Der schönste Ort der Schweiz

© «NZZ Folio», September 2008

Das Problem mit der Suche nach dem Paradies ist, dass auch andere es finden können. Ich habe es in der Provinz entdeckt: in C.*

Von Lukas Egli

Es gibt Orte, die gibt es nicht. Orte, die nirgendwo verzeichnet sind. Der Massstab der Strassenkarten ist zu gross, die Anzahl Einwohner für den öffentlichen Verkehr zu klein, der Raster der Trendsetter zu grob. Es sind Orte, von denen man meint, dass man nie hinkommt. Und wenn doch, dass sie nichts zu bieten hätten. Ein Glück! Ich fahre gerne dorthin, wo Sie nicht hinfahren. Oder wo Sie meinen, nicht hinfahren zu können. Zum Beispiel nach C.* Den Ortsnamen werde ich nicht verraten. Ich fahre jedes Jahr, ich fahre oft. Und finde es immer so vor, wie ich es mag. So soll es auch bleiben.

Letztes Jahr strich die Schifffahrtsgesellschaft sogar das Kursschiff nach C. Da fanden noch weniger Leute den Weg hierher. Der lange Steg, der mitten in den See führt, lag auch an strahlenden Spätsommertagen vereinsamt da. Fast schien es, als stimme etwas nicht. Ein Giftgasunfall? Verseuchtes Wasser? Unwetterwarnung? Nichts von all dem. Der See glänzte in einem unvorstellbaren Türkisblau, es war windstill, das Wasser kringelte sich lautlos am Ufer. Der feine Sand am Seegrund fühlte sich an wie vom Menschen unberührt – was er ja auch war. Ich fand mein Badeparadies verlassen vor. Es wurde nicht mehr angesteuert.

Mittlerweile, nach Protesten der Dorfoberen wohl, gibt es für diejenigen, die in C. vom Schiff steigen wollen, wieder einen Halt, allerdings nur auf Verlangen. Wer vom «Festland» kommend dem Kursschiff zusteigen will, muss rechtzeitig in der Kantonshauptstadt N.* anrufen. Was natürlich keiner macht. Ist eine Haltestelle einmal verwaist, ist sie nicht mehr zu retten. Zumal in der haltestellenverwöhnten Schweiz nicht.

C. ist keine Haltestelle mehr. Auch das Postauto, das jede Ecke der Schweiz ansteuert, findet nur auf Verlangen hierher. Das ist selten. Zum Beispiel dann, wenn mein geliebter Campingwart R.* wieder einmal in Z.* war und im Provinzkaff P.* den Rufbus aufbietet. Die Polizei hat ihm vor zwei Jahren den Führerschein entzogen, weil er wiederholt alkoholisiert Auto gefahren und erwischt worden war. Seither trinkt R. umso hemmungsloser, gerne eben auch auswärts. Der Postautochauffeur verdreht die Augen, wenn R. zusteigt und laut und ausführlich von seinen Stadterfahrungen zu berichten beginnt. Das Grösste an C. sind wohl die Räusche von R. So viel Superlativ darf sein. Ich liebe auch die menschliche Provinz.

Sonst gibt es von meinem Lieblingsort wenig Gross­artiges zu berichten. 396 Einwohner, 360 Parkplätze, 1048 Bootsplätze. Einst soll C. einer der grössten Binnenhäfen Europas gewesen sein, erzählt man, und noch heute ist die Anzahl Boote im Hafen imposant. Vor wenigen Jahren fanden sich noch ein paar Meter, die in Steg verwandelt werden konnten. Nun können noch mehr und noch grössere Jachten vertäut werden. Zugegeben, auch in C. werden die Leute reicher.

In 20 Jahren hat sich nicht viel geändert. Hier ist immer noch nichts und niemand. Es gibt keine Hotels, Sehenswürdigkeiten, Souvenirläden; keine Dönerbuden, Museen, Eisdielen; keinen Strand, auf den jemand Anspruch erheben könnte, und niemanden, der Sonnenschirme vermietet. Man muss keine Diskussionen darüber führen, warum sich McDonalds die schönste Immobilie im historischen Zentrum hat schnappen können; McDonalds gibt es, in ­sicherer Entfernung von zehn Kilometern, das historische Zentrum hingegen fehlt zum Glück. Es gibt keine Boutiquen, keine Banken, keine Ebbe und keine Flut. In C. gibt es nur eine grosse öffentliche Toilette mit Duschen und Wickeltischen, einen Parkplatz, den Camping und drei Restaurants. Eigentlich gibt es in C. nur Himmel und See.

