Ein Tal unter Strom

Erschienen in «Beobachter», Juli 2008

Im bernischen Oberhasli liegen sich Umweltschützer und Stromproduzenten in den Haaren. Die Streitfrage: Dürfen für den wachsenden Energieverbrauch Arven und Enziane sterben?

© Lukas Egli, 2008

Die Schönheit der Alpen ist eine Hypothek. So zum Beispiel im Oberhasli, einem abgelegenen Berner Bergtal, das wie fast alle Randregionen ums Überleben kämpft. Im Unterschied zu anderen Tälern hat das Oberhasli eine wertvolle Ressource: Wasser, viel Wasser. Oder besser: Das Oberhasli hätte Wasser. Die Möglichkeitsform bringt die Hasler in Rage. Wer über ihr Wasser bestimmt, kann ihnen nicht gefallen: Es sind die Städter. Doch beginnen wir von vorn.

«Die Grimselregion ist besonders gut geeignet für die Wasserkraft», erklärt Martin Tschirren. Der Leiter Public Affairs der Kraftwerke Oberhasli AG (KWO) steht auf einem Plateau oberhalb des Grimselsees, wo man das Unteraartal gut überblicken kann. Die Region sei eine der niederschlagsreichsten des Alpenbogens. Sie sei geprägt von immensen Höhendifferenzen – gut 1700 Meter – auf kleinstem Raum, biete grosse Geländekammern und mit dem Grimselgranit einen stabilen Baugrund. Kaum eine Gegend der Schweiz, in der die Bedingungen für Wasserkraft so perfekt erfüllt sind wie hier. Wenn nur die Landschaft nicht wäre, so karg und reizvoll.

«Unglaublich, die vielen Enziane, die nun blühen», ruft Urs Eichenberger. Auch er, der Präsident des Grimselvereins, einer lokalen Umweltschützervereinigung, ist im Sommer gern hier unterwegs, allerdings auf der anderen Seeseite und zu Fuss – dieser Teil des Unteraartals ist nur über Gehwege erreichbar. Er wandert nach Sunnig Aar, einem Arvenwäldchen, das auf wundersame Weise ob dem Stausee wächst, der auf 1909 Meter Höhe liegt. 250 Stämme zählt die baumgrenzenresistente Baumgruppe, die bei Naturfreunden hohes Ansehen geniesst. Weit verstreut stehen die Zirbelkiefern am steilen Südhang, genau da, wo der Stausee einen Knick macht und gegen den Unteraargletscher ausläuft. Fotos von 1935 zeigen, dass sich der Arvenbestand gut entwickelt hat. Möglich, dass der See für ein ideales Klima sorgt. Wer allerdings die knapp zwei Stunden nicht unter die Füsse nimmt, wird des Naturwunders nie gewahr. Und bald könnte es dafür überhaupt zu spät sein. Denn Sunnig Aar ist in Gefahr. Zumindest ein Teil davon.

Insgesamt 46 Bäume sollen der Erhöhung der Grimselmauer um 23 Meter zum Opfer fallen, einem Projekt des Optimierungsprogramms «KWO plus». Es sind zwei Dutzend Meter, die es in sich haben, weshalb ein wüster Rechtsstreit um das Projekt entbrannt ist. Der Ausbau ermögliche eine Vergrösserung des Speichervolumens um 75 Prozent, sagt Martin Tschirren, der PR-Mann der Kraftwerke. Schon bei Inbetriebnahme 1932 habe sich gezeigt, dass der Stausee im Verhältnis zu seinen natürlichen Zuflüssen zu klein sei. Heute fasst er 95 Millionen Kubikmeter Wasser. Nach dem Willen der KWO sollen es bald 170 Millionen sein; im Gebiet gehen jährlich 200 Millionen Kubikmeter Wasser nieder. Für den Stromproduzenten wäre der Ausbau eine lohnende Sache: Speicherkapazitäten sind begehrt, Spitzenstrom ist teuer – zumal in Zeiten der Energiekrise. Doch das ist nur ein Teil der Rechnung. Der andere passt nicht ins Milchbüchlein.

