Ein Tyrann spielt Moralapostel

© 20 Minuten Online, 12. August 2011

Der saudische König hat Syriens Herrscher Baschar al Assad wegen Gewalt am eigenen Volk ermahnt. Dabei weiss der greise Scheich auch ganz gut, wie man sein Volk gängelt. Porträt eines Meisters der Doppelmoral.

Von Lukas Egli

Abdullah von Saudi-Arabien ist ein König wie aus einem Märchen: Er besitzt unendliche Reichtümer, umgibt sich mit Tausenden von Prinzessinnen und Prinzen, er unterhält einen riesigen Hofstaat und verfügt über absolute Macht. Mit einem Vermögen von 21 Milliarden Dollar ist Abdullah bin Abdul-Aziz al Saud einer der reichsten Monarchen der Welt — und einer der letzten, der wirklich bestimmen kann, was in seinem Land geschieht. Eigentlich bestimmt Abdullah über eine ganze Region: Arabien.

«Religion, Werte oder Ethik» — neue Töne aus Riad

Abdullahs Land ist der grösste Staat des Mittleren Ostens, es besitzt die grössten Erdölreserven und ist der weltgrösste Exporteur des «schwarzen Goldes». König Abdullah ist Schutzherr der zwei heiligsten Städte des Islam, Mekka und Medina. Er ist ein Machtfaktor auf der ganzen Welt. Am Persischen Golf und am Roten Meer indes geniesst er unangefochtene Autorität.

Für seine Nachbarn war es darum ein kleiner Schock, als der bedächtig wirkende Regent am Montag seinen Botschafter aus Damaskus abzog und Syriens Machthaber Baschar al Assad ultimativ aufforderte, die Gewalt gegen die Protestierenden einzustellen. «Was in Syrien passiert, ist für uns inakzeptabel», schrieb er in einem Statement dezidiert. Eine solche Intervention eines arabischen Machthabers gegenüber einem anderen ist sehr selten — und birgt eine gewisse Ironie.

Die Niederschlagung der Proteste gegen das Assad-Regime stellt zwar eine der blutigsten Episoden der Unruhen in Nahost und Nordafrika dar, die Anfang Jahr als «Arabischer Frühling» in Tunesien und Ägypten begonnen hatten. Laut Opposition schoss das syrische Militär mit schweren Waffen auf die Demonstranten, in den Städten Hama, Daara und Dar es Sur kamen Panzer zum Einsatz — die Proteste in Syrien haben bereits über 2000 Tote gefordert.

Frau, du musst zuhause bleiben!

Dass das ultrakonservative Saudi-Arabien jedoch selbst regelmässig hart gegen Demonstranten vorgeht, kehrte der König geflissentlich unter den Teppich. Die Proteste der Schiiten in den Städten Qatif, Awamiyya und Jeddah Anfang Jahr wurden allesamt brutal unterdrückt. Selbst mit seinen Liebsten kennt der Machthaber kein Erbarmen: Seit Jahrzehnten kämpfen saudische Frauen für minimale Rechte, etwa für das Recht, Auto fahren zu dürfen — erfolglos. Auch die 32-jährige Manal al Scharif, die im Mai im Internet andere Frauen zum Autofahren aufgerufen hatte, wurde energisch angehalten: Die Alleinerziehende musste sich schriftlich verpflichten, künftig nicht mehr selbst ans Steuer zu sitzen.

Zwar sind es Religionswächter, welche die strengen Sittengesetze umsetzen, doch die Ideologie der Unterdrückung kommt von oben: Noch im Februar, auf dem Höhepunkt der Proteste in Kairo, hatte König Abdullah das Weisse Haus in Washington gewarnt, auf einen Machtwechsel in Ägypten zu drängen. Mubarak und Abdullah seien nicht nur Verbündete, sondern enge Freunde. «Der König mag es nicht, wenn sein Freund gedemütigt wird», hiess es an die Adresse von Barack Obama.

Kämpfer gegen Korruption

Dabei gilt Abdullah als der fortschrittlichste aller saudischen Herrscher. Er kam 1923 als Fünfter von 37 Söhnen von Staatsgründer Abdul-Aziz zur Welt und wurde nach dem Tod seines Halbbruders Fahd 2005 inthronisiert. Er hat vier Frauen und 22 Kinder; 7 Söhne und 15 Töchter. Der jüngste Sohn kam 2003 erst zur Welt. Bereits als Kronprinz hatte er gegen Korruption gekämpft, was innerhalb der Familie auf wenig Freude stiess und seine Inthronisierung um Jahre verzögerte.

