«We are gonna rock this island!»

© «Neue Zürcher Zeitung», Mai 2007

Beach-Culture, Laid-back-Zeitgefühl und sehnsüchtige Gitarren – dies alles hat Hawaii dem Rock’n’Roll geschenkt. Eine Begegnung mit einer lebendigen, friedlichen und durchlässigen Inselkultur.

Von Lukas Egli

Am Strassenrand von Hilo, der heimlichen Hauptstadt von Hawaii, steht ein Plakat: «We are not Americans. We will never be Americans. We will die as Hawaiians!» Gestern winkten hier noch die Wahlkampfhelfer der zahlreichen US- Senats-Kandidaten, heute gehört der Bayfront Highway dem radikalen Manifest der Freiheitskämpfer, die die Annexion Hawaiis durch die USA im Jahr 1898 rückgängig machen wollen. Doch so grimmig die Affiche des hawaiianischen Untergrunds erscheinen mag – die Veranstaltung wird sich als friedlich entpuppen. Eine Rebellion, aber eine sanfte.

Gewaltfreier Widerstand

«If you’re not taking care of your country, your country will take care of you», singt Kelii Skippy Ioane an der Versammlung. Er ist Politaktivist und Bandleader von Big Island Conspiracy, einer Gruppe von King’s Landing, dem Ostzipfel der Insel. Die Menschen hier gelten als ein wilder Haufen, der einen rauen Fleck Land zwischen Urwald und Ozean bewohnt, ohne Strom und fliessendes Wasser. Nun hat ein Millionär vom Festland ein Auge auf King’s Landing geworfen; er möchte ein Luxus-Resort errichten. Die Einheimischen sind konsterniert. Seit je leben sie auf dem kargen Boden; auf dem Papier indes gehört er ihnen nicht. «Wenn du dich nicht um dein Land kümmerst, kümmert sich dein Land um dich», singt Skippy. Es ist ein zeitgenössisches hawaiianisches Freiheitslied. Es ist ein Blues.

Mit einem im alten hawaiianischen Idiom gesprochenen Gebet hat das Insel-Oberhaupt Robert Keliihoomalu die Versammlung eröffnet. Nun sitzen die Abgeordneten von Oahu, Maui, Kauai, Lanai, Molokai und Big Island unter dem offenen Zelt auf Plasticstühlen. Über der Zusammenkunft weht eine verkehrtherum aufgehängte USA-Flagge, die Sonne brennt. «Was wir hier betreiben, ist ein gewaltfreier Prozess», sagt Henry Noa, Premierminister der Schattenregierung, deren Protokoll verlangt, dass die Abgeordneten ein Aloha- Shirt tragen, ein Hawaii-Hemd. «Wir sind hier, um eine Nation zu bauen», beschwört Noa die Kanaka, die «Hiergeborenen». – «We are gonna rock this island of Hawaii!», ruft jemand. Die Aktivisten sprechen tatsächlich ein breites, von hawaiianischen Wörtern durchsetztes Amerikanisch.

Die Versammlung zeigt exemplarisch die Probleme der hawaiianischen Kultur – und auch ihre Chancen: Sie ist überaus durchlässig. Den Hawaiianern, die hier ihre Unabhängigkeit reklamieren, geht es nicht um die «Reinheit» ihrer Ethnie oder darum, dass sie nur noch die Sprache ihrer Vorfahren sprechen wollten. Dafür ist es längst zu spät. Sprache, Gesang und Tanz wurden nach der Absetzung von Königin Liliuokalani durch die Amerikaner verboten. Erst 1979 wurden die Verbote wieder aufgehoben. Es geht den Leuten hier nicht darum, Amerika aus ihrem Leben zu verbannen; zu lange leben sie schon den «American Way of Life». Aber sie wehren sich gegen die Überbauung ihrer Orte und Stätten.

Hilo, wo es oft regnet, ist charakterisiert durch das typisch hawaiianische Laid-back. Die tätowierten Arme der Hiloer Männer fallen schwer von den Schultern und stellen sich beim Gehen den Bewegungen des Beckens trotzig entgegen. Die Männer schlurfen, wenn sie nicht gerade mit ihren riesigen und aufgemotzten Pick-ups die Strassen erbeben lassen. Sie sprechen einen kaum verständlichen Island-Slang, sind mutige Surfer und rauchen gern Pakalolo, «crazy smoke», Haschisch. Doch wer ein solches Gangsterface anspricht, bekommt Antworten, sanft und liebenswürdig wie von einem Mädchen. Und so klingt auch ihre Musik: irgendwie feminin.

