Adieu, Heidi-Land

Erschienen in «Brandeins», 1. Januar 2008

Was kann der Natur Besseres passieren, als dass der Mensch sie in Ruhe lässt? Dass der Mensch sie bewirtschaftet. Erfahrungen aus dem Tessin, dessen Bergregionen verwildern.

© Lukas Egli, 2008

Für Touristen ist das Tessin ein Paradies: Es ist im Süden, aber nicht zu weit weg; es ist sonnig, aber nicht zu heiß; es ist Italien, aber sauber und verlässlich. Schweiz halt, aber mit italienischem Flair. Das Tessin ist ein Wunschziel, ein Versprechen. Doch eigentlich ist das Tessin etwas ganz anderes: eine raue Gegend auf der Alpensüdseite, aus der sich der Mensch langsam zurückzieht.Die Traverse beginnt in Faido, im Valle Leventina, durch das der Fluss fließt, der dem Kanton seinen Namen gab, Ticino. Das Valle Leventina oder Livinental lebt vor allem vom Transitverkehr der Gotthardstraße und dem Bau des längsten Tunnels der Welt, des neuen Gotthard-Bahntunnels, durch den in zehn Jahren die ersten Züge rollen sollen.

Den Leuten geht es gut, wie sich an den gepflegten Gebäuden ablesen lässt, je weiter südlich desto besser. Doch bereits in Chironico, einem Weiler am Westhang des Tals, kaum einen Kilometer von der Nord-Süd-Achse entfernt, prägen alte, finstere Häuser und enge, leere Gassen das Bild, obwohl der Ort auf einer hübschen Terrasse liegt und einen schönen Ausblick bietet. Von hier führt ein steiler Weg in das bereits stark verwaldete Val Chironico. Es ist eine wuchernde, blühende Landschaft – und ein Vorgeschmack auf ein herbes, verlassenes Tessin.

Die Alpenlandschaft ist weitgehend geprägt von der Transhumanz, bei der die Bauern mit dem Vieh der Vegetation folgen. Im Frühsommer geht es hinauf, aufs Maiensäss, Mitte Juni für rund hundert Tage auf die Alpen und Hochalpen. Sinken gegen Ende September die Temperaturen, kehren Bauer und Vieh ins Dorf zurück. Diese an den natürlichen Gegebenheiten orientierte Lebensform macht den Reiz der heutigen Alpenlandschaft aus: idyllische Kulturlandschaft inmitten bedrohlicher Natur. Doch die Transhumanz verschwindet angesichts des Preisdrucks in der Landwirtschaft: Alp-Produkte können mit den sinkenden Weltmarktpreisen nicht mithalten. Für die Bergregionen hat das Konsequenzen.

In der Schweizer Sonnenstube drohen die Lichter auszugehen, zumindest im oberen Teil. Immer mehr Monti, wie die Maiensässe und Alpen im Tessin heißen, werden aufgegeben. Sie verfallen zu Ruinen oder werden zu Rustici, Ferienhäusern, umgebaut. Doch wenn die Wiesen in den Höhenlagen nicht mehr genutzt, gemäht und beweidet werden, verwildern sie. Nach zwei, drei Jahren, je nach Sonneneinstrahlung und Lage, entsteht dichtes Buschland, dann kommt der Wald. Und der wächst rasant. Nach Angaben des Schweizerischen Bundesamts für Statistik wuchs die Waldfläche zwischen 2005 und 2006 um 2171 Hektar. Das entspricht einem Wachstum von sechs Hektar pro Tag. In den vergangenen 150 Jahren hat die Waldfläche in der Schweiz um mehr als 30 Prozent zugenommen.

Am extremsten zeigt sich das Phänomen im Tessin. Laut Biodiversitäts-Monitoring des Bundesamts für Umwelt hat die Fläche naturüberlassener Wälder an der Alpensüdflanke von 1985 bis 1995 um gut fünf Prozent zugenommen. Für das folgende Jahrzehnt liegen die Zahlen laut dem Biologen Adrian Zangger noch nicht vor. Er erwartet, dass die Entwicklung mindestens ebenso schnell weiterging. Mehr als ein Fünftel der Südschweiz gilt heute als naturbelassene Waldfläche. Bereits Mitte der neunziger Jahre war die Hälfte des Kantons mit Wald bedeckt. „Die Entwicklung könnte bald kritische Ausmaße annehmen“, so Zangger.

