Der Fluch der Beständigkeit

Erschienen in NZZ Folio, 2. November 2009 (PDF)

Drei Erfindungen, drei tragische Ereignisse, drei Generationenwechsel: Die Tösstaler Pfannenfabrik Kuhn Rikon hat ­schon viel überstanden. Die grösste Prüfung steht noch aus.

© Lukas Egli, 2009

Eine gute Pfanne verkauft man so: Man versucht einem Kunden zu erklären, weshalb eine Markenpfanne 200 Franken kostet, während eine Billigpfanne für einen Viertel des Preises zu haben ist. Die Gründe können lauten: Weil die Markenpfanne hochwertiger ist. Oder schöner. Da ist viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Ist man endlich fertig und war erfolgreich, hat man 200 Franken Umsatz gemacht. Das gibt 100 Franken für den Verkäufer und 100 Franken für den Hersteller. Pfannen verkaufen ist kein Bomben­geschäft. Es ist das Geschäft des Familienbetriebs Kuhn Rikon.

Die Fabrik im Tösstal ist die Schweizer Nummer eins für Pfannen und Töpfe. Das Familienunternehmen ist eine grundsolide Firma mit bescheidenen internationalen Ambitionen. Sie beschäftigt seit Jahren rund 130 Personen, plus 30 Demonstrantinnen und Verkäuferinnen, die jährlich weltweit 50 Millionen Franken Umsatz erwirtschaften. Im Ausland ist Kuhn Rikon ein Nischenanbieter im Topsegment. Hier wie dort steht die Marke für Qualität und Beständigkeit – und den Standort Rikon. Keine einfachen Voraussetzungen zum Über­leben.

Im Labor stampft eine Maschine: In einer Vitrine ein Dampfkochtopf, darunter ein Kompressor, der über einen Schlauch mit dem Topf verbunden ist. Im Sekundentakt lässt die Pumpe ihren Atem ab, worauf der Chromnickelstahltopf zu pulsieren beginnt. Der vermeintlich starre Stahl zeigt sich von einer beunruhigend dehnbaren Seite.

Fasziniert steht Verwaltungsratspräsident Wolfgang ­Auwärter vor dem Ungeheuer. «Der Dampfkochtopf ist ein sicherheitsrelevantes Gerät», sagt er. «Er darf nicht eines Tages in die Luft fliegen.» Darum werden Material und Konstruktion im Labor intensiv getestet. 50 000 Mal muss das Kochgeschirr den dreifachen Druck ertragen, den es bei normalen Betriebsbedingungen in der Küche erleidet.

Die Erfindung des Duromatic, wie der Dampfkochtopf bei Kuhn Rikon heisst, war die bisher wichtigste Innovation des Tösstaler Topffabrikanten – und die durchschlagendste. Er war international ein grosser Erfolg und ist noch heute ein Kassenschlager. Sein Herzstück ist ein komplexes Ventil, das auf dem Deckel angebracht ist. Es gibt über die Druck- respektive Hitzeverhältnisse im Innern Aufschluss und ist gleichzeitig ein Überdruck- beziehungsweise Sicherheitsventil. So wissen Koch und Köchin, was im Innern des Topfs geschieht. Und sollten sie einmal den Topf vergessen, kann nicht viel passieren.

«Mit dieser weltweit patentierten Erfindung haben wir alle Konkurrenten aus dem Feld geschlagen», sagt Auwärter. Seine Rede passt zur Firma wie ein Deckel auf einen Dampfkochtopf: luftdicht. Er ist ein Manager, der mit Ungeduld die Fragen abwartet, auf die er längst eine Antwort parat hat. Vielleicht ist es das, was ein Schweizer Topffabrikant heute braucht: ein luftdichtes Geschäftsmodell.

