Archiv der Kategorie: Wirtschaft

Bravo, Ihr Höhlenbewohner!

© Tages-Anzeiger/Newsnetz, 12. Oktober 2011

Warum wohl nur das Kinderkriegen «too big to fail» ist.

Ein Papablog von Lukas Egli

Der Bund will den Vaterschaftsurlaub noch einmal diskutieren, konnte man Mitte September lesen. Man wolle eine Auslegeordnung der verschiedenen Modelle«trotz grundsätzlicher Vorbehalte» vornehmen, schrieb der Bundesrat in einer Antwort auf ein Postulat. Bravo, Ihr Höhlenbewohner! Wahrscheinlich haben schon die Männer der Pfahlbauer mehr Zeit mit ihren Neugeborenen verbracht als wir Schweizer im Jahr 2011. Weiterlesen

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Beruf: Verräter


© Schweizer Illustrierte, 06.12.2010 (PDF)

Unerschrocken, unverfroren, unfassbar: Julian Assange legt sich mit den Mächtigen der Welt an. Wer ist der umstrittene Chef von Wikileaks?

Von Lukas Egli

Die ganze Welt kennt seinen Namen. Kennt sein bleiches, maskenhaftes Gesicht. Sein gequältes wissendes Lächeln. Sein weissblondes Haar. Und die ganze Welt sucht ihn: Julian Assange steht zuoberst auf der Fahndungsliste von Interpol, die Geheimdienste sind hinter ihm her, die Weltpresse ebenso. Der Chef von Wikileaks hat gute Chancen, das Jahr auf dem Titelblatt des «Time Magazine» zu beenden – als Mann des Jahres. Oder in einem Gefängnis. Barack Obama will ihn wegen Spionage hinter Gitter bringen.

Wer ist dieser Mann, der mit seinen Veröffentlichungen die Welt das Fürchten lehrt? Der die Regeln des Informationszeitalters radikal umschreibt. Sich furchtlos mit den Mächtigen dieser Welt anlegt.

Etiketten trägt er viele: Programmierer, Computerfreak, Hacker. Globetrotter, Einzelgänger, Flüchtiger. Charismatiker, Egomane, Diktator. Antiamerikaner, Staatsfeind, Verräter. Manche finden, er sei einer der gefährlichsten Männer der Welt. Julian Assange ist Phänomen. Und Phantom.

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Es ist Zeit!

Erschienen in «Das Magazin», 20. März 2010 (PDF)

Wie sich die Schweizer Uhrenindustrie von ihrem Übervater Nicolas Hayek emanzipiert

© Lukas Egli, 2010

Im Juli 2002 weckte Nicolas Hayek seine Konkurrenten mit einem Donnerschlag. Per 1. Januar 2003, teilt der Bieler Uhrenpate ihnen in einem Brief mit, werde die zu seiner Swatch Group gehörende Uhrenfabrik ETA nur noch in reduziertem Mass Rohwerke – «ébauches» – ausliefern, Ende 2005 die Lieferungen ganz einstellen. Rohwerke sind die Bausätze, aus denen Uhrwerke gemacht werden. Ohne Rohwerke keine Uhrwerke. Der Branche stockte der Atem. Konnte es sein, dass der Mann, der nach der Quarzkrise in den Siebzigerjahren quasi im Alleingang die Schweizer Uhrenindustrie vor dem Untergang gerettet hatte, die Branche nun seinerseits in eine schwere Krise stürzen wollte? Konnte es sein, dass der industrielle Übervater seine Konkurrenz in die Knie zwingen wollte? Und wie hatte es überhaupt so weit kommen können, dass er in der Lage war, seinen Mitbewerbern den Hahn zuzudrehen?

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Sterben muss jeder, bezahlen nicht

Erschienen in NZZ Folio, 4. Januar 2010 (PDF)

Vergleichen lohnt sich: Je nachdem wo man stirbt, kostet die Bestattung ein kleines Vermögen, oder sie ist gratis.

