Das Derby

Erschienen in Sonntagsblick Magazin, 13. Dezember 2009 (PDF)

Die Portugiesen sind die grösste Ausländergruppe im Oberengadin. Nur in einem Punkt konnten die Gastarbeiter bislang mit den Einheimischen mithalten: im Fussball. Bis «Rudi» Rodriguez die Seiten wechselte.

© Lukas Egli, 2009

Es ist die 61. Minute: Der Libero des FC Celerina spielt einen Steilpass tief in den Strafraum des FC Lusitanos de Samedan. Daniel Rodriguez nimmt ihn mit dem rechten Aussenrist an, legt sich den Ball vor, macht zwei, drei kurze Schritte zur Feldmitte hin und drückt ab. Der Torhüter streckt seinen ganzen Körper, seinem Mund entfährt ein Ächzen, er bleibt chancenlos.

Der Ball dreht sich um ihn herum – und landet im Netz.

Die Spieler des FC Celerina reissen die Arme hoch, schreien und umarmen sich triumphierend, ebenso die Hälfte der einhundert Zuschauer. Der Torschütze selbst aber trabt in seine Platzhälfte zurück, ballt nur kurz die rechte Hand zur Faust, winkelt den Arm an, spannt den Bizeps. Denn Daniel Rodriguez ist Portugiese.

Bis vor wenigen Tagen ist er der Torschützenkönig des FC Lusitanos gewesen. Und nun hat er ein Tor geschossen, das die Welt des Oberengadin verändert. Ein bisschen zumindest. «Ich habe viel für den FC Lusitanos gewonnen und bin traurig, dass es so weit gekommen ist», sagt er später. Aber auch für ihn gelte beim Fussball nur eines: gewinnen.

Dank dem Torinstinkt von «Rudi», wie ihn hier alle nennen, wird der FC Celerina, der Club der Einheimischen, 1:0 gegen den Dorfrivalen gewinnen. Und dies erst zum zweiten Mal seit die Gastarbeiter aus Portugal vor zehn Jahren ihren eigenen Club, den FC Lusitanos de Samedan, gegründet haben. Die Hackordnung ist wiederhergestellt.

Nun ist wieder klar, wer hier die Chefs sind.

Dabei hatte es vor einen Jahr noch ganz anders ausgesehen. Da hatte der FC Lusitanos de Samedan sogar in der 3. Liga gespielt, nach einer überragenden Saison 2007. Doch reichten stolze 14 Saisontore von «Rudi» Rodriguez nicht zum Klassenerhalt. 3.-Liga-Fussball ist schneller, die Spieler sind stärker, die Schiedsrichter besser. Am Ende der aufregenden Saison stiegen die Portugiesen wieder ab. Als Tabellenletzte.

Zurück zur jüngsten Auflage des berüchtigten Oberengadiner Lokalderbys: Am Vortag hatte es noch geregnet, in höheren Lagen sogar geschneit. «Das wird ein harter Kampf», hatte Trainer Victor Carvalho seinen Spielern im Training eingebläut, bei Temperaturen nahe am Gefrierpunkt.

Und dann gab es doch wieder einen dieser Traumtage für den Fussball auf San Gian, dem wohl schönsten Fussballplatz Europas. Ein strahlender Samstag, im Hintergrund die Kirchenruine San Gian, das Wahrzeichen dieser zauberhaften Bergregion. 900 Sitzplätze verspricht der FC Celerina den Fans im Internet, doch eine Tribüne gibt es nicht, aber auf den Hügel an der Nordflanke des Spielfelds setzen sich die Zuschauer gerne, um ihre Mannschaft zu sehen.

14 Uhr, Anpfiff, der Klassiker beginnt. «Vai Giorgio!», ruft eine Engadinerin. Sofort geht es hart zur Sache. Schon in der 6. Minute der erste Pfiff des Schiedsrichters. Er zeigt einem Spieler der Lusitanos die Gelbe Karte für ein grobes Foul. «Fang gar nicht erst an!», warnt Spielleiter Alessandro Gallo den Übeltäter. Keine Minute später kassiert auch der FC Celerina eine Verwarnung. Auch hier ermahnt der Schiedsrichter zusätzlich mit Worten. Die Wirkung farbiger Plastikkarten ist in der Amateurliga bisweilen beschränkt.

Viertliga-Fussball ist Leidenschaft – mit einem gewissen Akzent auf Leiden. Die beiden Mannschaften gehen kompromisslos auf den Ball und bisweilen hart auf den Mann. Der Kick entwickelt sich zum Schlagabtausch, bei dem kaum mehr zwischen Angriff und Konter unterschieden wird. Nichts fürs Fussballfeuilleton.

