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Editorial: Das Ausbildungsprinzip

Editorial: Das Ausbildungsprinzip
Wer eine Berufslehre macht, lernt etwas, das er im Arbeitsalltag brauchen kann. In dieser Beziehung kann die Hochschule viel von der Lehre lernen.
Von Lukas Egli
Haben Sie gewusst, dass Universitätsabgänger ihr akademisches Wissen im Berufsleben oft gar nicht brauchen? Zum Beispiel Ursula: Sie ist Biologin, spezialisiert in Zoologie, Fachbereich Verhaltensforschung, stolze Besitzerin eines Abschlusses der Universität Zürich. Sie hat, erklärte sie einmal lachend bei Tisch, das in neun langen Semestern angeeignete Fachwissen nicht ein einziges Mal während ihrer Laufbahn eingesetzt.
Anders sieht das bei der «simplen» Berufslehre aus: Das duale Modell, bei dem die Lehrlinge am Arbeitsplatz und in der Schule ausgebildet werden, ist stark auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts ausgerichtet. Es bietet ein breites und durchlässiges Berufs- und Leistungsspektrum, ist weitgehend selbsttragend und bildet, dafür sorgen gewinnorientierte Lehrmeister, nur diejenigen aus, bei denen die Chance besteht, dass sie ihr Wissen eines Tages auch einsetzen werden. Fragen Sie einmal in einem Lehrbetrieb nach, was sie von denjenigen halten, die nicht mindestens ein paar Jahre auf ihrem Beruf arbeiten. Oder die Lehre abbrechen.
Bei der Universität ist ein effektiver Nutzen oft nicht vorgesehen – Hauptsache Studium. Praktische Fertigkeiten holt man sich anderswo. Ursula zum Beispiel hat nach der Uni ein Redaktionsvolontariat bei einer Zeitschrift gemacht und ist dank einer Ausbildung «on the job» Journalistin geworden. In der Medien branche ist ein Universitätsabschluss immer gern gesehen, in manchen Verlagen sogar ein Muss. Nichts gegen Forschung und Lehre und die Anleitung zum selbständigen und vernetzten Denken – aber wofür eigentlich all das Studieren, wenn die Diplome fürs Berufsleben dann doch nicht taugen?
Da kann man diejenigen, die sich nach den neun obligatorischen Schuljahren sagen: «Weiter in die Schule gehen? Ganz sicher nicht!», nur ermutigen. Geht! Lasst euch von einem guten Lehrmeister etwas Anständiges beibringen! Und setzt das Erlernte ein! Wenn es sein muss bei der Konkurrenz. Aber Achtung: Ohne ein Minimum an schulischer Bildung geht heute nichts mehr.

© NZZ Folio, 7. September 2009

Wer eine Berufslehre macht, lernt etwas, das er im Arbeitsalltag brauchen kann. In dieser Beziehung kann die Hochschule viel von der Lehre lernen.

Von Lukas Egli

Haben Sie gewusst, dass Universitätsabgänger ihr akademisches Wissen im Berufsleben oft gar nicht brauchen? Zum Beispiel Ursula: Sie ist Biologin, spezialisiert in Zoologie, Fachbereich Verhaltensforschung, stolze Besitzerin eines Abschlusses der Universität Zürich. Sie hat, erklärte sie einmal lachend bei Tisch, das in neun langen Semestern angeeignete Fachwissen nicht ein einziges Mal während ihrer Laufbahn eingesetzt.

Anders sieht das bei der «simplen» Berufslehre aus: Das duale Modell, bei dem die Lehrlinge am Arbeitsplatz und in der Schule ausgebildet werden, ist stark auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts ausgerichtet. Es bietet ein breites und durchlässiges Berufs- und Leistungsspektrum, ist weitgehend selbsttragend und bildet, dafür sorgen gewinnorientierte Lehrmeister, nur diejenigen aus, bei denen die Chance besteht, dass sie ihr Wissen eines Tages auch einsetzen werden. Fragen Sie einmal in einem Lehrbetrieb nach, was sie von denjenigen halten, die nicht mindestens ein paar Jahre auf ihrem Beruf arbeiten. Oder die Lehre abbrechen.

Bei der Universität ist ein effektiver Nutzen oft nicht vorgesehen – Hauptsache Studium. Praktische Fertigkeiten holt man sich anderswo. Ursula zum Beispiel hat nach der Uni ein Redaktionsvolontariat bei einer Zeitschrift gemacht und ist dank einer Ausbildung «on the job» Journalistin geworden. In der Medien branche ist ein Universitätsabschluss immer gern gesehen, in manchen Verlagen sogar ein Muss. Nichts gegen Forschung und Lehre und die Anleitung zum selbständigen und vernetzten Denken – aber wofür eigentlich all das Studieren, wenn die Diplome fürs Berufsleben dann doch nicht taugen?

Da kann man diejenigen, die sich nach den neun obligatorischen Schuljahren sagen: «Weiter in die Schule gehen? Ganz sicher nicht!», nur ermutigen. Geht! Lasst euch von einem guten Lehrmeister etwas Anständiges beibringen! Und setzt das Erlernte ein! Wenn es sein muss bei der Konkurrenz. Aber Achtung: Ohne ein Minimum an schulischer Bildung geht heute nichts mehr.

