Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Die Mutter aller Niederlagen ist ein alter Mann

© 20 Minuten Online, 26. Oktober 2011

Die Nationalmannschaft fährt nicht an die EM, der Freisinn verliert einen Bundesratssitz: Was Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld und Parteipräsident Fulvio Pelli voneinander lernen können.

Von Lukas Egli

Die Vereinigte Bundesversammlung könnte im Dezember zum dritten Mal in ihrer Geschichte einen Bundesrat abwählen. Dabei ist gut möglich, dass Johann Schneider-Ammann von der FDP nach nur einem Jahr im Amt über die Klinge springen muss. Das wäre dann die bitterste Niederlage dieses Wahlherbsts 2011: Politbeobachter waren bisher immer davon ausgegangen, dass eher der BDP-Sitz von Eveline Widmer-Schlumpf gefährdet ist.

Obwohl die Verluste der FDP nicht so gross waren, wie erwartet, kam es anders: Die «neue Mitte» um CVP, BDP und GLP ist zwar zersplittert, aber gestärkt aus den eidgenössischen Wahlen hervorgegangen. Und diese «neue Mitte» lässt durchblicken, dass sie die kompetent wirkende Bündnerin, die vor vier Jahren SVP-Übervater Christoph Blocher aus dem Amt drängte, dem müde wirkenden Berner vorzieht. Die verschnarcht-patriarchale Partei nicht rechtzeitig einer radikalen Verjüngungskur zu unterziehen, war ein kapitaler Fehler – Parteipräsident Fulvio Pelli kann bei den Gesamterneuerungswahlen vom 14. Dezember fast nur noch verlieren.

Das Reservoir an Top-Spielern war nie grösser

Damit geht es ihm wie Ottmar Hitzfeld. Weiterlesen

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Bravo, Ihr Höhlenbewohner!

© Tages-Anzeiger/Newsnetz, 12. Oktober 2011

Warum wohl nur das Kinderkriegen «too big to fail» ist.

Ein Papablog von Lukas Egli

Der Bund will den Vaterschaftsurlaub noch einmal diskutieren, konnte man Mitte September lesen. Man wolle eine Auslegeordnung der verschiedenen Modelle«trotz grundsätzlicher Vorbehalte» vornehmen, schrieb der Bundesrat in einer Antwort auf ein Postulat. Bravo, Ihr Höhlenbewohner! Wahrscheinlich haben schon die Männer der Pfahlbauer mehr Zeit mit ihren Neugeborenen verbracht als wir Schweizer im Jahr 2011. Weiterlesen

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Wenn Anonymous will…

© 20 Minuten Online, 1. Juli 2011

Das Internet wird bald volljährig. Zähmungsversuchen der Computerindustrie stehen Attacken von Hackern und Virusentwicklern gegenüber. Was treibt digitale Halbstarke wie Anonymous um?

Von Lukas Egli

Der Elvis Presley der Schadsoftware heisst Stuxnet. Der beste aller Computerwürmer stammt vermutlich aus Cyberlabors der USA und Israels und ringt jedem IT-Fachmann anerkennendes Kopfnicken ab. Nicht, dass Stuxnet etwas getan hat, was andere Malware nicht auch könnte. Aber die Präzision, mit der er seinen Auftrag ausgeführt hat, ist beispiellos: Stuxnet zwang im Alleingang die umstrittenen iranischen Atomanlagen in die Knie. Er ist ein virtueller Virtuose.

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Sterben muss jeder, bezahlen nicht

Erschienen in NZZ Folio, 4. Januar 2010 (PDF)

Vergleichen lohnt sich: Je nachdem wo man stirbt, kostet die Bestattung ein kleines Vermögen, oder sie ist gratis.

© Lukas Egli, 2009

Sterben muss nicht teuer sein: Als Alois H. Meyer (Name geändert), Jahrgang 1920, am Donnerstag, 12. November 2009, im städtischen Pflegezentrum Käferberg in Zürich verstirbt, wäscht ihn das Personal ein letztes Mal, zieht ihm ein blütenweisses Baumwollhemd über, legt ihn wieder auf das Bett, das nun mit einer Plasticfolie unterlegt ist, deckt ihn zu und bringt ihn zu den zwei am selben Tag Verstorbenen in die Aufbahrung. Hier liegt Herr Meyer nun bei einer konstanten Temperatur von 4 Grad Celsius in der Dunkelheit, bis ihn Rolf Gyger vom Bestattungs- und Friedhofamt am nächsten Morgen abholt.

