Editorial: Das Ausbildungsprinzip

Editorial: Das Ausbildungsprinzip
Wer eine Berufslehre macht, lernt etwas, das er im Arbeitsalltag brauchen kann. In dieser Beziehung kann die Hochschule viel von der Lehre lernen.
Von Lukas Egli
Haben Sie gewusst, dass Universitätsabgänger ihr akademisches Wissen im Berufsleben oft gar nicht brauchen? Zum Beispiel Ursula: Sie ist Biologin, spezialisiert in Zoologie, Fachbereich Verhaltensforschung, stolze Besitzerin eines Abschlusses der Universität Zürich. Sie hat, erklärte sie einmal lachend bei Tisch, das in neun langen Semestern angeeignete Fachwissen nicht ein einziges Mal während ihrer Laufbahn eingesetzt.
Anders sieht das bei der «simplen» Berufslehre aus: Das duale Modell, bei dem die Lehrlinge am Arbeitsplatz und in der Schule ausgebildet werden, ist stark auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts ausgerichtet. Es bietet ein breites und durchlässiges Berufs- und Leistungsspektrum, ist weitgehend selbsttragend und bildet, dafür sorgen gewinnorientierte Lehrmeister, nur diejenigen aus, bei denen die Chance besteht, dass sie ihr Wissen eines Tages auch einsetzen werden. Fragen Sie einmal in einem Lehrbetrieb nach, was sie von denjenigen halten, die nicht mindestens ein paar Jahre auf ihrem Beruf arbeiten. Oder die Lehre abbrechen.
Bei der Universität ist ein effektiver Nutzen oft nicht vorgesehen – Hauptsache Studium. Praktische Fertigkeiten holt man sich anderswo. Ursula zum Beispiel hat nach der Uni ein Redaktionsvolontariat bei einer Zeitschrift gemacht und ist dank einer Ausbildung «on the job» Journalistin geworden. In der Medien branche ist ein Universitätsabschluss immer gern gesehen, in manchen Verlagen sogar ein Muss. Nichts gegen Forschung und Lehre und die Anleitung zum selbständigen und vernetzten Denken – aber wofür eigentlich all das Studieren, wenn die Diplome fürs Berufsleben dann doch nicht taugen?
Da kann man diejenigen, die sich nach den neun obligatorischen Schuljahren sagen: «Weiter in die Schule gehen? Ganz sicher nicht!», nur ermutigen. Geht! Lasst euch von einem guten Lehrmeister etwas Anständiges beibringen! Und setzt das Erlernte ein! Wenn es sein muss bei der Konkurrenz. Aber Achtung: Ohne ein Minimum an schulischer Bildung geht heute nichts mehr.

© NZZ Folio, 7. September 2009

Wer eine Berufslehre macht, lernt etwas, das er im Arbeitsalltag brauchen kann. In dieser Beziehung kann die Hochschule viel von der Lehre lernen.

Von Lukas Egli

Haben Sie gewusst, dass Universitätsabgänger ihr akademisches Wissen im Berufsleben oft gar nicht brauchen? Zum Beispiel Ursula: Sie ist Biologin, spezialisiert in Zoologie, Fachbereich Verhaltensforschung, stolze Besitzerin eines Abschlusses der Universität Zürich. Sie hat, erklärte sie einmal lachend bei Tisch, das in neun langen Semestern angeeignete Fachwissen nicht ein einziges Mal während ihrer Laufbahn eingesetzt.

Anders sieht das bei der «simplen» Berufslehre aus: Das duale Modell, bei dem die Lehrlinge am Arbeitsplatz und in der Schule ausgebildet werden, ist stark auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts ausgerichtet. Es bietet ein breites und durchlässiges Berufs- und Leistungsspektrum, ist weitgehend selbsttragend und bildet, dafür sorgen gewinnorientierte Lehrmeister, nur diejenigen aus, bei denen die Chance besteht, dass sie ihr Wissen eines Tages auch einsetzen werden. Fragen Sie einmal in einem Lehrbetrieb nach, was sie von denjenigen halten, die nicht mindestens ein paar Jahre auf ihrem Beruf arbeiten. Oder die Lehre abbrechen.

Bei der Universität ist ein effektiver Nutzen oft nicht vorgesehen – Hauptsache Studium. Praktische Fertigkeiten holt man sich anderswo. Ursula zum Beispiel hat nach der Uni ein Redaktionsvolontariat bei einer Zeitschrift gemacht und ist dank einer Ausbildung «on the job» Journalistin geworden. In der Medien branche ist ein Universitätsabschluss immer gern gesehen, in manchen Verlagen sogar ein Muss. Nichts gegen Forschung und Lehre und die Anleitung zum selbständigen und vernetzten Denken – aber wofür eigentlich all das Studieren, wenn die Diplome fürs Berufsleben dann doch nicht taugen?

Da kann man diejenigen, die sich nach den neun obligatorischen Schuljahren sagen: «Weiter in die Schule gehen? Ganz sicher nicht!», nur ermutigen. Geht! Lasst euch von einem guten Lehrmeister etwas Anständiges beibringen! Und setzt das Erlernte ein! Wenn es sein muss bei der Konkurrenz. Aber Achtung: Ohne ein Minimum an schulischer Bildung geht heute nichts mehr.

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