Editorial: Vom Vreneli verführt

© NZZ Folio, 6. April 2009

Der Reiz des Goldes ist tückisch. Nur wer seinem Glanz nicht verfällt, findet einen besonnenen Umgang mit ihm.

Von Lukas Egli

Da stand dieser graue Ordner. Er stand im untersten Regal im Wohnzimmer ­neben anderen Ordnern. Sie enthielten Fotos, Dias, Briefmarken. Doch dieser eine Ordner war besonders. In ihm lagen die Goldvreneli.

Man bekam sie zur Geburt, zur Taufe, zum Geburtstag, zur Konfirmation. Ein Zwanziger für ein kleineres Ereignis, den wertvolleren Zehner zu den grossen Ereignissen. Hübsche Münzen aus Gold. Den Ordner rührte keiner an. Er war tabu. Warum, war mir schleierhaft.

Umso reizvoller war es, ihn in geheimen Stunden zu öffnen. Gold! Echtes Gold!

Eine der Münzen herauszunehmen, war schneller getan als gedacht. Sie in Bargeld umzuwandeln, erstaunlicherweise auch. Ich brachte sie zur örtlichen Kantonalbank. Dort überreichte man mir Minderjährigem, ohne zu fragen, eine Quittung, grosse Banknoten, etwas Kleingeld. Der Vorgang imponierte mir: Was für ein Betrag für eine so kleine Münze!

Es ist ein verführerisches Stück, das Vreneli. Als dem Bundesrat 1897 eine ­kleine Vorauflage zur Ansicht vorgelegt wurde, kritisierte einer der Magistraten eine Stirnlocke, die dem «Frauenzimmer ein frivoles Aussehen» gab. Die Stirnlocke wurde entfernt. Als die Goldmünze erschien, fanden auch Fachleute, dass das dargestellte Mädchen zu jung und unwürdig sei, die Schweiz zu repräsentieren. Dennoch wurden bis 1949 über 60 Millionen Vreneli geprägt. Ich erlag ihrer Verführung immer wieder.

Nach und nach machte ich fast alle Goldmünzen meiner Familie zu Geld. ­Irgendwann unterschied ich nicht mehr zwischen Mein und Dein. Was erstaunlicherweise niemand merkte. Und mich in meinem Gefühl bestärkte, dass ich ja niemandem etwas wegnahm, was er im Alltag gebrauchen würde.

Welch ein Sakrileg es gewesen war, die Vreneli zu veräussern, begriff ich erst viel später. Dass ich Dinge von symbolischem Wert leichtfertig weggegeben ­hatte. Und vor allem: Dass ich ohne Not stille Reserven aufgelöst hatte.

Ich war der Frivolität des Goldes erlegen. Wie schon so mancher.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gesellschaft, NZZ Folio, Wirtschaft

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s