Es ist Zeit!

Erschienen in «Das Magazin», 20. März 2010 (PDF)

Wie sich die Schweizer Uhrenindustrie von ihrem Übervater Nicolas Hayek emanzipiert

© Lukas Egli, 2010

Im Juli 2002 weckte Nicolas Hayek seine Konkurrenten mit einem Donnerschlag. Per 1. Januar 2003, teilt der Bieler Uhrenpate ihnen in einem Brief mit, werde die zu seiner Swatch Group gehörende Uhrenfabrik ETA nur noch in reduziertem Mass Rohwerke – «ébauches» – ausliefern, Ende 2005 die Lieferungen ganz einstellen. Rohwerke sind die Bausätze, aus denen Uhrwerke gemacht werden. Ohne Rohwerke keine Uhrwerke. Der Branche stockte der Atem. Konnte es sein, dass der Mann, der nach der Quarzkrise in den Siebzigerjahren quasi im Alleingang die Schweizer Uhrenindustrie vor dem Untergang gerettet hatte, die Branche nun seinerseits in eine schwere Krise stürzen wollte? Konnte es sein, dass der industrielle Übervater seine Konkurrenz in die Knie zwingen wollte? Und wie hatte es überhaupt so weit kommen können, dass er in der Lage war, seinen Mitbewerbern den Hahn zuzudrehen?

Schweizer Armbanduhren stehen für Tradition und Innovation, für Technik und Design, nüchterne Ingenieurskunst und grosse Emotionen. Für den kleinen, stilvollen Luxus, den hierzulande fast jeder am Handgelenk trägt. Schweizer Uhren stehen für eine sehr verschwiegene und leicht verschrobene Branche, die etwas herstellt, das im Computerzeitalter eigentlich keiner mehr braucht: mechanische Zeitmesser. Kurz: Schweizer Armbanduhren sind ein Anachronismus, der sich weltweit sehr gut und sehr teuer verkauft. Und dies keineswegs, weil die Schweizer Zeitmesser so sagenhaft viel exakter und zuverlässiger sind, wie noch immer gerne behauptet wird. Deutsche, Japaner und Chinesen bauen mittlerweile mindestens ebenso gute Uhren.

Nein, Schweizer Uhren verkaufen sich wegen ihrer tollen Legenden. Die gängigste geht so: Wir, eine traditionsreiche Uhrenmarke, seit 148 Jahren in einer Kleinstadt im Neuenburger Jura ansässig und einer der ersten Sportuhren-Hersteller weltweit, bauen einmalige Zeitmesser von bleibendem Wert. Zum Beispiel unseren neusten Racing-Chronographen, der auf eine Innovation unseres Firmengründers aus dem Jahr 1886 zurückgeht. Wir und unsere Marke stehen für exklusive zeitgenössische Schweizer Uhrmacherkunst.

Es ist eine schöne, irgendwie glaubhafte Geschichte. Und wer ausser japanische Liebhaber würde auf die Idee kommen, ihren Wahrheitsgehalt in den abgelegenen Tälern des Schweizer Jurabogens zu überprüfen, wer ausser einer Handvoll Besessener würde in dicken Katalogen nachschlagen, was in den schicken kleinen Dingern wirklich tickt?

Dass kaum eine der fast sechshundert Schweizer Uhrenmarken industriell unabhängig ist, verschweigt die Legende. Sie verschweigt, dass die Marken die Unzahl Einzelteile ihrer Timepieces meist nicht mehr selbst herstellen. Dass hinter jeder Marke mindestens ebenso viele Zulieferbetriebe stecken, welche die anderen Marken mit zum Teil exakt denselben Teilen bedienen. Und den Umstand, dass viele Marken nicht einmal mehr die Endmontage ihrer Preziosen in eigenen Ateliers vornehmen. Die Schweizer Uhrenmarken sind in erster Linie dies: Marken. Die fein verästelte Industrie hinter den Brands verschwindet im Schatten ihrer Werbe-Ikonen aus Sport und Kultur. Roger Federer, Placido Domingo und Brad Pitt tragen als Botschafter die Kunde in die Welt: Ich habe mich für Exklusivität entschieden. Come and join me!