Der städtische Bestatter kontrolliert die Kopie der Todesbescheinigung, die neben dem Verstorbenen unter dem Laken liegt, legt Alois H. Meyer in den bestellten Sarg «No. 0», löst die Totenstarre in den Armen, damit er ihn anständig betten kann, und legt ihm drei Blumen, die parat stehen, auf die Brust. «Dem Herrn Meyer einen letzten Dienst erweisen, für den er sich nicht mehr bedanken kann», nennt es Rolf Gyger. Dann macht er sich mit dem Sarg auf seiner Schubkarre auf den Weg durch das unter irdische Labyrinth des Pflegezentrums, den Verstorbenen immer Fuss voran. Beim Technischen Dienst kommt Gyger wieder ans Tageslicht. Von dort fährt er den Leichnam ins nahe gelegene Krematorium Nordheim. Schon am kommenden Montag soll Alois H. Meyer eingeäschert werden.

Kosten für das Einsargen, Überführen und Einäschern: keinen Rappen. Und selbst wenn die Hinterbliebenen eine Abdankung in der Kapelle mit Orgelspiel, Pfarrer und Solistin wünschen und mit einer Limousine dahinchauffiert werden wollen, müssen sie nichts bezahlen. In Zürich ist der letzte Dienst, für den man sich nicht bedanken kann, seit 1893 gratis. Einzig für den Totenschein stellt das Bestattungs- und Friedhofamt seinen nunmehr toten Bürgern 25 Franken in Rechnung – Amt ist schliesslich Amt.

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Das Derby

Erschienen in Sonntagsblick Magazin, 13. Dezember 2009 (PDF)

Die Portugiesen sind die grösste Ausländergruppe im Oberengadin. Nur in einem Punkt konnten die Gastarbeiter bislang mit den Einheimischen mithalten: im Fussball. Bis «Rudi» Rodriguez die Seiten wechselte.

© Lukas Egli, 2009

Es ist die 61. Minute: Der Libero des FC Celerina spielt einen Steilpass tief in den Strafraum des FC Lusitanos de Samedan. Daniel Rodriguez nimmt ihn mit dem rechten Aussenrist an, legt sich den Ball vor, macht zwei, drei kurze Schritte zur Feldmitte hin und drückt ab. Der Torhüter streckt seinen ganzen Körper, seinem Mund entfährt ein Ächzen, er bleibt chancenlos.

Der Ball dreht sich um ihn herum – und landet im Netz.

Die Spieler des FC Celerina reissen die Arme hoch, schreien und umarmen sich triumphierend, ebenso die Hälfte der einhundert Zuschauer. Der Torschütze selbst aber trabt in seine Platzhälfte zurück, ballt nur kurz die rechte Hand zur Faust, winkelt den Arm an, spannt den Bizeps. Denn Daniel Rodriguez ist Portugiese.

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Vom Fach: Neulich an der Whiskybar

© NZZ Folio, 2. November 2009

Freitagabend, 22 Uhr an einer Hotelbar im Bündner Oberland. Feierliche Stimmung. Was reden die da? Wir übersetzen.

Von Lukas Egli

«Es gibt doch nichts Besseres als ein hübsches Dram Malt im Winter!»
«Also, ich mag lieber Highlander.»
«Das sind auch Single Malts, Idiot.»
«Ach so.»
«‹Rome was built on seven hills, Dufftown was built on seven stills.›»
«Dann bist du ein Lowland-Typ.»
«Dufftown gehört zu Speyside.»
«Ach so.»
«Ah, dezenter Torf!»
«Von dem soll es nur fünf Fässer gegeben haben, hat der Barmann gesagt.»
«Ein echter Single Barrel! Knapp 1000 Flaschen, der Rest ist Angels’ Share.»
«Hä?»
«Der Anteil der Engel.»
«‹Nonchillfiltered› steht da. So einen habe ich mal im Waldhaus gehabt.»
«Ich sage nur: ‹Uisge Beatha.›»
«Hä?»
«Du hast echt keine Ahnung.»

