Denn sie wissen nicht, was tun

© «Beobachter», Januar 2007

Überflüssige Einsätze, gelangweilte Dienstleistende und dabei doppelt so teuer wie die Armee: Während der Zivilschutz um Legitimation ringt, räumt er schon mal seine alten Anlagen.

Von Lukas Egli

Der Eingang ist unscheinbar. Ein geteerter Vorplatz, umgeben von grauen Betonmauern, eine schwere Panzertür, daneben ein kleines Abdeckgitter aus verzinktem Blech. «Hier sprechen. Gegensprechanlage», steht auf dem gelben Schild darüber. Wer klingelt, wird keine Antwort bekommen. Die Anlage ist nicht in Betrieb. Sie ist es nie gewesen.

Ein schmaler Stollen führt ins Innere. Er geht gut 300 Meter leicht abfallend in den Berg hinein. Auf der einen Seite hängen Lüftungsrohre, auf der anderen zieren orange Zahlenstriche den nackten Kunststein. Exakt 20000 Striche sollen es sein. Sie zeigen an, wie viele Menschen in diesem Bunker in einem Ernstfall hätten Schutz finden sollen. Für jeden Menschen ein Strich ­ ein beunruhigender Anblick. Willkommen im Luzerner «Sonnenberg», der grössten Zivilschutzanlage der Welt.

Noch im Jahr 1989 zählte der Schweizer Zivilschutz 520000 Personen ­ und war damit die grösste Organisation unseres Landes, zusammengesetzt aus Militärdienstuntauglichen und -entlassenen. Im Schnitt zehn Diensttage mussten jedes Jahr geleistet werden; Leerlauf war programmiert. Ein beliebtes Beispiel: das Bettennageln. Tagelang wurden aus Dachlatten Notliegeplätze gebastelt ­ wer helfen will, muss nageln können. Am Ende des Einsatzes wurden die Liegen wieder demontiert. Schliesslich brauchte die nächste Equipe auch etwas zum Nageln. Geld für neues Holz gab es nicht.

«Unsinnige Übungen veranstalten»

«Man suche sich einen Dummen, gebe ihm ein mageres Budget und lasse ihn unsinnige Übungen veranstalten», so beschreibt ein Kommandant das System Zivilschutz, wie es an gewissen Orten noch heute betrieben werde. Als Zivilschutzchef erhalte man weder eine Entschädigung noch Renommee, so der Kadermann. Dieser missbräuchliche Umgang mit Führungskräften und der häufige Leerlauf für die Basis haben sich nachhaltig aufs Image der Hilfsorganisation niedergeschlagen.

Nach Ende des Kalten Kriegs ist auch der Zivilschutz in eine schwere Legitimationskrise geraten. Analog zur Armeereform wurde er einer radikalen Kur unterzogen. Seit drei Jahren ist das neue Bundesgesetz über den Bevölkerungsschutz in Kraft. Seither ist der Zivilschutz nicht mehr primär auf bewaffnete Konflikte ausgerichtet, sondern auf Katastrophen und Notlagen. Der Personalbestand wurde auf maximal 120000 reduziert. Dank dieser Neuausrichtung ist aus Sicht der Verantwortlichen die Akzeptanz heute wieder grösser.

Gelb, blau, grün ­ farbenfroh will das Schattenreich im Innern sein. Die Räume sind sauber und aufgeräumt. In ihrer Nüchternheit erinnern sie an Kunstinstallationen. In einem Raum stehen schwarze Telefone mit Wählscheiben in einer Reihe auf einem Tisch ­ staubfrei und praktisch nie benutzt. In einem Raum gegenüber steht ein kompletter Operationstisch mit Lampen und chirurgischem Besteck. Die Menschenleere wirkt gespenstisch.

40 Millionen Franken hat die Anlage Sonnenberg gekostet. Auf sieben Stockwerken sind Kommandoräume, Notspital, Küchen, Waschküchen und Versorgungsräume angelegt. Im Kriegsfall wäre hier auch die öffentliche Verwaltung untergebracht worden. Das Konzept sei «bestechend einfach» gewesen, sagt Werner Fischer, Kommandant der Zivilschutzorganisation Pilatus. Die Anlage ist mit dem Autobahntunnel verbunden. Im Ernstfall hätte man ihn vorn und hinten verschlossen. Erst 1987, rund zehn Jahre nach dem Bau, hat sich herausgestellt, dass der «Sonnenberg» den Herausforderungen eines Ernstfalls nicht gewachsen gewesen wäre.

Die Panzertüren streikten

Es war die Grossübung «Ameise», die die Schwachstellen gnadenlos offenbarte. Ausgerechnet als die ganze Schweiz zusah, liessen sich die 1,5 Meter dicken, 350 Tonnen schweren Panzertüren nicht schliessen. Sie hätten der Druckwelle einer in einem Kilometer Entfernung explodierenden Atombombe von einer Megatonne standhalten sollen. Als illusorisch entpuppte sich auch die Versorgung von 20000 Menschen. Man sei einem Berechnungsfehler erlegen; nach der Übung sei man von 17000 ausgegangen, so Fischer.