Die Wahrheit jedoch – oder besser: die Lebenslüge der Schweizer Uhrenindustrie – ist, dass in der grossen Mehrzahl aller Schweizer Uhren das gleiche Uhrwerk tickt: eines von der zur Swatch Group von Nicolas Hayek gehörenden ETA in Grenchen, meist ein Automatik-Chronograph Kaliber Valjoux 7750.

«Ohne uns läuft keine Luxusuhr», hatte der Uhrenpate vor den Medien einmal genüsslich verkündet. In der einen Hand hielt er eine Swatch, in der anderen eine Patek Philippe. Die beste Uhr der Welt – die Patek Philippe – existiere nicht ohne die berühmteste –, die Swatch, so Nicolas Hayeks provokative Botschaft. Die Konkurrenz war zu Recht beunruhigt. Denn das Swatch-Imperium umfasst eben nicht nur achtzehn Uhrenmarken – formiert wie eine Pyramide mit den Luxusmarken Breguet und Blancpain an der Spitze, im Mittelteil Omega, Longines und Rado sowie Balmain, Certina, Mido und zuunterst Swatch und Flik Flak. Es umfasst vor allem auch einen integrierten Industriekonzern, der jedes einzelne Teilchen herstellt, das es zur Fertigung einer Uhr braucht, von Unruh und Triebfeder über Zeiger, Zifferblätter und Gehäuse zum Rohwerk und dem fertigen Uhrwerk. Teile, derer sich die ganze Industrie bedient hatte wie in einem Selbstbedienungsladen.

Der «Traktor»

Was also konnte Nicolas Hayeks medienwirksamer Auftritt anderes bedeuten, als dass der Marktführer jederzeit der ganzen Industrie den Hahn zudrehen konnte, wenn es ihm beliebte? Und wer hätte daran gezweifelt, dass es Hayek eines Tages wirklich danach beliebte? Hatte ihm nicht schon sein ehemaliger Geschäftspartner, Ernst Thomke, vor über zwanzig Jahren eindringlich geraten, die Konkurrenz nicht mehr mit den günstigen Uhrwerken der ETA auszustatten, wie ein Weggefährte aus alten Tagen berichtet?

Der Automatik-Chronograph Valjoux 7750 oder ETA 7750, wie er heute offiziell heisst, ist das Herzstück der zeitgenössischen Schweizer Uhrmacherei. 1973 inmitten der Quarzkrise lanciert, stellte es die Krönung aller Uhrwerk-Entwicklungen der Valjoux SA dar, einer der damals renommiertesten Rohwerkfabriken.Der Uhrenmotor ist extrem kompakt, extrem exakt und extrem robust. «Er hat praktisch nur Qualitäten», sagt der Uhrenexperte Grégory Pons, der in Genf die Fachzeitschrift «Business Montres» herausgibt. Wegen der Zuverlässigkeit und des ungewöhnlich starken Antriebs bezeichnen ihn manche auch als «Traktor».

Das Vallée de Joux liegt im jurassischen Hinterland von Genf, Nyon und Yverdon und ist einer der abgelegensten Winkel der Westschweiz. Die herbe Landschaft, geprägt vom Lac de Joux, gilt als Geburtsstätte der Schweizer Uhrenindustrie. Die Spuren der Industrie sind hier gut sichtbar: An gedrungene Bauernhäuser schmiegen sich Ateliers und kleine Fabriken, die Dörfer sind dominiert von den prunkvollen und modernen Manufakturen der drei exklusivsten Schweizer Uhrenmarken: Audemars Piguet, Breguet und Jaeger LeCoultre. Während der Quarzkrise wurde die Valjoux SA von der SMH von Nicolas Hayek, der heutigen Swatch Group, übernommen. Den schweren Verwerfungen in der Branche fielen damals mehr als ein Drittel der rund 90 000 Arbeitsplätze in der Schweizer Uhrenindustrie zum Opfer, rund 1000 der 1600 Unternehmen verschwanden. Die Valjoux SA wurde in die ETA integriert – zusammen mit ihren Patenten, darunter dem «Traktor», dem Meisterwerk, der seither einen Erfolg ohne Gleichen erlebt.

