Lass gut sein, Roger!

© 20 Minuten Online, 6. August 2011

Vom Zauderer zum Zauberer, vom Dominator zum Gedemütigten: Roger, du hast mir ein paar der schönsten Sonntage meines Lebens beschert. Jetzt, an deinem Dreissigsten – gratuliere! – ist es an der Zeit, abzutreten.

Von Lukas Egli

Roger, wenn ich dich wäre, ich würde aufhören: Motivationskrampf lösen, Muskeln lockern, Rackets verschenken, den Kumpels ein lautes «Bye!» zurufen – und mit Frau und Töchtern mal was ganz anderes machen.

Zum Beispiel drei Wochen am selben Ort verbringen. Ohne Feriencoach! Nachts, wenn deine Zwillinge Myla Rose und Charlene Riva schlafen, ein Buch lesen. Deiner Mirka beim Träumen zuschauen. Einen Freund in Übersee anrufen. Alleine an einer Bar einen Whisky trinken und unklare Gedanken ordnen. Was man halt so macht als glücklicher junger Vater.

Oder, besser: Sei doch endlich mal ungezogen! Schnapp dir den Mercedes SLS und ras über eine deutsche Autobahn! Lass den Burdsch Al Arab in deiner Wahlheimat Dubai erzittern! Tu mal was Böses! Amüsier dich! Freak out! Come on!

Aber nein, du hast ja noch so viel vor: Du willst 2012 an den olympischen Sommerspielen in London Gold holen. Du willst Pete Sampras‘ Rekord von 286 Wochen an der Weltspitze brechen; eine Woche fehlt dir nur. Du willst deinen 17. Grand Slam Titel holen. Und so weiter und so fort. Kein Sport, der so viele Rekorde kennt wie das Herrentennis. Kein Tennisspieler, der so viele Rekorde hält wie du. Nun lass doch mal gut sein!

Der Beginn einer grossen Tennispassion

Ich kann mich genau erinnern, wann ich dich zum ersten Mal habe spielen sehen: Es war das Achtelfinale von Wimbledon 2001 gegen – natürlich – Pete Sampras. Du, 19 Jahre alt, pausbackig und langhaarig, demontiertest vor 15 000 Zuschauern den siebenmaligen Wimbledon-Champ. Sampras verdutzt, den britischen TV-Kommentatoren versagte die Stimme, du in Tränen.

Wie oft hast du den humorlosen US-Tennisgiganten an dem Tag passiert, ihn beim Return düpiert? Der 1. Juli 2001 markierte den Anfang deines Aufstiegs zum grössten Tennisspieler aller Zeiten. Und den Beginn meiner grossen TV-Tennispassion. Von dem Tag an verbrachte ich die Tage während der Major-Turniere wie andere die Wochen während der Fussballweltmeisterschaften: bedingt ansprechbar. Und mit mir die halbe Schweiz.

Ich hatte an dem Tag von Tennis keine Ahnung, wusste nur, dass «Pistolen Pete» kein Sympathieträger und x-facher Grand Slam Sieger war. Was das bedeutete – keine Ahnung. War auch nicht weiter wichtig. Als ich den Fernseher einschaltete, wusste ich sofort: Hier passiert Grosses. Nicht David gegen Goliath, aber mindestens Tell gegen Gessler! Der kecke Schweizer gegen den mächtigen Amerikaner. Wer hätte da gedacht, dass du dereinst zum Maestro reifen würdest, zu dem sogar Altmeister Pete Sampras aufschaut?

Ansonsten war an dem Tag vor zehn Jahren schon alles erkennbar, was dich zu «King Roger» machen sollte: die messerscharfe Rückhand, der gefährliche Slice, die harte Vorhand, der starke Return, die ungeheure Präzision, die faszinierende Spielintelligenz – und diese unglaubliche Eleganz! Du warst schon da der komplette Spieler.

