Im Schloss des Merlotkönigs

© «Beobachter», März 2008

Einen der besten französischen Weine macht ein Italiener im Tessin: Luigi Zanini. Unübertroffen schmeckt sein «Castello Luigi» mit einem Risotto, der den Wein geatmet hat.

Von Lukas Egli

Wenn man alles erreicht hat, findet man wieder Freude an den einfachen Dingen. Zum Beispiel an einem guten Mittagessen mit einem schönen Glas Rotwein. Am schönsten ist es, wenn das Gericht mit dem Wein eine einmalige Verbindung eingeht. Oder umgekehrt.

Luigi Zanini zögert nicht lange bei der Frage, was denn am besten zu seinem «Castello Luigi» passen würde. Er tritt ins «Le Fontanelle» in Genestrerio, eines seiner Stammlokale, mehr oder weniger direkt gegenüber seinem Weingut Vinattieri, und geht in die Küche. «Tiziano, hast du Tardivo?», fragt er nach einer kurzen, herzlichen Begrüssung. «Ich denke schon», sagt dieser. Tiziano Bordogna gehört zu einem grossen Tessiner Gastro-Clan, ein formidabler Koch. «Dann mach uns doch einen Risotto al Tardivo», bittet der Merlotkönig.

Nur wenige Jahre nachdem Zanini 1988 den «Castello Luigi» erstmals produziert hatte, galt der Tropfen als einer der feinsten Weine der Schweiz – ja, als eines der feinsten Gewächse der Welt. In mehreren Blinddegustationen deklassierte er die grossen Merlots aus Bordeaux wie den weltberühmten Pomerol «Château Pétrus». Es war ein Sieg über seine Vorbilder und ein kleiner Triumph.

Eine klassische Tellerwäscher-Karriere

Luigi Zanini hatte sich nichts weniger vorgenommen, als im Tessin einen grossen und langlebigen Bordeaux-ähnlichen Wein zu schaffen. Und es ist ihm gelungen – obwohl zu Beginn niemand daran geglaubt hatte. Der «Castello Luigi» ist der Höhepunkt seines Schaffens, der Gipfel einer Laufbahn, die vor mehr als 50 Jahren als einfacher Angestellter einer Limonadenproduktion begonnen hatte.

Zanini zog 1957 als Sohn einer bergamaskischen Arbeiterfamilie ins Tessin. Sein erstes eigenes Geschäft war ein Weinhandel, die Zanini & Sulmoni SA, mit der er noch heute fast drei Viertel seines Umsatzes bestreitet. 1985 stellte er den ersten grossen Wein vor: den Merlot «Vinattieri». Es war ein nachhaltiger Coup. Als einer der Ersten in der Südschweiz produzierte er einen Merlot, der auch heute, als über 20 Jahre alter Wein, nichts von seiner Kraft und Grösse eingebüsst hat. Zanini darf getrost als Vater des qualitativ hochstehenden Merlot del Ticino bezeichnet werden.

Und auch seine anderen, günstigeren Weine, die nach und nach hinzukamen, haben es in sich. An diesem Morgen wurde auf dem Vinattieri-Gutshof der «Collivo 2007» belüftet; hierfür wurde er vom Stahltank abgelassen und von einem Becken in einen anderen Stahltank gepumpt, bevor er für einige Monate zur Reifung in Holzfässer gelassen wird. Die Produktionshalle war erfüllt von einem unvergleichlich feurigen Duft nach Zwetschgenkompott, Cassis und Brombeeren. Die Aromen liessen ahnen, welch dichten Stoff dieser Wein einmal haben wird. Es bleibt ein Wunder, wie aus Traubensaft eine so konzentrierte, gehaltvolle Flüssigkeit werden kann.

Selbst den Altmeister vermochte das noch in Erstaunen zu versetzen. «Eine so dunkle Farbe hatten wir noch nie!», rief er, als er den Most in einem Degustierglas prüfte. «Und erst der Alkoholgehalt, das sind über 16 Volumenprozent!» Ein ungeheurer Wert, den sonst nur grosse Gewächse aus Norditalien wie ein «Amarone» erreichen. Der Alkoholgehalt sei so hoch, dass der Most mit einem schwächeren verschnitten werden müsse, erklärte Zanini. Der «Collivo» vom letzten Sommer verspricht ein guter Wein zu werden.

Das ist nicht Schweiz

Im «Le Fontanelle» ist Luigi Zanini mit dem Besitzer und dem Pächter des «Collivo»-Weinbergs zum Mittagessen verabredet. Der Weinberg ist mit seinen 14 Hektaren an einem Stück einer der grössten und schönsten des Tessins. Der Besitzer ist schon da, als sich Zanini setzt, und hat einiges zu erzählen. Die Herren trinken ein Glas Weisswein – einen von Luigis Weingut Vinattieri natürlich -, essen etwas Salami und Lardo di Colonnata, eine Art Speck, der nur aus Schweinefett besteht. Dann bestellt Zanini eine Flasche seines «Castello Luigi 2003», die der Kellner zur Zubereitung des Risotto al Tardivo kurz in die Küche mitnimmt, bevor er die Gläser am Tisch füllt. Zanini riecht an seinem Glas, schwenkt es und nimmt einen Schluck.

Das ist nicht Schweiz – das wurde bereits beim Besuch des Castello Luigi in Besazio am frühen Morgen klar. Das hübsche klassizistische Schlösschen, das Zanini seinem Wein errichtet hat, passt nicht in das kleine, urdemokratische, gerechte und bisweilen selbstgerechte Land. Ein Schloss ist Ausdruck einer in grossen und grosszügigen Dimensionen denkenden Gesellschaft. Es ist ein Symbol einer gehobenen Klasse. Einer Klasse, die ihre Behausung unterhalten lässt. Die den Neid nicht scheut.