Im Zelt spielt Big Island Conspiracy nun jamaicanischen Reggae. Drinnen sitzt niemand mehr, alle haben sich ins Freie verzogen, wo sich ein sonderbares Weiss breitmacht: Vog nennen die Hawaiianer den vulkanischen Dunst vom Mauna Loa, eine Mischung aus Fog und Volcano, die die Umgebung in eine japanische Tuschzeichnung verwandelt. Es ist eine nach Schwefel riechende Luft, die einen benebelt – eine passende Stimmung zur Melange von hawaiianischen und jamaicanischen Klängen, die im Pazifik als «Jawaiian» oder «Contemporary» bezeichnet wird. «Hawaiianer haben Musik nie unterschieden», sagt Roselle Bailey, eine Hula-Meisterin von Maui. Musik sei Musik, egal, woher sie komme.

Plötzlich steht eine junge blonde Frau auf der Bühne. Alle sind irritiert, es kennt sie niemand. Dann beginnt sie zu singen. Virtuos wechselt sie zwischen traditionellem Gesang und Passagen, die an den Jodel gemahnen. Nun wissen alle: Sie ist eine Schülerin von Kekuhi Kanahele, einer Sängerin, die zwischen Tradition und Experiment changiert. Augenblicklich ist die talentierte Amerikanerin in der Runde der Aktivisten akzeptiert. Und so endet der Abend mit den Freiheitskämpfern versöhnlich, ohne militärische Parolen, martialische Attitüden oder rassistische Ausbrüche. Es war ein gemütliches Beisammensein mit Freunden und Musik.

«Aloha-Spirit» lautet die Zauberformel der abgelegensten Inselgruppe der Welt. «Aloha» bedeutet «im Angesicht von Ah», dem Gott des Lichts. «Aloha» heisst «Hallo», «Auf Wiedersehen» und «Ich liebe dich»; es ist das zentrale Wort dieser polynesischen Kultur, die kaum unterscheidet zwischen Freundschaft und Liebe, zwischen fremd und eigen. Und obwohl die meisten Hawaiianer kein Hawaiianisch sprechen, lebt der Aloha-Spirit weiter. Es ist dieser Geist, der Fremden und Fremdem Tür und Tor öffnet. «Sie benutzen unser Aloha, um ihre Taschen mit Geld zu füllen», sagt Robert Keliihoomalu. Hawaii ist so eben ein Paradies für Wegelagerer und Tagediebe – auch musikalische.

«Aloha from Hawaii»

Elvis zum Beispiel verschickte von hier mediale Grüsse. Seine Fernsehshow «Aloha from Hawaii» von 1973 war das erste Rockkonzert, das je live ausgestrahlt worden ist. Es soll von über einer Milliarde Menschen verfolgt worden sein. Elvis liebte die Inseln; ironischerweise zementierte er das Bild von Hawaii als einer Inselgruppe mit einer netten, aber etwas simplen Bevölkerung, die ihren Besuchern Blumen um den Hals legt. Elvis indes nutzte Hawaii nur als Kulisse; die hawaiianische Kultur interessierte ihn nicht. Es waren dann die Gitarristen Ry Cooder und J. J. Cale, die sich im Pazifik mehr als nur ein paar bunte Blumen holten. Ersterer erweiterte in den späten 1970er Jahren hier seinen musikalischen Horizont, ehe es ihn nach Westafrika und Kuba zog. Cales Werke sind tief inspiriert vom nachlässigen Metrum des Pazifiks – laid-back eben.

Auch mancher Hawaiianer musste die musikalische Tradition erst einmal wiederentdecken und erlernen. Eddie Kamae ist ein Weltstar, auf Hawaii trägt er den Titel «living legend». Wie kein anderer hat er die Möglichkeiten der Ukulele, dieses seltsamen, von der portugiesischen Braguinha abgewandelten Instruments, ausgelotet und erweitert. Kamae ist Sänger, Komponist, Filmer und Gründer der legendären Sons of Hawaii, denen auch Gabby Pahinui angehörte – einer der begabtesten und einflussreichsten pazifischen Musiker des 20. Jahrhunderts. «Ich kannte die alten Lieder meiner Herkunft nicht», sagt Kamae, einst ein Profi-Spieler, bei einem Glas Merlot mit Eis im Ala Moana Center, einem der grössten Einkaufszentren von Honolulu. Das Treffen hätte eigentlich im Aina Moana Beach Park neben Waikiki Beach stattfinden sollen, doch mit dem Musiker kam auch der Regen, ein feiner und warmer Wolkenbruch, wie er auf den Inseln oft fällt.