© Lukas Egli, 2009

Sterben muss nicht teuer sein: Als Alois H. Meyer (Name geändert), Jahrgang 1920, am Donnerstag, 12. November 2009, im städtischen Pflegezentrum Käferberg in Zürich verstirbt, wäscht ihn das Personal ein letztes Mal, zieht ihm ein blütenweisses Baumwollhemd über, legt ihn wieder auf das Bett, das nun mit einer Plasticfolie unterlegt ist, deckt ihn zu und bringt ihn zu den zwei am selben Tag Verstorbenen in die Aufbahrung. Hier liegt Herr Meyer nun bei einer konstanten Temperatur von 4 Grad Celsius in der Dunkelheit, bis ihn Rolf Gyger vom Bestattungs- und Friedhofamt am nächsten Morgen abholt.

Der städtische Bestatter kontrolliert die Kopie der Todesbescheinigung, die neben dem Verstorbenen unter dem Laken liegt, legt Alois H. Meyer in den bestellten Sarg «No. 0», löst die Totenstarre in den Armen, damit er ihn anständig betten kann, und legt ihm drei Blumen, die parat stehen, auf die Brust. «Dem Herrn Meyer einen letzten Dienst erweisen, für den er sich nicht mehr bedanken kann», nennt es Rolf Gyger. Dann macht er sich mit dem Sarg auf seiner Schubkarre auf den Weg durch das unter irdische Labyrinth des Pflegezentrums, den Verstorbenen immer Fuss voran. Beim Technischen Dienst kommt Gyger wieder ans Tageslicht. Von dort fährt er den Leichnam ins nahe gelegene Krematorium Nordheim. Schon am kommenden Montag soll Alois H. Meyer eingeäschert werden.

Kosten für das Einsargen, Überführen und Einäschern: keinen Rappen. Und selbst wenn die Hinterbliebenen eine Abdankung in der Kapelle mit Orgelspiel, Pfarrer und Solistin wünschen und mit einer Limousine dahinchauffiert werden wollen, müssen sie nichts bezahlen. In Zürich ist der letzte Dienst, für den man sich nicht bedanken kann, seit 1893 gratis. Einzig für den Totenschein stellt das Bestattungs- und Friedhofamt seinen nunmehr toten Bürgern 25 Franken in Rechnung – Amt ist schliesslich Amt.

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Eingeordnet unter Gesellschaft, NZZ Folio, Wirtschaft

Vom Schlachten heiliger Kühe

Erschienen in Brandeins, 23. Oktober 2009 (PDF)

Schweizer suchen ungern Streit. Harmonie ist ihnen lieber. Doch darüber bleibt viel liegen. Ein Institut in Zürich bekam die Aufgabe, wie die Hefe zu wirken im trägen Teig. Nun erweist es sich als schockierend unabhängig. Ein Experiment mit offenem Ende.

© Lukas Egli, 2009

Einmal Kuhschweiz, immer Kuhschweiz. Dabei ist die Schweiz schon lange kein Bauernland mehr. Nur vier Prozent der Bevölkerung leben noch von der Landwirtschaft, dennoch wendet das Land jedes Jahr mehr als vier Milliarden Franken zur Stützung des Bauernstandes auf – genauso viel wie für Bildung und Forschung. Die Landwirte sind eine Macht in dem Land, das sich rühmt, der siebtgrösste Finanzplatz und eines der wettbewerbsfähigsten Länder der Welt zu sein. Wie legitim sind die Subventionen noch angesichts globaler Märkte? Nützen sie der Allgemeinheit? Und: Halten die Bauern eigentlich, was sie versprechen?

Ein Ketzer, wer solche Fragen stellt.

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Der Fluch der Beständigkeit

Erschienen in NZZ Folio, 2. November 2009 (PDF)

Drei Erfindungen, drei tragische Ereignisse, drei Generationenwechsel: Die Tösstaler Pfannenfabrik Kuhn Rikon hat ­schon viel überstanden. Die grösste Prüfung steht noch aus.