Heute tickt das Kaliber Valjoux 7750, für den die Industrie als Rohwerk zwischen 150 und 250 Franken bezahlt, in Klassikern wie der TAG Heuer Carrera (ab 3000 Franken), der Omega Speedmaster (ab 5000 Franken) sowie in der IWC Grande Complication, die auch als teuerste Serienuhr der Welt gilt (bis 280 000 Franken). Bekannte Marken wie Breitling, Eterna, IWC und TAG Heuer und weniger bekannte wie Du Bois & Fils, Dubey & Schaldenbrand, Louis Erard und Fortis bauten lange Zeit fast ausschliesslich auf ETA-Werke auf, wie logischerweise auch die Swatch-Group-Marken Longines, Rado, Certina und Swatch. Der «Traktor» ist der erfolgreichste Automatik-Chronograph aller Zeiten.

Es kündigte sich also grosses Unheil an, als die Mutterfirma des bald vierzigjährigen Meisterwerks vor acht Jahren ankündigte, die Bausätze des Bestsellers vom Markt zu nehmen. Ende 2010 wird es soweit sein.

«Die Ausgangslage war einfach», erzählt Miguel Garcia von der Sellita SA in La Chaux-de-Fonds, die auf Montage und Veredelungen von Uhrwerken spezialisiert ist, «hätte die Swatch Group ihren Entscheid vom Juli 2002 sofort und ungehindert umsetzen können, hätten wir unseren Betrieb schliessen und die damals hundertfünfzig Angestellten allesamt entlassen müssen.» Eine antike Wanduhr und drei romantische Tableaux unbekannter Maler schmücken das sterile Besprechungszimmer.

Vor 23 Jahren hat Miguel Garcia hier als Fabrikarbeiter angefangen, ohne Berufslehre, ohne Studium, und sich hochgearbeitet. Der Firmengründer Pierre Grandjean förderte den fleissigen Spanier wie einen Sohn und verkaufte ihm 2003 sein Lebenswerk. Seither ist die Fabrik auf strammem Wachstumskurs: 2008 hat die Sellita ihren neuen Firmensitz im Vorort Le Crêt-du-Locle bezogen, hat fünfzig neue Mitarbeiter eingestellt und Produktionsstrassen für die Fabrikation eigener Uhrwerke angeschafft: Es sind Klone der fünf gängigsten Valjoux-Kaliber – «Generika», wie Garcia präzisiert. «Sie gehören der Schweizer Uhrenindustrie, nicht der Swatch Group», sagt er.

Es waren Firmen wie Sellita und Jaquet SA – beide in La Chaux-de-Fonds ansässig, beide im Windschatten der ETA wirtschaftend –, die vor der Wettbewerbskommission (Weko) Klage gegen den Entscheid des Marktleaders geführt haben. Ihr Vorwurf lautete auf Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung. Sie forderten, dass die ETA – ohne deren «ébauches» sie keine Arbeit mehr gehabt hätten – die gesamte Schweizer Uhrenindustrie weitere zehn Jahre beliefern muss.

Ein abenteuerliches Ansinnen: Warum sollte ein Marktteilnehmer gezwungen werden, seine Konkurrenz zu beliefern?