Natürlich bin ich nicht der Einzige, der das zu schätzen weiss. «Pass auf, morgen kommt die grosse Invasion», hatte R. letztes Mal gewarnt. «Da wird sich der Parkplatz füllen», prophezeite er. Feriengäste sind ihm, der am Telefon auch mal die Madame mit dem Monsieur verwechselt, so zuwider wie mir. Er tut alles, dass nicht noch mehr Leute zu ihm kommen; seit Jahren lässt er den Campingkiosk geschlossen, renoviert er die drei Bungalows nicht, die für Wochenendausflügler praktisch wären. R. will, dass alles bleibt, wie es ist. Eine gesunde Einstellung. Jedenfalls wollte am nächsten Tag der Strom von Menschen nicht mehr abreissen, der am Camping vorbei zum See pilgerte. Bald war der Parkplatz voll, ein Verkehrskadett musste die Autofahrer umleiten. Sie durften ihre Wagen ins Feld eines Bauern stellen. Am See vorne indes zerstreute sich der Exodus und mit ihm die Befürchtungen: Nein, auch an diesem Spitzentag im Hochsommer war der Strand entlang dem Steg nicht überfüllt. Die Leute stiegen auf ihre Boote und fuhren aus dem Hafen. Zurück liessen sie einen zauberhaften Frieden.

Auch wir hatten früher ein Schiff in C. Jeden Sommer verbrachten wir hier. Als Kinder haben wir die Kargheit des Orts nicht immer gemocht. Jeden Morgen mussten wir im kleinen Laden, der damals noch vorne im Dorf war, Brot holen gehen – eine halbe Stunde barfuss über kochenden Asphalt. Jeden Tag mussten wir frisches Trinkwasser holen, mit einem schweren Kanister zum Steg Nr. 10. Am Komfort hat sich wenig geändert; nur der Dorfladen liegt nun in Hafennähe, und die sanitären Anlagen wurden vergrössert. Fünf bis sieben Wochen verbrachten wir in C., wochenlang am Strand, tagelang nur Sonne und See, unterbrochen von einem Eis oder Kirschen der Bauersfrau. Heute sind es diese Sensationen, die mich hierherkommen lassen. Nichts ist schöner, als mit einem Eis in der Hand auf der Corniche von C. zu stehen und den Schiffen nachzusehen; ein Land­arm aus groben Steinen, der den Hafen vor der Brandung schützt, kaum begehbar, wenig mondän.

Natürlich kennt auch C. Exzesse. Dieses Frühjahr hat die Gemeinde ein Stück Dorfstrasse erneuern lassen – ein neuer Unterboden, frischer Asphalt, der noch heisser wird als der alte, Velostreifen und Trottoir. Dem 200 Meter langen Strassenabschnitt musste die Pappelallee weichen, die vom Dorfkern bis hinaus ans Ende des langen Stegs führte. Wo die alten Bäume standen, steht jetzt ein hoher Zaun. Nun ist der Camping von der Strasse frei einzusehen, und es fehlt der Seiteneingang. Der Zugang sei im Kataster nicht eingetragen, beschieden die Bauarbeiter dem Campingwart, als sie das Gitter zogen, gerade wie eine Schnur, blitzend wie ein Messer. Beim letzten Besuch war das Wehr an einer Stelle schon eingerissen. Wild gestikulierte ein Gemeindeangestellter vor dem bösen Loch. Es waren die Bauarbeiter selbst, die den Schaden zu verantworten hatten.

Doch was kümmert mich die Strasse? Ich halte mich an den See. Erst vom Wasser aus sieht man die Bauernhäuser und realisiert, dass C. zugleich Bauern- und Fischerdorf ist. Das erkennt man auch in der Esskultur: Hier kann man vorzügliche Eglifilets mit butterzarten Salzkartoffeln essen. Doch deswegen würde niemand von «Mare e Monti» sprechen. Dieser Ort versprüht einen liebenswert bescheidenen Charme. Und gegebenenfalls auch einen gewissen Furor.

Zum Beispiel bei Sturm. Da verwandelt sich der stille Jachthafen in ein Ungeheuer, dengeln die Fallen der Segelschiffe an die Masten, pfeifen Windböen durch die Salingen, kreischen die Möwen am finsteren Himmel. Die Farbe des Wassers wechselt ins Tiefblaue, fast Schwarze, erst nur streifenweise, dann flächendeckend, darüber blitzt das Orange der Sturmwarnung. Der See ist nun wild, im Hafen krängen Boote und Bäume, Wellen schwappen über den Steg. Kaum ein ergreifenderes Schauspiel, als jetzt am Ende des Stegs zu stehen und dem Sturm ins Auge zu sehen. Wenn es nicht gewittert, lädt der See zum Bad. Wer im Sturmwasser badet, wird ihm elektrisiert entsteigen.

Nein, ich werde Ihnen den Namen dieses Unortes nicht verraten. Auch die Namen meiner anderen Lieblingsorte nicht – das auf einem Sonnenplateau gelegene B.*, mit dem stillen Val F.*; die L.*-alp, wo man im Norden die ganze Jurakette und im Süden das Pendant der Alpen sieht. Es sind Orte in Sackgassen. Sie liegen dort, wo Strassen und Schienen enden. Es sind die leeren Viertel eines zersiedelten und übervölkerten Lands.

* Orts- und Personennamen sind der Redaktion bekannt.

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Eingeordnet unter Die Anatomie der Peripherie, Gesellschaft, NZZ Folio, Tourismus

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