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Das Risikopapier

Das Risikopapier
Das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis gewährleistet einen soliden Karrierestart, zahlreiche Auf- und Umstiegsmöglichkeiten – und hat dennoch einen zweifelhaften Ruf. Zu Recht?
Von Lukas Egli
Sohn, du sollst es einmal besser haben! Es ist dieser elterliche Auftrag, der uns nach oben streben lässt: im Betrieb, in der Gesellschaft, im Leben – das Ziel ist, den Vater zu übertreffen. Wo dieser Weg durchführt, ist klar: über eine höhere Bildung. Die Kehrseite dieses Vaterkomplexes ist, dass viele meinen, dass am Gymnasium gescheitert sei, wer eine Lehre mache. So gerät unversehens nicht nur ein Berufsstand oder eine Branche, sondern die Hälfte aller Werktätigen in Verruf: Knapp 50 Prozent aller Schweizer im Alter zwischen 25 und 65 Jahren verfügen «nur» über ein Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ), das man mit der Berufslehre erwirbt – nach obiger Lesart ein quasi wertloses Papier.
Das ist natürlich Unsinn. Das Schweizer Berufsbildungssystem ist ein Erfolgsmodell, das international viel Anerkennung erfährt. Noch immer entscheiden sich mehr als zwei Drittel aller Jugendlichen für den soliden Weg einer Berufslehre; laut Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) stehen 200 000 Lehrlinge in der beruflichen Grundbildung, jedes Jahr werden 60 000 Fähigkeitszeugnisse vergeben. Zu Recht, wie Statistiken eindrücklich belegen: Was die Arbeitsmarktintegration Jugendlicher angeht, belegt die Schweiz einen Spitzenplatz. Sie weist mit 4,1 Prozent (Staatssekretariat für Wirtschaft, Juni 2009) eine der tiefsten Jugendarbeitslosigkeitsquoten auf; in Deutschland liegt sie bei 10,5 Prozent, in Grossbritannien bei 17,9, in Frankreich bei 22,3, in Italien bei 24,9. Europäischer Spitzenreiter ist Spanien mit 33,6 Prozent (Eurostat, 2009).
Auch was die Berufsperspektiven angeht, scheint unser Modell vorbildlich zu sein: Über 200 Lehrberufe stehen den angehenden Fachkräften zur Wahl. An die drei bis vier Jahre dauernde berufliche Grundbildung schliesst nahtlos die höhere Berufsbildung mit knapp 400 höheren Fachprüfungen an, in der berufsspezifische Qualifikationen erlangt werden können und auf Führungsfunktionen vorbereitet wird. Hier werden die Lehrmeister der Zukunft geformt, die neuen Träger des Zunfterbes. Die im Jahr 1994 eingeführte Berufsmaturität öffnet zudem den direkten Zugang zu Fachhochschulen. Mit einem zusätzlichen Schuljahr und einer eidgenössischen Maturitätsprüfung ist es den Lehrlingen mit einer Berufsmatur heute sogar möglich, ein Universitätsstudium aufzunehmen. Diese sogenannte Passerelle ist der Königsweg – hier ist Heinrich Pestalozzis Forderung nach Bildung mit «Kopf, Herz und Hand» erfüllt. In Sachen Durchlässigkeit und Fachkompetenz der Lehrabgänger gilt das Schweizer System weltweit als beispiellos.
Dennoch geniesst die Berufslehre in der Schweiz selbst einen schlechten Ruf. In den Städten, vor allem aber in der französischen und der italienischen Schweiz, ist es mit dem Ansehen der Lehrlinge nicht weit her. «Ils sont nuls», titelte 2005 das Westschweizer Wirtschaftsmagazin «Bilan» und erklärte auf einem Halbdutzend Seiten, warum die Patrons bald keine Lehrlinge mehr wollen. Die Titelgeschichte formulierte in deutlichen Worten, was in besseren Kreisen in der französischen Schweiz längst feststand: Wer heute eine Berufslehre macht, ist entweder etwas dumm oder war in der Schule nicht fleissig genug – und lehnt sich in der Lehre zurück. Die Lehrlinge, ein faules Pack. Das Westschweizer Bildungssystem ist vom elitären Frankreich geprägt. Da fällt Handwerk auf keinen goldenen Boden.
Doch auch in Deutschschweizer Agglomerationen müssen sich Mittelstandseltern rechtfertigen, wenn es ihr Nachwuchs nicht aufs Gymnasium schafft. Es ist keine Überraschung, dass die Maturitätsquote in der Zürcher Goldküstengemeinde Erlenbach bei 50 Prozent liegt; der Vorstadtschulkreis Wallisellen und die Oberländergemeinde Wald bilden mit 6 beziehungsweise 8 Prozent das düstere kantonale Schlusslicht. Ein Banquierssohn, der Verkäufer wird? Eine Arzttochter, die Flachmalerin lernt? Undenkbar! Das Schweizer Berufsbildungssystem mag zwar gut sein, aber nicht gut genug für die eigenen Kinder. Sohn, du sollst es einmal besser haben – auf einem gewissen Niveau wird die Vorgabe anspruchsvoll.