Denn der Grimselverein stellt sich gegen die geplante Erhöhung der Staumauer: «Diese Arven haben einen hohen ideellen Wert», sagt Präsident Urs Eichenberger. «Ersetzt man sie mit jungen Bäumen, würde das forstwirtschaftlichen Ansprüchen womöglich genügen. Für uns aber ist der Standort einmalig», erläutert er bei der Rast im Schatten der raren Hölzer. «Sie kamen allein hierher. Sie kamen nur hierher. Hierher, nirgendwohin sonst», bekräftigt er, während er in einen Cervelat beisst. Man könne 5000 Arven pflanzen, es wäre kein Ersatz, sagt Eichenberger in Anspielung auf ein Ersatzprogramm, das eine 50-fache Arven-Aufforstung vorgesehen hätte.

Gigantismus ist nicht mehr gefragt

Nein, in den Sichtweisen von Tschirren und Eichenberger sind keine Gemeinsamkeiten auszumachen. Beide Exponenten sprechen vom selben Tal, vom selben Phänomen – und sehen doch alles komplett anders. Der eine steht ein für «sauberen» Strom aus Wasser, der andere will eine «reine» Landschaft. «Es vergeht kein Tag im Jahr ohne Sonne auf Lauteraar», lautet ein Eintrag im Gästebuch auf der Lauteraarhütte. Lauter heisst hell. Doch Achtung: Das Finsteraarhorn ist nicht weit. Der eine lobt die Sonnentage, der andere preist den Niederschlag – auf der Grimsel liegen die Dinge ganz nah, hier treffen sich die Extreme. Die Natur und ihre Nutzung, sie scheinen Erzfeinde.

Die Feindschaft des Grimselvereins mit der KWO begann in den achtziger Jahren, als der Stromproduzent noch mit Gigantismus Schlagzeilen machte. Das Projekt «Grimsel West» war ein Höhepunkt der Auseinandersetzung um die Nutzung von Wasserkraft in der Schweiz. Für die KWO war es ein Wendepunkt. Sie wollte den Grimselsee mit einer monströsen, 200 Meter hohen Mauer aufstauen, sämtliche Wasser der Region fassen und das Speichervolumen verfünffachen. Der Widerstand gegen das Projekt war auch im Oberhasli gross. Er sammelte sich im Grimselverein, und der genoss landesweit Anerkennung.

Seither hat sich die KWO gewandelt – hat sich wandeln müssen. Der Stromlieferant ist mit seinen neun Kraftwerken, acht Speicherseen und 140 Kilometer Stollen einer der wichtigsten und sicher der präsenteste Arbeitgeber im Oberhasli, er erbringt 75 Prozent der regionalen Wirtschaftsleistung. Eine Dominanz, die nicht unproblematisch ist. «Die KWO stellt für die Region ein Klumpenrisiko dar. Weil wir die Produktion nicht auslagern können, sind wir auf die Region angewiesen», sagt Kraftwerkssprecher Tschirren, der selber Anteil an der ideologischen Öffnung des Stromunternehmens hatte. Der KWO geht es nur gut, wenn es der Region gutgeht, lautete die Einsicht. In der Folge öffnete man einen Teil der Werksbahnen für Feriengäste, unter anderem die spektakuläre Gelmerbahn, mit 106 Prozent Steigung die steilste Standseilbahn der Welt. Auch betreibt die KWO mit der Grimsel Hydro ein Kompetenzzentrum für die Maschinenindustrie, das auf Kraftwerksteile spezialisiert ist und qualifizierte Arbeitskräfte ins Tal zieht. Und sie unterhält eine Handvoll Hotels und Restaurants und schleust jedes Jahr 30000 Besucher durch ihre Werke. Derzeit saniert sie für zehn Millionen Franken das Grimsel-Hospiz, zu dessen Betrieb sie durch die Wassernutzungskonzession verpflichtet ist. Aus Betonfetischisten wurden Realisten.