Das Comeback eines Problems: Zitterhändchen

Der technisch komplette Spieler, mit den gelegentlich schwachen Nerven. Sie sollten deinen Aufstieg noch einige Wochen verzögern. Umso befreiender dann, als du dein Zitterhändchen überwunden hattest. Als du deine Matches plötzlich mit fast unheimlicher Sicherheit ins Trockene brachtest. Als du deine Gegner wochenlang nach Belieben dominiertest. Als dir plötzlich alles zu gelingen schien.

Nun ist die kleine Unsicherheit zurück: Wer dich neulich im Wimbledon-Viertelfinal gegen Jo-Wilfried Tsonga gesehen hat, wurde schmerzlich an den Roger Federer vor Wimbledon 2001 erinnert. Technik, Physis und ein Spiel in Perfektion – es war alles da. Einzig, es fehlte die Nervenstärke bei den Big Points. Was für ein trauriges Comeback.

Sampras fand nach der Achtelsfinal-Niederlage von London gegen dich nie mehr zu seiner einstigen Dominanz zurück. Der letzte US-Tennisgigant verschwand von der Bildfläche. Eine Generation von jungen Wilden hatte übernommen: Allen voran Lleyton Hewitt, Andy Roddick – und du. Die beiden andern indes vermochten ihr grosses Versprechen nie wirklich einzulösen. Im Vergleich zu dir blieben sie Rookies, die einem Favoriten in einem Halbfinale ein Bein stellen konnten. Für den Triumph im Final fehlte ihnen danach meist die Kraft.

Du warst der Beste der Besten

Du aber spieltest sie am Ende alle an die Wand, selbst deine Angstgegner David Nalbandian, Tim Henman und Gilles Simon. Unglaubliche 237 Wochen warst du ohne Unterbruch zuoberst auf der Weltrangliste. Du bist der einzige Spieler der Profi-Ära, der 10 Major-Finals und 23 Halbfinals in Folge erreicht hat. Du hast alle Grand Slams, als einziger Spieler überhaupt dreimal drei Grand Slams in einem Jahr, insgesamt 67 Titel gewonnen. 63,5 Millionen Dollar Preisgeld erspielt. Roger, wer dein Palmarès liest, bekommt Schwindelanfälle.

Du warst einer der besten Aufschläger auf der Tour. Einer der besten Return-Spieler. Hattest eine der besten Vorhände. Eine exzellente Beinarbeit. Die beste einhändige Rückhand. Den besten Slice. Den besten zweiten Aufschlag. Und: Zauberschläge! Mit einem Passierschlag zwischen den Beinen hindurch hast du den aufstrebenden Novak Djokovic am US Open 2009 brutal in die Schranken gewiesen. Das Kunststück brachte dir einen Matchball ein. Sekunden später – zack! – war der hoch ambitionierte Serbe, die heutige Nummer eins, schon erledigt. Und wie elegant das doch alles aussah! Come on!

Doch es kam noch besser

Und als alle dachten, dass es nicht mehr besser kommen kann, kam es noch besser: Ein gewisser Rafael Nadal kam auf die Tour. Der muskulöse Mallorquiner war dein perfekter Antipode: laut, ungehobelt, brachial. Neben ihm sahst du noch mehr aus wie ein Gentleman, wie ein echter Sportsman. Nun warst du nicht mehr nur kompletter Tennisspieler – nun warst du kompletter Mann.

Fast vier Jahre lang dominiertet ihr zwei Ungleichen das Herrentennis. Immer wieder trugt ihr eure Traumfinals aus, 26 der letzten 33 Major-Turniere habt ihr unter euch ausgemacht. Oft gingen die Matches zu deinen Gunsten aus. Ausser auf Sand, da war dir der ungestüme Spanier meist überlegen. Doch mehr und mehr übernahm er auch auf «deinen» Unterlagen die Oberhand. 2008 rang er dich sogar in Wimbledon, in deinem Königreich, nieder – es war mit fünf Stunden der längste Wimbledon-Final und für viele das beste Tennisspiel aller Zeiten. Muskeln gegen Eleganz, Schweiss gegen Swissness, Spin gegen Slice – Roger, du hast mir ein paar der schönsten Sonntage meines Lebens beschert.

