Sterben muss jeder, bezahlen nicht

Erschienen in NZZ Folio, 4. Januar 2010 (PDF)

Vergleichen lohnt sich: Je nachdem wo man stirbt, kostet die Bestattung ein kleines Vermögen, oder sie ist gratis.

© Lukas Egli, 2009

Sterben muss nicht teuer sein: Als Alois H. Meyer (Name geändert), Jahrgang 1920, am Donnerstag, 12. November 2009, im städtischen Pflegezentrum Käferberg in Zürich verstirbt, wäscht ihn das Personal ein letztes Mal, zieht ihm ein blütenweisses Baumwollhemd über, legt ihn wieder auf das Bett, das nun mit einer Plasticfolie unterlegt ist, deckt ihn zu und bringt ihn zu den zwei am selben Tag Verstorbenen in die Aufbahrung. Hier liegt Herr Meyer nun bei einer konstanten Temperatur von 4 Grad Celsius in der Dunkelheit, bis ihn Rolf Gyger vom Bestattungs- und Friedhofamt am nächsten Morgen abholt.

Der städtische Bestatter kontrolliert die Kopie der Todesbescheinigung, die neben dem Verstorbenen unter dem Laken liegt, legt Alois H. Meyer in den bestellten Sarg «No. 0», löst die Totenstarre in den Armen, damit er ihn anständig betten kann, und legt ihm drei Blumen, die parat stehen, auf die Brust. «Dem Herrn Meyer einen letzten Dienst erweisen, für den er sich nicht mehr bedanken kann», nennt es Rolf Gyger. Dann macht er sich mit dem Sarg auf seiner Schubkarre auf den Weg durch das unter irdische Labyrinth des Pflegezentrums, den Verstorbenen immer Fuss voran. Beim Technischen Dienst kommt Gyger wieder ans Tageslicht. Von dort fährt er den Leichnam ins nahe gelegene Krematorium Nordheim. Schon am kommenden Montag soll Alois H. Meyer eingeäschert werden.

Kosten für das Einsargen, Überführen und Einäschern: keinen Rappen. Und selbst wenn die Hinterbliebenen eine Abdankung in der Kapelle mit Orgelspiel, Pfarrer und Solistin wünschen und mit einer Limousine dahinchauffiert werden wollen, müssen sie nichts bezahlen. In Zürich ist der letzte Dienst, für den man sich nicht bedanken kann, seit 1893 gratis. Einzig für den Totenschein stellt das Bestattungs- und Friedhofamt seinen nunmehr toten Bürgern 25 Franken in Rechnung – Amt ist schliesslich Amt.

Zürich ist wohl die einzige Stadt der Welt, die ihre Einwohner gratis unter die Erde bringt. Kostenlos ist die Angelegenheit natürlich auch an der Limmat nicht; das Bestattungswesen ist steuerfinanziert.

Ganz anders ist das Bestattungswesen in Bern organisiert und administriert. Dort müssen Hinterbliebene im Todesfall erst den ärztlichen Totenschein besorgen, diesen zusammen mit Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung sowie Familienbüchlein und/oder Familienausweis auf das Zivilstandsamt bringen, das die «Bestätigung der Anmeldung eines Todesfalles» ausstellt, bevor endlich das Bestattungsamt ins Spiel kommt, das eine allfällige Kremations- oder Bestattungsbewilligung verfügen kann – ein Amt, das aber nicht unbedingt im selben Amtsgebäude ist, so dass in Bern der Tod eines Angehörigen für die Hinterbliebenen eine zeitaufwendige Sache ist.

«Viele Berufstätige haben heutzutage schlicht nicht mehr die Zeit, den Gang auf die Ämter zu machen», sagt Willi Frey, Geschäftsführer des Bestattungsinstituts Rudolf Egli AG, eines der grössten Anbieter in der Stadt und Region Bern. Ausserdem seien die Angehörigen von der Situation meist überfordert. «Nicht wenige sind beim Ableben ihrer Eltern ja zum ersten Mal mit einem Todesfall konfrontiert», sagt Frey. So kommt es, dass die Bestattungsunternehmen den Hinterbliebenen oft allein für die Erledigung der Formalitäten Beträge von bis zu 1000 Franken in Rechnung stellen. Beim Ämterparcours fallen rasch mehrere Arbeitsstunden einer qualifizierten Arbeitskraft an, sind Dutzende Kilometer zurückzulegen, sind die Gebühren für die Papiere und Formulare zu begleichen, und nicht zu vergessen: die Mehrwertsteuer. Schliesslich will auch der Bund seinen Anteil am Abgang. Von der eigentlichen Bestattung – von Sarg, Ausstattung, Leichenkleid, Abdankung, Todesanzeige, Grabplatz, Grabstein usw. – ist bis dahin noch nicht einmal die Rede gewesen.