«Der Moorschutz ist absolut»

Nur die Gegenseite machte nicht mit. Während der Stromproduzent bei «KWO plus» allerlei Umweltanliegen berücksichtigte und so den Gegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen suchte, pochte der Grimselverein auf die Unversehrtheit der Natur, tut das noch heute. «Die KWO hat bereits viel Land ersäuft, sie kann nicht noch mehr kaputtmachen», sagt Eichenberger. Dass er sich mit dieser Haltung im Tal ins Abseits stellt, scheint den gebürtigen Hasler, der in Zürich lebt, nicht zu stören. Kein Wunder. Sein Support kommt mittlerweile von anderswo: Von 1500 Vereinsmitgliedern leben nur noch 400 im Oberhasli.

Auch die drohende Flutung des Gletschervorfelds beurteilen die Naturschützer kritisch. Der Unteraargletscher erreichte 1870 seine maximale Grösse; wie gross er einst war, lässt sich am Umstand ablesen, dass die Lauteraarhütte heute auf einem steilen Felsvorsprung steht, den es nun mühsam zu erklimmen gilt. Das Vorfeld ist erst durch den dramatischen Rückzug des Gletschers in den letzten Jahrzehnten entstanden. Dort gedeiht eine fragile Pflanzen- und Tiergemeinschaft, die in der extremen Höhe sehr langsam wächst – und bisweilen von Mutter Natur jäh wieder ausradiert wird, etwa wenn eine Lawine niedergeht. Hier wird deutlich, dass Landschaft eben nie statisch, sondern immer Dynamiken unterworfen ist. Hier wird klar, wie absurd Landschaftsschutz sein kann. Hier wird offensichtlich, wer über diese Landschaft bestimmt: Es sind nicht die Hasler.

2004 hat der Bundesrat die bislang provisorische Grenze der Grimsel-Moorlandschaft definitiv festgelegt – 27 Meter über dem Grimselsee. Ein Beschluss, gegen den der Verein vehement opponiert. «Der Moorschutz ist absolut. Da gibt es gemäss Verfassung kein Abwägen», erklärt Eichenberger. Das Berner Verwaltungsgericht entschied, dass über eine Erhöhung der Staumauer nicht in einem Baubewilligungs-, sondern einem Konzessionsverfahren entschieden werden müsse. Weshalb das Projekt auf die lange Bank kommt. Ein Investitionsvolumen von 250 Millionen Franken liegt brach, die dafür bereits engagierten Arbeitskräfte sind in der Schwebe – für die Talschaft eine fatale Entwicklung, aus der ein Millionenschaden resultiert. Er entsteht vor allem den Städten: Die KWO gehört zur Hälfte den BKW und je zu einem Sechstel den Städten Basel, Bern und Zürich.

Dass es für das Optimierungsprogramm in den Städten Mehrheiten zu holen gilt, hat die KWO verschlafen. Als sich das Berner Parlament kritisch zum Projekt äusserte, erschrak das Oberhasli. «Unverständlich», findet Yvonne Kehrli-Zopfi, Regierungsstatthalterin des Oberhasli. Die Hasler hätten noch immer nicht begriffen, dass es ausserhalb des Tals Lobbying brauche. Das zeigt auch der Umstand, dass in Bern der Wasserzins noch immer zu 100 Prozent an den Kanton geht und noch keiner politisch dagegen angeht. Der Widerstand aus den Städten erzeugt ein Unbehagen im Tal. «Das ist unser Lebensraum», so Kehrli-Zopfi. Es sei eigenartig, zu sehen, dass andere darüber entscheiden. Manchmal habe sie das Gefühl, sie seien das Freizeitparadies der Städter. «Dass wir hier auch arbeiten müssen und ein Recht auf Entwicklung haben, ist vielen nicht bewusst.»

«Die Hasler sind immer katholischer gewesen», sagt sie in Anspielung darauf, dass mancher im Tal mit einem Anschluss über den Brünig hinweg an Obwalden liebäugelt. Viele Hasler sind Luzern-, nicht Bern-orientiert. Die Zentralschweiz liegt geographisch und verkehrstechnisch näher. Einst bewahrte sich das Oberhasli durch Bündnisse mit Bern eine gewisse Unabhängigkeit und eine eigene Gerichtsbarkeit. Bald wird es als bernischer Amtsbezirk verschwinden. Im Rahmen einer Verwaltungsreform streicht der Kanton 2010 das Statthalteramt in Meiringen; künftig wird der Statthalter in Interlaken sitzen. «Hier schwelt ein Stadt-Land-Konflikt, der sich in Zukunft verschärfen wird», prophezeit die Statthalterin. Bald wird man in Bern noch weniger wissen, was die Leute hier oben denken und was sie bewegt.

