Viermal begrüssen

© «NZZ Folio», Februar 2009

Will man maximalen Ertrag aus Zuwanderern holen, dürfen sie sich nicht in Parallelgesellschaften einrichten. Sonst wird’s teuer. Das weiss man in Basel seit zehn Jahren.

Von Lukas Egli

Migration ist eine ärgerliche Angelegenheit. Einwanderer erleben Einheimische oft als verbohrt und abweisend. Sie sprechen eine kuriose Sprache, essen eklige Dinge, haben seltsame soziale Codes und Verkehrsregeln, hässliche Kinder. Einheimische sind irgendwie rückständig. Kein Wunder, bleiben Einwanderer lieber unter sich.

Die Einheimischen ihrerseits erleben Einwanderer oft als laut und arrogant. Sie bringen Bräuche ins Land, die da nicht hingehören, führen eine scharfe Zunge und drängeln vor, bewegen sich so, als wären sie einheimisch. Einwanderer sind irgendwie anmassend. Kein Wunder, bleiben Einheimische lieber unter sich.

So spielen die beiden sich unbekannten Gesellschaften ein langes soziales Schachspiel. Sie leben neben-, arbeiten miteinander und beobachten und beargwöhnen sich. Sie befürchten vor allem Entbehrungen. So weit die problemorientierte Sicht.

Die andere verheisst: Chancen. Das zeigen Zahlen: 2007 sind 40 000 Personen aus beruflichen Gründen in die Schweiz eingewandert. 2008 waren es bis Ende August 77 000. Und es kommt nicht irgendwer: 58 Prozent der Einwanderer haben einen Hochschulabschluss. Damit ist die Hochschulquote der neuen Migranten doppelt so hoch wie diejenige der Schweizer. Die Zahl der ausländischen Professoren hat sich in 20 Jahren verdoppelt; sie besetzen fast die Hälfte aller Lehrstühle. Die Führungskräfte der börsenkotierten Unternehmen stammen zu rund 60 Prozent aus dem Ausland. Diese Zahlen belegen eine Trendumkehr: Früher kamen unqualifizierte Arbeiter, heute sprechen die Fachleute von «Überschichtung».

Die Schweiz weist mit 22,9 Prozent den drittgrössten Ausländeranteil Europas auf. Nur in Luxemburg (37,3) und Liechtenstein (33,5 Prozent) ist er höher. Sie erbringen 27 Prozent aller Arbeitsstunden. Von den 1,6 Millionen Ausländern stammen über eine Million aus Europa; in den 1990er Jahren kamen 60 Prozent von ausserhalb der EU. Die Denkfabrik Avenir Suisse konstatiert in ihrer Studie «Die neue Zuwanderung», dass die Schweiz einen «historisch aussergewöhnlichen Import von Humankapital» verzeichnet. Die Schweiz hat es geschafft, im richtigen Moment die richtigen Leute anzulocken und ihr Potential zu nutzen.

Keiner Schweizer Stadt ist das besser gelungen als Basel. Es hat trotz massiven Integrationsproblemen in Kleinbasel, das als Türkenviertel keinen guten Ruf hatte, erkannt, dass Immigration gut ist. «Man muss die Chancen packen – und zwar rechtzeitig», sagt der Mann, der die Parallelwelt zum Teil mit harter Hand aufgebrochen hat. «Integrationsarbeit ist keine romantische Tätigkeit», so Thomas Kessler, seit zehn Jahren Integrationsbeauftragter von Basel-Stadt; der lässig gekleidete Beamte, der seit Anfang Jahr Chef des Amts für Kanton- und Stadtentwicklung ist, ginge auch als Sozialarbeiter durch. «Es ist eine Arbeit mit klaren strategischen Zielen.»

Verbindlich fördern und fordern vom ersten Tag an, so lautet die Losung. «Wir betreiben eine freundliche, menschliche, fordernde Politik», sagt Kessler. Rasch ist klar: er ist kein Sozialarbeiter, er ist Radikalpragmatiker. Erstes Gebot ist die Kontaktaufnahme. Neuzuzüger werden bis zu viermal begrüsst, von Stadt, Kanton, Quartier, Sprachgruppe. Der nette Ton kann umschlagen: Wer sich verweigert, der wird konfrontiert. Aufenthaltsbewilligungen können vom Besuch von Sprachkursen abhängig gemacht werden.

Es seien die Bemühungen der ersten Stunde, die darüber entschieden, ob Migration für die Gesellschaft eine Belastung oder ein Gewinn sei, so Kessler. Bei Nichtintegration drohen Krankheit, Arbeitslosigkeit, bei schlecht ausgebildeten Arbeitskräften schlimmstenfalls Delinquenz. «Je früher die Investition, desto höher der Ertrag», sagt er. Alles, was erst im Problemfall einsetze, sei teuer und ineffizient. Das ist, was viele Schweizer Städte exerzieren – ohne zu erkennen, dass sie dabei die Hauptsache verpassen.

Ohne Zuwanderung keine Entwicklung, lautet Kesslers Erkenntnis. «Die Schweiz ist nur darum so erfolgreich, weil sie seit 150 Jahren einen positiven Einwanderungssaldo hat», sagt er. Für die hohe Wertschöpfung dieses wirtschaftlich hochdynamischen Landes brauche es die Zuwanderung dringend. Aus diesem Blickwinkel ist Immigration plötzlich kein soziales Thema mehr, sondern im Gegenteil: eine wichtige wirtschaftliche Komponente – gerade für eine Stadt wie Basel.