In diesem bürokratischen Dickicht blüht eine Branche, die immer wieder in Verdacht gerät, eine etwas zweifelhafte zu sein. Kein Wunder, schliesslich operiert sie in einem Bereich, in dem es rasch makaber wird. Zum Beispiel, wenn sie wirbt: für Särge («einfache, mittel- und bestklassige Särge aus Schweizer Produktion»), gebrauchte Leichenwagen («Dass er gebraucht ist, wissen nur Sie…!»), Hilfsmittel wie Tragbahren («Danke, sagt der Rücken!»), Zirkulare («27 beliebte Sujets in Topqualität») oder besondere Bestattungsformen («Der Erinnerungsdiamant – die Bestattungsart der Zukunft»).

Der Beruf des Bestatters ist aus dem des Schreiners entstanden. Noch heute steht im Berufsprofil das «Fertigstellen von Särgen» an erster Stelle. Hinzu kommen die «Gesprächsführung und Beratung der Hinterbliebenen», das «Aufsetzen von Drucksachen», das Einsargen, die Leichentoilette und Desinfektion, das «Organisieren und Ausführen von Trauerfeierlichkeiten», wie das Merkblatt für Bestatter mit eidg. Fachausweis festschreibt. Der Ehrenkodex des Schweizerischen Verbands der Bestattungsdienste verlangt, dass seine Mitglieder «alle Menschen, deren Glaubensbekenntnisse und Bräuche achten» und mit «Verständnis und Würde behandeln». Ein Bestatter darf nicht orthodox sein.

Es gibt wenige Branchen in der Schweiz, die so föderalistisch geregelt sind wie das Bestattungswesen. Der Organisationsgrad ist klein. Im Branchenverband sind nur ein Sechstel der 600 Bestattungsinstitute vertreten, die jährlich 60 000 Todesfälle (2008: 61 233) «erledigen». Gemäss Schätzungen macht die verschwiegene, von traditionellen Familienbetrieben geprägte Branche jährlich einen Umsatz im hohen dreistelligen Millionenbereich. Das Geschäft mit dem Tod ist ein gewinnorientiertes Gewerbe wie jedes andere auch – auch wenn es in einem sensiblen Bereich unseres Daseins tätig ist. Es ist wohl eine der heikelsten Dienstleistungen überhaupt: Was bleibt einem hartnäckiger in Erinnerung als ein Ausrutscher des Totengräbers beim Tod der Mutter? Oder die überzogene Rechnung, als der Vater starb? «Man kann sich keine Fehler leisten», sagt Geschäftsführer Frey. Da sind Fälle wie jener eines Totengräbers im Wallis, der seinen Kunden teure Särge verkaufte, diese vor der Kremation gegen billige vertauschte und weiterverkaufte, natürlich Gift fürs Image.

Da jede Einwohnergemeinde ihre eigenen Gesetze kennt, jede Kirchgemeinde ihre eigenen Traditionen, jede Religion und Konfession ihre eigenen Vorschriften und Abläufe, gibt es kaum Massstäbe, was eine Bestattung kosten sollte. Nur die Gemeindebestattung, gern auch «Armenbestattung» genannt, bietet sich für einen Vergleich an: Sie ist die günstigste Art, eine Person würdig unter die Erde zu bringen.

Auch in Bern gibt es eine kostenlose Gemeindebestattung. Sie belastet die Rechnung der Stadt mit 529 Franken: 250 Franken für den Sarg, je 115 Franken für Überführung und Einsargen, 29 Franken fürs Hemd, 20 Franken fürs Kissen. Dieses Geld entrichtet sie der Rudolf Egli AG, die die Gemeinde bestattungen ausführt. Darin nicht inbegriffen sind Aufbahrung, Einäscherung, Beisetzung. Böse Zungen nennen die schmucklose Berner Gemeindebestattung «Entsorgung». 1993 hat das Berner Stadtparlament beschlossen, die Gemeindebestattung nur noch Mittellosen zu gewähren. Ein entsprechendes Gesuch für Unentgeltlichkeit ist schriftlich beim Bestattungsamt Bern einzureichen. Taucht nach dem Ableben irgendwo noch Geld auf, wird das Gesuch abgelehnt. In dem Fall liegt der Preis für exakt die gleiche Dienstleistung bei der Rudolf Egli AG fast beim Vierfachen: 2000 Franken. Pietätlos, aber wahr: Bern ist nicht nur zu Lebzeiten eine Steuerhölle, die Bundeshauptstadt landet auch bei den Bestattungskosten auf einem der ersten Ränge.