Das Castello erinnert an Frankreich – und das mitten im Tessiner Ligornetto. Und auch Zaninis Wein ist irgendwie nicht von hier. Er ist nicht von dieser unbändigen und feurigen Kraft beseelt, die Tessiner Merlot sonst ausmacht. Er ist nicht muskulös und sonnentrunken. Er ist nicht dunkel und schwer. Vielmehr birgt der aristokratische «Castello Luigi» einen subtilen und zarten Schmelz; eine Eleganz, wie sie eben sonst nur grosse französische Gewächse aus Bordeaux hervorbringen.

Dennoch: Das Castello fügt sich bestens in die Landschaft. Es wirkt, als hätte es schon immer hier gestanden, umgeben von Rebbergen. Zu seinen Füssen eine klassische Gartenanlage, die auch einen solid französischen Eindruck macht. Daneben die Weissweinstöcke, aus denen ein dichter Chardonnay gewonnen wird, der im Abgang mit Bittermandeln und dunkler Schokolade verführt. Das Ganze umrahmt von der unvergleichlich-wilden Tessiner Landschaft. Ein schöner Anblick. Ein Anblick, der den Zauber des Kontrasts birgt, der auch den Weinen eigen ist: Die Herbheit ist gut in die Eleganz eingebunden.

Der Fremde zaudert nicht

Der Weg dahin war allerdings steinig. Das Castello Luigi hat mitnichten immer hier gestanden. Hier stand ein heruntergekommenes Bauernhaus, eine schon vor langer Zeit verlassene Stätte erfolglosen Wirtschaftens. Der schöne Fleck Land – er ist nach Süden exponiert und erinnert an ein Amphitheater – hatte 50 Jahre brachgelegen, als Luigi Zanini ihn kaufte. Ein Aufschrei ging durch Besazio: Da kam ein Fremder, diskutierte nicht lange den Preis, griff einfach zu. Ohne zu fragen, ob jemand anders kaufen will. Und dann wollte der auch noch ein Schloss bauen!

Die Behörden beschieden Zanini, dass man Schlösser dort bauen solle, wo Schlösser stehen. Dort, nicht hier – im Tessin stünden keine Schlösser. Und sollten nie welche stehen. Sie meinten wohl auch, dass ein Merlot del Ticino kein Schloss brauche. Doch sie hatten ihre Rechnung ohne Zanini gemacht. Denn der ist nicht berühmt für Luftschlösser, sondern für solide Geschäfte. «Gibt es ein Gesetz, wo das drinsteht?», fragte er. Letztlich mussten sie nachgeben.

Als der Kellner den Risotto an den Tisch bringt und anrichtet, ist der Pächter noch immer nicht aufgetaucht. Zanini ruft ihn an, ärgert ihn mit einem Spässchen in dem breiten, unverständlichen Tessiner Dialekt. Dann widmet er sich der duftenden, sämigen Delikatesse auf seinem Teller. Es gibt nur wenige so perfekte Verbindungen wie diese: ein Glas «Castello Luigi» mit einem Risotto al Radicchio Tardivo, der mit dem Merlot selbst zubereitet wurde. Die herbe Süsse des Weins verbindet sich wundervoll mit der zartbitteren Süsse, die dieses delikate Gemüse aus dem Veneto entwickelt, wenn es vorsichtig gekocht und mit einem alten Parmesan und etwas Wurst oder Speck eingebunden wird. Ein einfaches Mahl – ein Fest für jeden verwöhnten Gaumen.

Zehn Jahre hat Zaninis Kampf für sein Gesamtkunstwerk Castello Luigi gedauert. «Ich wollte ja eigentlich grösser bauen. Aber das ging eben nicht», hatte er am Morgen mit einem feinen Lächeln auf den Lippen erklärt. Die wahre Grösse von Luigi Zaninis Schloss ermisst allerdings erst, wer einmal die Kellerei betreten hat, die dieses aparte Anwesen unter sich verbirgt. Wer vom prunkvollen Parterre zur Kellertreppe tritt, traut seinen Augen nicht: Von hier führt eine ovale Rampe fünf Etagen fast 20 Meter tief in den Boden hinein. Hier unten werden die «Castello Luigi» vinifiziert, in Barriques gelagert und abgefüllt – französischer Stil eben: produit et mis en bouteille au château.

Sämtliche Produktionsprozesse folgen – und das ist Luigi Zaninis grosse, mittlerweile gern kopierte Innovation – den Gesetzen der Schwerkraft. Hier werden die Weine nicht gepumpt, hier nimmt alles seinen natürlichen Lauf: abwärts. Bis schliesslich der in Flaschen abgefüllte Wein mit einem Kran aus dem Keller gehoben wird und den Gesetzen des Marktes ausgesetzt wird.

Keine unnötige Bescheidenheit

Vor dem Schloss stehend, liess Zanini den rechten Arm schweifen und sagte: «Das ist alles, was ich geschaffen habe.» Zanini liess die Worte verhallen ohne Nachsatz, überliess es dem Gegenüber, sein Werk zu beurteilen.

Der Kellner räumt schon wieder die Teller ab, als der «Collivo»-Pächter endlich im «Le Fontanelle» eintrifft. «Oh», sagt dieser nur, als er sieht, was seine Geschäftspartner soeben genossen haben. Zu spät: Der Reis ist weg, die Weinflasche leer. Und einen Secondo mag keiner mehr bestellen. Diese Risotto-Rotwein-Mariage macht selbst Unersättliche glücklich.

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Ein Kommentar

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