Am Anfang steht die Faszination für Materialien und ihre Verformung. 1819 als Spinnerei gegründet, wird die Fabrik in Rikon 1926 vom Bergbauingenieur Heinrich Kuhn aus einem Konkurs übernommen. Es ist die Zeit, als noch über dem Holzherd gekocht wird, als die Töpfe direkt über dem Feuer sitzen. 1928 kommt der erste Elektroherd auf den Markt. Die verbeulten Herdlochpfannen erweisen sich als ungeeignet, um auf dem neuen Herd benützt zu werden. Der Tüftler Heinrich Kuhn erkennt, dass eine optimale Energieübertragung nur über einen ebenen Topfboden zu erreichen ist. Die Firma erlebt unter ihrem Gründervater einen ersten Aufschwung. Im Jahr 1933 der erste Rückschlag: Heinrich Kuhn stirbt mit 55 Jahren an einem Hirntumor, und der Sohn Henri muss im Alter von 19 Jahren den Betrieb übernehmen. «Das war das erste tragische Ereignis unserer Firmengeschichte», erzählt Jacques Kuhn. Sein Bruder wird ein halbes Jahr vor der Matura von der Schule geholt. Er schwört dem Jüngeren, dass es ihm nicht so ergehen soll. «Er hat den Krampf auf sich genommen», sagt der Neunzigjährige.

Jacques darf studieren und dorthingehen, wo sich die Metallindustrie rasant entwickelt: in die USA. Er spezialisiert sich auf Blechbearbeitung, besucht die Zulieferbetriebe der boomenden Autoindustrie. 1948 kommt er voller Ideen in die Schweiz zurück, wo er für die Firma eine erste Fliessbandfertigung aufbaut. Die Fabrik floriert unter der Führung des Brüderpaars: Henri macht das Kaufmännische und den Kundendienst, Jacques ist Entwickler und Betriebsleiter. Hatten sie zu Beginn 45 Mitarbeiter gehabt, waren es 1950 bereits 220. Der 1949 lancierte Duromatic, damals das moderne Küchengerät schlechthin, hatte grossen Anteil am Aufschwung.

«Sie alle haben einen. Auch sie hat einen. Und wenn i de gross bi, möcht i au eine!» steht auf einer Werbetafel aus dem Jahr 1953, die in der Fabrik ausgestellt ist. Auf dem Bild die Kinder von Henri: Rosanna, Barbara, Hans Heinrich, Gertrud. 1969 muss Jacques Kuhn die Gesamtleitung des Betriebs übernehmen, nachdem auch sein Bruder Henri im Alter von 55 Jahren stirbt – Herzstillstand. «Das war das zweite tragische Ereignis», kommentiert Jacques Kuhn. Er sitzt auf der Terrasse seines Hauses, das hinter der Fabrik steht, und blickt auf seinen Gemüsegarten, die Hügelzüge des Tösstals, an deren Fuss seine Firma fast hundert Wohnungen für Angestellte gebaut hat.

Henri Kuhn hat mehr als nur eine Pfannenfabrik hinterlassen: Als das Rote Kreuz in den 1960er Jahren einen Ort für tibetische Flüchtlinge sucht, schaltet sich der Indus­trielle ein und nimmt die Hilfesuchenden auf. Erst später merkt er, welchen kulturellen Reichtum er nach Rikon geholt hat. Noch heute sind ein Viertel der Angestellten Tibeter. Das 1969 fertiggestellte Tibetinstitut ist das einzige Kloster in Europa, das der Dalai Lama geweiht hat.

Das Topfmachen ist kein Kinderspiel: Zuerst muss aus einem flachen Blech ein Hohlkörper werden. Dafür wird es über eine Matrize gezogen. Dann werden Löcher und Lappen für Verschlüsse und Beschläge in die Töpfe gestanzt, Böden angelötet, Oberflächen geschliffen und poliert, Beschläge montiert, alles auf Millimeterbruchteile genau, bis der Topf fertig ist. Es ist ein Topf für die Ewigkeit.

«Die Beständigkeit ist ein entscheidender Faktor für den Standort», sagt Wolfgang Auwärter. Er ist seit 1971 mit der ältesten Tochter von Henri Kuhn, Rosanna, verheiratet und wechselt 1983 aus der Direktion von Contraves Deutschland in die Firma, wo er gemeinsam mit seinem Schwager Hans Heinrich die Geschäftsleitung bildet. Nur dank der Beständigkeit und der hohen Servicebereitschaft seien die Konsumenten bereit, den Standort zu honorieren, mehr für die Produkte zu bezahlen. Doch sie schafft auch Probleme: Fünfzig Jahre soll ein Duromatic halten – in einer Zeit, in der Hightechgeräte wie PC nach zehn Jahren Gebrauch schon entsorgt werden. Die Lebensdauer des Dampfkochtopfs ist keine ideale Voraussetzung, um weitere Töpfe zu verkaufen. «Mit der Marke Kuhn Rikon Geld zu verdienen, ist kein Kunststück», sagt Christof Gassner, CEO. Aber im Tösstal Töpfe zu machen, sei schon eine Herausforderung. Der 53jährige ist über die Entscheide des Verwaltungsrats nicht nur glücklich. «Rohstoffe werden teurer, der Margendruck steigt. Wenn wir die Arbeitsplätze erhalten und das Lohnniveau halten wollen, müssen wir jährlich um mindestens zwei bis drei Prozent wachsen», sagt er. Nur wie? Mit dem Massengeschäft? Bloss nicht!