«Wir haben gehört, dass die Rivalität zwischen diesen beiden Clubs gelegentlich auch über das Sportliche hinausgehen», sagt Stefan Tanner vom Ostschweizer Fussballverband, der das Geschehen am Spielfeldrand aufmerksam verfolgt, «darum dachten wir, dass wir uns dieses Derby einmal anschauen sollten».

Eine der Stützen des FC Lusitanos de Samedan ist Andre Moreira. Der 33-Jährige ist einer der ältesten Spieler seines Vereins und Captain. Er arbeitet seit 13 Jahren im Kronenhof in Pontresina als Executive Housekeeping Manager Assistant. Sein Gegenspieler ist Amos Sciuchetti, auch er einer der erfahrensten Spieler seiner Mannschaft. Der offensive Mittelfelder aus Celerina ist 31 Jahre alt. Er ist Architekt und Bauleiter in einem grossen Baubüro im Samedan. «Dieser Match ist immer wie eine kleine Weltmeisterschaft», sagt Amos.

Auf einer seiner Baustellen arbeitet im Moment Daniel «Rudi» Rodriguez. Der 26-Jährige ist seit 2000 als Lüftungstechniker im Engadin. Er ist der Topscorer der Liga: 2006 schoss er 29 Tore, 2007 waren es 32, in der laufenden Saison bereits 13. Er habe, sagt er, neun Jahre für die Lusitanos gespielt, und sein Herz schlage noch immer für sie. Aber es habe Probleme gegeben mit dem Vorstand und dem Trainer.

Den Portugiesen haftet im Oberengadin ein zweifelhafter Ruf an. Sie sind die Underdogs der Bündner Kurorte, die Arbeiten erledigen, die sonst keiner machen will, die in Arbeitslosen- und Kriminalitätsstatistiken auffallen. Als grösste Ausländergruppe stehen sie im Verdacht der Gruppenbildung und da sich viele schon aus Portugal kennen, ist der Anreiz der Integration zuweilen klein. Manche sprechen weder Deutsch noch Romanisch, sie verständigen sich auf Italienisch.

«Vai Giorgio!», gellt eine Zuschauerin. Die Schlacht von San Gian ist im Gang. Nach 23 Minuten muss ein Spieler des FC Celerina nach einem Zusammenstoss vom Feld getragen werden. Schiedsrichter Gallo nimmt die Captains zur Seite und warnt: Noch einmal so ein hartes Einsteigen, und einer fliegt vom Platz. Keine drei Minuten später trifft es einen Spieler des FC Celerina: Gelbrot. Das Publikum, keine zwei Meter vom Tatort entfernt, tobt.

«Schiri, bisch bsoffe?», ruft ein Zuschauer.

Alessandro Gallo gegen 22 Spieler und 100 Besserwisser neben dem Feld. Fünf Minuten später kommt es zu einem Zusammenstoss zweier Spieler im Strafraum des FC Lusitanos. «Penalty!», fordert das Publikum lautstark – und schlägt sich die Hände vors Gesicht, als der Schiedsrichter signalisiert, dass weitergespielt wird.

Celerina liegt auf halbem Weg zwischen Samedan und St. Moritz. Mit dem Spruch «The Sunny Side of St. Moritz» wirbt das Dörfchen um Gäste; wegen Ferienhaus-Überbauungen für Norditaliener wird es spöttisch auch «Little Milano» genannt. In Celerina leben nur wenige Portugiesen. In Samedan hingegen stehen die Werkstätten der Rhätischen Bahn, die Energiewerke und die Verwaltungsbetriebe. Samedan ist mehr Verkehrsknotenpunkt denn Touristenattraktion.

«Wir sind im Moment die bessere Mannschaft», sagt Claudio Miozzari, Präsident des FC Celerina. «So gut bestückt waren wir noch nie», sagt der 52-jährige Polier. «Aber wir können es oft nicht umsetzen.»

Ganz anders die Portugiesen: Sie haben bislang meist geglänzt. Nur letzte Woche verlor die Mannschaft von Victor Carvalho 0:4 in Surses. An das Oberhalbstein haben die Portugiesen schlechte Erinnerungen. Da waren sie 2001 von Zuschauern attackiert worden.

Wo steht der FC Lusitanos jetzt? «Auf dem ersten Platz!», hatte Trainer Carvalho seine Spieler zu motivieren versucht. «Wo sonst?» In den zehn Jahren seines Bestehens hat sein Club nur einmal gegen den Dorfrivalen verloren. 2004 gewannen sie sogar 10:0 – «Rudi» Rodriguez erzielte damals 7 Tore gegen seinen heutigen Verein.