Dram: kleines Whiskyglas. Single Malt: unverschnittene, aus Gerstenmalz gebrannte, schottische Whiskies. Highlands: das Hochland Schottlands; eine der bekanntesten Whiskyregionen der Welt. Dufftown was built…: Dufftown gilt als Whisky-Hauptstadt. Still: Whisky-Brennblase. Lowland: das Zentrum Schottlands; bringt eher weiche Whiskies hervor. Speyside: Teil der Highlands; von da kommen die meisten Whiskies. Torf: rauchiges Aroma. Single Barrel: Einzelfassabfüllung. Angels’ Share: Teil des Destillats, der während der Fasslagerung verdunstet. Non­chillfiltered: Whisky, der keiner Kaltfilterung unterzogen worden ist, bei der Trübstoffe entfernt werden. Waldhaus: Hotel in St. Moritz; nimmt für sich in Anspruch, mit 1000 Flaschen die grösste Whiskybar der Welt zu haben. Uisge Beatha: Lebenswasser auf schottisch.

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Im Griff des Gripen

Im Griff des Gripen
© Sonntagsblick, 4. September 2009
Von Lukas Egli
Am Anfang ist nur Lärm. Dann kommt die Vibration, der Druck – und schon sind wir in der Luft. Oben. Weg. Unser Reporter im schwedischen Kampfjet, der bald auch über die Schweiz donnern könnte
In den Himmel geschossen, Himmelstrabant, Sternschnuppe.
Herzklopfen.
«Gooooooood morning, Laplaaaaaand!»
Atmen!
Nein, ich habe noch nie Flugangst gehabt. Auf die Rollbahn gefahren werden und auf das anspruchsvollste Manöver der Fliegerei warten? Kein Problem! Vom Sessel aus Tausende Meter über dem Boden auf Land und Leute niederschauen? Bitte! Über dem Ozean die Grossartigkeit von Mutter Erde bestaunen? Wunderbar!
Auch vor Geschwindigkeit habe ich mich nie gefürchtet. Im Gegenteil: das leere Gefühl im Bauch beim harten Anfahren, in den Sessel gedrückt werden während der Beschleunigung, schneller, immer schneller, bis das Nackenhaar aufsteht – mehr davon!
Bis ich vergangene Woche in Nordschweden in den Gripen gestiegen bin.
Ich habe gedacht: Ein Testflug in einem Kampfjet – aufregend, klar, machen wir, locker. Die werden mit uns ein wenig auf der Rollbahn rumkurven, und das wars. Als ich dann aber nach einem langen Tag Vorbereitung in der engen Kabine des Gripen sitze, umgeben von etwas Karbon, Kunststoff und Stahl, über ein Dutzend Kabel, Riemen und Schläuchen mit dem Fighter verbunden und auf Gedeih und Verderb meinem Piloten mit Übernamen «Combat» ausgeliefert, weiss ich: Es gilt ernst.
Ich sitze nicht in einem Kampfjet – ich bin mit einem Kampfjet bekleidet.
«Combat» zieht den Jet steil hoch. Wir gehen senkrecht in die Luft. 1000 Fuss, 2000 Fuss, 3000 Fuss. Drehen scharf links. Helm drückt auf Stahl. Arme wie Blei. Blickfeld eng. Gefesselt.
Atmen!
Ich sehe wie sich die Landschaft unter mir verformt, als wäre sie Knetmasse. Wie sie auf der einen Seite näher zu kommen scheint, auf der anderen Seite verschwindet. Als der Druck endlich nachlässt, stosse ich ein schweres «Uff» in die Atemmaske. Tobhias Wikström, wie «Combat» mit bürgerlichem Namen heisst, antwortet mit «Hahaha». Er habe beim Start, sagt er nachher, den Nachbrenner gezündet. Das sei zwar nicht üblich. Mache aber mehr Spass. «Hahaha.»
Luleå ist das Meiringen von Schweden: eine kleine Stadt knapp unterhalb des Polarkreises, die grösste Stadt am Bottnischen Meerbusen und, neben einer Basis südlich von Stockholm, Schwedens wichtigster Luftwaffenstützpunkt. Russland, jahrzehntelang eine realistische Bedrohung für das neutrale Land, ist nah, militärisch in Sichtweite.