Gegen das latent schlechte Image der Berufsbildung kämpft das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie mit allen Mitteln an – einigermassen erfolglos. In gut gemachten und verständlichen Broschüren mit eingängigen Titeln («Der Weg der Profis») verbreitet es die Kunde vom erfolgreichen und zukunftsträchtigen Weg «für eine erfolgreiche Karriere». «Die Schweiz ist Berufsweltmeisterin – in diversen Branchen», lobt Volkswirtschaftsministerin Doris Leuthard im Vorwort. Schweizer Berufsleute seien weltweit begehrt. «Unser duales Berufsbildungssystem ermöglicht vielfältige Bildungsmöglichkeiten, Karriereperspektiven und berücksichtigt die Bedürfnisse der Betriebe und des Arbeitsmarktes.» Es ist das Mantra der eidgenössischen Bildungspolitiker.
Doch stimmt’s wirklich? Ein Ketzer, wer es hinterfragt.
Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass das Schweizer Berufsbildungssystem geprägt ist von immensen Unterschieden. So bewegt sich ein angehender Feinmechaniker bei einem international tätigen Hightechkonzern wie ABB oder ein Banklehrling bei der Grossbank UBS in einem hochkompetitiven, innovativen Arbeitsumfeld. Während ein Kellner, heute «Gastrofachmann» genannt, Bauer, pardon: «Agrarpraktiker», oder Metzger in ein traditionelles, kleingewerbliches Umfeld eintritt, das je nach Region und Betrieb noch genauso funktioniert wie vor hundert Jahren – Berufsfelder, die von allen Reformen der letzten Jahre unberührt geblieben sind und die trotz «modernen» Berufsbezeichnungen kaum Anschlussmöglichkeiten bieten.
«Das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis ist ein ausserordentlich grobes Etikett», findet Thomas Meyer. Der Berner Soziologe ist Co-Leiter von TREE (Transitions from Education to Employment), einem Langzeitforschungsprojekt, das den Übergang Jugendlicher von der Ausbildung in die Arbeitswelt begleitet. «Der Titel ‹Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis› suggeriert, dass es sich bei den verschiedenen Berufen um ein Zertifikat von gleicher Ordnung handelt», sagt Meyer. «Zu Unrecht.» Beim EFZ handle es sich vielmehr um eine Art Berufszulassung, welche die effektive Qualität der Ausbildung nur teilweise widerspiegle.
Dass der Arbeitsmarkt die EFZ-Inhaber gut absorbiere, sei noch kein Qualitätsmerkmal, sagt Meyer. «Man müsste untersuchen, wer sich mit welcher Ausbildung wie auf dem Markt behaupten kann, wenn sich das Berufsumfeld verändert», sagt er. Viele Berufsbilder seien schon seit Jahren stark im Wandel begriffen. Die Frage sei, wie und ob sich die Leute überhaupt umschulen und weiterbilden liessen. Die Fragestellung ist keine rhetorische: Zur Weiterbildungsfähigkeit ehemaliger Lehrlinge existieren überaus beunruhigende Indizien. Zum Beispiel in einer brisanten, aber weitgehend unbeachteten Sonderauswertung der Volkszählung 2000 von Jean-Marc Falter und Cyril Pasche von der Universität Genf aus dem Jahr 2007. Die ALL-Studie (Adult Literacy and Life Skills Survey) wurde in fünf Ländern durchgeführt (in Kanada, den USA, Italien, auf den Bermudas, im mexikanischen Teilstaat Nuevo León und in der Schweiz), sie gilt als Pisa-Studie der Erwachsenen. Die Erhebung zeigt unter anderem, dass Berufsleute mit EFZ in zentralen allgemeinbildenden Fertigkeiten wie «Literacy» – also in der Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben und auch zu verstehen – nur unwesentlich besser abschneiden als solche, die gar keinen Abschluss gemacht haben. Gemäss Falter und Pasche müssen 40 Prozent aller Schweizer Werktätigen als «inadäquat» gebildet für ihre Tätigkeit bezeichnet werden. Das Phänomen, so schreiben die Forscher weiter, betreffe vor allem Arbeitnehmer mit mittlerer Berufsbildung, solche, die Ausbildungen mit fachspezifischem Fokus und wenig Grundwissen gemacht haben, kurz: Arbeitskräfte mit EFZ.
«Die Pisa-Studie kennt Wertungsstufen von 1 bis 5; wer unter einer 2 liegt, wird als ‹nicht weiterbildungsfähig› betrachtet», so Meyer. In der Schweiz liege die Quote der funktionalen Analphabeten bei 15 bis 20 Prozent. Es stellt sich die Frage, wie diese Bildungsschwachen ein Zertifikat erlangen, das sie laut «Pisa» nicht schaffen können. Oder andersherum: Was ist ein Zertifikat wert, wenn selbst funktionale Analphabeten es erhalten? Da bekommt die stolze Lehrabschlussquote von 90 Prozent, die das BBT gern ins Feld führt, plötzlich einen seltsamen Beigeschmack. «Das ist eine bildungspolitische Zeitbombe», konstatiert Meyer, «die noch nicht einmal entdeckt worden ist.»
Die hohe Durchlässigkeit des Schweizer Berufsbildungssystems, schreibt Bundesrätin Doris Leuthard, sorge dafür, dass die Fachkräfte «in allen Abschnitten des Berufslebens ihre Karriere individuell und den eigenen Fähigkeiten entsprechend planen können». Tatsächlich?