Die Preispolitik in der Branche ist so undurchsichtig, dass 2008 die Wettbewerbskommission (Weko) aktiv wurde und gegen den Bestatterverband eine Voruntersuchung einleitete. Empfehlungen im Verbandshandbuch legten die Vermutung nahe, dass es in der Branche Preisabsprachen gebe. Der Verband hatte seinen Mitgliedern Stundenansätze für Fach- und Hilfskräfte empfohlen, Spesen, Nacht- und Feiertagszuschläge, Kilometerpreise, Preise für Särge. Vor allem in der Region Bern fielen die Bestatter durch hohe Preise auf; sie waren zum Teil doppelt so hoch wie die Ansätze in Zürich. «Das Schweizer Kartellrecht verbietet Absprachen, wenn sie eine negative Wirkung auf den Markt haben können», erklärt Olivier Schaller, Chef der Abteilung Dienstleistungen der Weko. Da der Verband aber einverstanden gewesen sei, seine Empfehlungen zurückzuziehen, sei die Untersuchung eingestellt worden. Die Branche bleibe unter Beobachtung.

Beim Sargtransport muss jeder Handgriff sitzen, muss jede Unwägbarkeit bedacht sein. Vor dem Krematorium Nordheim hebt Rolf Gyger rasch das Kopfteil des Sargs auf die Schubkarre. Nachdem er den Verstorbenen ins Haus gebracht hat, schreibt er «Alois H. Meyer, Montag» auf die Wandtafel des Kühlfachs Nummer 3. Ob noch jemand Herrn Meyer besuchen kommt, weiss Gyger nicht. Es macht für ihn auch keinen Unterschied. «Für mich sind das nicht Leichen, sondern Verstorbene», sagt er. «Menschen, für die wir einfach das Bestmögliche machen.» Die drei Gerberablüten auf Alois H. Meyers letztem Hemd sind ungesehen verbrannt worden.

Nordheim ist eines der grössten und modernsten Krematorien Europas. 5000 bis 6000 Feuerbestattungen werden hier jährlich in sieben Brennöfen vollzogen, mehr als die Hälfte sind Nichtzürcher, denen dafür 586 Franken in Rechnung gestellt werden. Binnen Sekunden entzünden sich die Särge, wenn sie mit der Schiene in den Ofen ge fahren werden. Bei einer Grundtemperatur von 650 Grad Celsius dauert es etwa eineinhalb Stunden, bis ein Verstorbener mitsamt Sarg verbrannt ist. Bei der Erdbestattung dauert es je nach Erde fünf bis sieben Jahre, bis der Körper skelettiert ist; massive Eichensärge nehmen während der 20 Jahre dauernden Totenruhe kaum Schaden. Nach der Kremation wird der Knochenkalk in einem Schlagwerk zerkleinert. Zurück bleiben rund drei Liter Asche. Die Zerkleinerung wurde nötig wegen der wachsenden Verbreitung von Waldbestattungen – weil immer wieder Leute in Naherholungsgebieten Knochenreste gefunden haben.

Der Standardsarg «No. 0», auch «Zürisarg» genannt, in dem Alois H. Meyer eingeäschert wird, ist der meistbenutzte Sargtyp der Stadt. Es gibt ihn als «Standard weiss» und «katholisch schwarz», in den Grössen «175», «185», «200» und «210». Es gibt ihn aber auch für Kinder und in Übergrössen für Personen mit einem Körpergewicht ab 160 Kilo; er sieht mit seinem flachen Deckel aus wie eine Kiste – die Firstform würde wegen der Körpermasse zu hoch werden. Sarg «No. 0» wird in den Institutionen des städtischen Dienstes Soziale Einrichtungen und Betriebe (SEB) hergestellt, dessen Aufgabe es ist, Langzeitarbeitslose und Randständige in den regulären Arbeitsmarkt zu integrieren. Egal, ob Norm- oder Sondergrösse: der «Zürisarg» wird unentgeltlich an alle Einwohner der Stadt abgegeben. Für Auswärtige kostet er 452 Franken.

