Binggelis letzter Tag

© «Beobachter», Mai 2008

Täglich geben in der Schweiz drei Landwirte ihren Hof auf. Am 6. Mai waren Ruth und Werner Binggeli dran. Es ist ein harter Schlag, wenn ein ganzes Bauernleben unter den Hammer kommt.

Von Lukas Egli

Das hier könnte einer der schönsten Flecken auf Erden sein: das Dorf Riffenmatt bei Guggisberg. Es liegt auf dem sanften Egg zwischen Sense, Schwarzwasser, Gantrisch und Stockhornkette und bietet eine grandiose Aussicht auf das Schwarzenburgerland. Hier, am Ursprung des berühmtesten Schweizer Volkslieds, «Vreneli ab em Guggisbärg», blühen Anfang Mai die Bäume, Sträucher und Blumen, die Wälder und Matten sind von sattem Grün und die Menschen in Vorfreude auf den Sommer, auf lange, warme, ertragreiche Tage. Die Kühe dürfen wieder öfter auf die Weide, die Saat ist ausgebracht, bald steht der erste Heuet an. Es ist ein fröhliches Aufleben nach einem langen Winter. Nur für Binggelis ists ein trauriger Tag. Sie verabschieden sich aus dem Zyklus von Aussaat und Ernte. Sie versteigern ihr Hofinventar samt Vieh. Binggelis geben auf. Wie täglich drei andere Bauern auch.

«Es wäre schon schön, wenn wir noch ein bisschen Zeit zusammen hätten», sagte Ruth Binggeli zwei Wochen vor der Hofversteigerung in der Küche. «Wir hatten ja in all den Jahren nie Ferien.» «Ja, wir wollen es mal noch anders probieren», erwiderte ihr Mann müde. Und fügte, als würde er Unheil ahnen, an: «Wenn wir nur gesund bleiben!» Es entstand eine lange Pause. Werner Binggeli schaute zum Fenster hinaus, steckte sich eine Zigarette an. Dann sagte die Bauersfrau: «Es ist für uns ja nicht nur traurig. Wir wollen die Zeit noch etwas geniessen.» Eine Träne floss ihr über das Gesicht. Stille. Dann atmete der Bauer schwer aus. «Man geht eben nicht gerne weg, wenn man den Stall voller Tiere hat», sagte er und nickte bekräftigend. Eine Vorstellung, wie sein Leben ohne Gang in den Stall aussehen soll, hatte er nicht. «Das sehen wir dann nachher», meinte er unsicher.

Versteigerung mit Festwirtschaft

Heute scheint eine Art Festtag zu sein: Die Bauersleute, der Bauernhof und das Vieh sind herausgeputzt, als wäre es ihr erster Tag hier, die Maschinen glänzen wie neu. Auf einem Feld ist ein Parkplatz für die Besucher eingerichtet worden, an nassen Stellen wurde der Boden mit Holzspänen bedeckt, für das zum Verkauf stehende Vieh wurde ein Programm gedruckt, und die Festwirtschaft kann sich sehen lassen: Die Stumpen werden gesponsert von den Gebrüdern Villiger aus Pfeffikon, die Wurst kommt von Jürg Spycher aus Schwarzenburg, dem besten Metzger der Gegend, den Kartoffelsalat hat die Bauersfrau mit ihren Helferinnen am Vortag gemacht. Viele Freunde, Nachbarn und vor allem der Jodelverein haben geholfen, alles vorzubereiten. Landwirte wissen eben, wie man ein gutes Fest organisiert.

Nur den Bauersleuten will der Tag, für den sie drei Wochen lang alles so schön hergerichtet haben, nicht recht gefallen. Ruth Binggeli ist mit ihren beiden Töchtern Fränzi und Ursula darum besorgt, dass alles gut funktioniert. Alle drei kämpfen immer wieder mit den Tränen, mal die Mutter, mal die Töchter. Die Trauer ist ein Pendel. Werner Binggeli steht etwas abseits. «Mal schauen, was der Tag bringt», sagt er leise. Zwar hätten beide Töchter gerne übernommen, aber beide hätten sie keinen Bauern zum Mann. Er zuckt mit den Schultern. «Am Schluss bleiben ja hoffentlich nur die Schwanzbänder der Kühe übrig», sagt er. Es ist eine zwiespältige Hoffnung. Heute ist Tag der Abrechnung. Der Betrag, den er am Abend in der Hand halten wird, ist die Bilanz seines ganzen Bauernlebens. Binggeli steckt sich eine Zigarette an.

Der Stall ist des Bauern Stolz. Besonders wenn einer alle Tiere selbst gezüchtet hat. In Binggelis Stall steht Braunvieh. Damit ist er in der Region ein Aussenseiter, im Schwarzenburgerland sind Red Holstein und Simmentaler üblich. «Überzüchtet», hatte Werner Binggeli im Stall gesagt und abgewinkt. Er ist noch immer von seinen zehn Milchkühen überzeugt: «Das ist noch wie zu Gotthelfs Zeiten.» So wenig Vieh gelte heute nicht mehr als ernste Landwirtschaft. Dabei: Arbeit mache es ja genug. Aber das sei denen in Bern egal. «Es kommt nicht gut mit unserer Landwirtschaft», befand er. Die Hungersnot sei vergessen – die von früher und die mögliche künftige. Und bald schon wirds einen Bauern weniger geben. Nämlich ihn, heute.

