«Ein Kernkraftwerk? Ja, gern!»

© Schweizer Illustrierte; 29.11.2010 (PDF)

Wer will schon ein AKW in seinem Dorf? Mühleberg BE will! Döttingen AG will! Und Däniken SO will! Zu Besuch bei drei Gemeindepräsidenten, die miteinander um die neuen Kernkraftwerke rangeln.

Von Lukas Egli

Mühleberg – das ist eine schöne, ländliche Gemeinde im Osten von Bern: 30 Dörfer und Weiler, viel Wald, 70 Bauernhöfe, 2700 Einwohner. Die Bundesstadt ist keine Viertelstunde entfernt, der Steuerfuss tief, in der Nacht herrscht Stille. Mühleberg ist ein kleines Paradies. Wenn nur das AKW nicht wäre.

1972 ging das Kernkraftwerk Mühleberg unterhalb des Wohlensees in Betrieb. Es war ein Bote einer hoffnungsvollen energietechnischen Zukunft, gekleidet in einen massiven Mantel aus Beton und Stahl. Vierzig Jahre später steht die Kernenergie in Bern am Scheideweg. Im Februar stimmt der Kanton darüber ab, ob das bestehende Kraftwerk durch ein neues ersetzt werden soll. Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat hat entschieden, dass für den Bau neuer Kernkraftwerke drei Standorte infrage kämen: Beznau AG, Gösgen SO und Mühleberg BE. Die politischen Mehrheiten in Bern lassen erwarten, dass sich der Kanton bald von der Kernenergie verabschiedet.

Nicht, wenn es nach dem Willen der Mühleberger geht! Die hübsche Gemeinde zwischen Saane und Aare will die Atomkraft. «Wir leben seit 38 Jahren mit dem Kraftwerk», sagt Kurt Herren, Gemeindepräsident von Mühleberg, «wir hatten nie Probleme.»

Kurt Herren, 66, war 30 Jahre Swissair-Pilot. 1988 zog er in seine Heimatgemeinde zurück. Er habe das Fliegen gelernt, ohne einen Rappen zu bezahlen, erzählt er im modernen Gemeindehaus, einem Verwaltungsbau aus den 1990er-Jahren. Als man ihn nach seiner Pensionierung 2002 fragte, ob er Gemeinderat werden wolle, fand er, dass er der Gesellschaft etwas zurückgeben könne. Seit 2004 ist Herren Gemeindepräsident. Und SVP-Mitglied. Ohne Überzeugung, wie er betont. «Ich bin kein Parteigänger.» Auf Gemeindeebene stehe die Parteizugehörigkeit nicht im Vordergrund.

Kurt Herren fährt einen Toyota Prius, lässt an seinem Haus eine Erdsonde bauen und sagt Sätze wie: «Die beste Energie ist jene, die wir nicht brauchen.» Dennoch sei unbestritten, so Herren, dass die Schweiz ein, zwei neue Grosskraftwerke brauche. Der Bundesrat setzt zwar auf die Förderung der erneuerbaren Energien und die Energieeffizienz, betont aber auch die Notwendigkeit neuer Kernkraftwerke. Geht es nach Herren, wird eines in Mühleberg stehen.

Dabei macht ein AKW das Dorfleben nicht einfacher: Seit 2000 beteiligt die BKW die Standortgemeinden von Kraftwerken an ihrem Gewinn; davor bezahlte der halbstaatliche Berner Energiekonzern nur Liegenschaftssteuer. Seit 2000 bestreitet die BKW in Mühleberg rund einen Drittel des Mühleberger Gemeindehaushalts von 6,5 Millionen Franken – in guten Jahren. Erzielt der Stromgigant keinen Gewinn, geht die Gemeinde leer aus. Eine pauschale Standortabgeltung gibt es nicht. «Das macht die Budgetplanung sehr schwierig», sagt Herren.

Niemand will ein AKW in seinem Dorf. Würde man meinen. Doch Mühleberg ist keine Ausnahme. Auch für die Gemeinde Döttingen, in der die ältesten Schweizer Kernkraftwerke stehen, Beznau I und II, ist klar: Das Ersatzkraftwerk gehört auf Döttinger Boden! «Die ganze Region steht dahinter», sagt Gemeindeammann Peter Hirt. «Gegner habe ich noch keine gefunden.»

