Das Risikopapier

Das Risikopapier
Das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis gewährleistet einen soliden Karrierestart, zahlreiche Auf- und Umstiegsmöglichkeiten – und hat dennoch einen zweifelhaften Ruf. Zu Recht?
Von Lukas Egli
Sohn, du sollst es einmal besser haben! Es ist dieser elterliche Auftrag, der uns nach oben streben lässt: im Betrieb, in der Gesellschaft, im Leben – das Ziel ist, den Vater zu übertreffen. Wo dieser Weg durchführt, ist klar: über eine höhere Bildung. Die Kehrseite dieses Vaterkomplexes ist, dass viele meinen, dass am Gymnasium gescheitert sei, wer eine Lehre mache. So gerät unversehens nicht nur ein Berufsstand oder eine Branche, sondern die Hälfte aller Werktätigen in Verruf: Knapp 50 Prozent aller Schweizer im Alter zwischen 25 und 65 Jahren verfügen «nur» über ein Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ), das man mit der Berufslehre erwirbt – nach obiger Lesart ein quasi wertloses Papier.
Das ist natürlich Unsinn. Das Schweizer Berufsbildungssystem ist ein Erfolgsmodell, das international viel Anerkennung erfährt. Noch immer entscheiden sich mehr als zwei Drittel aller Jugendlichen für den soliden Weg einer Berufslehre; laut Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) stehen 200 000 Lehrlinge in der beruflichen Grundbildung, jedes Jahr werden 60 000 Fähigkeitszeugnisse vergeben. Zu Recht, wie Statistiken eindrücklich belegen: Was die Arbeitsmarktintegration Jugendlicher angeht, belegt die Schweiz einen Spitzenplatz. Sie weist mit 4,1 Prozent (Staatssekretariat für Wirtschaft, Juni 2009) eine der tiefsten Jugendarbeitslosigkeitsquoten auf; in Deutschland liegt sie bei 10,5 Prozent, in Grossbritannien bei 17,9, in Frankreich bei 22,3, in Italien bei 24,9. Europäischer Spitzenreiter ist Spanien mit 33,6 Prozent (Eurostat, 2009).
Auch was die Berufsperspektiven angeht, scheint unser Modell vorbildlich zu sein: Über 200 Lehrberufe stehen den angehenden Fachkräften zur Wahl. An die drei bis vier Jahre dauernde berufliche Grundbildung schliesst nahtlos die höhere Berufsbildung mit knapp 400 höheren Fachprüfungen an, in der berufsspezifische Qualifikationen erlangt werden können und auf Führungsfunktionen vorbereitet wird. Hier werden die Lehrmeister der Zukunft geformt, die neuen Träger des Zunfterbes. Die im Jahr 1994 eingeführte Berufsmaturität öffnet zudem den direkten Zugang zu Fachhochschulen. Mit einem zusätzlichen Schuljahr und einer eidgenössischen Maturitätsprüfung ist es den Lehrlingen mit einer Berufsmatur heute sogar möglich, ein Universitätsstudium aufzunehmen. Diese sogenannte Passerelle ist der Königsweg – hier ist Heinrich Pestalozzis Forderung nach Bildung mit «Kopf, Herz und Hand» erfüllt. In Sachen Durchlässigkeit und Fachkompetenz der Lehrabgänger gilt das Schweizer System weltweit als beispiellos.
Dennoch geniesst die Berufslehre in der Schweiz selbst einen schlechten Ruf. In den Städten, vor allem aber in der französischen und der italienischen Schweiz, ist es mit dem Ansehen der Lehrlinge nicht weit her. «Ils sont nuls», titelte 2005 das Westschweizer Wirtschaftsmagazin «Bilan» und erklärte auf einem Halbdutzend Seiten, warum die Patrons bald keine Lehrlinge mehr wollen. Die Titelgeschichte formulierte in deutlichen Worten, was in besseren Kreisen in der französischen Schweiz längst feststand: Wer heute eine Berufslehre macht, ist entweder etwas dumm oder war in der Schule nicht fleissig genug – und lehnt sich in der Lehre zurück. Die Lehrlinge, ein faules Pack. Das Westschweizer Bildungssystem ist vom elitären Frankreich geprägt. Da fällt Handwerk auf keinen goldenen Boden.