Für diesen Eifer auf höchster Ebene gibt es noch einen anderen Grund: Das duale Modell der Schweiz, bei dem Auszubildende zugleich am Arbeitsplatz und in der Schule ausgebildet werden, ist international – wie könnte es anders sein – ein Sonderfall. Einzig unsere nächsten, gleichsprachigen Nachbarn Deutschland und Österreich kennen ein ähnlich praxisorientiertes Ausbildungssystem. Lateinischsprachige Länder wie Italien, Frankreich, Portugal und Spanien sowie Skandinavien und der ganze angelsächsische Raum sind fest in der Hand der Akademiker. Die EU wie die USA setzen bei der Berufsbildung auf ein vollschulisches Modell. Die Schweiz steht mit ihrer Berufsbildung allein da und gerät in Zeiten der Globalisierung, in der die Arbeitskräfte immer mehr darauf angewiesen sind, dass ihre Diplome auch jenseits der Grenze anerkannt werden, in die Defensive. Zwar schauen die anderen mitunter sehnsüchtig auf die Erfolge der Arbeitsintegration des germanischen Modells, schütteln aber ob der gymnasialen Maturitätsquote der Schweiz, die mit 19,7 Prozent (2008) etwa auf dem Niveau der Türkei liegt, nur den Kopf. Es fehlt ihnen am tieferen Verständnis für unsere Ausbildungstradition. Der Boss – mein Lehrer und Ausbilder? No thanks!
Die jüngste OECD-Studie attestiert dem System mittlerweile zwar «umfassende Qualitätskontrollen»; der erste Bericht 1991 war noch vernichtend ausgefallen. Die Qualitätskontrolle verlaufe, so heisst es in der Studie «Learning for Jobs» vom April 2009, auf konstruktive Art und Weise, indem die Berufsfachschulen mittels Fragebogen evaluieren, wie Lehrbetriebe und Lernende die Qualität ihrer Leistungen beurteilen. Die Autoren empfehlen der Schweiz aber, die Stärken ihres Systems aktiv zu fördern. «Dazu braucht es aussagekräftige Daten und Analysen.» Vor allem die Berufswahl sehen die Experten kritisch: «Der Anteil von Lehrabgängern, die in ihrem erlernten Beruf arbeiten, sank von 49,5 Prozent im Jahr 1970 auf 35,5 Prozent im Jahr 2005.» Auch wenn man die Veränderung des Tätigkeitsbereichs als Flexibilität werten könne, sei der nahtlose Übergang von der Ausbildung zu einer Arbeitsstelle wünschenswert.
Mit der Forderung, die Schweiz solle die Stärken ihres Systems besser fördern, legen die OECD-Experten den Finger auf einen wunden Punkt. «Die Schweiz könnte ein bildungspolitisches Labor sein», ist Meyer überzeugt. Es vereine Einflüsse der Bildungsräume Frankreichs, Italiens und Deutschlands. Leider schaffe es die Schweiz nicht, dieses Spannungsverhältnis produktiv zu nutzen. «Die Annäherung müsste in beide Richtungen erfolgen», sagt Meyer: Die Berufsbildung müsse schulischer werden, mehr Allgemeinbildung wie Sprachen und Mathematik fördern, Universitäten und Hochschulen hingegen müssten näher an die Praxis rücken. «Das würde uns die akademische Praxisferne, die in vielen Ländern Europas ein grosses Problem ist, ­ersparen», sagt er. «Die Praxiskultur ist ja dank der Berufs bildung vorhanden.» Diese Vision sieht Meyer in Berufs bildungssegmenten wie den kaufmännischen, den Informatik- und den technisch-industriellen Berufen mit ihren Möglichkeiten, an Hochschulen überzutreten, schon fast realisiert.
Der Trend indes läuft in die entgegengesetzte Richtung, auch in der Schweiz: Wegen der Bologna-Reform spielen sich die Fachhochschulen mittlerweile vielerorts wie kleine Universitäten auf. Die einst für ihren Praxisbezug hochgelobten Höheren Technischen Lehranstalten (HTL), Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschulen (HWV) sowie Höheren Fachschulen für Gestaltung (HFG) nähern sich immer mehr den universitären Hochschulen an. Mit den entsprechenden Folgen für Lehrplan und Gewichtung: Die Studiengänge werden akademischer, die praktischen Teile geraten unter Druck. Statt ihre Stärke auszuspielen, geben die Fachhochschulen sie kampflos preis.
Völlig vergessen geht in der Diskussion um die Ausrichtung der höheren Berufsbildung, dass es neben «Bologna» auch ein «Kopenhagen» gäbe. So heisst der Reformprozess der EU im Bereich der Berufsbildung, der zusammen mit «Bologna» zum Ziel hat, die EU zum «wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt» zu machen, wie es die Lissabon-Agenda im Jahr 2000 formulierte. Die Stichworte dazu lauten: Durchlässigkeit, Transparenz, Mobilität. Zwar nimmt die Schweiz auf «Expertenebene» am Kopenhagen-Prozess teil, doch findet er im Gegensatz zur Bologna-Reform weder in der Verwaltung noch in der Öffentlichkeit wirklich statt.
Die Schweiz ist die einzige Gesellschaft weltweit, die die erste nachobligatorische Bildung der Bevölkerungsmehrheit dem freien Markt überlässt. Sie sollte darum genau beobachten, wo die Entwicklung hinführt. «Die Schweiz ist Berufsweltmeisterin – in diversen Branchen», schwärmte Volkswirtschaftsministerin Doris Leuthard. «Schweizer Berufsleute sind weltweit begehrt.» Stimmt – noch. Warum das selbsternannte Mutterland der Berufsbildung nicht aktiver an der Berufsbildung der Zukunft mitarbeitet, ist ein Rätsel.
Mein Sohn, du sollst es einmal besser haben! Darum wisse: Auch der Weg der Profis birgt gewisse Risiken.