«Das Monopol ist eine grosse Errungenschaft», sagt Marianne Herold, Chefin des Zürcher Bestattungs- und Friedhofamts. Bereits 1886 monierte der Pfarrer Johann Rudolf Egg stossende Unterschiede bei den Bestattungstarifen je nach Gemeinde. Seine Untersuchung führte zur heute gültigen Regelung. «Ich glaube nicht, dass es einen anderen Ort auf der Welt gibt, an dem das so geregelt ist», sagt Herold, «für mich unverständlich.»

In der grössten Stadt der Schweiz mit ihren 380 000 Einwohnern sterben jedes Jahr 3500 Menschen – viel Arbeit für ihr Amt mit seinen elf eidgenössisch geprüften Bestattern. Sie haben pro Werktag 15 bis 20 Todesfälle zu bewältigen. «Auf Messen werden wir wegen unserer Standardbestattung oft belächelt», sagt Herold. «Man sagt, wir würden keine würdevollen Bestattungen machen.» Was indes Angehörige in anderen Kantonen mitmachten, wo in Todesfällen Bestattungsdienste anrufen, um ihre Dienstleistungen zu verkaufen, sei «der blanke Horror».

Im Bestattungsinstitut Rudolf Egli stapeln sich die Sargkataloge. Der Sarg sei vor allem bei Südländern sehr wichtig. «Je südlicher, desto wichtiger», erklärt Willi Frey, der in seinem Fuhrpark einen besonderen Leichenwagen für Überführungen in andere Länder hält; er verfügt über einen von der Fahrerkabine komplett abgetrennten Kühlraum, kann wenn nötig zwei Särge auf einmal transportieren, ist repräsentativ. «Wenn einer in der Schweiz gearbeitet und gelebt hat, darf er nicht in einem billigen Sarg nach Sizilien zurückkehren», sagt Frey.

In katholischen Ländern ist die Inszenierung des Abgangs zentral. «Wenn ein Katholik kommt, ist meist alles klar», sagt Frey. «Kommt ein Protestant, wird es schon etwas komplizierter.» Am schwierigsten sei die Situation bei den aus der Kirche Ausgetretenen. «Die Leute fragen uns dann: Was macht man denn heute?», sagt Frey. Nichts sei schlimmer als ein Trauerfall in einer Familie, in der noch nie über den Tod gesprochen worden sei. Es ist die Situation, in der er mitentscheiden muss. Dabei sei es nicht seine Aufgabe, Entscheide zu fällen – sondern aufzuzeigen, was möglich sei.

«Möglich» ist: Sarg (ab 795 Franken), Einsargen (240 Franken) und Überführen (240 Franken), Aufbahren (3 Tage, 230 Franken), Kapellenbenützung (kleine Kapelle ohne Dekoration: 200 Franken; grosse Kapelle mit Deko: 320 Franken), Orgelspiel (130 Franken), Probehonorar Organistin (85 Franken), Orgelbenützung und Instruktion (105 Franken) – so die Preisliste der Rudolf Egli AG. Hinzu kommen je nach Bestattungsart eine Urne (Standardurne 550 Franken) und ein Urnenhaingrab (3200 Franken) oder ein Sargreihengrab (3500 Franken) mit Grabstein (ab 3000 Franken), die Bepflanzung und deren Pflege (20 Jahre, 5000 Franken). Kurz: In Bern kostet ein «normales» Begräbnis inklusive Folgekosten schnell einmal 15 000 Franken.

Nur wer seine sterblichen Überreste in ein Gemeinschaftsgrab gibt, fährt deutlich günstiger: Es kostet 215 Franken 20 Unterhalt und 53 Franken 80 Verwaltung – 269 Franken. Die günstigste Variante, in Bern unter die Erde zu kommen, kostet somit rund 2500 Franken.

In Zürich bezahlt nur, wer einen teureren Sarg will. Und auch die Tarife für Auswärtige sind moderat: Sie bezahlen für eine Erdbestattung in einem Reihengrab 3080 Franken, inbegriffen ist der Unterhalt des Grabs sowie eine dreimalige Bepflanzung. «Wir dürfen aus unserer Dienstleistung kein Geschäft machen», sagt Amtschefin Herold. «Es dürfen der Stadt aber auch keine Kosten entstehen.» Das todsichere Geschäft ist zumindest an der Limmat keines.

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