Doch auch in Deutschschweizer Agglomerationen müssen sich Mittelstandseltern rechtfertigen, wenn es ihr Nachwuchs nicht aufs Gymnasium schafft. Es ist keine Überraschung, dass die Maturitätsquote in der Zürcher Goldküstengemeinde Erlenbach bei 50 Prozent liegt; der Vorstadtschulkreis Wallisellen und die Oberländergemeinde Wald bilden mit 6 beziehungsweise 8 Prozent das düstere kantonale Schlusslicht. Ein Banquierssohn, der Verkäufer wird? Eine Arzttochter, die Flachmalerin lernt? Undenkbar! Das Schweizer Berufsbildungssystem mag zwar gut sein, aber nicht gut genug für die eigenen Kinder. Sohn, du sollst es einmal besser haben – auf einem gewissen Niveau wird die Vorgabe anspruchsvoll.
Gegen das latent schlechte Image der Berufsbildung kämpft das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie mit allen Mitteln an – einigermassen erfolglos. In gut gemachten und verständlichen Broschüren mit eingängigen Titeln («Der Weg der Profis») verbreitet es die Kunde vom erfolgreichen und zukunftsträchtigen Weg «für eine erfolgreiche Karriere». «Die Schweiz ist Berufsweltmeisterin – in diversen Branchen», lobt Volkswirtschaftsministerin Doris Leuthard im Vorwort. Schweizer Berufsleute seien weltweit begehrt. «Unser duales Berufsbildungssystem ermöglicht vielfältige Bildungsmöglichkeiten, Karriereperspektiven und berücksichtigt die Bedürfnisse der Betriebe und des Arbeitsmarktes.» Es ist das Mantra der eidgenössischen Bildungspolitiker.
Doch stimmt’s wirklich? Ein Ketzer, wer es hinterfragt.
Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass das Schweizer Berufsbildungssystem geprägt ist von immensen Unterschieden. So bewegt sich ein angehender Feinmechaniker bei einem international tätigen Hightechkonzern wie ABB oder ein Banklehrling bei der Grossbank UBS in einem hochkompetitiven, innovativen Arbeitsumfeld. Während ein Kellner, heute «Gastrofachmann» genannt, Bauer, pardon: «Agrarpraktiker», oder Metzger in ein traditionelles, kleingewerbliches Umfeld eintritt, das je nach Region und Betrieb noch genauso funktioniert wie vor hundert Jahren – Berufsfelder, die von allen Reformen der letzten Jahre unberührt geblieben sind und die trotz «modernen» Berufsbezeichnungen kaum Anschlussmöglichkeiten bieten.
«Das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis ist ein ausserordentlich grobes Etikett», findet Thomas Meyer. Der Berner Soziologe ist Co-Leiter von TREE (Transitions from Education to Employment), einem Langzeitforschungsprojekt, das den Übergang Jugendlicher von der Ausbildung in die Arbeitswelt begleitet. «Der Titel ‹Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis› suggeriert, dass es sich bei den verschiedenen Berufen um ein Zertifikat von gleicher Ordnung handelt», sagt Meyer. «Zu Unrecht.» Beim EFZ handle es sich vielmehr um eine Art Berufszulassung, welche die effektive Qualität der Ausbildung nur teilweise widerspiegle.
Dass der Arbeitsmarkt die EFZ-Inhaber gut absorbiere, sei noch kein Qualitätsmerkmal, sagt Meyer. «Man müsste untersuchen, wer sich mit welcher Ausbildung wie auf dem Markt behaupten kann, wenn sich das Berufsumfeld verändert», sagt er. Viele Berufsbilder seien schon seit Jahren stark im Wandel begriffen. Die Frage sei, wie und ob sich die Leute überhaupt umschulen und weiterbilden liessen. Die Fragestellung ist keine rhetorische: Zur Weiterbildungsfähigkeit ehemaliger Lehrlinge existieren überaus beunruhigende Indizien. Zum Beispiel in einer