Blöd, dass es den Städtern egal ist

In den Senken und Tümpeln zappeln Kaulquappen, Schmetterlinge flattern über die Matten, von den Arven rufen die Vögel – im Sommer ist der Berg voller Leben. Es habe sich wohl noch keiner überlegt, wie viele Enziane ersäuft würden, wenn der Stausee erhöht werde, sagt Urs Eichenberger auf dem Heimweg und muss selbst lachen über seine Bemerkung. «Wissen Sie, wenn der See voll ist, ist er schön. Aber die meiste Zeit ist er ja halbleer», sagt er. Dann sehe man die Einstaubänder. Die Eidgenössische Natur- und Heimatschutzkommission fand, dass der Mauererhöhung nur zugestimmt werden könne, wenn das Projekt von nationaler Bedeutung sei. Dies bestreiten die Umweltorganisationen und haben Beschwerde gegen den Bauentscheid eingelegt. Das Projekt habe keine energiewirtschaftliche, nur eine betriebswirtschaftliche Bedeutung, so der Vereinspräsident.

Eine Meinung, die sein Kontrahent Martin Tschirren nicht teilt. Die Schweiz sei lange ein Stromexportland gewesen; heute seien wir auf bestem Weg, Importland zu werden, sagt er. Allein zwischen 2000 und 2007 wuchs der Verbrauch um zehn Prozent. Strom sei ein Energieträger, dessen Bedeutung angesichts ambitionierter CO2-Reduktionsziele steigen werde. «Wir werden gewisse Ziele in der Klimapolitik nur erreichen, wenn die Stromproduktion nicht zurückgeht», sagt er. Das bedinge, dass die Pionierbauten der Wasserkraft in die heutige Zeit geführt, sprich: optimiert werden können. «Die Zeit der grossen Bauwerke ist vorbei», meint ein Zürcher, als Tschirren im Restaurant Handeck ankommt. Die Einheimischen schweigen. Die KWO wäre ein Musterbetrieb sie sorgt sich um ihr Umfeld, investiert, schafft Arbeitsplätze. Blöd nur, dass das in Basel, Bern und Zürich keinen interessiert.

Die KWO wäre sogar bereit gewesen, für die Grimseloptimierung den Stausee im Urbachtal aufzugeben – es wäre eine Sensation gewesen. Doch es kam nicht zum Kompromiss. «Unsere Idee war eigentlich, den Rechtsweg nicht zu beschreiten», erzählt Umweltschützer Eichenberger. Doch die KWO habe nicht über die Mauerhöhe verhandeln wollen. Und wenn ein Konsens gefunden worden wäre – hätten seine Vereinsmitglieder zugestimmt? Der Präsident schweigt. Dann sagt er: «Wahrscheinlich nicht. Wir haben auch Fundamentalisten.» Würden sie heute einem Kompromiss zustimmen? «Nein, jetzt sind wir einfach dagegen», erklärt er. «Auch gegen zehn Meter.» Längst ist die Grimsel in Umweltkreisen eine Marke, geht es nicht mehr um ein paar Meter Mauer – hier geht es um ein Exempel.

Auf der Grimselpasshöhe steht neuerdings ein Mast. Er steht auf Gemeindegebiet von Oberwald, Wallis, und misst den Wind. Der Mast ist Vorbote eines Windparks, der am Totensee dereinst bis zu 20 Turbinen umfassen soll. Auch hier die Frage: Sind diese Rotoren landschaftsverträglich? Windkraft ja, aber bitte nicht hier, werden die Umweltverbände sagen und das Projekt bekämpfen. Auch Oberwald hat eine Ressource: Wind. Viel Wind. Oder besser: Oberwald hätte Wind. Eben: Die Schönheit der Alpen ist eine Hypothek.

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Eingeordnet unter Beobachter, Die Anatomie der Peripherie, Gesellschaft, Tourismus, Wirtschaft

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