An meinem Geburtstag ging deine Ära zu Ende

Doch du hast uns über all die Jahre zu sehr verwöhnt. Nun wollen wir dich nicht mehr weinen sehen. Natürlich könntest du noch einen Grand Slam gewinnen. Oder noch eine Woche die Nummer eins sein. Oder sogar zwei. Oder eben auch nicht. An dir mochten dir immer, dass die Sache einigermassen klar war: Wenn du spieltest, konnten wir uns zurücklehnen, an einem Drink nippen und zuschauen, wie du deine armen Gegner auseinandernahmst. Nur wenn dir der wütende spanische Stier in die Quere kam, bekamen auch wir das Zitterhändchen. Auch das: grossartig!

Es gab eine Zeit, da konnte nur eine Handvoll Spieler gelegentlich an deinem Lack kratzen: Novak Djokovic, Robin Söderling, Nikolai Davidenko. Hoch talentierte, hoch motivierte Spieler, die das Zeug zum Champion haben. Das war durchaus prickelnd. Aber dass du gegen einen unfertigen, ja ungelenken Jo-Wilfried Tsonga verlierst? Perfekt spielst und führst und dann doch verlierst? Nein, das wollen wir nicht sehen! Da muss ein Perfektionist wie du konsequent bleiben: gewinnen – oder es ganz bleiben lassen.

Geniess die Zeit! Wir werden dich vermissen 

Der 29. Juni 2011 – ausgerechnet mein Geburtstag – markiert dein Pete-Sampras-Moment. Deine Ära ist vorbei, wie Sampras’ Zeit am 1. Juli 2001, als du ihm die empfindliche Achtelsfinal-Niederlage in Wimbledon zugefügt hast, zu Ende war. Aber weisst du: Rekorde gibt es wie Tennisbälle auf der Tour. Die schönen Jahre mit deinen kleinen Mädchen aber, die sind gezählt. The time is now! Bye, Roger, geniess die Zeit! Wir werden dich vermissen.

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7 Kommentare

Eingeordnet unter 20 Minuten Online, Sport

7 Antworten zu “Lass gut sein, Roger!

  1. twm2718

    Herr Egli, als mittelmässiger Journalist einem Weltklasse Athleten und Ausnahmekönner diesen Artikel zum Geburtstag zu schreiben ist schlicht stillos. Und selbst wenn Sie einer der Grossen ihrer Zunft wären, eine Frechheit bliebe es auch dann noch.

    • lukasegli

      Wissen Sie, wer noch schlimmer ist als mittelmässige Journalisten? Mittelmässige Leser! Hätten Sie sich die Mühe gemacht und den Text überhaupt gelesen, hätten Sie keine einzige Schmälerung der sportlichen Leistung von Federer gefunden, sondern vielmehr eine Ode an seine Kunst. Und – hach wie verwegen – den freundschaftlich und leicht ironisch gemeinten Rat (ich weiss ja, dass er nicht aufhören wird), auf dem Höhepunkt abzutreten – würdevoll und vor allem auch: rechtzeitig (unter anderem in Bezug auf seine junge Familie). Wer das als «stillos» taxiert nennt, den nenne ich zynisch

      • Michi

        Sie erwarten aber nicht von 20min Onlinesurfer höchste Lesekünste, oder? Wäre dieser Beitrag in einer qualifizierteren Zeitschrift erschienen (auch am Wochenende als Printausgabe), wären auch die Kommentare/Feedback anders gewesen, ohne dass Sie sich nun rechtfertigen müssen. Schade für den Inhalt, falsche Plattform gewählt!