brisanten, aber weitgehend unbeachteten Sonderauswertung der Volkszählung 2000 von Jean-Marc Falter und Cyril Pasche von der Universität Genf aus dem Jahr 2007. Die ALL-Studie (Adult Literacy and Life Skills Survey) wurde in fünf Ländern durchgeführt (in Kanada, den USA, Italien, auf den Bermudas, im mexikanischen Teilstaat Nuevo León und in der Schweiz), sie gilt als Pisa-Studie der Erwachsenen. Die Erhebung zeigt unter anderem, dass Berufsleute mit EFZ in zentralen allgemeinbildenden Fertigkeiten wie «Literacy» – also in der Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben und auch zu verstehen – nur unwesentlich besser abschneiden als solche, die gar keinen Abschluss gemacht haben. Gemäss Falter und Pasche müssen 40 Prozent aller Schweizer Werktätigen als «inadäquat» gebildet für ihre Tätigkeit bezeichnet werden. Das Phänomen, so schreiben die Forscher weiter, betreffe vor allem Arbeitnehmer mit mittlerer Berufsbildung, solche, die Ausbildungen mit fachspezifischem Fokus und wenig Grundwissen gemacht haben, kurz: Arbeitskräfte mit EFZ.
«Die Pisa-Studie kennt Wertungsstufen von 1 bis 5; wer unter einer 2 liegt, wird als ‹nicht weiterbildungsfähig› betrachtet», so Meyer. In der Schweiz liege die Quote der funktionalen Analphabeten bei 15 bis 20 Prozent. Es stellt sich die Frage, wie diese Bildungsschwachen ein Zertifikat erlangen, das sie laut «Pisa» nicht schaffen können. Oder andersherum: Was ist ein Zertifikat wert, wenn selbst funktionale Analphabeten es erhalten? Da bekommt die stolze Lehrabschlussquote von 90 Prozent, die das BBT gern ins Feld führt, plötzlich einen seltsamen Beigeschmack. «Das ist eine bildungspolitische Zeitbombe», konstatiert Meyer, «die noch nicht einmal entdeckt worden ist.»
Die hohe Durchlässigkeit des Schweizer Berufsbildungssystems, schreibt Bundesrätin Doris Leuthard, sorge dafür, dass die Fachkräfte «in allen Abschnitten des Berufslebens ihre Karriere individuell und den eigenen Fähigkeiten entsprechend planen können». Tatsächlich?
Für diesen Eifer auf höchster Ebene gibt es noch einen anderen Grund: Das duale Modell der Schweiz, bei dem Auszubildende zugleich am Arbeitsplatz und in der Schule ausgebildet werden, ist international – wie könnte es anders sein – ein Sonderfall. Einzig unsere nächsten, gleichsprachigen Nachbarn Deutschland und Österreich kennen ein ähnlich praxisorientiertes Ausbildungssystem. Lateinischsprachige Länder wie Italien, Frankreich, Portugal und Spanien sowie Skandinavien und der ganze angelsächsische Raum sind fest in der Hand der Akademiker. Die EU wie die USA setzen bei der Berufsbildung auf ein vollschulisches Modell. Die Schweiz steht mit ihrer Berufsbildung allein da und gerät in Zeiten der Globalisierung, in der die Arbeitskräfte immer mehr darauf angewiesen sind, dass ihre Diplome auch jenseits der Grenze anerkannt werden, in die Defensive. Zwar schauen die anderen mitunter sehnsüchtig auf die Erfolge der Arbeitsintegration des germanischen Modells, schütteln aber ob der gymnasialen Maturitätsquote der Schweiz, die mit 19,7 Prozent (2008) etwa auf dem Niveau der Türkei liegt, nur den Kopf. Es fehlt ihnen am tieferen Verständnis für unsere Ausbildungstradition. Der Boss – mein Lehrer und Ausbilder? No thanks!
