien. Memeti vertritt überraschende Positionen, die bislang kaum Gehör gefunden haben in der Polemik um muslimische Friedhöfe, Kopftücher und Minarette. Der Gebetsleiter lebt seit 18 Jahren in der Schweiz und ist seit 2005 Schweizer Bürger.

Herr Memeti, kommt Religion vor Recht?

Nein, der Rechtsstaat kommt zuerst. Niemand darf den Rechtsstaat in Frage stellen.

Nun hat Ayaan Hirsi Ali, prominente holländische Politikerin somalischer Abstammung, gesagt, das politische Konzept des Islam sei nicht mit einem demokratischen Rechtsstaat zu vereinbaren. Teilen Sie diese Meinung?

Nein. Schweizer Muslime dürfen ihre Religion nicht politisieren. Der Islam soll getrennt von der Politik stattfinden. Wir akzeptieren das Prinzip der Trennung von Kirche und Staat.

Weiter sagt Ayaan Hirsi Ali, nicht Osama Bin Laden habe die totalitäre Ideologie des Islam erfunden, sondern sie stamme direkt vom Propheten Mohammed selbst.

Ich bin anderer Meinung. Wir müssen die Geschichte Mohammeds im historischen Kontext lesen. Die Umstände haben sich stark verändert. Wir sind Menschen, wir können frei denken. Es liegt an uns, wie wir Mohammeds Texte interpretieren.

Ihre Gemeinde zählt rund 300 aktive Mitglieder. Woher kommen Ihre Gläubigen?

Die Mehrheit kommt vom Balkan. Wir haben aber auch Araber und Afrikaner, unsere Tür ist für alle offen. Das Freitagsgebet halte ich in Albanisch, Bosnisch, Arabisch und Deutsch.

Haben Sie auch radikale Mitglieder in Ihrer Gemeinde?

Extremisten finden hier keine Nahrung.

Die geplanten Anschläge mit Flüssigsprengstoff auf Passagiermaschinen letzten Sommer wurden von islamistischen Terroristen vorbereitet, die bestens in die britische Gesellschaft integriert waren. Wäre das in der Schweiz auch möglich?

Ich denke nicht. Bis heute gab es in der Schweiz keine Anschläge, und ich hoffe, dass es nie welche geben wird.

Ist schon mal jemand von Ihrer Gemeinde in den Dschihad gezogen, den «heiligen Krieg»?

Nein. Der Dschihad ist ein Anachronismus und hat bei uns keinen Platz. Wir haben andere Probleme, etwa Ausbildung und Arbeit.

Was sagen Sie einem Vater, der seiner Tochter nicht erlaubt, in den Schwimmunterricht zu gehen?

Ein Muslim darf die Regeln der Schule nicht in Frage stellen. Es gibt keine Unterschiede zwischen den Kindern, egal ob Jude, Christ oder Moslem.

Was also sagen Sie dem Vater?

Ich sage ihm, dass er sich am falschen Ort und auf dem falschen Weg befindet. Er muss versuchen, einen anderen Weg einzuschlagen. Wir leben in einer offenen, demokratischen Gesellschaft. Wenn wir sie mit anderen vergleichen, können wir sagen: Hier ist es wie im Paradies.

Wie stark interessieren sich die Mitglieder Ihrer Gemeinde für die gesellschaftlichen Fragen des Schweizer Alltags?

Die meisten unserer Mitglieder haben kein Stimmrecht, deshalb hält sich das Interesse in Grenzen. Aber in Schulfragen haben wir grosse Probleme. Ich rufe deshalb die Muslime auf, sich auf diese Probleme zu konzentrieren. Unsere Kinder müssen besser ausgebildet werden. Wer in der Schweiz keine Arbeit hat, hat keine Zukunft.

Nun stand kürzlich in den Zeitungen, dass in Saudi-Arabien eine schwangere Frau zum Tod verurteilt wurde, weil sie sechs Jahre nach dem Tod ihres Mannes ein Kind zur Welt bringt…

Wissen Sie, wir können das hier nicht diskutieren. Wir dürfen die Schweizer Gesellschaft nicht mit solchen Dingen infiltrieren. Wir leben hier in einer anderen Welt.

Aber können Sie uns den Vorgang erklären?

Nein. Wir sollten uns nicht damit beschäftigen, denn es lenkt uns von unseren wahren Problemen ab. Wie gesagt: Der Rechtsstaat und die Religion sind zwei Dinge, die nichts miteinander zu tun haben. Die SVP sagt zwar, die Muslime wollten den Koran über die Verfassung erheben. Doch das ist Unsinn. Es mag solche geben, die das wollen, aber es ist der falsche Weg.