Kurz vor dem Bergsee Laghetto, dem ersten Etappenziel der Wanderung, kommt Nebel auf. Langsam schleicht er talabwärts, wird bergauf immer dichter. Auf der Alpe del Laghetto liegt ein totes, stark verwestes Schaf im hohen Gras. Ausgerechnet hier verliert sich der zuvor gut markierte Wanderweg. Auf einmal sind keine Wegweiser mehr zu sehen. Nur mit viel Mühe ist ein Maultierpfad zu finden. Er führt über einen schmalen Sattel und einen steilen Abstieg nach Sonogno im Val Verzasca, eines der wildesten und zugleich schönsten Bergtäler der Schweiz.

Der Passo di Piatto war einst ein wichtiger Übergang; er verband zwei Tessiner Alpentäler, aber auch zwei Tessiner Kulturen: die von den Walsern geprägte am Gotthard und die romanische in der Verzasca. Heute führt der Übergang vor Augen, wie ungleich sich der Kanton entwickelt: Reichtum und Entwicklung auf den Talböden, Niedergang und Verwaldung in den Höhen. Die Verbindungen zwischen beiden Welten scheinen abzureißen.

Die Talböden, die Fondovalli, machen im Tessin wenig mehr als zehn Prozent der Fläche aus. Auf dieses Gebiet konzentrieren sich heute mehr als 95 Prozent aller wirtschaftlichen Tätigkeiten. Die sogenannte „Citt Ticino“, die immer stärker zusammenwachsende Agglomeration, wächst und floriert, während in den abgelegenen Alpentälern Wildwuchs herrscht.

Die Ökonomin Priska Baur interpretiert die Wiederbewaldung als Ausdruck des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels, bei dem die Zunahme des Wohlstands eine Rolle spielt. „Die ausgedehnte Bewirtschaftung von Grenzertragslagen war vor allem Ausdruck von Armut und Not“, schreibt sie in einem Aufsatz für das Forschungsprogramm N FP 48 „Landschaften und Lebensräume der Alpen“ des Schweizerischen Nationalfonds. Man kann es sich heute leisten, die Höhenlagen aufzugeben.

Zu keiner Zeit vermochten die kargen Böden der zumeist schmalen, nach Süden exponierten Tessiner Täler alle Bewohner zu ernähren. Von dieser Knappheit zeugen etwa die zahlreichen Hungeralpen, welche die Via Alta della Verzasca säumen, die man beim zweiten Etappenziel der Traverse, bei der Alpe di Cognora, kreuzt. Entlang dem Gebirgsstrang, der das Valle Leventina und das Val Verzasca trennt, finden sich Dutzende solcher Ställe und Unterstände – meist in verwegener Lage.

Eine der bekanntesten Geschichten des Tessins erzählt von Giorgio, einem Sohn armer Bergbauern aus Sonogno. Mit anderen Jungen wird er als Kaminfegerbub ins nahe Mailand verkauft. Der 1941 erschienene Roman „Die schwarzen Brüder“ der deutschen Schriftstellerin Lisa Tetzner beruht auf wahren Begebenheiten: Abwanderung und die Verdingung von Kindern haben im Tessin eine lange Tradition. Zyniker sagen, der Kanton habe immer von zwei Wirtschaftszweigen gelebt: von der Landwirtschaft und der Migration.

Mittlerweile ist im Tessin der Ausstieg der Aussteiger im Gang. Sie füllten seit den sechziger Jahren nach und nach die Lücken, die sich nach Abwanderung der Einheimischen in den Tälern auftaten. So sind es heute vor allem Deutsche und Deutschschweizer, die erhalten, was auch zum Tessin gehört: Sie produzieren auf kleinen Höfen Formaggini (Ziegenfrischkäse), stellen Salumi (Wurstwaren) her und betreiben die Grotti (Kellerrestaurants).