Die jüngste OECD-Studie attestiert dem System mittlerweile zwar «umfassende Qualitätskontrollen»; der erste Bericht 1991 war noch vernichtend ausgefallen. Die Qualitätskontrolle verlaufe, so heisst es in der Studie «Learning for Jobs» vom April 2009, auf konstruktive Art und Weise, indem die Berufsfachschulen mittels Fragebogen evaluieren, wie Lehrbetriebe und Lernende die Qualität ihrer Leistungen beurteilen. Die Autoren empfehlen der Schweiz aber, die Stärken ihres Systems aktiv zu fördern. «Dazu braucht es aussagekräftige Daten und Analysen.» Vor allem die Berufswahl sehen die Experten kritisch: «Der Anteil von Lehrabgängern, die in ihrem erlernten Beruf arbeiten, sank von 49,5 Prozent im Jahr 1970 auf 35,5 Prozent im Jahr 2005.» Auch wenn man die Veränderung des Tätigkeitsbereichs als Flexibilität werten könne, sei der nahtlose Übergang von der Ausbildung zu einer Arbeitsstelle wünschenswert.
Mit der Forderung, die Schweiz solle die Stärken ihres Systems besser fördern, legen die OECD-Experten den Finger auf einen wunden Punkt. «Die Schweiz könnte ein bildungspolitisches Labor sein», ist Meyer überzeugt. Es vereine Einflüsse der Bildungsräume Frankreichs, Italiens und Deutschlands. Leider schaffe es die Schweiz nicht, dieses Spannungsverhältnis produktiv zu nutzen. «Die Annäherung müsste in beide Richtungen erfolgen», sagt Meyer: Die Berufsbildung müsse schulischer werden, mehr Allgemeinbildung wie Sprachen und Mathematik fördern, Universitäten und Hochschulen hingegen müssten näher an die Praxis rücken. «Das würde uns die akademische Praxisferne, die in vielen Ländern Europas ein grosses Problem ist, ­ersparen», sagt er. «Die Praxiskultur ist ja dank der Berufs bildung vorhanden.» Diese Vision sieht Meyer in Berufs bildungssegmenten wie den kaufmännischen, den Informatik- und den technisch-industriellen Berufen mit ihren Möglichkeiten, an Hochschulen überzutreten, schon fast realisiert.
Der Trend indes läuft in die entgegengesetzte Richtung, auch in der Schweiz: Wegen der Bologna-Reform spielen sich die Fachhochschulen mittlerweile vielerorts wie kleine Universitäten auf. Die einst für ihren Praxisbezug hochgelobten Höheren Technischen Lehranstalten (HTL), Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschulen (HWV) sowie Höheren Fachschulen für Gestaltung (HFG) nähern sich immer mehr den universitären Hochschulen an. Mit den entsprechenden Folgen für Lehrplan und Gewichtung: Die Studiengänge werden akademischer, die praktischen Teile geraten unter Druck. Statt ihre Stärke auszuspielen, geben die Fachhochschulen sie kampflos preis.
Völlig vergessen geht in der Diskussion um die Ausrichtung der höheren Berufsbildung, dass es neben «Bologna» auch ein «Kopenhagen» gäbe. So heisst der Reformprozess der EU im Bereich der Berufsbildung, der zusammen mit «Bologna» zum Ziel hat, die EU zum «wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt» zu machen, wie es die Lissabon-Agenda im Jahr 2000 formulierte. Die Stichworte dazu lauten: Durchlässigkeit, Transparenz, Mobilität. Zwar nimmt die Schweiz auf «Expertenebene» am Kopenhagen-Prozess teil, doch findet er im Gegensatz zur Bologna-Reform weder in der Verwaltung noch in der Öffentlichkeit wirklich statt.
Die Schweiz ist die einzige Gesellschaft weltweit, die die erste nachobligatorische Bildung der Bevölkerungsmehrheit dem freien Markt überlässt. Sie sollte darum genau beobachten, wo die Entwicklung hinführt. «Die Schweiz ist Berufsweltmeisterin – in diversen Branchen», schwärmte Volkswirtschaftsministerin Doris Leuthard. «Schweizer Berufsleute sind weltweit begehrt.» Stimmt – noch. Warum das selbsternannte Mutterland der Berufsbildung nicht aktiver an der Berufsbildung der Zukunft mitarbeitet, ist ein Rätsel.
Mein Sohn, du sollst es einmal besser haben! Darum wisse: Auch der Weg der Profis birgt gewisse Risiken.

