Die Gastarbeiter

Erschienen in «Das Magazin», 15. März 2008

Zauberhaftes Hotelpersonal verwandelt Geld in Luxus und Gäste in Könige. Geschichten zum Saisonende aus St. Moritz.

© Lukas Egli, 2008

Er erkennt natürlich sofort, wer da unerwartet erscheint. Doch Vlado Sarkevic entscheidet sich, den Mann trotzdem zu bedienen. Als wäre nichts passiert, damals, nimmt er von seinem ehemaligen Chef die Bestellung auf – zweimal Fondue chinoise, eine Magnum-Flasche Latour à Pomerol 1999 für 285 Franken, zwei Mineralwasser, vorab zwei Menüsalate. Mit stoischer Ruhe hört er sich die Sprüche an, mit denen der Gast seinem jungen Begleiter imponieren will. So sind sie hier alle im Hotel Waldhaus am See: Der Gast ist König – jeder Gast ist König. Auch wenn es, wie in diesem Fall, der ehemalige Chef de Service des Hauses ist, der nach acht Jahren fristlos entlassen wurde, weil er heimlich die teuersten Weine trank, gelegentlich auch während der Arbeitszeit.Das Waldhaus am See hiess einst Waldschlösschen und verfügt, direkt am See gelegen, über eine der schönsten Lagen in St. Moritz. Hier ist man mittendrin – und doch etwas abseits vom Trubel des manchmal aufregenden und oft aufgeregten Dorfs. Eine Sonderstellung hatte das Waldhaus schon immer. Es gehört seit Urzeiten dem Milchverband Winterthur und wurde gegründet, um auch Normalsterblichen Ferien in St. Moritz zu ermöglichen. Und so wird es heute noch geführt: Die Preise sind moderat, nicht nur für hiesige Verhältnisse, und fast alles, wofür man anderswo extra bezahlt, ist inbegriffen: die Bergbahn, das Mountainbike, die Sauna, das Internet. Hier wird tagtäglich ein Stück jenes St. Moritz demontiert, das die Touristiker in langer PR-Arbeit mühsam gezimmert haben: das Alpenrefugium, das nur den Schönen und Reichen gehört.

Das Waldhaus am See ist der einzige Ort am Platz, wo Kantonspolizisten in der Gaststube beim Kaffee sitzen, wo deutsche Halbpensionsgäste ihren Urlaub ein Jahr im Voraus buchen, wo Schweizer Individualtouristen ebenso unterkommen wie schwerreiche Russen, Backpacker, junge Familien und Prominente. Im Waldhaus am See wird ein St. Moritz gelebt, das einem Verstossenen die Tür wieder öffnet. Er komme im Auftrag eines grossen Hotels in Gstaad Wein kaufen, erklärt der ehemalige Chef de Service. Vlado zuckt mit keiner Wimper und räumt die Salatteller ab.

Auch Vlados Kollegin Dolores Rodrigues verzieht keine Miene, wenn sich am Mittag das osteuropäische Ehepaar von Zimmer 34 wieder an den Tisch setzt und dasselbe konsequente Schauspiel zum Besten gibt wie an den Tagen zuvor. Er mit grau meliertem Haar und weissem Schnauzbart, sie eine stolze Brünette mittleren Alters. Wie immer sitzen sie vorn am Fenster, den Blick auf den gefrorenen und zugeschneiten See, schweigsam. Ein ganz normales Paar, das ein paar Tage Ferien in den Bergen geniesst. Und wie jeden Tag während ihrer zehn Tage im Waldhaus nehmen sie das Mittagsmenü; drei Gänge plus Tagessuppe für 23.80 Franken. Und während er dazu sein Mineralwasser für 3.20 Franken trinkt, bestellt sie eine kleine Flasche 1994er Château Cheval Blanc für 465 Franken. Ein hübsches Fläschchen ist das, ein Schmuckstück. Es enthält 0,375 Liter einer begehrten Exklusivität aus St-Emilion, Bordeaux. Es sind solche Gäste, die den Mythos St. Moritz während der Hauptsaison Tag für Tag neu begründen: Hier ist alles ein bisschen anders – teurer, exklusiver, verrückter.