Wozu taugt ein entvölkertes Land? Mal zur Abschreckung, mal als Naturpark

Wie Hermann Seibold. Im Jahr 1995 bezog der damals 33-jährige Deutsche mit seiner Familie die Azienda Cortaccio, eine Gärtnerei und Obstplantage in Gerra, vier Kilometer südlich von Sonogno. Hier baute er vor allem Beeren und Tomaten an, zeitweise mehr als 100 Sorten, die seine Frau in Locarno und in der Magadinoebene zu Markte fuhr. Die Azienda sei ein toller Betrieb, sagt Seibold, das Val Verzasca ein wunderbares Umfeld – aber auch ein unheimlich hartes. Die Kleinräumigkeit der Landschaft, die fast nur Handarbeit und kaum Maschinen zulässt, die Höhe, die die Pflanzen sehr spät – zum Teil einen Monat später als in der Ebene – reifen lässt, sowie die weiten Wege auf oft schlechten Straßen haben ihn in die Knie gezwungen. Nach elf Jahren musste er die Gärtnerei abgeben. „Der Preisdruck der Produzenten von der Alpennordseite und aus Italien ist zu groß geworden“, sagt Seibold. Auch seinen Nachfolger plagen bereits Zweifel, ob er auf der Azienda Cortaccio je ein Auskommen finden wird.

Nach Angaben von Herbert Karch, Präsident der Schweizer Kleinbauern-Vereinigung, hat das auch mit erbrechtlichen Bedingungen zu tun. „Im Tessin wie auch in Teilen von Graubünden und dem Wallis herrschte die Realteilung vor, bei der ein Bauernhof bei sechs Nachkommen durch sechs geteilt wurde“, erklärt er. Dieses Prinzip schuf Parzellen, die auf Dauer kaum mit Gewinn zu bewirtschaften waren. Und auch das Klima ist schwierig. Im Tessin wechseln lange Trockenphasen mit extremen Niederschlägen. „Man kann niemanden zwingen, dort oben weiter zu wirtschaften“, sagt Karch.

Die Aufgabe des Kulturlands hat Folgen. „Wachsen die Sonnenterrassen zu, wird auch die touristische Nutzung abnehmen“, schreiben die renommierten Architekten Roger Diener, Jacques Herzog, Marcel Meili, Pierre de Meuron und Christian Schmid in ihrer Studie „Die Schweiz – ein städtebauliches Portrait“, die 2005 erschienen ist. Sie beschreiben darin eine riesige Zentralbrache, die sich um den Gotthardraum gebildet hat und von der Surselva in Graubünden bis ins Obergoms im Wallis, von den Rändern der Region Zürich bis zu den Ausläufern der Region Mailand reicht. Die Sogwirkung der Städte habe in diesen Gebieten eine negative Dynamik ausgelöst und entziehe ihnen Energie. Als zentrales Phänomen dieser Negativspirale nennen die Autoren die Abwanderung. Vor allem junge Leute zieht es in die Zentren. Den ländlichen Regionen fehlen mittelfristig gut ausgebildete Menschen im erwerbsfähigen Alter. Eine Entwicklung, wie sie in ganz Europa beobachtet wird.

Auch der Bundesrat geht aufgrund von Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung davon aus, dass die Ballungsräume weiter wachsen und sich die Randregionen weiter entvölkern werden. Laut der „Neuen Regionalpolitik“, die 2008 in Kraft tritt, will die Regierung die Landflucht aber nicht mehr um jeden Preis aufhalten. Die verlassenen Landschaften sollen als Naturparks und Reservoirs für natürliche Ressourcen genutzt werden.