«Ein bisschen Geld zum Ggänggele»

Dessen ungeachtet scheinen die Besucher bester Laune, und auch des Auktionators Mundwerk wirkt, als sei es bereits gut im Gang. «Es sind alle da, die ein bisschen Geld im Sack haben zum Ggänggele», sagt er zufrieden und begrüsst seine potenzielle Kundschaft. SVP-Nationalrat, Viehzüchter und Verbandsfunktionär Andreas Aebi ist als europaweit tätiger Auktionator in Bauernkreisen bestens bekannt. Sein Verkaufsgeschick wird allseits bewundert, seine Weltläufigkeit indessen sorgt für manche skeptische Stirnfalte auf den Bauernhöfen. Res Aebi ist ein Grenzgänger. «Ruedi Ryser ist auch da», bemerkt er. Bei ihm habe er vor wenigen Tagen den Hof aufgelöst, erklärt Aebi, während er ihm die Hand schüttelt. «Die meisten können es dann doch nicht lassen. Die wollen sehen, wie es dem nächsten ergeht», meint er. Es sind verständliche Nachwehen, schliesslich löst man eine Existenz nicht an einem einzigen Tag auf. Auch wenn am Ende des Tages nichts mehr dastehen wird. Es bleibt die grosse Leere.

Es gibt wenig, wovor sich die Bauern mehr fürchten. Einmal in all den Jahren ist das Ehepaar Binggeli für ein paar Tage in die Ostschweiz gefahren, um Tochter Fränzi und deren Familie zu besuchen. Bereits am späten Nachmittag des ersten Ferientages strich Werner Binggeli unruhig um das Haus. Gegen Abend war der Stalldrang nicht mehr zu ertragen. Zwar hatte er sein Vieh einem Nachbarn anvertraut. Doch wer ein Leben lang jeden Morgen und jeden Abend in den Stall gegangen ist, kann es nicht vom einen Tag auf den anderen lassen. Beim Znacht sagte Tochter Fränzi: «Lass uns nachher schauen, welchen Zug ihr morgen nehmen wollt.» Ihre Mutter erwiderte: «Welchen Zug wir nehmen werden, ist klar – wir nehmen den ersten.»

Hartes Brot

Am 1. Mai war es genau 40 Jahre her, dass Ruth und Werner Binggeli den Hof übernommen haben. «Es hat damals schon gut angefangen», erzählt Werner Binggeli bitter. Am Morgen des 20. Mai 1968 habe hier mehr als ein halber Meter Schnee gelegen, und auf der Heubühne lag kaum noch ein Halm Heu. Maschinen zum Schneeräumen hatten die Bauern damals noch keine. Von der Umwelt abgeschnitten, kein Futter auf der Bühne, Hunger im Stall – es sei schlimm gewesen, erzählt Werner Binggeli. Bereits die Geschichte, die zur Hofübernahme geführt hatte, war ein Schicksalsschlag. Werner Binggelis Mutter starb im Alter von 50 Jahren, zwei ihrer acht Kinder gingen noch zur Schule. Der Vater wollte alles weggeben, liess Kinder, Vieh und Hof im Stich. Die ältesten Söhne mussten übernehmen. Was damals genau passiert ist, will der 65-Jährige nicht erzählen. «Unschöne Sachen», sagt seine Frau.

Binggeli steckt sich eine Zigarette an. Er hat wie viele Bauernsöhne damals als Metzger gearbeitet und den Hof zum amtlichen Wert erstanden. «Es gab hier weder ein Inventar, noch Wasser, Toiletten oder Heizung. Es gab nur einen alten Kachelofen», berichtet er. Und eben: kein Futter auf der Heubühne. Es sind Reminiszenzen aus alten Zeiten, die noch gar nicht so lange her sind. Und heute doch so fern klingen. Es sind Erinnerungen an die Tage des Anfangs – am Tag des Endes.

«Luegit die schööni Chue, luegit das schööni Uuter. Gäbig z mälche!», ruft Res Aebi ins Mikrofon. Der Blick der Zuschauer und Käufer wandert vom Programm in der Hand zur Kuh, die in der Strohballen-Arena im Kreis geführt wird. «Wer bietet für diese Kuh zweitausend», ruft nun Aebi fordernd, «zwanzig Hundert. Kommt, wer macht zwanzig Hundert für diese schöne Kuh?» Kaum sichtbar bewegt einer sein Programm kurz auf Brusthöhe. Aebi hat ihn sofort erfasst, zeigt mit dem Finger auf ihn, «Zwanzig Hundert sind geboten», ruft er nun und schwenkt den Blick sogleich zurück ins Rund. «Wer macht einundzwanzig Hundert? Zwanzig Hundert sind geboten. Wer bietet einundzwanzig Hundert?» Aebi spricht als Einziger, und er spricht viel, er wiederholt und wiederholt. Er ist Einpeitscher, Stimmungsmacher und Showman einer verschlossenen Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die sich nicht in die Karten gucken lässt. Aebi ruft: «Siebenundzwanzig Hundert. Zum Ersten, zum Zweiten, und zum…», er macht eine Pause, «und zum…», sein Blick schweift, «und zum…». Nur einen Augenblick bevor er «zum Dritten» rufen kann, hebt einer das Programm – das Ganze geht von vorne los. Kuhhandel ist ein komplexes Geschäft.