Die «Pfannentrophy» von Coop im Jahr 2003 schlug alle Rekorde. Mit einem Sammelsystem offerierte der Grossverteiler seinen Kunden Töpfe der Marke Sigg, die seit 1999 Kuhn Rikon gehört, zu Discountpreisen. Die Kundenbindungsak­tion entwickelte sich zu einer Lawine: Coop verkaufte 4,3 Millionen Pfannen und erreichte praktisch jeden Schweizer Haushalt. Ein Bombengeschäft, könnte man meinen. Für das KMU sah die Bilanz durchzogen aus. Der Deal hätte die Familie Kuhn fast um ihre Firma gebracht.

Auf den billigen Sigg-Pfannen war das Logo des Eisenwarenherstellers, auf dem auch ein Schweizerkreuz prangt. Darunter stand «Made in China». Der Vorwurf des Etikettenschwindels kam auf, der «Kassensturz» berichtete. Dass einheimische Hersteller nicht in der Lage sind, so billig zu produzieren, wollten die Konsumenten nicht hören. Nicht zu sprechen von den Produktionskapazitäten: Marktleader Kuhn Rikon schafft bei maximaler Auslastung des Zweischichtenbetriebs 2000 Einheiten am Tag, 700 000 im Jahr.

«Wir sind eine Schweizer Firma durch und durch», sagt Gassner. «In all unseren Produkten stecken Schweizer Werte.» Was für den Verwaltungsratspräsidenten eine Stärke ist, bereitet dem Geschäftsführer auch Sorgen: Kuhn Rikon sei international ein Topbrand, aber der Standort sei teuer. Zu teuer, um genug Volumen zur Expansion zu generieren. Kuhn Rikon stellt 70 Prozent des Sortiments in Rikon her. «Die Frage ist, was der Schweizer Inhalt der Produkte ist: die Entwicklung oder die Produktion?» Mindestens ebenso wichtig wie der Profit sei der Besitzerfamilie der Erhalt des Standorts. Was ihre Arbeit nicht erleichtert: «Bei uns verdient ein Fabrikarbeiter im Minimum 4000 Franken», sagt Gassner, «zehnmal mehr als ein Fabrikarbeiter in China. Glauben Sie mir: Auch die machen verdammt gute Pfannen!»

Zum Imageschaden kamen Absatzprobleme: Nach der Trophy war der Markt für Jahre ausgetrocknet. Dennoch verteidigt Verwaltungsratspräsident Auwärter den Deal: «Wenn wir nicht mitgemacht hätten, hätte es ein anderer getan – und wir hätten keine Pfannen verkauft.» Der Marktgigant hatte dem Lieferanten das Messer an den Hals gesetzt. Der Gewinn – «wir erhielten für jede Pfanne einen Frankenbetrag», so Auwärter – sei in die Entwicklung und in die Erneuerung der Produktion gesteckt worden.

Was folgt als nächste Innovation? Diese Frage hat den Tüftler und Hobbykoch Jacques Kuhn zeit seines Lebens um­getrieben. Nach dem Dampfkochtopf erfindet er den Kochtopf, der auch eine Schüssel ist: den Durotherm. Als ewiger Junggeselle – er hat erst mit 88 geheiratet, die Sekretärin des Tibetinstituts – war ihm der Abwasch immer ein Graus. Es muss ein Kochgeschirr her, mit dem man kochen, servieren und das man warm halten konnte. Die Lösung ist die Doppelwandpfanne, entwickelt nach dem Vorbild der Kochkiste im Militär. Auch diese Innovation bewahrt den Familienbetrieb nicht vor neuer Unbill.