Das Monopol

Die Untersuchung der Weko indes führte 2006 zutage, dass gut 75 Prozent aller Schweizer Uhren auf den Rohwerken der ETA basierten; weitere 15 Prozent entfallen auf die Marke Rolex, die als einzige grosse Schweizer Uhrenmarke fast sämtliche Bauteile ihrer Uhrwerke selbst und nur für die eigene Marke herstellt, 10 Prozent auf kleine Manufakturen wie Chopard, Girard Perregaux, Jaeger LeCoultre, Patek Philippe, Zenith. Ziehe man die «ébauches» von Rolex – die nicht an Dritte verkauft werden – und der Luxus-Manufakturen ab – die preislich nicht mit der ETA konkurrieren –, «hat die ETA auf dem Markt für mechanische, in der Schweiz hergestellte Rohwerke einen Marktanteil von mehr als 95 Prozent», schrieben die eidgenössischen Wettbewerbshüter in ihrem Schlussbericht. Kurz: «Es herrscht kein Wettbewerb auf dem relevanten Markt.»

Sieben Jahre gestand die Weko der Zuliefer- und Veredelungsindustrie nach langem Ringen zwischen den Parteien zu, um sich für den Marktausstieg des Branchenleaders zu wappnen. «Seither haben wir einen hohen zweistelligen Millionenbetrag investiert, um selbst Rohwerke herzustellen», sagt Miguel Garcia. Bereits im laufenden Jahr wird er mit seiner Sellita eine halbe Million «ébauches» herstellen, pünktlich auf die «Baselworld» bringt er das Kaliber Valjoux 7750 – bei Sellita SW500 genannt – auf den Markt. 2011 sollen in Le Crêt-du-Locle bereits eine Million Rohwerke gefertigt werden. «Ab kommendem Jahr verarbeiten wir nur noch eigene Teile», sagt Garcia stolz. Ziel sei nicht, die Nische zu besetzen, welche die ETA hinterlasse, sagt er, «sondern in unserem eigenen Metier weiterzumachen». Der Entscheid, dabei auf die bewährten Valjoux-Kaliber zu setzen, sei ein Vernunftentscheid gewesen; er gebe seinen dreihundert Kunden die Sicherheit, weiterhin solide Qualität zu kaufen.

Der 43-jährige Miguel Garcia ist ein Mann der Industrie geblieben: Seine Rede ist ungeschliffen und schmucklos, noch beherrscht er das blumige Storytelling des Uhren-Marketings nicht. Seine Aussagen leitet er mit rhetorischen Fragen ein: «Warum gibt es uns noch?» Kunstpause. «Weil es uns braucht.» Voilà.

Sechzig Jahre gibt es die Sellita SA schon, ohne dass jemand ausserhalb der Branche sie je wahrgenommen hätte. «Wir waren die Schattenarbeiter», sagt Garcia, «wir mussten uns im Hintergrund halten.» Denn seine Kunden – «keine Namen, bitte!» – wollten schliesslich nicht, dass jemand ihre Illusion enttarnte, wollten nicht, dass jemand erfährt, dass die Uhrwerke, die sie als ihre eigenen verkauften, bei der ETA hergestellt und bei der Sellita veredelt worden waren. Eine der vordringlichsten Aufgaben des jungen Sellita-Chefs wird nun sein, aus dem grossen Schatten der ETA zu treten.

Auch der illustre Uhrenindustrielle Jean-Pierre Jaquet, der gemeinsam mit Miguel Garcia vor der Weko gegen den Entscheid der ETA gekämpft hatte, hat sein Geschäftsmodell überarbeitet. Seinem Sohn Valérien, der eine neue Firma gegründet hat, beschaffte er Produktionsanlagen, um eigene Uhrwerke zu entwickeln. Die Concepto Watch Factory verfolgt mit ihren hundert Mitarbeitern ein striktes Manufaktur-Konzept, die Produkte sind ausschliesslich für die Luxusuhrenindustrie. So hat die Concepto das weltweit erste Uhrwerk mit einem monströsen vierfachen Tourbillon-Antrieb gebaut – für Uhren-Liebhaber mit dickem Portemonnaie eine Sensation, für die im US-Showbusiness beliebte Marke Jacobs ein Verkaufsrenner. «Wir haben uns von der Veredelung verabschiedet», sagt der Patron.