Jeder ist schon mal dort gewesen, hat davon gelesen oder hat sich irgendwann geschworen, nie dorthin zu gehen. St. Moritz lässt niemanden kalt – und gehört uns doch allen. Auch wenn der Alpenort, der mittlerweile zumindest im Winter zu den zehn grössten Städten der Schweiz gehört, für die meisten nur ein Phänomen ist, das man aus der Fernsicht kennt: Mitreden kann jeder. Denn die Berichterstattung über die Eskapaden der Bewohner der exklusiven Alpenmetropole ist breit. Die Stichworte heissen: Kokain, Superreiche, Russen. Die passende Erzählform ist die Kolportage.

Für Einheimische ist das fast alles Blödsinn. Und nicht nur für sie. Auch für jene, die den Mythos St. Moritz erst möglich machen: diejenigen, die tagein, tagaus arbeiten, die den Feriengästen, den Reichen wie den Bescheidenen, die Wünsche von den Lippen lesen; die zu allen Tages- und Nachtzeiten rennen, wenn es einer verlangt; die im Hintergrund bereitstellen, was der Feriengast will; die all die Vorkehrungen treffen, damit niemandes Lust auf der Strecke bleibt. Die permanent von Luxus umgeben sind, jeden Tag mit ihm hantieren, ihn berühren, ihn erschaffen – und letztlich nie daran teilhaben.

Die besten drei Sterne

Zum Beispiel Dolores Rodrigues. Sie stammt aus Coimbra, Portugal, ist 42 Jahre alt und hat fünf Jahre lang im Hotel-Restaurant Post in Samedan gearbeitet, einem Familienbetrieb im Nachbarort, abseits der Extravaganz von St. Mo-ritz. Seit gut einem Monat ist sie nun im Waldhaus. Am Anfang merke man gar nicht, wer da sitze, erzählt sie. Man bediene einfach. Bis der Chef hinter einem stehe und flüstere: «Der Kaffee dieses Paars ist offeriert. Die haben für 25 000 Franken Whisky gekauft.» Eine Summe, die fast ihrem Jahreslohn entspricht. Dolores zuckte nur mit den Schultern und wusste nicht recht, was sie mit dem Betrag anfangen sollte. Wusste nicht, ob sie dem Chef überhaupt glauben sollte. «Ich bediene einfach alle Gäste gleich», sagt sie dann und winkt ab.

Dolores hält Distanz zu ihren Gästen. Eine Distanz, die dem ehemaligen Chef de Service fehlte. Und die sich auch jetzt nicht einstellen will. Zum zweiten Mal beklagt er sich bei Vlado über das Öl, das nicht heiss genug sei, moniert, er hätte das Fleisch nun schon zehn Minuten im Fonduekessel getaucht, und es sei immer noch nicht gar. «Das kann doch nicht euer Ernst sein», ruft er empört. Und zum zweiten Mal nimmt Vlado das Caquelon mit und bringt den beiden ein neues. Der beste Gast ist selbst ein guter Diener; der beste Diener ist selbst ein guter Gast. Eine Lektion, die nicht alle in St. Moritz verstanden haben.

Pächter des Waldhaus am See ist seit 25 Jahren Claudio Bernasconi, der flüsternde Hotelier. Seine Familie stammt eigentlich aus Chiasso, aufgewachsen ist er in St. Gallen und Zürich, und so klingt auch sein Dialekt: Er spricht das in Bündner Kurorten übliche Zürichdeutsch. Sein Waldhaus ist berühmt für seine Whiskybar, gemäss «Guinness-Buch» die grösste der Welt, und seinen immensen Weinkeller. Jahr für Jahr wird das Waldhaus am See von Journalisten zum besten Drei-Sterne-Hotel der Schweiz erkoren. Mit 86 Prozent Bettenbelegung ist es auch eine der am besten ausgelasteten Herbergen des Landes. «Den Erfolg eines Hotels kann man direkt an der Präsenzzeit des Hoteliers ablesen», sagt Bernasconi. Denn es sei klar, wer den Kopf hinhalten müsse, wenn einmal kein Toilettenpapier auf dem Zimmer mehr sei: der Chef. «Man muss viel einstecken können in diesem Beruf», sagt er.