Mitte der 1990er Jahre gerät der Topfbauer in die Krise. Er hat eine neue Produktionsstrasse angeschafft, die das Doppelte der budgetierten Kosten verursachte. Das Geld wird knapp, das KMU zum Sanierungsfall. Daran zerbricht die Familie: Hans Heinrich Kuhn zieht sich im Streit aus der Firma zurück und wandert nach Südafrika aus, wo er studiert hatte. Das Duo Kuhn-Auwärter hat nur so lange gut funktioniert, als auch das Geschäft gut lief. Ein externer Manager muss übernehmen. «Das war das dritte tragische Ereignis», sagt Jacques Kuhn müde.

Wie ein Mahnmal steht die gigantische Produktionsstrasse in den Fertigungshallen. Sie steht still. Der Lieferant der Steuerungsanlage, Siemens, hat die Unterstützung des Systems 15 Jahre nach Lieferung eingestellt. Inzwischen ist der Sanierer wieder weg, die Firma wieder auf Kurs. In den kommenden Wochen lanciert sie eine neuartige Wok-Pfanne für Induktionsherde: Sie ist aus einem speziellen Chromstahl gemacht, der nur bis zu einer bestimmten Temperatur magnetisch ist – damit Koch und Köchin die Plätzli nicht mehr verbrennen. Das sind gute Verkaufsargumente: Diese Pfannen sind nicht nur besser und schöner – sie sind «intelligenter». Bei Kuhn Rikon hofft man, wieder einen Kassenschlager im Sortiment zu haben.

Denn der Duromatic hat Konkurrenz bekommen: den Steamer. Der kann zwar laut Jacques Kuhn auch nicht mehr als dampfgaren. Doch der Steamer setzt sich durch. Er wirkt hochwertiger. Der Konsument empfindet einen Topf für 200 Franken als teuer, «Swiss Made» hin oder her, und leistet sich lieber ein Gerät für das Zehnfache.

«Unsere Strategie ist nicht, den Betrieb zu optimieren und zu verkaufen», stellt Wolfgang Auwärter klar. «Wir sind im Tal verankert.» Lange wird er die Geschicke allerdings nicht mehr in den Händen halten. Für den 68jährigen fällt in zwei Jahren die Altersguillotine. Seit den Todesfällen von Heinrich und Henri gelten strenge Regeln: Mit 65 muss man operative, mit 70 strategische Funktionen abgeben. Seit einem Jahr baut Auwärter seine Tochter Dorothee im Verwaltungsrat auf. Sie ist 30, Anwältin. Ob sie das Verwaltungsratspräsidium dereinst übernimmt, ist offen. Noch lässt ihr der Vater wenig Raum zur Entfaltung.

«Wir hatten zwei Todesfälle und das Unglück, dass sich die nachfolgende Generation nicht mehr vertrug», sagt Jacques Kuhn, der kinderlos geblieben ist. Er spricht noch immer im Plural, als sässe sein Bruder neben ihm. «Nun stellt sich die Frage, wie es weitergehen soll.» Sein Wunsch ist, dass sein Erbe unabhängig und in Familienhand bleibt.

Christian Kuhn, der jüngste Sohn von Hans Heinrich, der nach Südafrika auswanderte, studiert an der Zürcher Hochschule der Künste Industriedesign. Er hat ein Verfahren entwickelt, mit dem Massivholz beweglich gemacht werden kann. «Mit unserer Schnitttechnik kann man freie Formen generieren», erklärt der 28jährige im Atelier in Altstetten und zeigt vor, wie er Holz zum Schwabbeln bringt. Das vermeintlich harte Material zeigt sich von einer unglaublich flexiblen Seite. Die Technik soll unter anderem in der Bauakustik Anwendung finden, erste Prototypen sind bereits in der Baumusterzentrale ausgestellt. Am Anfang steht die Faszination für Material und Form.

«Unser Vater hat nie von uns gefordert, dass wir in die Firma einsteigen», sagt Christian Kuhn. Obwohl auch seine Brüder in einschlägigen Bereichen tätig sind: Der eine ist Händler, der andere Projektleiter. «Vielleicht», sagt Christian Kuhn, «werden wir eines Tages gemeinsam etwas entwickeln, herstellen und verkaufen.» Es werden wohl keine Töpfe sein.

Der Duromatic überdauert sogar Familienbande.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Beobachter, Die Anatomie der Peripherie, Wirtschaft

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