Jean-Pierre Jaquet ist eine schillernde Figur. 2003 ist er international in die Schlagzeilen geraten, weil er einen Goldraub in Auftrag gegeben und mit gefälschten Uhren gehandelt haben soll. Die Neuenburger Justiz verhaftete ihn medienwirksam in seiner Fabrik, das ganze Quartier war von schwer bewaffneten Polizisten abgeriegelt, der Transitverkehr nach Biel stundenlang unterbrochen. Man bezeichnete ihn als Kopf eines mafiösen Uhrenfälschernetzwerks, das die auf Diskretion versessene Industrie im Schweizer Jurabogen unsicher mache. Es gibt Leute in der Branche, die vermuten, dass Jean-Pierre Jaquet, der sämtliche Vorwürfe immer abgestritten hat, angeschwärzt worden ist, aus Rache für seinen Kampf gegen die übermächtige ETA. 2008 ist er in erster Instanz wegen Goldhehlerei zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt worden, der Rekurs vor Obergericht ist hängig.

Mit einer resoluten Handbewegung wischt der Patron die Geschichte vom Tisch. «Wir müssen vorwärtsschauen», sagt Jean-Pierre Jaquet, wie um sich selbst anzutreiben. Geduldig erläutert er den vor ihm liegenden Bauplan des hauseigenen Uhrwerks CWF2000, das sein Sohn Valérien entwickelt hat. Fein säuberlich sind die mikroskopischen Anpassungen aufgezeichnet, die nötig sind, um auf dem Basiswerk sogenannte Komplikationen – Schleppzeiger, Datumsanzeige, Mondkalender – aufzusetzen. Die Eingriffe sind mit blossem Auge kaum erkennbar.

Die Büros der Concepto liegen direkt neben den Produktionsräumen. Sie sind mit schweren italienischen Holz- und Ledermöbeln ausgestattet, doch es riecht nach Feinöl und Metallverarbeitung, nach Arbeit und Industrie. Auch Valérien Jaquet – ein in bester Uhrmachertradition schweigsamer 32-Jähriger – hat die Horlogerie nicht neu erfunden: Sein Standardwerk hat denselben Diameter wie das Kaliber Valjoux 7750 und ist mit den gängigsten Uhrengehäusen kompatibel. «Es hat viel 7750-DNA», meint sein Vater, «aber mehr Sex.» Auf das Finish komme es an, auf die Details. 800 bis 2000 Franken wird die Industrie für ein CWF2000 bezahlen müssen – mit Komplikationen reichen die Preise bis 55 000 Franken.

Vertikalisieren!

Noch einen Schritt weiter geht Jean-Claude Biver, Chef von Hublot. «Eine Uhrenmarke holt sich ihre Legitimation über Autonomie, Unabhängigkeit und Kreativität», doziert der Luxemburger bei offener Tür in seinem Büro in Nyon. Die Zukunft der Branche liege in der Schaffung von Substanz, nicht in deren Kauf – die Marken könnten nicht weiter fremde Substanz erwerben und sie als ihre eigene ausgeben. «Die Branche muss vertikalisieren», lautet sein Mantra: Luxusmarken wie Hublot würden künftig vermehrt selbst entwickeln und herstellen, vermehrt personalisierte Produkte verkaufen, wieder exklusiver werden.