Offene Rechnungen

Kaum einer kann das mit so viel Gelassenheit wie Vlado Sarkevic. Sein schwieriger Gast bestellt eine zweite Flasche Latour à Pomerol. «Sehr gerne», sagt Vlado mit der Laszivität des Altmeisters und stellt sie bereit, ohne sie zu öffnen. Von seinen beiden Gästen unbemerkt, verschafft er sich etwas Spielraum, eine Verschnaufpause, wartet, bis der Alkohol den Willen seiner Gäste aushöhlt. Vielleicht hat er Glück, und die beiden vergessen im Suff ihren Durst; die Flasche wäre gerettet. «Mehr als die Hälfte dessen, was die Menschen erzählen, ist Blech», erklärt Vlado nun ungefragt, «meist höre ich gar nicht hin.»

Vlado wird dieses Jahr 47 Jahre alt, 25 davon verbrachte er im Waldhaus am See. Der gelernte Schreiner ist ein beharrlicher Schaffer. Er ist es, der als Letzter geht und die Lichter löscht, und er ist einer der wenigen Gastarbeiter, die je das St. Moritzer Bürgerrecht erhielten. In den 25 Jahren hat er sich einen bescheidenen Wohlstand erarbeitet und einen Stolz. Sein ehemaliger Vorgesetzter, den er gerade bedient, schlug einen anderen Weg ein: Wollte rasch nach oben, suchte die Nähe seiner vermögenden Kundschaft, stürzte ab. «Es gab Tage, da mussten die ersten Hotelgäste am Morgen über unseren Chef de Service hinwegsteigen», erzählt Claudio Bernasconi trocken. Für den Hotelier eine Erfahrung, die ihn einiges hat überdenken lassen. Indessen nicht so viel, dass er sein ehemaliges Direktionsmitglied nicht mehr bewirten würde. Obschon er ahnt, dass auch die Rechnung dieses Abends offen bleiben wird.

Der 1000-Franken-Schluck

Es haben eben nicht alle so potente Kreditkarten wie gewisse Stammgäste. Einer kam vor zwei Tagen vorbei. Er reservierte einen Tisch für sechs Personen, suchte die Weine für den Abend aus und bestellte ein halbes Lamm. Gekommen sind sie dann zu acht, und da sitzen sie nun: vier Russen und ihre vier Skilehrer. An der Bar hat man vorhin eine Flasche Williams gekippt, am Tisch gibt es eine Flasche Pingus, Jahrgang 1998, die Vlado für sie chambriert hat, den teuersten Wein Spaniens, 920 Franken. Diese Preziose trinkt die fröhliche Gruppe zur Vorspeise. Lammlebern und -nieren werden aufgetischt. Man spricht mal Englisch, mal Russisch, trägt Jeans und Hemd und fühlt sich wie zu Hause. Das ist der Luxus der gehobenen Normalität. Und schon ist der Pingus leer.

Als Nächstes entkorkt Vlado einen Domaine Romanée-Conti Monopole 1996, einen der begehrtesten Weine überhaupt. Preis: 8500 Franken. Er gibt dem Gast zu kosten, dieser sagt nichts, sondern winkt nur: «Her damit.» Der Wein wird auf die acht Gläser verteilt, für jeden gibt es einen kleinen Schluck, mehr als 1000 Franken wert. «Für mich ist das richtig», sagt Vlado später. «Wenn man Geld hat, soll man es auch ausgeben. Auf den Tisch hauen und Arrivederci.» Ganz St. Moritz habe Freude, weil die Superreichen kämen – und ganz St. Moritz hätte ein Problem, wenn sie nicht mehr kommen würden. Vlado ist verheiratet, hat zwei Kinder, neun und achtzehn Jahre alt. Seine Frau arbeitet im Waldhaus als Zimmermädchen. «Wir haben keine Zeit zum Streiten», sagt er. Sie müsse früh raus, und er komme spät heim.