© NZZ Folio, 7. September 2009 (PDF)

Das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis gewährleistet einen soliden Karrierestart, zahlreiche Auf- und Umstiegsmöglichkeiten – und hat dennoch einen zweifelhaften Ruf. Zu Recht?

Von Lukas Egli

Sohn, du sollst es einmal besser haben! Es ist dieser elterliche Auftrag, der uns nach oben streben lässt: im Betrieb, in der Gesellschaft, im Leben – das Ziel ist, den Vater zu übertreffen. Wo dieser Weg durchführt, ist klar: über eine höhere Bildung. Die Kehrseite dieses Vaterkomplexes ist, dass viele meinen, dass am Gymnasium gescheitert sei, wer eine Lehre mache. So gerät unversehens nicht nur ein Berufsstand oder eine Branche, sondern die Hälfte aller Werktätigen in Verruf: Knapp 50 Prozent aller Schweizer im Alter zwischen 25 und 65 Jahren verfügen «nur» über ein Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ), das man mit der Berufslehre erwirbt – nach obiger Lesart ein quasi wertloses Papier.

Das ist natürlich Unsinn.

Das Schweizer Berufsbildungssystem ist ein Erfolgsmodell, das international viel Anerkennung erfährt. Noch immer entscheiden sich mehr als zwei Drittel aller Jugendlichen für den soliden Weg einer Berufslehre; laut Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) stehen 200 000 Lehrlinge in der beruflichen Grundbildung, jedes Jahr werden 60 000 Fähigkeitszeugnisse vergeben. Zu Recht, wie Statistiken eindrücklich belegen: Was die Arbeitsmarktintegration Jugendlicher angeht, belegt die Schweiz einen Spitzenplatz. Sie weist mit 4,1 Prozent (Staatssekretariat für Wirtschaft, Juni 2009) eine der tiefsten Jugendarbeitslosigkeitsquoten auf; in Deutschland liegt sie bei 10,5 Prozent, in Grossbritannien bei 17,9, in Frankreich bei 22,3, in Italien bei 24,9. Europäischer Spitzenreiter ist Spanien mit 33,6 Prozent (Eurostat, 2009).

Auch was die Berufsperspektiven angeht, scheint unser Modell vorbildlich zu sein: Über 200 Lehrberufe stehen den angehenden Fachkräften zur Wahl. An die drei bis vier Jahre dauernde berufliche Grundbildung schliesst nahtlos die höhere Berufsbildung mit knapp 400 höheren Fachprüfungen an, in der berufsspezifische Qualifikationen erlangt werden können und auf Führungsfunktionen vorbereitet wird. Hier werden die Lehrmeister der Zukunft geformt, die neuen Träger des Zunfterbes. Die im Jahr 1994 eingeführte Berufsmaturität öffnet zudem den direkten Zugang zu Fachhochschulen. Mit einem zusätzlichen Schuljahr und einer eidgenössischen Maturitätsprüfung ist es den Lehrlingen mit einer Berufsmatur heute sogar möglich, ein Universitätsstudium aufzunehmen. Diese sogenannte Passerelle ist der Königsweg – hier ist Heinrich Pestalozzis Forderung nach Bildung mit «Kopf, Herz und Hand» erfüllt. In Sachen Durchlässigkeit und Fachkompetenz der Lehrabgänger gilt das Schweizer System weltweit als beispiellos.

Dennoch geniesst die Berufslehre in der Schweiz selbst einen schlechten Ruf. In den Städten, vor allem aber in der französischen und der italienischen Schweiz, ist es mit dem Ansehen der Lehrlinge nicht weit her. «Ils sont nuls», titelte 2005 das Westschweizer Wirtschaftsmagazin «Bilan» und erklärte auf einem Halbdutzend Seiten, warum die Patrons bald keine Lehrlinge mehr wollen. Die Titelgeschichte formulierte in deutlichen Worten, was in besseren Kreisen in der französischen Schweiz längst feststand: Wer heute eine Berufslehre macht, ist entweder etwas dumm oder war in der Schule nicht fleissig genug – und lehnt sich in der Lehre zurück. Die Lehrlinge, ein faules Pack. Das Westschweizer Bildungssystem ist vom elitären Frankreich geprägt. Da fällt Handwerk auf keinen goldenen Boden.