© NZZ Folio, 7. September 2009 (PDF)

Das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis gewährleistet einen soliden Karrierestart, zahlreiche Auf- und Umstiegsmöglichkeiten – und hat dennoch einen zweifelhaften Ruf. Zu Recht?

Von Lukas Egli

Sohn, du sollst es einmal besser haben! Es ist dieser elterliche Auftrag, der uns nach oben streben lässt: im Betrieb, in der Gesellschaft, im Leben – das Ziel ist, den Vater zu übertreffen. Wo dieser Weg durchführt, ist klar: über eine höhere Bildung. Die Kehrseite dieses Vaterkomplexes ist, dass viele meinen, dass am Gymnasium gescheitert sei, wer eine Lehre mache. So gerät unversehens nicht nur ein Berufsstand oder eine Branche, sondern die Hälfte aller Werktätigen in Verruf: Knapp 50 Prozent aller Schweizer im Alter zwischen 25 und 65 Jahren verfügen «nur» über ein Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ), das man mit der Berufslehre erwirbt – nach obiger Lesart ein quasi wertloses Papier.

Das ist natürlich Unsinn.

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«Dummes Prestigedenken»

«Dummes Prestigedenken»
Rolf Dubs kämpft seit Jahren für die bessere Akzeptanz der Berufslehre. Er erklärt, warum ein guter Liftmonteur bald mehr verdient als ein Universitätsprofessor.
Von Lukas Egli und Andreas Heller
Herr Professor Dubs, was würden Sie lernen, wenn Sie noch einmal von vorn beginnen könnten?
Ich würde wieder Hochschullehrer werden, und zwar auf dem gleichen Weg, den ich beschritten habe: Ich würde erst an möglichst vielen Schulen unterrichten, um die Praxis kennenzulernen, und mich erst später primär mit der Wissenschaft beschäftigen. Ich hatte ein gutes Leben und sehe keinen Grund, etwas anders zu machen.
Könnte man diesen Weg noch so beschreiten?
Nein, das ist vorbei. An den Universitäten geht vieles in die falsche Richtung. Man ist heute sehr auf Grundlagenforschung fixiert und übernimmt immer mehr die US-Doktrin, dass man möglichst viele Artikel in A-Journals publiziert haben muss, um Professor zu werden. Wer das nicht nachweisen kann, hat keine Chance. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Wer einen Lehrstuhl im Bereich Pädagogik hat, sollte vorher auf dieser Stufe unterrichtet haben. Nur so kann verhindert werden, dass Pädagogik und Schulalltag noch mehr auseinanderklaffen.
Was haben Ihre Kinder gelernt?
Die älteste Tochter ist Handelslehrerin an der kantonalen Berufschule. Der Sohn ist Jurist, er arbeitet in einer Zürcher Anwaltskanzlei. Die jüngste Tochter machte zuerst eine Tourismusfachschule und schliesst gerade ein Zweitstudium ab.
Also sind alle Akademiker?
Die älteste Tochter machte zuerst das Handelsdiplom. Ich fand das gut. Doch sie wollte an die Universität. Auch die Jüngste wollte nach der Fachhochschule an die Uni. Ich unterstützte das natürlich. Aber ob Berufsschule oder Matura war für mich nie entscheidend.
Kann man heute ohne Matura überhaupt noch etwas «Rechtes» werden?
Da beobachten wir in der Tat eine gefährliche Entwicklung. Politiker vergleichen gerne Maturaquoten: Sie verweisen auf Spanien oder Frankreich mit einer Quote von 75 Prozent, während die Schweiz eine Quote von nur 20 aufweist. Wir hätten Nachholbedarf, sagen sie. Dabei ist unser Problem nicht der Akademikermangel, sondern die Unausgeglichenheit in der Erwerbsstruktur: Gewisse Branchen und Sektoren haben enorme Überschüsse, bei anderen, bei den Ingenieuren zum Beispiel, herrscht Mangel. Uns fehlen vor allem qualifizierte Facharbeiter.
Dennoch ist die Meinung weit verbreitet, wer eine Lehre mache, habe es nicht ans Gymnasium geschafft.
Das ist dummes Prestigedenken. Schauen Sie, wie viele Juristen und Psychologen wir ausbilden – wo sollen die alle eine ihrer Ausbildung entsprechende Arbeit finden? Das gilt auch für die Hochschule St. Gallen: Viele HSG-Absolventen glauben, sie stünden vor einer Wahnsinnskarriere. Dem ist nicht so! Ich frage mich, ob die HSG-Absolventen, die als Kreditsachbearbeiter im mittleren Kader einer Bank hängenbleiben, zufriedener sind als ein Konditor mit eigenem Laden. Ich liess eine Dissertation über die Beweggründe für ein Hochschulstudium schreiben. Die Hauptmotive sind das Prestige und der Glaube, das Diplom öffne Tür und Tor. Das geht durch alle Schichten: Ich sprach einmal an der Generalversammlung des Metzgermeisterverbandes. Man kritisierte mich, weil ich mich für die Förderung von Universitäten ausgesprochen hatte. Da fragte ich: Wessen Kinder machen noch eine Metzgerlehre? Aus 120 Teilnehmern waren es gerade noch deren 3.
Was müsste man tun, um das Ansehen der handwerklichen Berufe wieder zu verbessern?
Wenn ich darauf eine Antwort wüsste, hätte ich schon viel darüber geschrieben. Das Ansehen wird erst wieder steigen, wenn die Erwerbsstruktur, angetrieben durch die Rezession und eine rückläufige demographische Entwicklung, noch mehr aus dem Lot gerät. In den USA gibt es bereits handwerkliche Berufe, denen es massiv an qualifiziertem Personal fehlt. Nicht ohne Folgen: Ein guter Liftmonteur verdient dort so viel wie ein Professor an einer mittleren Universität. Dieser Trend wird auch zu uns kommen.
Das klingt nach Wunschdenken. Der Trend geht doch gerade in die andere Richtung: Auch die Berufsbildung wird immer mehr verschult.
Das stimmt. Und auch hier spielt Prestigedenken eine grosse Rolle, diesmal das der Lehrmeister. Sie sagen: Wir nehmen keine Schüler mehr aus der Realschule, und bauen Hindernisse – obwohl gerade Realschüler zum Teil hervorragende Voraussetzungen für gewisse Berufe mitbringen.
Heute braucht ja selbst die Kindergärtnerin eine Matura.