König Abdullah setzte Bildung und Forschung auf die Prioritätenliste, er gründete Universitäten und spendete für die Opfer von Hurrikan Katrina 2005 in den USA sowie Erdbebenopfer in Sechuan in China 2008. Abdullah führte eine Art Rekursrecht ein und begann einen interreligiösen Dialog. Als erster König Saudi-Arabiens besuchte er 2007 Papst Benedikt XVI. 2009 und 2010 wurde er vom renommierten Royal Islamic Strategic Studies Centre in Amman, Jordanien, zum einflussreichsten Mann der arabischen Welt erkoren. Kein Zweifel: Die Sauds sind eine der mächtigsten Familien der Welt. Nicht zuletzt dank der moderaten Öffnung unter Abdullah.

Exportgüter: Ungezogene Prinzen, Erdöl, Terror

Die Modernisierung wird allerdings immer wieder von harten Rückfällen unterbrochen. Nur Wochen vor der öffentlichen Massregelung Assads schickte Abdullah seine Truppen ins benachbarte Emirat Bahrain, um dem befreundeten Königshaus al Khalifa bei der Niederschlagung der Proteste der schiitischen Bevölkerungsmehrheit zu helfen. Saudi-Arabien und der Inselstaat sind seit 1986 mit dem «King Fahd Causeway» verbunden, benannt nach Abdullahs Halbbruder und Amtsvorgänger.

Offiziell soll die 26 Kilometer lange Strasse die Bande der beiden Länder stärken. Auch sicherheitstechnische Überlegungen sollen bei der 1,2-Milliarden-Dollar-Investition eine Rolle gespielt haben. Es gab aber auch freizeittechnische Gründe für den Bau: Während im wahhabitischen Riad Alkohol und Prostitution streng verboten sind, kennt Manama eine liberalere Moral. Ist Saudi-Arabien das grösste Frauengefängnis der Welt, muss Bahrain als das grösste Bordell am Persischen Golf bezeichnet werden. Ein Ort, an dem sich die saudischen Prinzen gerne austoben.

Neben ungezogenen Prinzen und Erdöl heisst der Hauptexportartikel der Sauds: Terror. Die USA gehen davon aus, dass Osama bin Laden bis Ende der Neunzigerjahre vor allem mit Geld aus Saudi-Arabien unterstützt wurde. «Das Regime hatte auf die dunkle Seite gewechselt», schrieb US-Starautor Seymour M. Hersh. Noch heute finanziert Abdullahs Familie weltweit Zentren des Wahhabismus, in denen eine besonders dogmatische Form des Islams, gelehrt und gepredigt wird.

Inwiefern das Treiben seiner Nachkommen im Sinn des aktuellen Familien- und Staatsoberhaupts ist, wird Abdullahs Geheimnis bleiben. Kaum je dringen Interna aus dem saudischen Königshaus nach aussen. Starjournalist Said Aburish schrieb 1994 in einer viel beachteten Monografie: «Das Haus der Saud führt sein Land wie ein Familienunternehmen, so dass Saudi-Arabien und das Haus der Saud ein- und dasselbe sind.» Irgendwie logisch: Schliesslich ist das 1932 gegründete Land nach Staatsgründer Ibn Sauds Familie benannt.

Wer von König Abdullah ermahnt wird

Doch Aburish ging noch weiter: Der palästinensische Autor verglich die Saud mit Herrschern wie Saddam Hussein und Muammar Gaddafi. Sie alle pflegten denselben Umgang mit Themen wie Meinungsäusserungsfreiheit, Korruption, Vetternwirtschaft und Despotismus. Syriens Herrscher Baschar al Assad weiss: Wer von König Abdullah ermahnt wird, ist wirklich zu weit gegangen — weiter als König Abdullah.

Seit Juni 2010 muss der 86-jährige Herrscher kürzer treten. Dezember 2010 und Januar 2011 verbrachte der greise Mann mit seinem Hofstaat in den USA, wo er sich im New York Presbyterian Hospital am Rücken behandeln liess. Nach einer einmonatigen Rekonvaleszenz in Marokko kehrte er Ende Februar 2011 nach Riad zurück. Es war eine Rückkehr wie ein römischer Triumphzug: 50 Wagen begleiteten seine Limousine durch die Hauptstadt. Im Gepäck: Geschenke für Arbeitslose und den Mittelstand im Wert von 36 Milliarden Dollar aus der Staatskasse. Mögen die Gaben die nach Freiheit strebende Volksseele beruhigen!

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