Döttingen ist eine mittelgrosse, malerische Gemeinde im unteren Aaretal, dort, wo die Aare in den Rhein fliesst. Auf gut einem Drittel der Gemeindefläche wird Wein angebaut – Blauburgunder, Garanoir und Pinot Gris. Atomkraft und Agrarwirtschaft scheinen gut zusammenzugehen. Wie Kurt Herren sieht sich auch Peter Hirt nicht als Politiker: «Für mich steht das Gemeindewohl zuoberst», sagt der Parteilose. Er trägt dunkle Jeans und eine dunkle Windjacke. Peter Hirt, früher Heizungsund Sanitärmonteur, ist kein Strahlemann. «Meine Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass es uns gut geht», sagt er. Dazu gehört hier auch die Kernenergie.

Döttingen hat gute Arbeitsplätze. Ist schuldenfrei. Ist die steuergünstigste Gemeinde im Kanton. Der Anteil der Gewinne aus der Kernenergie am Gemeindehaushalt beläuft sich auf stolze 8 Mio. Franken – von insgesamt 13 Mio. Doch wie Mühleberg hat auch Döttingen Mühe, neue Einwohner anzuziehen. Wer mit dem AKW aufgewachsen ist, stört sich nicht daran. Fremde indes schrecken die Reaktoren ab.

Auch im solothurnischen Gösgen will man die Atomkraft nicht mehr missen, Und dies obwohl das Ersatzkraftwerk in der Nachbargemeinde Gretzenbach gebaut würde. «Ich habe lieber das Kernkraftwerk hier bei mir in Däniken, wo ich die Anlage kenne, als weit weg in Frankreich», sagt Gemeindepräsident Gery Meier, 55. «Diese Nähe gibt mir ein Gefühl von Sicherheit.»

Die Zahlen gleichen sich: Auch Däniken hat 2700 Einwohnern, beste Infrastruktur, gesunde Gemeindefinanzen. In allen Abstimmungen über die Kernenergie habe seine Gemeinde mit 80 Prozent zugunsten der Kernenergie gestimmt, sagt der FDP-Politiker, der eine kleine Marketingagentur betreibt. «Unseren Wohlstand haben wir weitgehend dem Kernkraftwerk zu verdanken», sagt er unverblümt. Gery Meiers Dorf geht es so gut, dass es Steuereinnahmen und Abgaben des KKW freiwillig teilt: Ein Drittel der rund 4 Millionen Franken jährlich fliesst in die Kassen von neun Nachbargemeinden.

Meier ist sicher: Von den drei AKWProjekten hat «seines» die besten Chancen. «Gösgen ist für den Strom, was Olten für die Bahn ist: das Zentrum», sagt der Kommunikationsfachmann. «Zudem ist bei uns genug Platz vorhanden», sagt er. Meier kann mit viel Unterstützung rechnen: Die KKW-Betreiberin Alpiq ist auch für Solothurn der beste Steuerzahler.

«Ich gehe davon aus, dass mindestens zwei neue Kernkraftwerke gebaut werden», kontert Peter Hirt aus Döttingen. «Eines wird bei uns stehen!» Kurt Herren wiederum argumentiert: «Die anderen beiden Kraftwerke stehen zu nah beieinander.» Bern sei schon immer ein wichtiger Brückenkanton in die Westschweiz gewesen.

Wie Tourismusdirektoren preisen die Kommunalpolitiker die Vorzüge ihrer Gemeinden, spielen ihre Standorttrümpfe aus. Es ist ein Poker, bei dem der Berner die schlechtesten Karten hat: Die rot-grüne Kantonsregierung ist gegen die Kernenergie und hat nie das Gespräch mit Mühleberg gesucht. «Ich finde das schade», sagt Herren. Man könne in der Kernkraftfrage zweifellos anderer Meinung sein. «Aber die Regierung sollte den ganzen Kanton vertreten.»