Die kleine Rheinmetropole lebt von der chemischen Industrie, von Entwicklung und Bildung. In Zeiten der Globalisierung hat sie nur eine Chance: «Wir brauchen die besten Köpfe», sagt der Integrationsfachmann, der mithalf, der Migrationsdiskussion in Basel eine neue, erfreuliche Note zu geben. In den Grosslabors der Pharmagiganten Novartis und Roche arbeiten heute Menschen aus 60 Nationen. Sie bringen, wonach Basel dürstet – auch dank Thomas Kessler. Seit seinem Amtsantritt experimentiert der Stadtkanton mit einer reformfreudigen Migrationspolitik und hat sich zum Labor für zeitgemässe Ansätze gemausert. Seit 2007 hat er ein Integrationsgesetz, das als Mass der Dinge gilt.

Kessler verabredet sich gern im «Nooch», einem modernen asiatischen Restaurant im Bankenviertel beim Aeschenplatz. Hier, wo sich in nächster Nähe die Ausgeh­lokale der gutbezahlten Banker befinden, liegen die «Problemzonen» der neuen Migration. Hier bezahlt man den Businesslunch an einer Kasse, bevor man ihn an der Theke holt, hier isst man hastig an Bartischen, spricht Englisch. «Für Angelsachsen ein idealer Ort: Sie treffen auf bekannte Muster, wie in der Schlange zu stehen, und das Multikulti-Umfeld», so Kessler. Die Briten stünden lieber an, als sich in einem Restaurant bedienen zu lassen. Im Gegensatz zu den Deutschen, die gern in die Beizen gingen. Das «Nooch» ist cool, effizient, unpersönlich. Und genau da liegt der Haken.

Denn auch die gut ausgebildeten Ausländer bleiben ihren angestammten Milieus treu, nisten sich gerne in Parallelgesellschaften ein. Es liegt aber im Interesse einer Gesellschaft, dass sich die Neuen einbringen, dass sie nicht gleich wieder gehen. «Jede Fluktuation ist mit Kosten verbunden. Auch für die Firmen, welche die Leute holen», sagt Kessler. Neuzuzüger müssten sich rasch wohl fühlen können. Wenn man da keine Starthilfe biete, zögen sich die Leute zurück. «Wer isoliert ist, dem nützt der beste Job nichts.»

Bisweilen hilft eine Aussensicht: Die Schweiz sei eine tolle Stadt, sagen Asiaten. Sie habe tolle Quartiere, tolle S-Bahn-Verbindungen, dazwischen Grünanlagen. Städte wie die Schweiz müsste man in ­China mehr bauen, finden sie. Die Schweiz ist etwa so gross wie London oder New York. Sie birgt auf kleinstem Raum ein enormes Leistungs-, Bildungs- und Kulturpotential. Und nutzt es nur wenig. Die Sicht aufs Land ist von Mythen verbaut.

Das zeigt der Alltag. Er steht in scharfem Gegensatz zur Selbstinszenierung der Eidgenossenschaft als einsamer Fels in der Brandung eines geeinten Europa, als eigen- und rückständiger Ferienort, als konservativ-mythisches Wunderland. «Die Schweiz übt eine Identitätspflege, die in der Realität keine Entsprechung findet», sagt Kessler. Ob in der Landwirtschaft oder beim Militär – ginge man die Dinge rational an, käme man auf andere Lösungen, ist er überzeugt. So auch in der Migrationspolitik: Faktengestützt, zielgerichtet, nüchtern soll sie sein. Dass die Bevölkerung dem offen gegenübersteht, belegt der Umstand, dass jede zweite Hochzeit im städtischen Raum eine binationale ist.

Das ist kein Novum, wie ein Rückblick zeigt. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts verzeichnete die Schweiz einen Zustrom hochgebildeter Arbeitskräfte. «Damals gab es in Europa die Personenfreizügigkeit», sagt Gianni d’Amato, Professor für Migrationsstudien an der Universität Neuenburg. Die Schweiz war eng mit ihren Nachbarn verknüpft. «Ohne die hochqualifizierten Arbeitnehmer aus Deutschland wären die Universitäten Bern und Zürich und die ETH kaum funktionsfähig gewesen.» Heute steht die Schweiz da, wo sie vor 100 Jahren schon einmal gestanden hat: mit klugen Köpfen gerüstet für die Herausforderungen der Zeit. Diese Köpfe zu halten, wird nur gelingen, wenn sich ein pragmatischer Umgang mit der neuen Zuwanderung durchsetzt. Die Zürcher Medienkampagnen gegen die Deutschen waren da kein hoffnungsvolles Signal.

Laut d’Amato werden Modernisierungsprozesse hierzulande gerne über die Fremdenfrage abgehandelt. «Ob Verhalten im Verkehr oder Bildungsfragen: Ausländer sind eine Projektionsfläche für krisenhafte Nebenwirkungen der Zeit», sagt er. Offen sei, wie sich dieser Diskurs mit den Hochqualifizierten entwickle. «Integrationsfragen stellen sich für Topbanker anders», sagt d’Amato. «Unklar ist, ob die neuen Migranten sich als Söldner sehen oder ob sie sich einbetten lassen.» Die Zugehörigkeit bleibt flüchtig. Der aus Libanon stammende, seit 1944 in der Schweiz lebende Nicolas Hayek wird in den Uhrenstädten im Jura zum Teil noch immer als «Nichtschweizer» stigmatisiert, obwohl er die Schweizer Uhrenindustrie vor dem Untergang bewahrt hat. Die US-Schauspielerin Renée Zellweger hingegen oder der James-Bond-Regisseur Marc Forster werden wegen ihrer Abstammung oder Internatsjahren in den Alpen «eingemeindet».

Bisweilen scheinen der Schweiz ausgewanderte Einheimische lieber als heimisch gewordene Einwanderer. Klug ist das nicht. Denn Emigration ist eine ärgerliche Angelegenheit. Vor allem für kleine Länder wie die Schweiz

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