Hierhin hat uns der Flugzeugbauer Saab und die schwedische Luftwaffe eingeladen, um «einmal die Erfahrung zu machen, was ein solcher Kampfjet leistet», wie es Peter Liander von Saab ausdrückte, der die Reise organisiert hatte. Sein Ziel war klar: den Gripen in die Schweiz zu verkaufen. Und wir – wir wollten einfach einmal Fighter fliegen. Und sei es auf dem Rücksitz eines Trainingsjets. Ein Abenteuer, das noch nicht vielen vergönnt worden ist: Selbst Max Ungricht, Chefredaktor der Fachzeitschrift «Cockpit», der auch eingeladen war, hatte diese Erfahrung noch nie gemacht.
Was es uns abverlangen würde, wurde schnell klar: Wir hatten in Luleå kaum die Füsse auf festen Boden gesetzt, als Peter Liander das Programm für den kommenden Tag skizzierte: Abfahrt vom Hotel zum Stützpunkt um 7 Uhr, medizinische Tests bis Mittag, dann Lunch, am Nachmittag Sicherheits-Briefings und, wenn Zeit, ein Rundgang auf dem Gelände. Es blieb wenig Zeit.
Wir mussten Blutund Urinproben abgeben, einen Gehör- und Sehtest machen, ein EKG, eine Untersuchung durch einen Militärarzt über uns ergehen lassen. Schriftlich gab er uns die Erlaubnis, am nächsten Morgen in den Kampfjet zu steigen. Keine Selbstverständlichkeit; er habe neulich acht Briten und Iren dagehabt, erzählte der Doc. Drei hätten nicht in die Luft gedurft. Uns schwante Übles.
«Da drüben, links, ist Finnland», sagt Tobhias auf 25000 Fuss.
«Rechts kannst du die Berge sehen.» Es bleibt mir nur wenig Zeit, die Aussicht zu geniessen, schon drückt «Combat» den Jet in Richtung Boden. «Lass uns zu den Wolken da unten fliegen», sagt er. Schon streifen wir den zarten weissen Dunst, fliegen hindurch, dann wieder hoch, das Flugzeug wie auf Schienen, ein Gefühl von Achterbahn. «That’s what it’s all about», sagt Tobhias. «Willst du mal das Steuer übernehmen?»
Der JAS-39 Gripen ist ein einmotoriger Kampfjet der fünften Generation. JAS steht für «Jakt, Attack och Spaning» – er ist Jäger, Angreifer und Aufklärer in einem. Seine kompakte Bauweise macht ihn zu dem Jet mit den niedrigsten Betriebskosten. Dennoch ist er in der Evaluation der Schweiz zur Beschaffung neuer Kampfjets eher der Aussenseiter. Allein schon deshalb, weil er so günstig ist: Die Schweizer Armee will immer das «Beste», heisst: Teuerste, Exklusivste. Die Industriekonzerne Dassault aus Frankreich sowie das deutsch-europäische Konsortium EADS, welche die Konkurrenten Rafale und Eurofighter anbieten, verfügen wegen der überaus engen wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen der Schweiz, Deutschland und Frankreich über eine stärkere Lobby.
«Is you a bit afraid?», hatte mich Roland Nordgren gefragt, als ich eingekleidet war. Er hatte uns mit Overalls, Druckanzug und Schuhen ausgestattet. Die Furcht war wohl nicht zu verbergen gewesen. Kein Wunder: Sie hatten uns Kotztüten in die Hosentaschen gesteckt und uns eingebläut, vor dem Erbrechen rechtzeitig die Atemmaske auszuziehen; sie hatten uns verboten, während des Starts und der Landung etwas anzufassen; sie hatten uns erklärt, was «Eject! Eject! Eject!» bedeutet: Arme zum Körper, Augen schliessen, Zähne zusammenbeissen und kräftig am gelb-schwarzen Stahlhebel zwischen den Beinen ziehen – der Schleudersitz, für den Notfall. Am Schluss mussten wir Namen und Telefonnummern unserer nächsten Angehörigen aufschreiben. «Das wird ein Flug, den man nicht buchen kann», hatte Peter Liander aufmunternd gesagt.