Der Regierungsrat bringt die BKW, die zu 52 Prozent dem Kanton gehört und Mühleberg II zügig vorantreiben möchte, in eine verzwickte Lage. Bereits mahnte er den Stromproduzenten, nicht so offensiv in den Abstimmungskampf einzugreifen.

Patrick Miazza, Leiter des Kernkraftwerks Mühleberg, zeigt sich unbeirrt. «Im Hinblick auf die drohende Stromlücke ist es dringend notwendig, dass die Schweiz einen energiepolitischen Konsens findet», sagt er. Was das für ihn heisst, ist klar: Mühleberg II muss kommen! «Dem Umstand, dass die Schweizer Bevölkerung jährlich um 100 000 Menschen wächst, hat noch kaum jemand Rechnung getragen.»

Stolz zeigt Miazza «seine» Anlage. Seit Inbetriebnahme versorgt sie rund eine halbe Million Menschen mit Strom. Dafür werden jährlich 36 Brennelemente, rund 7 Tonnen kraftwerkfähiges Uran, benötigt. Der Betriebsabfall entspricht einem Joghurtbecher pro Haushalt und Jahr. «Der Entsorgungsnachweis ist erbracht», sagt er. «Der Bundesrat hat das 2006 bestätigt.»

Er selbst ist in einer Kernkraft-kritischen Umgebung aufgewachsen und hat bei einem Professor studiert, der schon in den 1980er-Jahren auf den Zusammenhang von CO2 und Klimaerwärmung aufmerksam gemacht habe. Es sind Leute wie Patrick Miazza, die unter anderem für die hohe Akzeptanz des Kraftwerks in der Region sorgen. «Opposition?», fragt Herren. «Gibt es hier nicht!»

Widerstand erwächst dem neuen Kraftwerksprojekt erst jenseits der Gemeindegrenze. In Frauenkappelen etwa. «Man kann sich seine Nachbarn nicht aussuchen», sagt Christian Minder, Wortführer der IG Salzweid. Der Bauer lebt an der Grenze zwischen Frauenkappelen und Mühleberg. Dort bewirtschaftet er ein Feld – die Salzweid eben. «Top Ackerland», sagt Minder. «Nur leider auch gut erschlossen.»

Hier soll dereinst ein Infrastrukturplatz für die Grossbaustelle Mühleberg II errichtet werden. Neun, zehn Jahre lang würden hier tagein, tagaus Lastwagen an- und abfahren. «Wenn das Kraftwerk kommt, werden wir überrollt», sagt Minder. «Dieser Mist ist geführt.»

Je weiter weg vom AKW die Leute, desto grösser die Opposition, ist Kurt Herren überzeugt. «Sie wissen halt auch weniger darüber», meint der Gemeindepräsident. Wer, ausser die Mühleberger, geht denn auf dem Energiepfad, den die BKW eingerichtet hat, spazieren?

«Wenn ich denke, wie sich die Leute jeweils ärgern, wenn einmal eine halbe Stunde kein Pfuus aus der Dose kommt …», sagt Kurt Herren und verdreht die Augen. Er sieht sein Engagement zugunsten des Kernkraftwerks auch als Dienst an der Gemeinschaft.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Politik, Schweizer Illustrierte

2 Antworten zu “«Ein Kernkraftwerk? Ja, gern!»

  1. Die „Schweizer Illustrierte“ ist, wie auch der „Blick“ stehen der Kernenergie offen bis positiv gegenüber. Vielleicht auch, weil der Ringier Verlag in Zofingen nicht weit von den Standortgemeinden entfernt ist.
    Ein ergebnisoffener Energiedialog ist nötig, das einseitige Verteufeln der Kernenergie, das in unseren Medien vorherrscht, ist kontraproduktiv!

  2. Schöner Artikel, ich bin zwar eigentlich ein starker Gegner der Atomindustrie und bin überzeugt, dass wir langsam aber sicher auf erneuerbare Energien umsteigen müssen, aber ich kann die Bürgermeister schon verstehen. Es fließt natürlich viel Geld in ihrer Gemeinden und bei der aktuellen Kommunalfinanzierung ist das sicher nciht verkehrt. Die können da viel machen, was andere Gemeinden nie finanzieren könnten.

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