Als Hauptgang gibt es Lammrücken und Gigot. «Nur keine Rösti!», rufen die Gäste, als der Koch das Fleisch aufschneiden kommt. «Bitte, nur keine Rösti!» Dann wieder ein achtfaches «Viva», und schon ist auch die zweite Flasche leer. Jetzt ist der Chef gefragt. Claudio Bernasconi eilt zum Tisch, berät sich kurz mit seinem Stammgast und verschwindet. Mit einer Magnum-Flasche La Tâche 1994 für 5500 Franken ebenfalls von der Domaine Romanée-Conti kommt er nach einer Viertelstunde zurück. Nur: Der Wein hat im grossen Weinkeller gelegen und ist nur etwa sechs Grad warm. Zu kalt. «Ich gebe dir zehn Minuten», ruft der Stammgast quer durch das Restaurant, zugleich scherzend und drohend. Der Wein muss rasch Trinktemperatur bekommen, egal wie. «Vor ein paar Jahren hätten sie noch gesagt: Egal, Wodka ist auch kalt», meint Bernasconi. «Mittlerweile wissen sie es auch besser.»

«Dieser Gast», erzählt der Hotelier später, «steigt seit Jahren im Hotel Kempinski ab, möchte aber schon lange ins Palace.» Die Wartelisten des besten Hauses am Platz seien indessen so lang, dass es auch ein Gast seines Kalibers nicht ohne Hilfe schaffe, während der Festtage eine Suite zu bekommen. Bernasconi wirkte daraufhin im Hintergrund und brachte in Moskau die richtigen Leute zusammen. Nun hat sein Stammgast einen Fünf-Jahres-Vertrag unterschrieben und im Voraus bezahlt. Es seien nur die wenigen Tage während der Festtage, die so umkämpft seien, sagt Bernasconi. Ansonsten sei die Fünf-Sterne-Hotellerie ein hartes Geschäft. «Wenn St. Mo-ritz rentabel wäre, hätten wir hier Hotelketten wie Sheraton», sagt er. Das Palace sei während dreier Monate im Jahr voll ausgelastet. Die restliche Zeit sei es geschlossen oder am Kämpfen. Die Zinsen aber laufen während zwölf Monaten.

Als sich der Abend dem Ende zuneigt, sagt einer: «Wir sehen uns morgen früh.» Und taucht ganz in seinen Rausch ab. Der Älteste der Runde lässt sich von zwei anderen stützen, gemeinsam torkeln sie zur Bar, wo sie einen der teuersten Whiskys bestellen, einen Macallan 1957, das Gläschen à zwei Zentiliter für 150 Franken. Einer der Skilehrer bleibt unauffällig im Hintergrund stehen, kippt den letzten Schluck La Tâche in sein Glas und trinkt es im Stehen. Exakt 37 422 Franken und 50 Rappen hat der Stammgast am Ende des vergnüglichen Abends hinzublättern – und vergisst vor lauter Trunkenheit, ein Trinkgeld zu geben. «Seine Kreditkarte hat das einfach geschluckt», bemerkt Vlado bewundernd. Und fügt in Anspielung auf den mangelnden Tip an: «Hoffentlich schläft er trotzdem gut.»

Neid und Verachtung

Ein paar Tische weiter will die Kreditkarte des Ex-Chef de Service dagegen partout nicht funktionieren. Vlado bringt sie mit bedauernder und mitleidiger Miene an den Tisch zurück, nachdem er Bernasconi informiert hat. «Es tut mir leid», sagt er und verneigt sich. «Und ich habe ihm noch Geld für den Neuanfang geliehen», sagt der Hotelier und verdreht die Augen. Sein ehemaliger Kaderangestellter lässt Essen und Wein auf die Zimmerrechnung schreiben, dann macht er sich gemeinsam mit seinem Begleiter auf den Weg, das Nachtleben wartet. Anderswo würde sich der Wirt in den Weg stellen und sagen: «So, fertig jetzt!» Doch nicht im Waldhaus. Vielleicht verschieben sich in St. Moritz einfach ein paar Wertmassstäbe – zum Guten wie zum Schlechten. Vielleicht sind hier die Guten zu gut, weil sie wissen, dass sie von den Schlechten profitieren. Und die Schlechten sind noch selbstverständlicher schlecht. Sie sind schamlos.