Doch auch in Deutschschweizer Agglomerationen müssen sich Mittelstandseltern rechtfertigen, wenn es ihr Nachwuchs nicht aufs Gymnasium schafft. Es ist keine Überraschung, dass die Maturitätsquote in der Zürcher Goldküstengemeinde Erlenbach bei 50 Prozent liegt; der Vorstadtschulkreis Wallisellen und die Oberländergemeinde Wald bilden mit 6 beziehungsweise 8 Prozent das düstere kantonale Schlusslicht. Ein Banquierssohn, der Verkäufer wird? Eine Arzttochter, die Flachmalerin lernt? Undenkbar! Das Schweizer Berufsbildungssystem mag zwar gut sein, aber nicht gut genug für die eigenen Kinder. Sohn, du sollst es einmal besser haben – auf einem gewissen Niveau wird die Vorgabe anspruchsvoll.

Gegen das latent schlechte Image der Berufsbildung kämpft das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie mit allen Mitteln an – einigermassen erfolglos. In gut gemachten und verständlichen Broschüren mit eingängigen Titeln («Der Weg der Profis») verbreitet es die Kunde vom erfolgreichen und zukunftsträchtigen Weg «für eine erfolgreiche Karriere». «Die Schweiz ist Berufsweltmeisterin – in diversen Branchen», lobt Volkswirtschaftsministerin Doris Leuthard im Vorwort. Schweizer Berufsleute seien weltweit begehrt. «Unser duales Berufsbildungssystem ermöglicht vielfältige Bildungsmöglichkeiten, Karriereperspektiven und berücksichtigt die Bedürfnisse der Betriebe und des Arbeitsmarktes.» Es ist das Mantra der eidgenössischen Bildungspolitiker.

Doch stimmt’s wirklich? Ein Ketzer, wer es hinterfragt.

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass das Schweizer Berufsbildungssystem geprägt ist von immensen Unterschieden. So bewegt sich ein angehender Feinmechaniker bei einem international tätigen Hightechkonzern wie ABB oder ein Banklehrling bei der Grossbank UBS in einem hochkompetitiven, innovativen Arbeitsumfeld. Während ein Kellner, heute «Gastrofachmann» genannt, Bauer, pardon: «Agrarpraktiker», oder Metzger in ein traditionelles, kleingewerbliches Umfeld eintritt, das je nach Region und Betrieb noch genauso funktioniert wie vor hundert Jahren – Berufsfelder, die von allen Reformen der letzten Jahre unberührt geblieben sind und die trotz «modernen» Berufsbezeichnungen kaum Anschlussmöglichkeiten bieten.

«Das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis ist ein ausserordentlich grobes Etikett», findet Thomas Meyer. Der Berner Soziologe ist Co-Leiter von TREE (Transitions from Education to Employment), einem Langzeitforschungsprojekt, das den Übergang Jugendlicher von der Ausbildung in die Arbeitswelt begleitet. «Der Titel ‹Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis› suggeriert, dass es sich bei den verschiedenen Berufen um ein Zertifikat von gleicher Ordnung handelt», sagt Meyer. «Zu Unrecht.» Beim EFZ handle es sich vielmehr um eine Art Berufszulassung, welche die effektive Qualität der Ausbildung nur teilweise widerspiegle.