Es gibt tatsächlich Leute, die solche Sachen vertreten, wie etwa der Leiter des Genfer Islamzentrums, Hani Ramadan. Er heisst die Steinigung von Frauen gut.

Ich spreche nicht über Herrn Ramadan. Es ist nicht an mir, Menschen zu beurteilen. Falls es in der Schweiz Extremisten gibt, befinden sie sich auf dem falschen Weg.

Dann müsste man Hani Ramadan ausweisen…

Der Staat muss die Sicherheit aller Menschen garantieren und soll Extremisten zur Rechenschaft ziehen. Extremisten haben in der Schweiz keinen Platz.

Was schreibt der Koran vor, wenn ein Mann seine Frau schlägt?

Ein Mann darf seine Frau nicht schlagen.

Und umgekehrt?

Umgekehrt auch nicht. Probleme zwischen Partnern müssen im Dialog gelöst werden. Wir leben in einer modernen Gesellschaft, die Gewalt gehört in die Vergangenheit. Und nützt der Dialog nichts, gibt es moderne Instrumente, wie zum Beispiel die Scheidung.

Der Laie hat dennoch das Gefühl, dass sich das islamische Recht, die Scharia, immer gegen die Frau richtet…

Wie gesagt: Wir leben hier in einem Rechtsstaat. Was im Bundeshaus entschieden wird, gilt für alle. Das Schicksal hat uns hierher gebracht, und die Schweiz hat uns die Chance auf ein neues Leben gegeben. Es steht uns nicht zu, radikale Tendenzen zu entwickeln.

Sind Sie in der Schweiz je Opfer von Rassismus geworden?

Ich habe in den 18 Jahren, die ich nun hier bin, nie Rassismus erlebt. Es ist nicht so, dass es nie Probleme gegeben hätte, dennoch kann ich sagen, dass ich sehr zufrieden bin mit dem Leben hier. Deswegen bin ich auch eingebürgert.

In Liestal erhitzt ein Muslimfriedhof die Gemüter. Die Muslime sagen, sie wollten nicht in christlich besetzten Bodenschichten begraben werden. Die Erde sei unrein.

So eine Aussage lässt sich mit der Religion nicht begründen. Erde kann nicht unrein sein. Eine solche Aussage ist gefährlich. Sie stellt den Integrationsprozess und die Einheit der Gesellschaft in Frage.

In Amerika und in Europa ist der Islam die am schnellsten wachsende Religion und bereits die zweitgrösste Religion nach dem Christentum. Möchten Sie in Bern eines Tages so viele Minarette sehen wie Kirchtürme?

Wir brauchen keine Minarette. Sie bringen nichts ausser Widerstand. Wir müssen die Prioritäten anders setzen und die Probleme lösen, die uns direkt betreffen: Arbeit, Ausbildung und Gesundheit. Die Statistiken sagen, dass die Muslime in Europa bald in der Mehrheit sind. Das ist Stimmungsmache. Ein Beispiel: Heute ist der Unterschied bei der Kinderanzahl in christlichen und muslimischen Familien nicht mehr so gross.

Es gibt Schweizer, vor allem Frauen, die sich vom Christentum verabschieden und sich dem Islam zuwenden. Kann das funktionieren?

Ich kenne nicht viele solche Fälle. Aber jeder hat das Recht, seine Religion frei zu wählen. Der Mensch ist so: Er muss etwas anderes versuchen dürfen, wenn er denkt, dass es besser ist. Der Glaube ist eine persönliche Angelegenheit.

Können Sie sich noch erinnern, wo Sie am 11. September 2001 waren, als islamistische Terroristen mit Flugzeugen in das World Trade Center in New York rasten?

Ich war als Seelsorger im Gefängnis. Ich habe von den Vorfällen gehört. Terror ist Terror – ich habe nicht geglaubt, dass dieser Akt von Muslimen verübt worden ist.

Sie haben einmal gesagt, der Islam sei Opfer einer grossen Medienpropaganda.

In diesem Interview habe ich gesagt, dass Teile der Medien versuchen, alle Muslime in denselben Topf zu werfen. Aber ich wurde falsch zitiert. Ich bin jedoch dankbar, dass es die Medien gibt, weil sie die Probleme auf den Tisch bringen.

Denken Sie nicht, dass sich die islamische Welt zu wenig vom Terror abgrenzt?