Während also der FC Lusitanos de Samedan seit Jahren dominiert, will Kontrahent FC Celerina im kommenden Jahr sein 60-jähriges Bestehen mit einem Erfolg feiern. «Es wäre schön», sagt Trainer Danilo Pelazzi, «zum Jubiläum in die 3. Liga aufzusteigen.» Der 44-Jährige galt mal als Nachwuchstalent, war zu einem Probetraining bei den Grasshoppers eingeladen, fuhr aber wegen Heimweh vor Trainingsbeginn wieder heim. Lieber mit Freunden in Brusio kicken, hat er sich gesagt, als in der kalten Stadt leben. «Eine Entscheidung fürs Leben», sagt er.

Die Unterschiede zwischen den Vereinen dokumentieren sich auch wirtschaftlich: Während sich der ambitionierte FC Celerina aus Mitgliedsbeiträgen finanziert, stammen die Einnahmen der Lusitanos aus einem Clublokal; im Vordergrund stehen soziale Elemente. Doch es gibt auch Gemeinsamkeiten. Beide Clubs wollen expandieren. Der FC Celerina hätte gern ein zweites Fussballfeld auf San Gian. «Um unsere Freunde besser bedienen zu können», sagt Präsident Claudio Miozzari, und meint den FC Basel, CZSK Moskau oder die AC Milan, die er zu Trainingslagern nach Celerina einlädt. Sie alle kommen, obwohl San Gian keine Garderoben, keine Duschen und keine Beleuchtung hat.

Gegen Ende der zweiten Halbzeit werden Abnützungserscheinungen sichtbar. Wie enthusiastisch hatte Victor Carvalho den jungen Männern im Training gezeigt, wie man sich im Strafraum bewegen muss, wie man sich beim Freistoss freitanzt. Nun stehen sie schwer auf dem grünbraunen Rasen. Und wissen nicht weiter.

Unverdrossen feuern die Zuschauer ihre Mannschaften an, das Romanisch ist vom Portugiesisch nicht mehr zu unterscheiden, nur an der Tonlage ist zu erkennen, ob einer für oder gegen den Ballführenden ist.

«Da werden Worte gewechselt, die ich nicht immer verstehe», sagt Schiedsrichter Gallo. «Ich mag solche Matches!»

Um 15 Uhr 45 pfeift er das Spiel ab, der Oberengadiner Klassiker ist aus. «Im Unterland wird auf dieser Stufe öfter über die Entscheidungen des Unparteiischen diskutiert», sagt Stefan Tanner vom Fussballverband erleichtert. Hier sei auf dem Feld hart gekämpft worden, aber neben dem Platz sei sich keiner böse.

Und doch ist der Spielausgang eine kleine Katastrophe für die Lusitanos de Samedan: Vor dem Derby hatten sie mit drei Punkten Vorsprung auf dem ersten Tabellenplatz gestanden. Hätten sie gewonnen, wären sie der Konkurrenz enteilt. Nun hat der FC Celerina gleichgezogen.

Das Sechs-Punkte-Spiel ist verloren, die Wintermeisterschaft vertan.

Das Problem der portugiesischen Mannschaften sei, sagt der 52-jährige Victor Carvalho, dass ihre besten Spieler in der wichtigsten Phase der Fussballsaison – in der touristischen Zwischensaison – zu Hause sind, in Portugal.

«Wir haben einfach schlecht gespielt», findet Andre Moreira nach dem Spiel. Und nach seiner Auswechslung sei es auch nicht besser geworden. «Schade!» Im Clubhaus auf San Gian gibt es nun Calanda-Bier und «Super Bock», eine portugiesische Marke. «Das war eines unserer besten Spiele», rühmt hingegen Amos Sciuchetti seine Mannschaft.

Auch Daniel «Rudi» Rodriguez ist mit seinem ersten Match auf der anderen Seite zufrieden. Dass er den Siegestreffer geschossen hat, mache die Sache für ihn nicht einfacher, sagt er. «Aber ich bin Stürmer. Ich lebe von den Toren», sagt er. Nun will «Rudi» mit dem FC Celerina in die 3. Liga aufsteigen.

«Der FC Celerina hat klar die besseren Chancen, dort oben zu bestehen», sagt «Rudi». Noch spricht er vom «FC Celerina» – noch sagt er nicht «wir».

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Die Anatomie der Peripherie, Gesellschaft, Sonntagsblick Magazin, Sport

Eine Antwort zu “Das Derby

  1. Nicola Rogantini

    Tolle Story! Ich war auch live dabei und besser hätte man die Partie nicht erzählen können. Danke.

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