Dann hiess es: Raus in den Kampf um Tapferkeit und Würde!
«Fighter on two o’clock», flötet eine charmante Frauenstimme in meinem Helm. «Die schlechten Nachrichten überbringt jeweils ein Mann», lacht Tobhias. Die Dame macht uns darauf aufmerksam, dass links hinter uns ein anderer Jet fliegt. «Combat» dreht unvermittelt eine enge Rolle, bei der sich der Jet um seine eigene Achse dreht. Mein Körper ist augenblicklich wie gelähmt. Kopf leer. Wille weg. Sehe, wie Welt sich dreht. Füge mich.
Atmen!
Dass der da vorne überhaupt noch lenken kann!
«Hahaha», macht Tobhias.
Nein, das hier ist nicht Meiringen. Hier stört man keine Bewohner, Touristen, Murmeltiere. Wir blicken von 10 000 Meter auf Millionen von Seen und Billionen von Bäumen in allen erdenklichen Farben. Weit und breit keine Häuser. Nordschweden ist fast unbewohnt. Das Trainingsgelände der Staffel sei gut doppelt so gross wie die Schweiz, weiss Tobhias. «Ein Paradies für Fighter-Piloten.»
Warum nur sind die schönsten Flecken Erde immer Militärübungsplätze?
Als Tagesprogramm ist eine kleine Alltagsübung der Staffel vorgesehen: Wir sollen ein anderes Flugzeug abfangen, das in «unseren» Luftraum eingedrungen ist, und es auffordern, ihn zu verlassen. Mit Tempo Teufel fliegt «Combat» von hinten an den Jet heran und drosselt aggressiv sein Triebwerk. Das sei auch im Ernstfall eine Show, sagt der Pilot. So dass allen sofort klar ist, wer der Chef des Luftraums ist. Als wir die Übungspartner wieder verlassen, beschleunigt Tobhias von 250 auf 550 Knoten – gut 1000 km/h – in 6 Sekunden. 89 Kilo-Newton drücken mich in den Stahlsitz. Tränen im Gesicht.
Atmen!
Mir kommt der Kaffeeraum der Piloten in den Sinn, wo eine Plakette der Rocket Chair Society hängt. Niklas Sandström ist im Jahr 1998 der letzte schwedische Pilot gewesen, der unsanft aus dem Jet hat aussteigen müssen. Auf der Plakette sind nur diejenigen verzeichnet, die den Schleudersitz überlebt haben. Tote werden nicht Mitglieder in einem Club. Schon gar nicht in einem so exklusiven.
Jetzt nur diesen stählernen Hebel zwischen den Beinen nicht berühren!
In der Cafeteria hängt auch ein gut acht Meter breites Gemälde. Das Panorama zeigt zwei Jets in romantischer nordischer Landschaft. Sie fliegen nach Lapporten, zum Tor Lapplands. Vor diesem kitschigen Bild sitzen die Piloten mehrmals am Tag und trinken Kaffee, «Fika» wie es auf Schwedisch heisst, blättern in den Zeitschriften «Air Forces» oder «Combat Aircraft», plaudern. Ab und zu bringen sie ihre Jets auf das Rollfeld, steigen in den Himmel hinauf. Vorne links in ihrem Cockpit finden sie einen Kippschalter: «Peace», «War». Er ist unbenutzt. Die schwedischen «Top Guns» sind nette Typen.
«Combat» sei der Typ von Mann, dem man nicht allein im Wald begegnen wolle, hatte einer gesagt. Tobhias hatte nur verlegen gelacht. Er ist 36 Jahre alt, Major, Deputy Squadron Commander und stammt, wie die meisten Piloten, aus Stockholm. Er ist der entspannteste Karrierist, den ich je getroffen habe. Seit 1998 lebt er in der kleinen nordischen Stadt Luleå, deren Name nur aussprechen kann, wer besoffen ist – oder einem Kampfjet entsteigt: Lüüüleo.
«Jetzt machen wir ein paar akrobatische Figuren, okay?», fragt «Combat». Bevor ich antworte, setzt er zum Looping an. Schnell ziehen wir hoch, die Erde verschwindet, wir fliegen geradewegs in den Himmel. Über 5g, die fünffache Erdanziehungskraft, wirken nun auf uns. Der Druckanzug wird prall und hart, damit nicht alles Blut aus unseren Köpfen weicht. Der Körper heiss. Alles drückt.