Dass der Arbeitsmarkt die EFZ-Inhaber gut absorbiere, sei noch kein Qualitätsmerkmal, sagt Meyer. «Man müsste untersuchen, wer sich mit welcher Ausbildung wie auf dem Markt behaupten kann, wenn sich das Berufsumfeld verändert», sagt er. Viele Berufsbilder seien schon seit Jahren stark im Wandel begriffen. Die Frage sei, wie und ob sich die Leute überhaupt umschulen und weiterbilden liessen. Die Fragestellung ist keine rhetorische: Zur Weiterbildungsfähigkeit ehemaliger Lehrlinge existieren überaus beunruhigende Indizien. Zum Beispiel in einer brisanten, aber weitgehend unbeachteten Sonderauswertung der Volkszählung 2000 von Jean-Marc Falter und Cyril Pasche von der Universität Genf aus dem Jahr 2007. Die ALL-Studie (Adult Literacy and Life Skills Survey) wurde in fünf Ländern durchgeführt (in Kanada, den USA, Italien, auf den Bermudas, im mexikanischen Teilstaat Nuevo León und in der Schweiz), sie gilt als Pisa-Studie der Erwachsenen. Die Erhebung zeigt unter anderem, dass Berufsleute mit EFZ in zentralen allgemeinbildenden Fertigkeiten wie «Literacy» – also in der Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben und auch zu verstehen – nur unwesentlich besser abschneiden als solche, die gar keinen Abschluss gemacht haben. Gemäss Falter und Pasche müssen 40 Prozent aller Schweizer Werktätigen als «inadäquat» gebildet für ihre Tätigkeit bezeichnet werden. Das Phänomen, so schreiben die Forscher weiter, betreffe vor allem Arbeitnehmer mit mittlerer Berufsbildung, solche, die Ausbildungen mit fachspezifischem Fokus und wenig Grundwissen gemacht haben, kurz: Arbeitskräfte mit EFZ.

«Die Pisa-Studie kennt Wertungsstufen von 1 bis 5; wer unter einer 2 liegt, wird als ‹nicht weiterbildungsfähig› betrachtet», so Meyer. In der Schweiz liege die Quote der funktionalen Analphabeten bei 15 bis 20 Prozent. Es stellt sich die Frage, wie diese Bildungsschwachen ein Zertifikat erlangen, das sie laut «Pisa» nicht schaffen können. Oder andersherum: Was ist ein Zertifikat wert, wenn selbst funktionale Analphabeten es erhalten? Da bekommt die stolze Lehrabschlussquote von 90 Prozent, die das BBT gern ins Feld führt, plötzlich einen seltsamen Beigeschmack. «Das ist eine bildungspolitische Zeitbombe», konstatiert Meyer, «die noch nicht einmal entdeckt worden ist.»

Die hohe Durchlässigkeit des Schweizer Berufsbildungssystems, schreibt Bundesrätin Doris Leuthard, sorge dafür, dass die Fachkräfte «in allen Abschnitten des Berufslebens ihre Karriere individuell und den eigenen Fähigkeiten entsprechend planen können». Tatsächlich?

Für diesen Eifer auf höchster Ebene gibt es noch einen anderen Grund: Das duale Modell der Schweiz, bei dem Auszubildende zugleich am Arbeitsplatz und in der Schule ausgebildet werden, ist international – wie könnte es anders sein – ein Sonderfall. Einzig unsere nächsten, gleichsprachigen Nachbarn Deutschland und Österreich kennen ein ähnlich praxisorientiertes Ausbildungssystem. Lateinischsprachige Länder wie Italien, Frankreich, Portugal und Spanien sowie Skandinavien und der ganze angelsächsische Raum sind fest in der Hand der Akademiker. Die EU wie die USA setzen bei der Berufsbildung auf ein vollschulisches Modell. Die Schweiz steht mit ihrer Berufsbildung allein da und gerät in Zeiten der Globalisierung, in der die Arbeitskräfte immer mehr darauf angewiesen sind, dass ihre Diplome auch jenseits der Grenze anerkannt werden, in die Defensive. Zwar schauen die anderen mitunter sehnsüchtig auf die Erfolge der Arbeitsintegration des germanischen Modells, schütteln aber ob der gymnasialen Maturitätsquote der Schweiz, die mit 19,7 Prozent (2008) etwa auf dem Niveau der Türkei liegt, nur den Kopf. Es fehlt ihnen am tieferen Verständnis für unsere Ausbildungstradition. Der Boss – mein Lehrer und Ausbilder? No thanks!

