Der schlaue Fuchs

© Schweizer Illustrierte, 25. Oktober 2010 (PDF)

Er bekommt keine neuen Kampfjets, sein Budget wird empfindlich gestutzt, der Armeebericht wird zerzaust – Bundesrat Ueli Maurer hat viele Sorgen. «Wenn die Armee zum Einsatz kommt, muss sie die beste sein. Die zweitbeste wird erschossen.» Mit dem VBS-Chef auf Truppenbesuch.

Von Lukas Egli

Das Wetter ist prächtig, die Kulisse mit Genfersee und Montblanc-Massiv grossartig, der Stützpunkt der schönste überhaupt: Château de Morges, eine Befestigungsanlage aus dem 13. Jahrhundert. In dieser «De-luxe-Kaserne» empfängt Divisionär Jean-François Corminboeuf seinen Chef Ueli Maurer zum Briefing. In Montreux tagt der Frankofonie-Gipfel, Staatschefs von 70 Staaten sind am Léman zu Gast, der Verteidigungsminister soll sehen, was seine Truppe leistet. «Was, hier arbeitest du?», ruft Maurer seinem ehemaligen Vorgesetzten bei den Radfahrertruppen zu; Corminboeuf war Regiments-, Maurer Bataillonskommandant. Der Berufsmilitär nickt nur lachend.

Herr Bundesrat Maurer, bei Ihrem Amtsantritt vor zwei Jahren sagten Sie, die Schweiz brauche die beste Armee der Welt. Wo stehen Sie heute?

Auf halbem Weg.

Welche Hälfte haben Sie schon geschafft?

Wir sind Weltmeister im Kochen und in der Musik. Aber die Armee ist nicht so schlecht, wie sie dargestellt wird. Was unsere Leute leisten, gerade während eines solchen Einsatzes, ist hervorragend. Das kann niemand auf der Welt.

Die Operation «Apollinaire» ist einer der grössten Einsätze der Schweizer Armee in diesem Jahr, vergleichbar mit jenem am WEF in Davos. 5000 Soldaten unterstützen die zivilen Behörden, schützen Infrastruktur, überwachen Sperrzonen. «Die Leute sind hoch motiviert!», lobt der Verteidigungsminister. Sein Alltag in Bundesbern ist weitaus unerfreulicher.

Sie werden von allen Seiten kritisiert. Man wirft Ihnen vor, Sie hätten keine Vision für die Armee. Haben Sie schon mal daran gedacht, den Bettel hinzuwerfen?

Ja, das gab es. Ich frage mich manchmal, ob ich mir diesen Job antun muss. Aber im Grossen und Ganzen mache ich ihn sehr gerne.

Man kürzt Ihnen das Budget, bewilligt keine neuen Kampfjets – was muss geschehen, damit Sie sagen: Es reicht, ich gehe!

Ich habe noch jeden politischen Entscheid akzeptiert, ob er mir passte oder nicht. Diese Frage stellt sich so nicht.

Im VBS ist als Bundesrat nichts zu gewinnen. Warum haben Sie nicht das Departement gewechselt?

Weil das VBS das interessanteste Departement ist. Mit sechs Millionen Übernachtungen sind wir der grösste Hotelbetrieb in der Schweiz, besitzen Land von der Grösse des Kantons Zug, haben Immobilien für 25 Milliarden. Vor allem aber produzieren wir das wertvollste Gut: Sicherheit. Weshalb findet der Frankofonie-Gipfel in der Schweiz statt? Weil die Sicherheit in Madagaskar nicht gewährleistet ist. Es ist eine vornehme Aufgabe, sich für die Sicherheit einzusetzen.

«Verschieben!», ruft Reiseleiter Div Corminboeuf und meint: Abfahren! In dunkelblauem Anzug und fliederfarbener Krawatte steigt Maurer in das feldgrüne Truppenfahrzeug, setzt sich zwischen seine Offiziere in Kampfmontur. Eigentlich geht niemand im Anzug auf Truppenbesuch, schon gar nicht Ueli Maurer, der mit den Förmlichkeiten seines Amtes hadert. Jeans und Pulli liegen in seinem Dienstwagen, ihm fehlte die Zeit zum Umziehen.

Die Armee hat in 15 Jahren ihre Bestände von 625 000 auf 120 000 Wehrpflichtige abgebaut, von 742 Bataillonen und Abteilungen auf 181. Nun soll es so weitergehen. Wie erklären Sie das der Truppe?

Das Arsenal wurde abgebaut, weil nach Ende des Kalten Krieges die Bedrohung nachliess. Wenn Sie im Sommer auf eine Bergtour gehen, brauchen Sie eine Regenjacke, im Winter einen Faserpelz. Auch bei der Bedrohung reagiert man auf Kälte. Jetzt sind wir für eine Sommertour ausgerüstet; wenn es wintert, müssen wir wieder aufstocken. Der Truppe ist der Abbau letztlich egal.

Was, wenn Sie in fünf Jahren noch weniger Geld für die Armee bekommen?

Es geht nicht um die Armee, sondern um die Sicherheit. Die Armee ist nicht Selbstzweck. Wenn das Volk noch weniger Mittel für Sicherheit ausgeben will, wird man auf gewisse Dinge verzichten müssen. Auf die Mittel zur Abwehr eines militärischen Angriffs. Oder die Unterstützung ziviler Behörden. Dann können wir keine solchen Konferenzen mehr durchführen. Die Politik hat das Primat. Sie erteilt der Armee die Aufträge.