Nun wird die teuerste Zivilschutzanlage der Schweiz redimensioniert. In Nachtaktionen tragen Zivilschützer Tausende von Stahlbetten aus dem Bunker. Fast 20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer nimmt auch der Schweizer Zivilschutz Abschied vom Kalten Krieg. 300 Manntage sind dafür budgetiert. Tonnenweise wird Material der Kehrichtverbrennung zugeführt. Die Anlage sei bis unters Dach mit Einrichtungselementen überstellt gewesen, so Fischer.

Ein Operationssaal wurde bereits einem Spital in Gambia vermacht, ebenso die 30 Jahre alte Röntgenanlage, die in der Schweiz als heillos veraltet gilt, in Westafrika aber hochwillkommen ist. Ein weiterer Operationssaal geht an ein Spitalprojekt in Somalia. Nach Angaben von Fischer gibt es in der Schweiz Tausende solcher unterirdischer Operationssäle.

Denkmalschützer wehren sich dagegen, dass die Anlage zu schnell entsorgt wird, und möchten im «Sonnenberg» einen Lehrpfad über den Kalten Krieg einrichten. «Der Umgang mit den Zivilschutzakten ist verheerend», sagt Historiker Jürg Stadelmann. Die historische Komponente der Anlage werde total unterschätzt. Die Zivilschutzidee ­ ein Fall für die Geschichtsbücher.

«Schade um jeden Franken»

Insgesamt 270000 Zivilschutzräume existieren in der Schweiz, so viele wie kaum irgendwo sonst auf der Welt. Für 95 Prozent der Bevölkerung gibt es einen Platz in einem atomsicheren Bunker. Rund zehn Milliarden Franken haben Bund und Hausbesitzer in den letzten 50 Jahren in Schutzräume investiert; der exakte Betrag lässt sich nach Angaben des Bundes nicht beziffern. Zu den öffentlichen und privaten Schutzräumen kommen 3500 Zivilschutzanlagen wie der «Sonnenberg».

Dutzende von ausländischen Delegationen haben sich durch diese Stahlbetonmauern schleusen lassen, fasziniert vom hiesigen Know-how im Réduitbau. Auch heute noch ist das Interesse ungebrochen. Derzeit ist es vor allem China, das Schutzraumtechnologien einkauft. Die Bedrohung Nordkorea ist real und nah. Auch in Finnland werden die Schutzräume nicht in Frage gestellt. Man habe mit Russland im letzten Jahrhundert dreimal Krieg geführt, heisst es. «Es hat mal jemand gesagt, Friede sei, wenn der Krieg anderswo ist. Der Krieg ist schon lange anderswo ­ was aber nicht heisst, dass er nicht zurückkommen kann», so Fischer.

«Der Zweck des Schutzraums ist die Lagerung von Wein bei einigermassen konstanten Temperaturen. Nur ist er dafür ein bisschen zu teuer», sagt SP-Nationalrat Paul Günter. Wer die heutigen Bedrohungen analysiere, komme zum Schluss, dass der Schutzraum gegen keine von ihnen etwas nütze. «Diese Pflicht muss blitzartig aufgehoben werden. Es ist schade um jeden Franken», sagt er. Zumal sich zum Beispiel die Stadt Bern bis heute weigere, einen Evakuierungsplan für ihre Bewohner zu erstellen. Wenn der Staat ernsthaft Schutz bieten wolle, müsse er endlich Antworten auf die Frage geben, was zu tun sei, wenn das Atomkraftwerk Mühleberg in die Luft fliege, so Günter.

Mit 3,8 Milliarden Franken schlägt das Militär beim Bund jährlich zu Buche, 100 Millionen Franken sind es für den Bevölkerungsschutz. Rechnet man jedoch sämtliche Ausgaben der Kantone und Gemeinden mit ein, ist es weit mehr als das Doppelte des Militäretats. Auch das eine Zahl, die sich gemäss Bundesamt für Bevölkerungsschutz nicht exakt nennen lässt. Überhaupt begibt sich, wer gesicherte Daten über den Zivilschutz sucht, in eine Nebelzone. So ist das Bundesamt nicht in der Lage, Informationen zu Personalbeständen und Ausgaben der letzten 50 Jahre abzurufen.

Es wird lange dauern, bis sich ein neues Image des Zivilschutzes als effiziente Hilfsorganisation festigt. Noch immer haftet ihm der Makel an, nur Militärdienstuntaugliche aufzunehmen, und die Erinnerung an die unsinnigen Übungen ist frisch. Der Zivilschutz hat auch keine starke Lobby ­ die beiden nationalen Zivilschutzverbände werden wegen akuten Mitgliederschwunds in Kürze fusionieren.

Beim Weg nach draussen löscht Kommandant Fischer kurz das Licht im Stollen. Auf der gegenüberliegenden Seite der Striche scheinen nun fluoreszierende Zeichen auf, die einen bei einem Stromausfall nach draussen leiten würden. «Das zeigt doch, mit welcher Liebe zum Detail und Akribie alles geplant worden ist», sagt Fischer. Ihm scheint der Abschied vom Schattenreich etwas schwer zu fallen.

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Eingeordnet unter Beobachter, Die Anatomie der Peripherie, Politik

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