Die jüngste OECD-Studie attestiert dem System mittlerweile zwar «umfassende Qualitätskontrollen»; der erste Bericht 1991 war noch vernichtend ausgefallen. Die Qualitätskontrolle verlaufe, so heisst es in der Studie «Learning for Jobs» vom April 2009, auf konstruktive Art und Weise, indem die Berufsfachschulen mittels Fragebogen evaluieren, wie Lehrbetriebe und Lernende die Qualität ihrer Leistungen beurteilen. Die Autoren empfehlen der Schweiz aber, die Stärken ihres Systems aktiv zu fördern. «Dazu braucht es aussagekräftige Daten und Analysen.» Vor allem die Berufswahl sehen die Experten kritisch: «Der Anteil von Lehrabgängern, die in ihrem erlernten Beruf arbeiten, sank von 49,5 Prozent im Jahr 1970 auf 35,5 Prozent im Jahr 2005.» Auch wenn man die Veränderung des Tätigkeitsbereichs als Flexibilität werten könne, sei der nahtlose Übergang von der Ausbildung zu einer Arbeitsstelle wünschenswert.

Mit der Forderung, die Schweiz solle die Stärken ihres Systems besser fördern, legen die OECD-Experten den Finger auf einen wunden Punkt. «Die Schweiz könnte ein bildungspolitisches Labor sein», ist Meyer überzeugt. Es vereine Einflüsse der Bildungsräume Frankreichs, Italiens und Deutschlands. Leider schaffe es die Schweiz nicht, dieses Spannungsverhältnis produktiv zu nutzen. «Die Annäherung müsste in beide Richtungen erfolgen», sagt Meyer: Die Berufsbildung müsse schulischer werden, mehr Allgemeinbildung wie Sprachen und Mathematik fördern, Universitäten und Hochschulen hingegen müssten näher an die Praxis rücken. «Das würde uns die akademische Praxisferne, die in vielen Ländern Europas ein grosses Problem ist, ­ersparen», sagt er. «Die Praxiskultur ist ja dank der Berufs bildung vorhanden.» Diese Vision sieht Meyer in Berufs bildungssegmenten wie den kaufmännischen, den Informatik- und den technisch-industriellen Berufen mit ihren Möglichkeiten, an Hochschulen überzutreten, schon fast realisiert.

Der Trend indes läuft in die entgegengesetzte Richtung, auch in der Schweiz: Wegen der Bologna-Reform spielen sich die Fachhochschulen mittlerweile vielerorts wie kleine Universitäten auf. Die einst für ihren Praxisbezug hochgelobten Höheren Technischen Lehranstalten (HTL), Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschulen (HWV) sowie Höheren Fachschulen für Gestaltung (HFG) nähern sich immer mehr den universitären Hochschulen an. Mit den entsprechenden Folgen für Lehrplan und Gewichtung: Die Studiengänge werden akademischer, die praktischen Teile geraten unter Druck. Statt ihre Stärke auszuspielen, geben die Fachhochschulen sie kampflos preis.

Völlig vergessen geht in der Diskussion um die Ausrichtung der höheren Berufsbildung, dass es neben «Bologna» auch ein «Kopenhagen» gäbe. So heisst der Reformprozess der EU im Bereich der Berufsbildung, der zusammen mit «Bologna» zum Ziel hat, die EU zum «wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt» zu machen, wie es die Lissabon-Agenda im Jahr 2000 formulierte. Die Stichworte dazu lauten: Durchlässigkeit, Transparenz, Mobilität. Zwar nimmt die Schweiz auf «Expertenebene» am Kopenhagen-Prozess teil, doch findet er im Gegensatz zur Bologna-Reform weder in der Verwaltung noch in der Öffentlichkeit wirklich statt.

Die Schweiz ist die einzige Gesellschaft weltweit, die die erste nachobligatorische Bildung der Bevölkerungsmehrheit dem freien Markt überlässt. Sie sollte darum genau beobachten, wo die Entwicklung hinführt. «Die Schweiz ist Berufsweltmeisterin – in diversen Branchen», schwärmte Volkswirtschaftsministerin Doris Leuthard. «Schweizer Berufsleute sind weltweit begehrt.» Stimmt – noch. Warum das selbsternannte Mutterland der Berufsbildung nicht aktiver an der Berufsbildung der Zukunft mitarbeitet, ist ein Rätsel.

Mein Sohn, du sollst es einmal besser haben! Darum wisse: Auch der Weg der Profis birgt gewisse Risiken.

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