Der temperamentvolle Biver ist einer der begabtesten Markenmanager der jüngsten Zeit. 1981 kaufte er die traditionsreiche, damals fast erloschene Blancpain und positionierte sie in kurzer Zeit als eine der exklusivsten Schweizer Uhrenmarken neu. 1992 verkaufte er sie an die Swatch Group und wechselte in deren Direktorium. Dort übernahm er die serbelnde Omega und verdreifachte die Verkaufszahlen, unter anderem mit aufsehenerregenden Werbekampagnen mit Formel-1-Pilot Michael Schumacher und James-Bond-Darsteller Pierce Brosnan. 2004 übernahm er als Minderheitsbesitzer die zwar junge, aber ebenfalls in einer Krise steckende Hublot, die er als sehr technische und sportliche Trendsetterin gewissermassen neu erfand und deren Verkäufe er in drei Jahren verfünffachte. Heute verkauft Hublot jährlich 22 000 Uhren – zu einem Durchschnittspreis von 18 000 Franken. Ironie des immensen Erfolgs: Als der Mehrheitsbesitzer Carlo Crocco Hublot 2008 verkaufte, war der Preis so hoch, dass Jean-Claude Biver dem Luxusgüterkonzern LMVH den Vortritt lassen musste.

«Alle guten Marken sind heute daran, selbst Substanz zu schaffen», sagt Biver. Es sei sogar wünschenswert, dass Nicolas Hayek seinen Entschluss durchzieht. Dann werde man endlich sehen, welche echte und welche bloss Marketing-Marken seien. Dann werde man hinter die Werbeplakate sehen. «Der Strategiewechsel der ETA arbeitet für mich», behauptet Biver. «Wir haben 20 Millionen in einen Maschinenpark und 23 Millionen in den Firmensitz gesteckt – dank Nicolas Hayek werde ich das Investment wieder reinholen.» Sobald die konkurrenzlos günstigen ETA-Werke vom Markt verschwinden, würden endlich diejenigen belohnt, die investiert hätten. Noch sei es umgekehrt: «Diejenigen werden belohnt, die nicht investieren – oder höchstens ins Marketing.» Sagt ausgerechnet der Meister des Uhren-Marketings, der wie kein anderer das Storytelling der Uhrenindustrie geprägt hat.

In der Schweizer Uhrenindustrie scheint eine kleine Revolution im Gang zu sein. Auch Biver präsentiert pünktlich zur grössten Uhrenmesse der Welt in Basel seinen ersten, selbst entwickelten Chronographen: den Unico 1240, der im kommenden September auf den Markt kommen soll. Das Besondere an dem Werk ist, dass sämtliche Teile der Messfunktionen zuoberst angebracht sind, sodass sie bei durchsichtigem Zifferblatt gut sichtbar sind.

Jean-Claude Biver möchte das Kaliber 7750 nie verschwinden sehen. «Es ist das Herzstück», sagt er. Auch seine Hublot werde für die günstigeren Modelle weiterhin auf modifizierte «7750» setzen. Weil die Patente der Valjoux-Entwicklungen aber nicht mehr geschützt seien, verlören sie massiv an Wert. «Es besteht nun immer die Gefahr, dass sie jemand noch billiger macht», sagt er. Unvorstellbar der Skandal, wenn der erste Valjoux-Klon aus China in einer Schweizer Uhr entdeckt wird.

«Hat der Entscheid der ETA die Industrie wirklich beeinträchtigt?», fragt Uhrenexperte Grégory Pons. «Sind die Teile für die Konkurrenz wirklich strategisch?» Keineswegs, ist er überzeugt. Es sei vielmehr so, dass sie schlicht keiner habe machen wollen, weil deren Herstellung nicht sonderlich einträglich sei. «Die Swatch Group verdient vier- bis fünfmal mehr mit Uhren als mit Uhrwerken», sagt Pons. «Man kann nicht behaupten, dass der Verkauf von Roh- und Uhrwerken strategisch ist für die Gruppe.» Für die Konkurrenz allerdings schon: Die Entwicklung eines Uhrwerks kostet nach Schätzungen von Grégory Pons bis 50 Millionen Franken und dauert zwei bis vier Jahre – lange Jahre, während denen die Investition kein Geld einbringt.