Dolores steht vor dem Eingang zur Küche, wo man längst zu putzen begonnen hat. «Man sagt doch, wenn etwas verboten ist, wolle es der Mensch umso mehr», meint sie. «Vielleicht will es hier niemand, weil alles offen zugänglich ist.»

«Manchmal wagt man im Unterland nicht einmal mehr zu sagen, dass man aus St. Moritz kommt», sagt der Dorflehrer Jörg Dössegger nach Mitternacht an einem schon für das Frühstück aufgedeckten Tisch. Bernasconi gesellt sich zu ihm, gönnt sich ein Bier. «Was soll ich zum Kaviar-Burger auf Corviglia für 375 Franken sagen?», fragt er rhetorisch, verwirft die Hände. Es gebe hier offenbar Menschen, die solche Dinge wollten und sie sich auch leisten könnten. «Wenn mich das stört, muss ich hier weg», sagt er. Es erscheint ihm nicht vernünftig, so viel Geld nur für einen einzigen Burger auszugeben, aber letztlich würden hier alle davon leben – die Kleinen wie die Grossen. «Wenn die Leute ihr Geld zum Fenster rauswerfen wollen – bitte!» Dennoch: Es brauche schon eine gewisse Philosophie, um hier überleben zu können, meint der Lehrer. Um nicht in diese Mischung aus Neid und Verachtung zu verfallen, wie das vielen Einheimischen passiert.

Die beste und günstigste Werbung in eigener Sache sei ihm zu der Zeit gelungen, als er hier angefangen habe, erzählt Bernasconi. Eines Tages hatte er die Postauto-Chauffeure des ganzen Oberengadins, damals noch gut achtzig Personen, zu Gast. Er habe ihnen einen guten Preis für ein gutes Menü gemacht. Als sie mit dem Essen fertig waren, sei er zum Chef getreten und habe ihm gesagt: «Und gäll, den Kaffee, den offeriere ich euch.» Dieser habe ihn nur angeschaut und gesagt, das sei aber nett. Und wie es denn mit dem Schnaps stehe? Ob er den auch offeriere? Da hat sich Bernasconi vom Tisch entfernt und gedacht: Das ist jetzt aber ein frecher Siech! Als er sich beruhigt hatte, ging er in den Keller, holte zwölf Flaschen Grappa und stellte eine auf jeden Tisch. Die Postauto-Fahrer tranken achtzehn Liter und hatten den Rausch des Jahrhunderts – einen mit Nachhall: Noch heute, wenn Touristen im Postauto fragen, wo man in St. Moritz preiswert essen und schlafen kann, rufen die Chauffeure: «Im Waldhaus.»

Es war dies nur der erste Coup des Schattenkurdirektors Bernasconi, der seine Anzüge statt bei Brioni im Dorf bei Vögele in Samedan im Ausverkauf ersteht und zum Entsetzen des amtierenden Kurdirektors auch schon seine Feriengäste aufgefordert hat, den Müll entlang der Wanderwege aufzusammeln. «Müll aufsammeln und St. Moritz – das geht ja gar nicht!», soll der ständig um Champagnerlaune bemühte Hanspeter Danuser ausgerufen haben. Bernasconis Idee aber füllte die Zeitungsseiten – und sein Hotel.