Nach der einstündigen Fahrt von Morges nach Montreux erwarten ihn in Les Pléiades Überwachungstruppen. «Haben Sie Sonnencreme?», fragt Ueli Maurer einen Soldaten. «Äh, nein», antwortet dieser verdutzt. «Aber ich kann welche besorgen.» «Nicht für mich!», ruft Maurer. «Für Sie! Es ist ja so schön hier oben!» Die Truppe lacht. Fast alle zwei Wochen besucht der Magistrat seine Soldaten, meist unangemeldet. Es sei schon vorgekommen, erzählt ein Mitarbeiter, dass Maurer niemanden vorgefunden habe, weil alle im Feld waren. Was andere geärgert hätte, perlt am ehemaligen Präsidenten der Gemüsebauern ab. Wie alles andere auch.

Kann man als SVP-Mitglied überhaupt eine zeitgemässe Armeepolitik machen?

Die SVP hat sich als einzige Partei konstant mit Sicherheitsfragen beschäftigt. Sie will zwar eine grössere, hat aber immer für eine gut ausgerüstete, moderne Armee plädiert – das, was wir jetzt machen.

Wenn doch alles gut ist, warum wollen Sie denn mehr Geld?

Schlaue Kinder sagen ja auch immer, dass sie mehr Sackgeld brauchen.

Wie viel Sackgeld bekommen Ihre Kinder?

Unser jüngster Sohn bekommt 7 Franken pro Woche. Er ist 14.

Wie haben Sie diesen Betrag errechnet?

Nach Schuljahren.

Nicht nach Bedarf? Das klingt ein bisschen wie die Vorgabe des Parlaments in Sachen Armee: so viel und nicht mehr.

In seinem Alter geht es darum, den Umgang mit Geld zu lernen. Bei unseren studierenden Töchtern machen wir selbstverständlich tagelang Rechnungen, um den Bedarf zu eruieren (lacht).

Und, wird das Budget eingehalten?

Ja klar! Es gibt nicht mehr.

Die Armee ist bekannt dafür, Ende Jahr noch den Rest der Munition zu verpulvern, um im nächsten Jahr wieder gleich viel Geld zu bekommen.

Ich gehe nicht davon aus, dass meine Kinder «vorige» Munition haben.

«Schöne Ferien!», ruft Ueli Maurer der Fliegerabwehrkompanie in Montreux zu, als er dort in ein Patrouillenboot steigt, wo es weiter nach Rennaz VD geht. Fast scheint es, als ob er auch lieber Dienst tun würde, statt sich in Bern mit Politikern rumzuschlagen. «Bei aller Begeisterung für die Armee», wehrt Maurer ab, «ich kann auch gut ohne.» Man dürfe nicht unterschätzen, was hier rund um die Uhr geleistet werde. «Soldat sein ist hart. Wir sehen hier nur den Schoggi-Teil!»

Ist es nicht absurd, für ein kleines, neutrales Land die beste Armee der Welt zu wollen?

Wenn die Armee zum Einsatz kommt, muss sie die beste sein. Die zweitbeste wird erschossen. Gerade die Neutralität verlangt, dass wir uns präventiv schützen. Zudem sind wir Gastland von internationalen Organisationen. In der Schweiz halten sich rund 40 000 Personen auf, die einen besonderen Schutzstatus haben. Auch dafür brauchen wir eine funktionierende Armee.

Der Terrorismus stellt die grösste Bedrohung unserer Zeit dar. Ist es nicht unrealistisch, dass sich ein kleines Land wie die Schweiz allein verteidigt?

Letztes Jahr hatten wir 1500 Kontakte mit ausländischen Armeen, sieben pro Arbeitstag. Aber es ist eine Illusion, zu meinen, die anderen würden uns helfen. Die haben dieselben Probleme wie wir: kein Geld, keine Truppen, keine Mittel.

Eine halbe Stunde später legt das Patrouillenboot mit dem Verteidigungsminister an Bord bei der Rhonemündung an. Hier hat die Armee einen Heliport aufgebaut für die VIPs des Frankofonie-Gipfels. Es gibt heissen Tee und Armeebiskuits. «Auch unsere Guetsli werden immer besser», sagt der Kriegsminister, der laut seinen Mitarbeitern nie Anzeichen von Stress zeigt. «Sie sind weniger staubig als früher. Und süsser!»

Sie waren neulich in Israel zu Besuch. Könnten Sie sich vorstellen, dass auch in der Schweiz alle Frauen Dienst leisten?

Nein. Obwohl es der Armee natürlich guttäte! Frauen sind überall eine Bereicherung. Aber wir haben in der Schweiz ein anderes Rollenverständnis. Und wir brauchen auch nicht mehr Leute. Aber Freiwillige nehmen wir natürlich immer gerne.

Sind Sie plötzlich Feminist geworden?

Nein. Aber ich empfehle jeder Frau, sich einen Mann zu nehmen, der Militärdienst geleistet hat. Das ist wie ein Label. Alles andere ist wie im Discounter – man weiss nie so recht, was man kauft.

Worin ist ein Mann mit Militärerfahrung besser?

Die Armee ist eine Lebensschule. Man muss sich einordnen, lebt auf engem Raum zusammen, ist unter Druck. Einer, der die RS gemacht hat, ist erzogen (lacht).

Dann steigt Ueli Maurer in einen Helikopter. Er wird in Wohlen AG zu einer Zivilschutzübung erwartet. «Ich glaube», so Maurer, «dass es vier Jahre braucht, bis die Bevölkerung die Modernisierung der Armee versteht. Bald werden wir eine ernsthafte Sicherheitsdiskussion führen können.» Möglich, dass man den ehemaligen, als «von Blochers Gnaden» verunglimpften SVP-Präsidenten noch immer unterschätzt. Vielleicht narrt der schlaue Fuchs alle.

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