Strategische Entscheidung

«Die zukunftsträchtige Strategie liegt nicht im Nachbau alter Chronographen, sondern in der Entwicklung neuer, einfacher und vor allem: grosser Uhrwerke», sagt Pons. Das Kaliber Valjoux 7750 habe einen verhältnismässig kleinen Durchmesser von 30 Millimetern. Moderne Uhren würden heute aber 42 bis 47 Millimeter aufweisen – mehr als einen Zentimeter mehr. «Jedermann weiss, dass die ETA-Werke zu klein geworden sind, trotzdem macht sich niemand daran, grössere zu entwickeln», sagt er. Obwohl die Swatch Group genau an dem Punkt angreifbar sei. Es sei offenbar noch immer zu viel Geld zu verdienen mit alten Uhrwerken. Und zu viel Geld zu verlieren mit der Entwicklung neuer: Das Umsteigen auf grössere Diameter ist kompliziert, alles muss von Grund auf neu entwickelt werden. «Es wird vielleicht zehn Jahre dauern und 100 Millionen Franken kosten, bis ein neues Werk die Perfektion des Valjoux 7750 hat», meint Pons. «Wer es wagt, dem gehört die Zukunft.»

Heute wollen alle zeigen, dass sie in der Lage sind, einen eigenen Motor zu bauen: «In den letzten Jahren haben mehrere grosse Marken eigene Uhrwerke auf den Markt gebracht», sagt Sellita-Chef Miguel Garcia. «Fünfhundert Werke pro Jahr zu bauen, ist ja auch kein Problem.» Aber für das untere Preissegment – da, wo die grossen Volumen verkauft werden – seien grosse wie kleine Marken weiterhin auf Zulieferer wie die ETA oder die Sellita angewiesen. «Die superteuren Uhren lassen die Leute träumen», sagt Garcia. «Aber nicht jeder kann sich eine Uhr für 50 000 Franken leisten. Darum müssen die Marken erreichbar bleiben, auch preislich.»

«Heute ist es einfach zu sagen, Hayeks Entscheid revolutioniere die Branche», meint ein anderer Industrieller, der namentlich nicht genannt werden will. Aber damals habe es sehr danach ausgesehen, als wolle er mit seinem Strategiewechsel die Konkurrenz kaputtmachen. «Was derzeit im Gang ist, ist keine Revolution», erklärt Grégory Pons. Vielmehr finde die Industrie zum Zustand vor der Quarzkrise zurück, als die Produktion noch nicht von ein, zwei Quasi-Monopolisten beherrscht worden ist. Hayeks Entscheid, nicht mehr der Selbstbedienungsladen der ganzen Branche zu sein, hat die Industrie gezwungen, selber wieder innovativ zu werden.

«Ich habe immer schon die Uhrenindustrie wachgerüttelt», hat Nicolas Hayek einmal lakonisch gesagt. Kann es sein, dass die Schweizer Uhrmacherkunst vor dem Beginn einer neuen Blütezeit steht? Hayek will sich dazu nicht mehr äussern.

Im Dezember 2009, gut sieben Jahre nach seinem ersten Brief, der alles ins Rollen brachte, verkündete der Bieler Uhrenpate, noch einen Schritt weitergehen zu wollen: Er beabsichtige, sagte Hayek in der Genfer Zeitung «L’Agefi», auch die Lieferung fertiger ETA-Uhrwerke an die Konkurrenz einzustellen. Wann es soweit sein soll, verriet er nicht. Dieser zweite Donnerschlag vermochte die Schweizer Uhrenbranche nicht mehr zu erschüttern. Sie hat ihre Hausaufgaben gemacht und in eigenes Knowhow investiert. Sie hat sich in aller Stille und unbemerkt von der Öffentlichkeit von ihrem Übervater emanzipiert, Nicolas Hayek.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Das Magazin, Wirtschaft

2 Antworten zu “Es ist Zeit!

  1. tim

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