  2. lukasegli

    Ich erwarte überhaupt nichts – ausser dass jene, die hier auf meiner persönlichen Seite kommentieren, sich wenigstens mit dem Inhalt auseinandersetzen; so ein bisschen anonym was hinschnuddern kann der «Onlinesurfer» bestens auch auf 20min.ch. Dass die Kommentare dort heftig ausfallen würden, war bei dem Thema zu erwarten gewesen. Wer würde es wagen, einen Nationalheiligen zum Rücktritt aufzufordern, und dann noch mit einer unsportlichen Argumentation?! Aber nun eine Frage: Was ist denn falsch, wenn ein Medium wie 20 Minuten Online Beiträge bringt, die auch in eine Wochenendausgabe einer Tageszeitung passten? Zumal die Print-Produkte ihr Angebot in den letzten Jahren massiv heruntergefahren haben?

  3. Hervé Danis

    Vielleicht erklären sie in einem Ihrer nächsten Artikel, weshalb man alleine an einer Bar sitzen und Whisky trinken sollte, um seine Gedanken ordnen zu können? Und was bitte soll so toll daran sein, mit einem Mercedes SLS über die deutsche Autobahn zu donnern? (Vielleicht am besten auch noch grad nach dem Whisky an der Bar?) Und last but not least… weshalb soll Roger Federer denn unbedingt einmal ungezogen sein oder gar etwas Böses tun? Was genau soll ihm das bringen?

  4. Niggi

    Lieber Herr Egli

    Ihr Artikel war ziemlich mies. Das ahnen Sie vermutlich selber, spätestens seit sich Ihre Redaktionskollegen dazu genötigten sahen, sich für Ihren Text zu entschuldigen. Er ist nicht nur nicht besonders gut geschrieben (Freak out!), sondern auch inhaltlich schwach. Letzteres kann Ihnen aber nicht vorwerfen. Immerhin leiten Sie ja mit dem Geständnis ein, dass Sie sich erst seit zehn Jahren für Tennis interessieren. Da kann man nicht viel Fachkenntnis erwarten.

    Was mich aber erstaunt, ist Ihre Reaktion auf die Kritik auf Ihrer Homepage.

    Sie mokieren sich mit einer Arroganz über „mittelmässige“ Leser, die befremdet. Ihr Kommentar ist nicht intellektuell, im Gegenteil. Die Aussagen sind ziemlich leicht verständlich, auch für Ihre 20-Minuten-Leser. Er war auch kei Wagnis (- jeder zweite Fernsehexperte hat Federers Karriereende schon mehrfach prognostiziert.) Ihre Argumentation ist einfach despektierlich und unsachlich, deswegen löste sie vermutlich auch emotionalere Rückmeldungen hervor, als andere Ihrer Werke.

    Ich wünsche Ihnen, dass Sie diesen Rückschlag wegstecken. Ich wünsche Ihnen etwas mehr Demut vor so grossen Leistungen, die einzuordnen vermutlich nicht Ihre journalistische Kernaufgabe ist. Und ich wünsche Ihnen etwas mehr Gelassenheit im Umgang mit Kritik – eine Fähigkeit die Ihre Karriere vielleicht beflügeln würde und Sie tatsächlich nach all den Jahren als freier Journalist und Online-Redaktor zu einem Medium bringen könnte, in dem Sie ihren Kommentar so gerne abgedruckt gesehen hätten.

  5. lukasegli

    Ach Gottchen, prasselt hier nun wochenlang die Empörung über mich nieder, weil ich es gewagt habe, einem Nationalheiligen etwas Ungehöriges zu raten – mit einem leichten Augenzwinkern, notabene (das geht auch an Sie, Hervé Danis)? Zur Folgestory: Weder ich noch meine Redaktionskollegen haben sich für etwas entschuldigt, es gibt auch nichts zu entschuldigen, noch leben wir in einem Land mit Meinungsäusserungsfreiheit. Doch doch, da darf man sogar eine Ode auf Roger Federer schreiben, ohne vorher den Bundesrat zu fragen. Wir haben einzig die sehr eindeutige Stimmung Pro Weitermachen respektive Kontra Egli aufgenommen. Ein Rückschlag? Sie scheinen ja wirklich viel zu verstehen von Medien…

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