Die meisten Anschläge stehen in direktem Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen in Nahost. Ich rufe die Muslime auf, diese Probleme nicht hierher zu tragen. Wer die Anschläge von New York, Madrid oder London feiert, handelt dumm.

In Berlin wurde die Mozart-Oper «Idomeneo» aus Furcht vor Islamisten abgesetzt. Darf man Mohammed enthauptet darstellen?

Egal ob Mohammed oder Jesus – die Propheten sind heilig. Zugleich leben wir aber in einer freien Gesellschaft. Das Recht auf freie Meinungsäusserung darf nicht in Frage gestellt werden.

Also darf man Mohammed enthauptet darstellen?

Ich sage nicht «darf», sonst wird mich jemand falsch verstehen und behaupten, ich sage, man dürfe Mohammed beleidigen. Ich sage: Man darf die Meinungsäusserungsfreiheit nicht in Frage stellen. Aber zugleich soll man andere nicht beleidigen.

Haben Sie Verständnis für die Angst der Menschen vor religiösen Fundamentalisten?

Fundamentalisten gibt es in allen Religionen. Wir müssen dafür sorgen, dass sie keine Chance haben, in unserem Namen zu sprechen.

Sie sagten, der Staat dürfe alle Massnahmen ergreifen, um die rechtsstaatliche Ordnung zu verteidigen. Auch wenn dabei die Religionsfreiheit beschränkt wird?

Wenn jemand den Rechtsstaat gefährdet, muss der Staat eingreifen. Anders wäre es, wenn uns etwa das Beten verboten würde. Fast alle Muslime, die ich kenne, haben aber nicht einmal Probleme, den muslimischen Fastenmonat Ramadan einzuhalten. Dafür müssen wir uns bedanken.

Judentum, Islam und Christentum haben gemeinsame Wurzeln. Wie kommt es, dass sie einander heute so fremd sind?

Der Glaube wird oft für Politik missbraucht. Das bringt uns in Konflikt. Wir sollten mehr Respekt füreinander haben und uns auf unsere gemeinsamen Probleme konzentrieren.

Sollen muslimische Frauen in der Schweiz das Kopftuch tragen dürfen?

Das Kopftuch kommt aus dem Juden- und dem Christentum. Heute ist es ein islamisches Phänomen, aber nicht unbedingt ein Zeichen von Glauben. Eine Muslimin, die kein Kopftuch trägt, ist deswegen ja nicht ungläubig. Der Glaube ist im Herzen und nicht auf dem Kopf. Das Kopftuch ist eine freiwillige Sache.

Und wenn ein Vater seiner Tochter das Kopftuch vorschreibt?

Im Glauben gibt es keinen Zwang.

Sie vertreten eine sehr liberale Haltung.

Nein, ich vertrete die Realität. Es ist das einzige Konzept, das Zukunft hat. So, wie jetzt mit Ihnen, spreche ich auch mit unseren Vereinsmitgliedern.

Gibt es einen Euroislam?

Ich glaube nicht, dass es einen Euroislam braucht. Wir brauchen offene Menschen, die die demokratischen Regeln respektieren. Das ist Integration.

Dennoch: Was Sie beschreiben, ist im besten Fall eine europäische Realität…

Ich beschreibe ein modernes Konzept. Ich habe meine Zukunft hier gefunden und muss mich um die Kinder der zweiten und dritten Generation kümmern. Ich darf sie nicht in einer Parallelgesellschaft aufwachsen lassen.

Um diese zu verhindern, müsste man Imame in der Schweiz ausbilden.

Genau. Wir sollten keine Imame mehr aus dem Ausland importieren. Sie verhindern den Integrationsprozess, weil sie allein vier Jahre brauchen, um die Sprache zu lernen. Als Mitbürger dieses Landes bin ich der Meinung, dass wir nicht länger zulassen sollten, dass sich andere Länder in die inneren Angelegenheiten der Schweiz einmischen. Wir müssen unsere Probleme selbst lösen, auch die muslimischen.

Weshalb werden denn Imame aus dem Ausland angestellt?

Das Problem ist, dass es in der Schweiz noch keine Ausbildung für die Imame gibt. Auch die Finanzierung ist nicht gelöst.

Sie vertreten in dieser Sache eine sehr dezidierte Meinung.

Wir haben keine Probleme mit Imamen. Aber wenn ein Imam zum Problem wird, gibt es hier keinen Platz für ihn.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Beobachter, Gesellschaft, Politik

2 Antworten zu “«Der ‹heilige Krieg› hat bei uns keinen Platz»

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