Einer meiner Enkel veranstaltete kürzlich eine Kinderparty und sagte, er habe auch seine Kindergärtnerin eingeladen. Ich dachte: An ihrem freien Samstag kommt die bestimmt nicht an eine Kinderparty. Doch sie kam und sagte: «Wissen Sie, ich wäre nie Kindergärtnerin geworden, wenn ich dafür eine Matura gebraucht hätte, ich war ja so schlecht in Mathematik.» Eine Kindergärtnerin, die an einem freien Tag an einen Kindergeburtstag geht – ein solches Engagement ist doch wichtiger für diesen Beruf als eine Matur! Aber da geht es um Lohnfragen. Mit einer längeren Ausbildung glaubt man, höhere Löhne erwirken zu können.
Wie kann man diesem Trend entgegenwirken?
Das duale Modell muss attraktiver werden. Dafür sollten gewisse Strukturen überdacht werden. Statt vier Tage im Betrieb und ein Tag in der Schule sollte man die Aufteilung von Praxis und Theorie flexibler gestalten. Im Druckgewerbe weiss man im ersten Lehrjahr oft nicht, was mit den Lehrlingen anfangen, weil die Maschinen so komplex sind. Es wäre besser, diese Lehrlinge ein Jahr zur Schule zu schicken, damit sie im zweiten Lehrjahr richtig eingesetzt werden können. Aber grundsätzlich sollte man eine gewisse Akademisierung nicht verteufeln: Grundwissen ist zentral. Aber die Theorie darf nicht zum Selbstzweck werden.
Einem Franzosen würde diese Diskussion absurd vorkommen – in unseren lateinischen Nachbarländern gibt es keine Berufslehre. Nur Deutschland und Österreich kennen ein ähnliches Modell. Warum eigentlich?
Das hat viel mit Tradition zu tun. Bei uns überlegt sich jeder Lehrmeister, ob er Lehrlinge ausbilden soll oder nicht. Länder wie China interessieren sich zwar für das Schweizer Berufsbildungssystem, haben aber Mühe, es zu verstehen, weil ihnen diese Tradition fehlt. Auch England macht Versuche in unsere Richtung, scheitert aber an Betriebsstrukturen und Vorurteilen. Kommt hinzu, dass das duale Modell von vielen EU-Funktionären abgelehnt wird. Der erste OECD-Bericht über das Schweizer Bildungswesen bewertete unser System extrem schlecht.
Der Bericht bezweifelte die Nachhaltigkeit des Modells und bezeichnete die Ausbildung als zweitklassig.
Das war nicht verwunderlich: Der französische Soziologe, der unser Kapitel verfasst hatte, kannte das System nicht. Er hat es durch seine akademische Brille betrachtet. Der österreichische Experte hat den Bericht deshalb nicht unterzeichnet. Die Studie hätte nicht erscheinen dürfen.
Dennoch: Welches System ist denn nun besser, das duale oder das vollschulische?
Neuste Studien zeigen, dass weder das eine noch das andere generell besser ist. Wenn man auf die Berufsfertigkeiten, den Umgang mit Kunden und die Teamfähigkeit abstellt, schneidet das duale System klar besser ab. Das vollschulische System hat Vorteile in Theorie und Weiterbildung. Es kommt also darauf an, welche Ziele man hat. Ich gehöre zu jenen, denen das erste Ziel wichtiger ist. Den andern sage ich: Geht in die USA und schaut, was ein amerikanischer Monteur für euch tut, wenn die Klimaanlage ausfällt. Wenn wir davon ausgehen, dass eine zukunfts orientiere Wirtschaft gute Facharbeiter benötigt, dann gibt es nichts anderes als das duale System.
Aber auch im dualen Modell steht nicht alles zum besten. Zwischen den Branchen gibt es grosse Unterschiede. Es gibt welche, die Aufstiegschancen anbieten…
Für die Ausbildung von Lehrlingen gibt es zwei Strategien: Die einen bilden Lehrlinge aus, um Arbeitskräfte zu haben – die Metzger, Maurer, Spengler. Hier hat die Lehre Produktionsfunktion. Dann gibt es Branchen, die einen guten Nachwuchs nachziehen wollen – die Drucker, Informatiker, Polymechaniker. Hier hat die Lehre Innovationsfunktion. Blöd ist nur, dass die Berufe mit der Produktionsfunktion viel mehr Lehrlinge ausbilden als die anderen.
Ist es nicht unsinnig, dass ein Metzger gleich lang in die Lehre muss wie ein Drucker?
Doch, da müsste man klarer differenzieren. Aber wo die Produktionsfunktion im Vordergrund steht, will man eben eine lange Lehrzeit, um von den Auszubildenden als Arbeitskräften zu profitieren.
Lehrlinge als billige Arbeitskräfte?
Klar. Die Lehrlingsausbildung kostet nicht nur. Studien zeigen, dass Lehrbetriebe in gewissen Branchen auch profitieren. Allerdings sind die Unterschiede von Branche zu Branche und von Betrieb zu Betrieb sehr gross.
Oft hört man, es gebe zu wenig Lehrstellen. Braucht es mehr Lehrstellenförderung?
Das Problem wird überschätzt. Zwar besteht die Gefahr, dass bei schlechter Konjunktur weniger Lehrlinge eingestellt werden, aber bis anhin ist es der Schweiz immer gelungen, mit Aktionen und Appellen zusätzliche Angebote zu erwirken, so dass man nicht von einem Lehrstellenmangel sprechen kann. In den entsprechenden Statistiken sind auch jene enthalten, die gar keine Lehrstelle suchen, weil sie zum Beispiel ein Zwischenjahr machen. Es ist vielmehr so, dass wir langfristig wegen der demographischen Entwicklung nicht alle Lehrstellen werden besetzen können.
Das Bildungswesen ist seit Jahren eine permanente Baustelle. Was haben Reformen wie «Bologna» gebracht?
Es ist erwiesen, dass äussere Schulreformen wie «Bologna» weniger bringen als innere. Gute Bildungspolitik konzentriert sich auf die Verbesserung des Unterrichts. Aber damit kann man sich nicht profilieren, weshalb alle auf äussere Reformen setzen. Ob die gut oder schlecht sind, kann man nicht generalisieren. Doch je mehr man aus einer Gegenposition zum Bestehenden operiert, desto fragwürdiger wird es. Im Zentrum sollte immer die Frage stehen: Was hat sich bewährt, was muss verbessert werden?