Eddie Kamae ist ein 79 Jahre alter Mann. Seine Eltern sprachen die Sprache ihrer Eltern nicht mehr, er wuchs im Ferienparadies Hawaii auf. Erst sein zufälliger Fund einer Liedersammlung von Königin Liliuokalani im Archiv des Bishop Museum von Honolulu beendete seinen kulturellen Dornröschenschlaf. Die letzte Regentin von Hawaii war eine der schöpferischsten Komponistinnen der Inseln gewesen. Ihre Hymne «Aloha Oe» ist eines der bekanntesten hawaiianischen Lieder; sie schrieb das Lied während ihres monatelangen, erniedrigenden Hausarrests während der Machtübernahme der Amerikaner. Es ist nun Kamaes Verdienst, dass diese Liedersammlung heute der Nachwelt zugänglich ist. Doch um herauszufinden, wie diese Lieder gespielt werden und was sie überhaupt erzählen, musste er Lehrer suchen. Alte Menschen, die noch mit der alten polynesischen Sprache aufgewachsen sind. Sam Lia, der letzte hawaiianische Poet vom berüchtigten Waipio Valley, war einer seiner Einflüsterer. Auch Kamaes Vater war aus diesem verwunschenen Tal im Norden von Big Island gekommen, in dem sich früher Gesetzesbrecher und Unangepasste versteckt hatten und an dessen Ende ein grandioser Wasserfall tost, dem Gabby Pahinui mit «Hiilawe» ein musikalisches Denkmal gesetzt hat.

Für Kamae war es eine Heimkehr in die ihm fremde kulturelle Heimat. Lia war bereits 92 Jahre alt; ein Jahr lang hat er noch gelebt und seinem Ziehsohn seine Geschichte und Geschichten erzählt. «Eddie, nach dir wird unsere Kultur verschwunden sein», mahnte der alte Mann. So drehte Kamae mit seiner Frau Myrna mehrere Dokumentationen. «Alles, was ich sah, als ich anfing, existiert heute nicht mehr», sagt Kamae. Zwar gebe es noch Hula-Schulen. Doch die grossen Figuren seien längst gegangen. «Es ist wie mit dem Königreich: Die Zeiten ändern sich. Auch die Musik ändert sich. Alles ändert sich», sagt Kamae. Man soll das Wetter nicht bekämpfen und auch nicht die Zeit.

Ohne diese fatalistische Einstellung gäbe es die heutige hawaiianische Musik, deren sehnsüchtige Noten auch im wiedererwachten amerikanischen Songwriting anklingen, nicht. Stöckchen, Steine und Muscheln waren die Instrumente im alten Hawaii. Die Insulaner schlugen Rhythmen und tanzten und sangen dazu, meist am Strand. Ihre Chants handelten von ihrer Herkunft aus dem Südpazifik, von langen, gefährlichen und entbehrungsreichen Reisen über den Ozean, von Wetter, Wind und Wellen. Noch heute soll es Familien geben, die dank solchen Chants wissen, mit welchem Schiff ihr Clan auf Hawaii gelandet ist. Die Hula-Chants dienten der Überlieferung, sie waren heilig.

Erst Missionare und Cowboys brachten im 19. Jahrhundert Harmonie- und Melodieinstrumente auf die Inseln. Schnell haben die Hawaiianer die Instrumente für sich entdeckt und, wo nötig, modifiziert. Sie benutzten aber Gitarre und Ukulele anfangs nur für profane Musik und für die Lieder der Missionare. Für Hula waren sie tabu und sind es mancherorts noch immer. Es gab eine klare Unterscheidung: Chants sind in Moll gehalten, Songs in Dur; trotzdem ist auch den weltlichen Songs eine eigenartige Dunkelheit eigen.