Dann sehen wir die Erde auf dem Kopf stehen.
Rasen kopfüber wieder auf sie zu.
Alles wendet sich.
Atmen!
Der Flug – ein Wahn. Ein Rausch. Eine Gehirnwäsche.
Am Vorabend hatte ich vor lauter Aufregung nur Pizza gegessen. Statt Rentier. Jetzt ist mir kein bisschen schlecht. Langsam beginnt mir dieser Gripen zu gefallen. Künftig werde ich beim Start einer Linienmaschine an die Fahrt in einem alten Volvo denken müssen, beim Airbus-Fliegen an das Busfahren im Osten.
Der Greif – Gripen – ist ein mythisches Tier, halb Löwe, halb Adler. Das wohl aus dem Orient stammende Fabelwesen taucht in Märchen und Mythologie zwischen Indien und dem Aargau auf. Sogar auf der Bundesratskuppel in Bern sitzt einer. Ob das der schwedischen Offerte bei der Kampfjet-Evaluation dient, ist fraglich.
«Cockpit»-Chefredaktor Max Ungricht ist für den Gripen .
Der agile Jet sei wie gemacht für unser Land, Schweden stelle ähnliche Anforderungen an seine Luftwaffe wie die Schweiz. Würde man den Eurofighter als Rolls-Royce und den französischen Rafale als Bentley unter den Kampfjets bezeichnen, wäre der Gripen ein Audi-Kombi: leichter – mehr Arbeitstier denn Repräsentant. «Ganz einfach die vernünftigste Lösung», findet Ungricht.
Nach 41 Minuten ist der Höllenritt vorbei. «Combat» ist in einem Radius von gut 250 Kilometern über Nordschweden geflogen, hat 3000 Liter Kerosin verbrannt, literweise geschwitzt. Bei unserer Rückkehr sitzen die Piloten wieder beim Kaffee. «Hey, how was it?», fragen sie. Und antworten selbst: «I can see it in your face!» Es steht in mein Gesicht geschrieben.
GOOD MORNING, LAPPLAND
Reporter Lukas Egli im zweisitzigen Trainingsjet hoch über dem Übungsgebiet der schwedischen Luftwaffe, das gut doppelt so gross ist wie die Schweiz
AUF HERZ UND NIEREN GEPRÜFT
Ordentlich liegen die massgefertigten Pilotenhelme in ihren Kästchen, blitzblank glänzt der Wartungshangar. SonntagsBlick-Autor Egli wird vor dem Start medizinisch durchgecheckt, inklusive EKG, und von seinem Piloten Tobhias «Combat» Wikström ausführlich gebrieft
DIE HERREN DER LÜFTE
Bei akrobatischen Figuren treten Belastungen bis zur neunfachen Erdanziehung auf – Helm und Druckanzug sollen Fluggast Egli dafür wappnen. Pilot «Combat» war gnädig und liess es bei 5g bewenden

Erschienen in Sonntagsblick Magazin, 4. September 2009 (PDF)

© Lukas Egli, 2009

Am Anfang ist nur Lärm. Dann kommt die Vibration, der Druck – und schon sind wir in der Luft. Oben. Weg.

In den Himmel geschossen, Himmelstrabant, Sternschnuppe.

Herzklopfen.

«Gooooooood morning, Laplaaaaaand!»

Atmen!

Nein, ich habe noch nie Flugangst gehabt. Auf die Rollbahn gefahren werden und auf das anspruchsvollste Manöver der Fliegerei warten? Kein Problem! Vom Sessel aus Tausende Meter über dem Boden auf Land und Leute niederschauen? Bitte! Über dem Ozean die Grossartigkeit von Mutter Erde bestaunen? Wunderbar!

Auch vor Geschwindigkeit habe ich mich nie gefürchtet. Im Gegenteil: das leere Gefühl im Bauch beim harten Anfahren, in den Sessel gedrückt werden während der Beschleunigung, schneller, immer schneller, bis das Nackenhaar aufsteht – mehr davon!

Bis ich vergangene Woche in Nordschweden in den Gripen gestiegen bin. Weiterlesen

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