Ist die Vergleichsstudie «Pisa» dazu ein guter Ratgeber?
Es ist richtig, einmal zu prüfen, welche Resultate Bildung wirklich bringt. Ich war als Lehrer mein Leben lang im Blindflug – ich wusste nie, wie gut oder schlecht der Unterricht war, es gab keine Daten. Die Frage ist nur, was man mit den Daten macht. Diejenigen, die gerne mit der Pisa-Studie argumentieren, wissen oft nicht, dass sie drei Phasen kennt: Datenerhebung, Auswertung, Ableitung von Massnahmen. Dafür brauchte es zwei, drei Jahre Forschung. Die Politiker wollen aber nicht warten, sie publizieren lieber unsinnige Ranglisten, die dazu verleiten, alles auf den Kopf zu stellen – obwohl die Aussagekraft der nackten Daten sehr beschränkt ist. Bis heute weiss niemand, was man vom Ranglistenersten Finnland übernehmen müsste.
Immerhin, die europaweiten Bildungsreformen ermöglichen es den Studenten, freier die Universität zu wechseln.
Die Idee der Freizügigkeit für Studenten war gut, sie gab wichtige Anstösse. Aber «Bologna» wird bei weitem nicht das bringen, was die Politiker sich versprachen – zumal nun jede Universität wieder eigene Vorschriften erlässt.
Wo würden Sie ansetzen?
Mein dringlichstes Anliegen war immer, die Lehrer aus ihrer Einseitigkeit herauszuführen. Alle kämpfen heute gegen den «schlechten» Frontalunterricht; man müsse neue Unterrichtsformen finden, sagt man. Dabei nutzt ein guter Lehrer viele Methoden, je nach Voraussetzung und Ziel. Der Frontalunterricht ist eine wichtige Grundlage. Schüler brauchen Anleitung, um selbständig zu arbeiten. Weiter finde ich, dass die Lehrer mehr auf die Schüler eingehen sollten. In den USA spricht man von «Caring». Und man sollte endlich die 68er vergessen und wieder mehr auf Ordnung setzen und klarere Anforderungen stellen.
In der Mittelstufe, so unser Eindruck, wird immer mehr nivelliert – nach unten. Stimmt das?
Das ist sogar erwiesen. Im Nivellieren steckt der Wunsch nach Chancengleichheit. Utopisten meinen, dass alle ans Gymnasium müssten. Doch wenn immer mehr schwache Schüler in die höchste Stufe kommen, sinkt das Niveau.
Der Zürcher Geschichtsprofessor Philipp Sarasin schrieb neulich in der NZZ am Sonntag: «Lieber ein schlechter Gymnasiast als ein guter Sekundarschüler!»
Diese These halte ich für gefährlich. Die heutige Universität steht in einem internationalen Konkurrenzkampf; sie muss Spitzenleute ausbilden. Wenn wir Heerscharen von Studierenden mitziehen, die nur knapp mitkommen, wird der Unterricht herabgestuft. Dann bekommen die Spitzenkräfte zu wenig Förderung. Wenn die HSG nur halb so viele Studenten hätte, wäre sie eine bessere Universität.
Sind die Studenten von heute eigentlich dümmer oder gescheiter als früher?
Seit Jahren sind Forscher dieser Frage auf der Spur. Empirisch kann man sie nicht beantworten, die Resultate sind zu widersprüchlich. Ein deutscher Professor schrieb dazu: «Wir werden nie zu einer eindeutigen Aussage kommen, weil immer ein unheimlicher Verklärungseffekt mitspielt.» Jede Generation hält das für wichtig, was sie gelernt hat. Ich beherrsche den französischen Subjonctif noch heute besser als meine Kinder. Dafür schlagen mich Drittklässler am Computer. Ich glaube, die Studenten sind nicht insgesamt schlechter geworden, aber die Streuung ist breiter.
Alle müssen immer besser werden. Ist die permanente Weiterbildung das Dogma der Neuzeit?
Zweifellos. Die Weiterbildung ist ein Riesengeschäft geworden, mit zum Teil absurden Folgen. Ich liess eine Dissertation schreiben über den Nutzen von Weiterbildungskursen im Marketing. Das Resultat: Nur wenn der Chef Interesse am Gelernten zeigte, brachten die Kurse etwas. Wenn sich Vorgesetzte nicht interessierten, war der Effekt gleich null: aus dem Fenster geworfenes Geld.
Nun haben wir viel über die schulisch Starken gesprochen. Ungelöst ist der Umgang mit den Lernschwachen.
Es ist eine Tatsache, dass Kinder aus unteren sozialen Schichten und schlecht integrierten Migrantenfamilien Bildungsdefizite haben. Diese Defizite muss man früh angehen, möglichst schon im Kindergarten oder in der Primarschule. Nachher ist es zu spät. Dieses Problem lässt sich nicht über die Berufsbildungspolitik lösen.
Sie meinen, die Attestausbildung ist keine Lösung?
Ich bin ein Befürworter der Attestlehre, aber sie müsste viel spezifischer auf die Schwachen ausgerichtet werden. Die ursprüngliche Idee war, Lernschwache in Berufsfeldern mit geringen intellektuellen Ansprüchen praktisch auszubilden und sie schulisch in Basisfähigkeiten, Deutsch und Mathematik zu fördern. Doch Parlament und Verwaltung haben die Idee umgedreht. Plötzlich gab es das Attest wie die Berufslehre für alle Berufe. Jetzt ist es ein Schwächezeugnis. Dass es auch anders ginge, zeigt Deutschland: In Berlin werden in der Autobranche Hilfsarbeiter ausgebildet, die nur Autos waschen, Staubsaugen und Ölwechsel machen. Sie verdienen zwar weniger als ein Mechaniker, aber sie sind beschäftigt und integriert. In der Schweiz bekämpfen die Gewerkschaften solche Lösungen.
Schwierig wird die Situation für viele oft erst nach der Lehre, wenn die erste Frage heisst: «Haben Sie Erfahrung?»
Natürlich funktioniert das ganze Berufsbildungssystem nur, wenn auch die Arbeitgeber mitmachen. Wenn sie nur Leute mit Berufserfahrung einstellen – tja, was dann?
Hochschulabgänger haben ja oft auch keine Erfahrung.
Das ist wahr. Deshalb werden Fachhochschulabsolventen in der Krise leichter angestellt als Universitätsabgänger. Die Arbeitgeber denken sich: Die sind näher an der Praxis. Das ist erwiesen, auch wenn es die Unis nicht gerne hören