Gitarren-Kult

Sonst aber machten die Insulaner mit den Instrumenten, was sie wollten. Das zeigt sich in der genuinen Gitarrenspieltechnik, der Slack-Key- Guitar, bei der die Stimmung des Instruments dem jeweiligen Lied angepasst wird. Aus diesen offenen Stimmungen ergeben sich frei schwebende Harmonien, die sich markant abheben vom Spiel mit klassischer Stimmung. Der Musiker ordnet sich nicht der Tradition eines Instruments unter; er adaptiert es je nach Präferenzen und technischen Möglichkeiten. Es ist ein freiheitlicher Ansatz, der auf Hawaii einen einmaligen Gitarren- Kult hat entstehen lassen. Spezielle Tunings indessen wurden so streng gehütet wie Familienschätze.

Auch die Steel-Guitar, mit einem Röhrchen auf den Beinen gespielt, wird offen gestimmt. Es ist der aus dieser Spieltechnik resultierende wimmernde Klang der Kilakila, den wir noch heute als «Hawaii-Gitarre» bezeichnen und deren Sound Leo Fender, der mutmassliche Erfinder der elektrischen Gitarre, im Ohr hatte, als er sich daranmachte, ein Saiteninstrument ohne Resonanzkörper zu bauen. Es war wohl einer der grössten Beiträge der hawaiianischen Musik zum Rock’n‘ Roll, wenn auch ein indirekter, ein vom Instrumentenbauer imaginierter. Jeder Rockgitarrist, so hart er auch spielt, nimmt noch heute unweigerlich Bezug auf die jammernde Ästhetik der Hawaii-Gitarre.

Wie aus purer Zerstörung ein Wunderwerk werden kann, lässt sich auf Hawaii an vielen Orten erleben, zum Beispiel an der Kalapana Coast. Sie galt einst als eine der schönsten Küsten Hawaiis. Bis 1990 die Lava des Kiluaea den in vielen Chants besungenen Küstenstreifen überrollte. Heute geht von dem Strand ein unheimlicher Zauber aus. Er ist rabenschwarz, hart, nackt. Kaum jemand traut sich hier noch ins Wasser; kein Schwimmer, kein Taucher, kein Surfer. Zu heftig und zu nah ist die Brandung des offenen Pazifiks, der hier ungehindert auf die Insel eindrischt und die erstarrte Lava in feinen Sand verwandelt. Es ist ein Ort zwischen Himmel, Erde und Hölle. «That’s another spot», sagen die Einheimischen, ein ganz besonderer Ort. Es ist ein Ort, den man besingen muss.

Von hier stammt Puna, der jüngste Sohn von Robert Keliihoomalu und der verstorbenen Sängerin G-Girl. Unter einer Zeltblache neben der Bar seines Vaters singt Puna mit samtenem und durchdringendem Falsetto seine Lieder in die Nacht. Sie handeln von seiner berühmten Mutter, von den Buchten, Spinnen, Flechten und Bäumen seiner Küste. Puna ist eines der zahlreichen unentdeckten Talente, die auf den Inseln in ihren im Regenwald versteckten Hütten ihr Liedgut pflegen, fernab der für Touristen aufbereiteten, folkloristischen Hula-Shows der grossen Hotels. Begleitet wird Puna von Leland, einem schweigsamen Mann, der ihm unauffällig mit der Gitarre folgt. Er versenkt sich in die Stücke, stimmt seine Saiten um, sucht Melodien, die nur langsam Gestalt annehmen wollen, danach aber umso nachhaltiger durch die Nacht schweben. «Plattenaufnahmen?», fragt der zurückhaltende Virtuose. Er spiele nur in seinem Hinterhof, für seine Schweine, Hunde und Katzen, sagt er. Dann versinkt er wieder in der Musik. Längst ist die Bar geschlossen, hat der Barkeeper aufgeräumt und ist gegangen. Keiner hat es bemerkt. «Mahalo, Brother», brummeln die wenigen Anwesenden nach jedem Lied, «danke, Bruder». Dann spielt die Musik weiter.

In der Ferne ist das Rauschen des Ozeans zu hören. Wer genau hinhört, kann hinter dem Donnern der Brandung leise den Rhythmus der Steine hören, die vom Wasser vor und zurück geworfen werden, kann Anklänge an die Inselmusik vernehmen, Anklänge an diese profunde und rätselhafte Wehmut, die in allen hawaiianischen Liedern mitschwingt. Schenkte der Blues dem Rock’n’Roll die Trauer, so steuerte der Pazifik die Sehnsucht bei.

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Eingeordnet unter Gesellschaft, Kultur

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