Der bessere Gaddafi

20 Minuten Online, 23. August 2011

Er galt als akzeptabler Nachfolger seines Vaters Muammar. Auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs in Libyen zeigt Saif al Islam sein wahres Gesicht. Er ist wie sein Vater. Nur opportunistischer.

Von Lukas Egli

Ein junger Mann tritt aus dem grossen Schatten seines Vaters: Am frühen Morgen des 23. August erscheint der nur Stunden zuvor vermeintlich von Rebellen festgesetzte Saif al Islam in einer weissen Limousine vor dem Rixos Hotel in Tripolis, wo westliche Journalisten untergebracht sind. Aufgekratzt zeigt sich der Diktatorensohn der Weltpresse – frei und unbehelligt. Er, der im Verlauf des vorangegangenen Tages schon abgeschrieben worden war. Was für ein Triumph!

«Zuversichtlich und voller Adrenalin»

Dann führt der zweite Sohn von Muammar Gaddafi die verblüfften internationalen Berichterstatter mit einem Konvoi gepanzerter SUVs durch die südlichen Viertel von Tripolis, die noch von Regierungstreuen kontrolliert werden. Klappert mit ihnen die «Hotspots» der umkämpften Hauptstadt ab. Fährt zum Häuserkomplex seines Familienklans. Vorbei an Kasernen, wo Männer nur darauf warten, mit Waffen ausgerüstet zu werden. Die Botschaft: Wir sind noch immer da – wir werden nicht weichen. Der 39-Jährige sei «zuversichtlich und voller Adrenalin» gewesen, berichtet die BBC.

Es ist ein Auftritt nach bester Gaddafi-Art: bizarr, fast surreal, verwirrend. Unvergessen, wie sein Vater irrlichternd mit einem Schirm in der Hand am 21. Februar im Staatsfernsehen seine Legitimation als Staatschef bekräftigte. Verrückt oder wahnsinnig? Egal. Wer gemeint hat, der Dämon Gaddafi sei mit dem Einmarsch der Rebellen in Tripolis Mitte August endlich erledigt, hat sich einmal mehr getäuscht.

Verlogen, verschlagen, unberechenbar – wie sein Vater

Saif al Islams verrückter Auftritt in der Weltpresse lässt keinen Zweifel: Sein Schatten wird ebenso gross werden wie derjenige seines Vaters. Wenn man ihn denn lässt. Muammar Gaddafis charismatischer Sohn ist der neue starke Mann in Tripolis. Oder der erste, den das libysche Volk lynchen wird.

Er ist ein perfektes Abbild seines Vaters – er ist verlogen, verschlagen, unberechenbar. Äusserlich indessen unterscheidet er sich deutlich von seinem väterlichen Vorbild: Während sein Vater nur Arabisch spricht, sich in Fantasieuniformen kleidet und die ganze Welt genüsslich vor den Kopf stösst, spricht Saif einwandfrei Englisch, trägt teure Designeranzüge und sucht gerne die Nähe zu wichtigen Westlern und anderen netten Leuten. Die Partys des Schwerenöters und Tunichtguts in Wien, St. Tropez und Monaco sind legendär.

Als «Young Global Leaders» am WEF

Doch der weltgewandte Gaddafi-Prinz hat auch eine Mission: Saif al Islam überzeugt 2003 seinen Vater, auf Massenvernichtungswaffen zu verzichten. Er veröffentlicht einen Report, der sich kritisch mit der Menschenrechtssituation in seinem Heimatland auseinandersetzt. Er vermittelt erfolgreich bei Geiselnahmen. Jahrelang setzt er sich für bessere Beziehungen zum Westen ein, am wirkungsvollsten in England. In Hampstead, Nordlondon, unterhält er eine zehn Millionen Pfund teure Villa. Seine Avancen in Grossbritannien sind so erfolgreich, dass er sogar von Prinz Andrew in den Buckingham Palace eingeladen wird. Den Ex-Premier Tony Blair bezeichnet er als «persönlichen Freund der Familie»; dieser indes legt Wert auf die Feststellung, den jungen Gaddafi nur einmal getroffen zu haben.

Der renommierten London School of Economics spendet der Spross des Chefs des libyschen Staatsterrors 1,5 Millionen Pfund, wohl nicht zuletzt, um sich seinen Doktortitel zu sichern (Abschlussarbeit: «The role of civil society in the democratisation of global governance institutions: from soft power to collective decision-making?»). Der Schuldirektor, der ihn einst öffentlich als Demokraten mit «echten liberalen Werten» lobte, muss zurücktreten. Auch das WEF, das ihn in die Riege der «Young Global Leaders» aufnahm, krebst zurück – eher zu spät als zu früh.

Denn es hatte auch kritische Stimmen gegeben: US-Diplomaten bezeichneten Saif laut Veröffentlichungen von Wikileaks als «verbissen», «selbstherrlich» und wenig geeignet, mit Fremden zu kooperieren. Prädikate, die auch auf seinen Vater zutreffen. Die Vorbehalte gegenüber dem gut aussehenden Gaddafi-Erben werden sorgsam unter den Teppich gekehrt, wohl um die Stabilität in Libyen nicht zu gefährden. Wie zynisch das war, offenbart sich nun, da Saif sein wahres Gesicht zeigt.

Jetzt: Bart und radikalislamische Rhetorik

Saif al Islam gilt schon lange als möglicher Nachfolger seines Vaters. Er hat entsprechende Ambitionen stets zurückgewiesen. Spätestens seit Februar ist klar, dass die vorgeschobene Bescheidenheit reine Koketterie war. In wenigen Minuten hat Saif al Islam sein über Jahren sorgsam gepflegtes Image vom moderaten und vernünftigen Gaddafi vernichtet. «Wir werden kämpfen bis zum letzten Mann, ja bis zur letzten Frau», sagte er im Februar im TV, als der Arabische Frühling auch in Libyen erste Früchte zu tragen begann und sich Rebellen gegen die brutale, 42 Jahre dauernde Herrschaft von «Colonel Gaddafi» formierten. «Wir werden sie alle ausrotten!»

In den letzten Wochen ging die Metamorphose von Saif al Islam weiter. War er bislang für ein säkulares Libyen eingestanden und immer sauber rasiert in die Öffentlichkeit getreten, lässt er sich neuerdings einen Bart wachsen und hantiert mit radikalislamischer Rhetorik. Während seines verwirrenden Quartierrundgangs am 23. August trug er Vollbart und Tarnkleider.

Der einstige Diplomat Saif al Islam ist Kämpfer geworden – Führer. Wie sein Vater pflegt auch er die Kunst, aus dem Nichts wiederaufzutauchen. Nun fragt die ganze Welt nach dem Vater Muammar Gaddafi. Sie würde besser nach dem Sohn fragen. Denn der junge Mann, der auf wundersame Weise den wieder Rebellen entkam, ist der bessere Gaddafi: ebenso brutal und machtbewusst, aber eloquenter und opportunistischer.

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