© NZZ Folio, 7. September 2009 (PDF)

Rolf Dubs kämpft seit Jahren für die bessere Akzeptanz der Berufslehre. Er erklärt, warum ein guter Liftmonteur bald mehr verdient als ein Universitätsprofessor.

Von Lukas Egli und Andreas Heller

Herr Professor Dubs, was würden Sie lernen, wenn Sie noch einmal von vorn beginnen könnten?

Ich würde wieder Hochschullehrer werden, und zwar auf dem gleichen Weg, den ich beschritten habe: Ich würde erst an möglichst vielen Schulen unterrichten, um die Praxis kennenzulernen, und mich erst später primär mit der Wissenschaft beschäftigen. Ich hatte ein gutes Leben und sehe keinen Grund, etwas anders zu machen.

Könnte man diesen Weg noch so beschreiten?

Nein, das ist vorbei. Weiterlesen

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Eingeordnet unter Bildung, Gesellschaft, NZZ Folio

Der Weg zum «Chef»

Der Weg zum «Chef»
Er will einmal ein grösseres, renommierteres Restaurant führen als sein Lehrmeister: Felix Pauli, Kochlehrling bei Georges Wenger in Le Noirmont.
Von Lukas Egli
Einen guten Koch erkennt man an seinem Gang: Ein Meister der Töpfe hebt beim Gehen seine Füsse kaum, schwingt stattdessen die Hüfte, gleitet schwerelos über die Fliesen, geschmeidig, lautlos. Keine Bewegung zu viel, keine Regung zu schnell, zu gross die Gefahr, auf dem nassen Küchenboden auszurutschen. Einen küchentauglichen Gang hat Felix Pauli nicht lernen müssen, als er vor drei Jahren im Restaurant de la Gare in Le Noirmont anfing. Unter seinen Copains in La Chaux-de-Fonds erkannte man sich am tiefen, lässigen Gang. Sonst aber hat Felix bei null angefangen. Er hat einen strengen Lehrmeister.
Georges Wenger ist einer der besten Köche der Schweiz, sein Restaurant rangiert seit Jahren ganz oben in den Gastronomieführern. Die einst einfache Gaststätte in den Freibergen ist der letzte Aussenposten schweizerischer Kochkunst, bevor sich die menschenleere Juralandschaft im Nichts verliert. Dahinter beginnt Frankreich, in Sachen Gastronomie eine ganz andere Liga, Wunschziel eines jedes werdenden Gastronomen, so auch von Felix.
«Zweimal die Drei», ruft Wenger in die Küche. «Oui!» antworten die Köche im Chor. Los, die zweite Vorspeise will in wenigen Minuten auf dem Tisch sein! Flink holt Felix die Zutaten, greift zum Messer, setzt an: Er schneidet die Karotte längs, zack, zack, zack, millimetergenau, ordnet die Schichten für den zweiten Längsschnitt, zack, zack, zack, packt die nun feinen Streifen mit Klinge und linker Hand, legt sie quer, zack, zack, zack – fertig ist die Brunoise.
Felix war, was man einen schlechten Schüler nennt: unmotiviert, unkonzentriert, undiszipliniert. «Ein schlechtestes Fach gab es nicht», sagt der schmächtige Achtzehnjährige. «Es gab nur eins, das nicht so schlimm war wie alle andern: Haushaltsunterricht.» Doch vom gelegentlich für Freunde kochenden Jugendlichen zum Küchenprofi, der sich in ein zwölfköpfiges Team fügt, das für bis zu sechzig Gäste zwei Gourmetmenus mit je sechs Gängen und ­anspruchsvolle A-la-carte-Gerichte zubereitet, war es ein weiter Weg: sechs Monate kalte, sechs Monate warme ­Vorspeisen, je sechs Monate Gemüse, Pâtisserie, Fisch, bis – endlich – die Hauptspeisen anstanden. Wäre der autoritäre Chef nicht gewesen, ehemals selbst ein schlechter Schüler, Felix wäre den Weg wohl nicht gegangen. «Der Lehrmeister ist manchmal der erste und letzte, der einem jungen Mann etwas sagen kann», sagt Georges Wenger.
«Zweimal die Vier», ruft der Chef. «Oui!» antworten die Köche. Den Hauptgang, rasch! Drei Stages hat Felix gemacht, bevor er bei Wenger unterschrieb. Er war davor nie gereist, hatte nie ein Spitzenrestaurant von innen gesehen; seine Mutter ist Haushaltshilfe, sein Vater unbekannt. Doch als er das erste Mal in dieser Küche stand, begriff er sofort: Hier ist alles raffinierter, präziser, anspruchsvoller. «Es ist mehr Arbeit. Aber es kommt Gutes dabei raus», sagt er.
«Malléable» müsse man heute für die Schule sein, sagt Wenger, formbar. Er sagt es mit Abscheu. «Die Gesellschaft kreiert immer mehr Normen. Da haben jene, die nicht ganz konform sind, schon verloren, bevor es angefangen hat.» Ein guter Koch aber muss haben, was ihn in der Schule scheitern lässt: Charakter, Initiative.
«Wilde Tiere» nennt Wenger seine Lehrlinge, liebevoll wie kritisch. Oft müssen er und seine Frau Andrea ihnen auch Dinge des Alltags beibringen: Einzahlungen machen, Waschen, zum Arzt gehen. Die Arbeit sei nie das Problem, es mangle am Sozialen. Auch der Umgang mit Prestige erweist sich als Lehrstück. Sein Ziel sei, einmal ein grösseres Restaurant zu führen als der Chef, sagt Felix. Grösser, renommierter. Sein Lehrmeister, der sich als Handwerker versteht, hört zu, ungeduldig. Felix’ Augen glühen nun, sie rufen: «Euch werd ich es zeigen!» Dann ein Lächeln. Es entblösst Zähne, die von seiner zeitweiligen Verwahrlosung zeugen.
«Zweimal die Fünf», ruft Wenger. «Oui!» Allez, das Dessert! Es ist Küchenballett in Perfektion. Und viel mehr: Ein «Chef» empfängt und plaudert, kocht, richtet an, serviert, erfindet, rechnet, charmiert. Und wenn die Gäste gegangen sind, fegt er den Vorplatz. «Die beste Art, als Gastronom Geld zu verdienen, ist, es nicht zu tun», so Wengers paradoxes Credo. «Oder es nicht zu zeigen.» Den guten Gastgeber erkennt man an der Schwerelosigkeit seines Tuns. Diese Lektion wird er dem Lehrling ganz am Schluss beibringen.

© NZZ Folio, 7. September 2009

Er will einmal ein grösseres, renommierteres Restaurant führen als sein Lehrmeister: Felix Pauli, Kochlehrling bei Georges Wenger in Le Noirmont.

Von Lukas Egli

Einen guten Koch erkennt man an seinem Gang: Ein Meister der Töpfe hebt beim Gehen seine Füsse kaum, schwingt stattdessen die Hüfte, gleitet schwerelos über die Fliesen, geschmeidig, lautlos. Keine Bewegung zu viel, keine Regung zu schnell, zu gross die Gefahr, auf dem nassen Küchenboden auszurutschen. Einen küchentauglichen Gang hat Felix Pauli nicht lernen müssen, als er vor drei Jahren im Restaurant de la Gare in Le Noirmont anfing. Unter seinen Copains in La Chaux-de-Fonds erkannte man sich am tiefen, lässigen Gang. Sonst aber hat Felix bei null angefangen. Er hat einen strengen Lehrmeister. Weiterlesen

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