Das ist eine Abkehr von einem regionalpolitischen Dogma, das ungeachtet hoher Kosten die Besiedelung der abgelegensten Winkel vorsah – und auch ein Bruch mit dem ausgeprägten eidgenössischen Föderalismus, der um Ausgleich zwischen den Sprach-und Kulturregionen, Berg und Tal, Arm und Reich besorgt war. Die neue Regionalpolitik ist auch darum umstritten, weil der größte Teil der Schweiz als Randregion und potenzielles Brachland bezeichnet werden muss: Nur ein Zehntel der Gesamtfläche des alpinen Bundesstaats ist überhaupt bewohn- und bebaubar. In den betroffenen Regionen hat die Analyse eine Polemik ausgelöst. Wer will schon gern als potenzialarm gelten?

Wenn Bauern kapitulieren, hat das Folgen: Idylle verwandelt sich in Wildnis

Doch die Alpenbrachen verheißen nicht nur den dort beheimateten Menschen eher finstere Aussichten. Die Schweiz lebt zu einem guten Teil vom Fremdenverkehr, der den Feriengästen neben den Städten und Seenlandschaften eine gepflegte und bewirtschaftete Alpenlandschaft verkauft – „Heidi-Land“ eben. Aber längst ist das Phänomen der Verwaldung auch auf der Alpennordseite angekommen, besonders im Oberwallis, im Emmental und in weiten Teilen von Graubünden, wo wegen der Aufgabe von Kulturland große Flächen ihr Aussehen verändern.

Eine Ausdehnung der Wildnis – das dürfte wenigstens die Biologen freuen, sollte man annehmen. Doch so ist es nicht. Erst die kleinflächige, vielfältige, vom Menschen geschaffene Alpenlandschaft ermöglichte die heutige artenreiche Vegetation. Rund 80 Prozent der blumenreichen landwirtschaftlichen Flächen der Schweiz liegen in Höhenlagen und im sogenannten Sömmerungsgebiet, wo die Waldzunahme besonders deutlich ist. „Da die Pflanzenvielfalt im Grasland zwei- bis dreimal so hoch ist wie im Wald, und Pflanzen und Tiere der offenen Landschaft gefährdeter sind als Waldarten, wirken sich Verbuschung und Verwaldung nachteilig auf die Artenvielfalt aus“, sagt Professor Jürg Stöcklin von der Universität Basel. Für den Botaniker ist klar: Mit der Zunahme des Waldes steht die Kulturlandschaft des Alpenraums, die für die touristische Attraktivität der Schweiz eine große Rolle spielt, auf dem Spiel. Auch der Kulturingenieur Hans Weiss, ehemals Geschäftsleiter der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, verfolgt die Entwicklung mit Sorge: „Die Kulturlandschaft interessiert heute nur noch als Erholungsraum, als Reservoir für Biodiversität und Kulisse für die Touristenwerbung. Das Bewusstsein aber, dass wir die Kulturlandschaft einer über Jahrhunderte nachhaltigen Bodenbewirtschaftung verdanken, ist unserer Gesellschaft innerhalb einer Generation abhanden gekommen“, sagt er. Der Alpentourismus ist stärker mit der Landwirtschaft verknüpft, als manchem volkswirtschaftlichen Strategen lieb ist.

Nirgends ist die Zugänglichkeit und Offenheit der Landschaft so gewährleistet wie in der Schweiz. Das sei ein großes Plus, findet der Kleinbauernpräsident Karch. Eine Besiedelung, bei der nur die Talböden zugänglich und die Hügel und Berge von Urwald bedeckt sind wie in den französischen Savoyen, wolle in der Schweiz niemand. Doch da könnte er sich täuschen. Einer Umfrage der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft zufolge wird die Aufgabe der Bewirtschaftung und die Verwilderung in der Gesamtbevölkerung etwa gleich positiv aufgenommen wie der Erhalt der Kulturlandschaft.

Allerdings gibt es große Unterschiede, wie der Sozialwissenschafter Marcel Hunziker erklärt. „Die außeralpine Bevölkerung steht der Verwilderung massiv positiver gegenüber als die davon betroffenen Einheimischen“, sagt er. Seiner Meinung nach besteht in der Schweiz eine Nachfrage nach Waldwildnis. Offen sei nur, wie man aus der Nachfrage ein Angebot machen könne, zum Beispiel in Form von Abenteuerparks. Zugleich relativiert er: Im Moment seien Wildnisgebiete ein knappes Gut; sie würden daher auch überbewertet. Gut möglich, dass die Wertschätzung gegenüber den Kulturlandschaften wieder steigt, wenn sie zugunsten der Waldwildnis rarer werden.