Wein predigen, Wasser trinken

Auf der Bühne der Stüblibar im Dorf, einem Lokal, das Einheimische und Angestellte gern frequentieren, steht wie jeden Abend ein Kanadier. Er singt Klassiker des Alternative Rock, strapaziert das Fortissimo auch in den Balladen. In St. Moritz muss es schmerzen, damit man etwas spürt – auch wenn es nur die Ohren sind. Er verdiene hier dreimal so viel wie in Ostdeutschland, sagt Wolfgang Stöckel, der Barmann des Waldhauses nach Feierabend um zwei Uhr früh. «Nach Abzug der Lebenshaltungskosten bleiben mir immer noch mehr, als ich in Leipzig insgesamt bekommen würde», rechnet er vor und kippt sein erstes Bier. Sofort ist sein Kollege von der Stüblibar zur Stelle und stellt ihm ein neues hin. Es sei seine Tochter gewesen, die zuerst den Weg nach St. Moritz gefunden habe. Wolfgang kam sie besuchen und erkannte seine Chance. Seine besten Kumpels würden es zwar bedauern, dass er weggegangen sei – aber auch bewundern. In seinem Alter, meint er, hätte er wohl Mühe gehabt, etwas Vergleichbares zu finden. Einzig die Preise – die seien unwirklich. Hier gebe es Bars, wo ein Bier 30 Franken koste. «Das ist doch bekloppt. Damit könnte einer in irgendeinem Land einen Monat leben», sagt er. Und bestellt noch eins.

«Was hier die Russen sind, sind die Europäer in Asien», erwidert sein Kollege Mato Jakic. «Wenn ein Schweizer in Thailand 100 Franken im Tag ausgibt, ist das für die Leute dort genauso ein Wahnsinn.» Der Kroate ist seit 1988 in der Schweiz, arbeitet seit 2000 im Waldhaus. Sein Vater war dreissig Jahre im Kulm in St. Moritz angestellt gewesen. Da, wo er herkomme, sei er noch mehr Ausländer, sagt er. Auch Mato konnte bisweilen den Versuchungen von St. Moritz nicht widerstehen. Eines Abends lernte er in der Pianobar eine Frau kennen, eine Amerikanerin. Ihr Pelzmantel sei bestimmt teurer gewesen als sein alter Wagen, erzählt er. Sie wollte mit ihm in die Dracula-Bar, er fuhr sie hin, liess seinen rostigen Golf von einem Concierge wegstellen, die Frau hängte sich bei ihm ein und trat mit ihm ins Lokal. Sie stellte ihn einer Gruppe von Leuten vor, die dort in den Ledersesseln Champagner tranken. Einer fragte ihn: «Und in welchem Business bist du?» Mato antwortete: «Ich bin Kellner.» Der andere verstummte und schaute ihn den ganzen Abend nicht mehr an.

«Am jüngsten stirbt der Wirt», sagt Claudio Bernasconi und spricht vom Berufsrisiko seiner Branche. Protestantische Pfarrer dagegen, dazu gebe es Studien, lebten von allen Berufsgruppen am längsten. Der Alkoholkonsum in St. Mo-ritz sei ein Riesenproblem, bei den Angestellten wie bei den Jugendlichen. Mittlerweile sehe man auch auf den Tischen von Einheimischen ganze Wodkaflaschen. Es sei schwer, in diesem Umfeld die Relationen zu wahren. Einem Umfeld, das die permanente Verfügbarkeit aller Güter suggeriert. «Wir haben darum eine eiserne Regel: kein Alkohol während der Arbeitszeit», sagt der Hotelier. Wein predigen und Wasser trinken: eine Regel, die er nach dem Rauswurf seines Chef de Service installiert hat. Eine Regel allerdings, die in einem Betrieb, der solche Exklusivitäten verkauft, nicht einfach zu halten ist – schliesslich muss der Kellner wissen, was er seinem Gast anbietet.

Um halb fünf nachts bekommt Vlado einen Telefonanruf, draussen vor dem Waldhaus liege einer im Schnee, man möge doch mal nachsehen. Es ist einer der schwierigen Gäste vom Vorabend, der Zechbruder seines früheren Vorgesetzten, der zuerst die Orientierung, dann das Bewusstsein verloren hat. Am nächsten Tag reist der ehemalige Chef de Service ab. Er bleibt auch diese Rechnung schuldig.

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Eingeordnet unter Das Magazin, Die Anatomie der Peripherie, Gesellschaft, Tourismus, Wirtschaft

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