Werner Binggeli sitzt still etwas abseits, schaut von fern zu, wie seine Tiere unter den Hammer kommen. Wie aus seiner Anina, seiner Kobra und seiner Uriella ein Stück Vieh wird, eine Versteigerungsnummer, ein Handelsgegenstand. Schaut, wie seine Arbeit von 40 Jahren bewertet wird. Auf seinem zerfurchten Gesicht ist keine Gemütsregung zu lesen. Er wirft einen Blick an den strahlend blauen Frühsommerhimmel. Über dem Hof zieht ein Bussard elegant seine Kreise. Binggeli steckt sich eine Zigarette an. «Die Kühe hätten etwas teurer gehen können», wird er später sagen. Doch das Ganze sei eine Mischrechnung. Das Vieh gehe immer zu billig, wenn man an einem Tag den ganzen Bestand verkaufe, meinte ein Bauer vom Dorf. Wahrscheinlich kann man für ein Lebenswerk nie den Preis lösen, den es für den Erschaffer hatte. Nach Jahren harter Arbeit werden auch bescheidene Marktwerte Juwelen.

Nur nicht nichts tun

Ihre acht Hektaren Land hatten den Binggelis nie ganz gereicht, um ihre Familie zu ernähren. Beide mussten zeitweise noch einem zweiten Erwerb nachgehen. Werner Binggeli arbeitete als Metzger im Stundenlohn in Schwarzenburg, Ruth Binggeli als Kellnerin in der Beiz im Dorf. Für beide war es ein Schuften für wenig Lohn. «Wir verdienten früher an einem Tag das, was man heute als Stundenlohn bekommt», sagt Binggeli. In seiner Stimme ist die Empörung nicht zu überhören. Doch nun hat das Schuften ein Ende. «Jetzt kommt etwas ganz Neues. Etwas, das wir nicht kennen», sagt er. Im Moment gebe es zwar noch viel aufzuräumen. Er werde die Arbeiten schön verteilen; nur nicht alles an einem Tag machen, sagt er sich. Sonst könnte es noch langweilig werden. Werner Binggeli betont noch immer lieber das Nachher. Das Nichtstun ist ihm nicht geheuer. Wer ein Leben lang jeden Tag zweimal in den Stall gegangen ist, kann es eben nicht von heute auf morgen lassen.

Dieses Riffenmatt ist einer der schönsten Flecken auf Erden. Mitte Mai blühen hier Bäume, Sträucher und Blumen, die Wälder und Matten sind von sattem Grün, die Menschen in Vorfreude auf den Sommer, auf warme, ertragreiche Tage. Heute nehmen Binggelis Abschied vom ewigen Zyklus von Aussaat und Ernte. Es ist kein trauriger Tag. Denn er eröffnet neue Möglichkeiten.

Des einen Leid

Zum Beispiel für die Leutholds. Die Familie vom Sahli-Hof hat drei Söhne, die alle bauern wollen, nur haben sie kein eigenes Heimet. Sie werden von Ruth und Werner Binggeli den Stall mieten. «Bei uns war immer zu wenig Platz», so Klaus, der jüngste Sohn. Er hat soeben zwei Kuhkälber ersteigert. Braune, obwohl sein Vater Red Holstein – Rote – im Stall hat. «Die geben ja auch nur weisse Milch», sagt er. Sein Vater steht daneben, lächelt mild. Wird sich erinnern, dass auch er als junger Bauer eigene Ideen hatte. «Man wirtschaftet ganz anders, wenn man weiss, dass die Jungen übernehmen werden», sagt seine Mutter. Des einen Leid, des anderen Freud – nicht alle kommen damit klar. «Das ist der Lauf der Zeit. Normal, oder?», sagt ein älterer Bauer resigniert. «Einer gibt ab, ein anderer kommt. Und wenn nicht – wen kümmerts?» Es tönt bitter.

Es werde wohl noch einige Zeit dauern, bis sie mit der neuen Situation umgehen könnten, sagt Ruth Binggeli eine Woche nach dem grossen Tag. Von Ferien sei noch nicht die Rede, das müssten sie wohl erst lernen. Zudem lade das garstige Wetter nicht gerade dazu ein – wie vor 40 Jahren droht am 20. Mai wieder Schneefall. Erinnerungen an die Tage des Anfangs nach den Tagen des Endes. «Wenigstens müssen wir uns nicht mehr ums Heuen sorgen», sagt sie erleichtert.

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Eingeordnet unter Beobachter, Die Anatomie der Peripherie, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft

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