Ankunft in Sonogno, dem Ziel der Traverse: ein intaktes Tessiner Bergdorf, geprägt von charakteristischen romanischen Steinhäusern und einem Kirchturm. Vor Jahren richtete die Gemeinde am Dorfeingang einen gebührenpflichtigen Parkplatz für 200 Autos ein. Wer in der Hauptsaison vor zehn Uhr anreist, findet ihn leer vor. Etwa um elf Uhr ist er gut besetzt, wenig später wieder verwaist. An schönen Tagen in der Hochsaison bringen Tagestouristen etwas Leben ins Tal. Sonst aber ist es still geworden im hintersten Dorf der Verzasca. Wer von hier nach Süden, Richtung Locarno wandert, entdeckt vereinzelt Steinbauten und Trockenmauern, die von den Mühen zeugen, die die Menschen einst auf sich nehmen mussten, um dieses Land urbar zu machen. Kaum irgendwo sonst wird so deutlich, was geschieht, wenn Bauern kapitulieren und ihr Land der Natur überlassen: Dann wird die Idylle zur bedrohlichen Kulisse. Sie wird Urwald.

So wundert es nicht, dass kaum jemand bleiben will. Wie in Corippo: Das pittoreske Dorf, das man auf dem Weg von Sonogno nach Locarno streift, klebt am nördlichen Ende des Lago di Vogorno, einem Stausee im unteren Verzascatal. Dem unter Denkmalschutz stehenden Bergdorf haftet der zweifelhafte Superlativ an, die bevölkerungsärmste Gemeinde der Schweiz zu sein. Im Jahr 1850 wohnten hier rund 300 Menschen, heute sind es noch 17. Wie Sonogno möchte auch Corippo einen neuen Parkplatz bauen, um Touristen anzulocken. Die Investition ist angesichts der kleinen und leeren Gemeindekasse illusorisch. Unklar ist auch, was die Anlage brächte. Corippo hat kein Gasthaus mehr. Der Parkplatz würde nur Tagestouristen und Ferienwohnungsbesitzern dienen. Die aber werden für den Niedergang der Randregionen in den Alpen mitverantwortlich gemacht: Jedes kalte Bett – eines, das elf Monate im Jahr leer bleibt – untergräbt die Infrastruktur und deren Erneuerung.

Die Entvölkerung der Schweizer Alpentäler ist nach Meinung von Demografen unumkehrbar. Doch die Urbanisten um die Starachitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron sagen, dass der Rückzug aus den Kulturlandschaften der Alpen nicht in jedem Fall als volkswirtschaftlicher Verlust bilanziert werden müsse. Vielmehr könnten die Brachen späteren Generationen willkommen sein, um sie neu zu erschließen, wenn der Boden in den Ebenen knapp geworden sei. Sie würden zu stillen Reserven im nationalen Flächenhaushalt, so das Fazit ihrer provokativen Studie. Erste Umkehreffekte sind bereits sichtbar: Schon heute erzielen abgelegene, nicht mehr genutzte Alphütten einen Erlös, von dem ihre einstigen Besitzer, die Bergbauern, nicht zu träumen gewagt hätten. Ein Ferienhaus im Tessin – das ist bei Touristen noch immer viel wert. Da nehmen sie sogar einen Gang in die Wildnis in Kauf.

Lisa Tetzners Giorgio kehrte Jahre später verheiratet als Lehrer nach Sonogno zurück, wie das viele Tessiner Arbeitsmigranten taten. Nach einem schweren Erwerbsleben gingen sie heim zu Nonna und Nonno, zu Oma und Opa. Wer heute abwandert, wird nicht wiederkehren – nicht wiederkehren können. Denn da wo Nonna war, wird Wald sein.

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Eingeordnet unter brand eins, Die Anatomie der Peripherie, Tourismus, Wirtschaft

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