© Lukas Egli, 2009

Eine gute Pfanne verkauft man so: Man versucht einem Kunden zu erklären, weshalb eine Markenpfanne 200 Franken kostet, während eine Billigpfanne für einen Viertel des Preises zu haben ist. Die Gründe können lauten: Weil die Markenpfanne hochwertiger ist. Oder schöner. Da ist viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Ist man endlich fertig und war erfolgreich, hat man 200 Franken Umsatz gemacht. Das gibt 100 Franken für den Verkäufer und 100 Franken für den Hersteller. Pfannen verkaufen ist kein Bomben­geschäft. Es ist das Geschäft des Familienbetriebs Kuhn Rikon.

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Das Risikopapier

Das Risikopapier
Das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis gewährleistet einen soliden Karrierestart, zahlreiche Auf- und Umstiegsmöglichkeiten – und hat dennoch einen zweifelhaften Ruf. Zu Recht?
Von Lukas Egli
Sohn, du sollst es einmal besser haben! Es ist dieser elterliche Auftrag, der uns nach oben streben lässt: im Betrieb, in der Gesellschaft, im Leben – das Ziel ist, den Vater zu übertreffen. Wo dieser Weg durchführt, ist klar: über eine höhere Bildung. Die Kehrseite dieses Vaterkomplexes ist, dass viele meinen, dass am Gymnasium gescheitert sei, wer eine Lehre mache. So gerät unversehens nicht nur ein Berufsstand oder eine Branche, sondern die Hälfte aller Werktätigen in Verruf: Knapp 50 Prozent aller Schweizer im Alter zwischen 25 und 65 Jahren verfügen «nur» über ein Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ), das man mit der Berufslehre erwirbt – nach obiger Lesart ein quasi wertloses Papier.
Das ist natürlich Unsinn. Das Schweizer Berufsbildungssystem ist ein Erfolgsmodell, das international viel Anerkennung erfährt. Noch immer entscheiden sich mehr als zwei Drittel aller Jugendlichen für den soliden Weg einer Berufslehre; laut Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) stehen 200 000 Lehrlinge in der beruflichen Grundbildung, jedes Jahr werden 60 000 Fähigkeitszeugnisse vergeben. Zu Recht, wie Statistiken eindrücklich belegen: Was die Arbeitsmarktintegration Jugendlicher angeht, belegt die Schweiz einen Spitzenplatz. Sie weist mit 4,1 Prozent (Staatssekretariat für Wirtschaft, Juni 2009) eine der tiefsten Jugendarbeitslosigkeitsquoten auf; in Deutschland liegt sie bei 10,5 Prozent, in Grossbritannien bei 17,9, in Frankreich bei 22,3, in Italien bei 24,9. Europäischer Spitzenreiter ist Spanien mit 33,6 Prozent (Eurostat, 2009).
Auch was die Berufsperspektiven angeht, scheint unser Modell vorbildlich zu sein: Über 200 Lehrberufe stehen den angehenden Fachkräften zur Wahl. An die drei bis vier Jahre dauernde berufliche Grundbildung schliesst nahtlos die höhere Berufsbildung mit knapp 400 höheren Fachprüfungen an, in der berufsspezifische Qualifikationen erlangt werden können und auf Führungsfunktionen vorbereitet wird. Hier werden die Lehrmeister der Zukunft geformt, die neuen Träger des Zunfterbes. Die im Jahr 1994 eingeführte Berufsmaturität öffnet zudem den direkten Zugang zu Fachhochschulen. Mit einem zusätzlichen Schuljahr und einer eidgenössischen Maturitätsprüfung ist es den Lehrlingen mit einer Berufsmatur heute sogar möglich, ein Universitätsstudium aufzunehmen. Diese sogenannte Passerelle ist der Königsweg – hier ist Heinrich Pestalozzis Forderung nach Bildung mit «Kopf, Herz und Hand» erfüllt. In Sachen Durchlässigkeit und Fachkompetenz der Lehrabgänger gilt das Schweizer System weltweit als beispiellos.
Dennoch geniesst die Berufslehre in der Schweiz selbst einen schlechten Ruf. In den Städten, vor allem aber in der französischen und der italienischen Schweiz, ist es mit dem Ansehen der Lehrlinge nicht weit her. «Ils sont nuls», titelte 2005 das Westschweizer Wirtschaftsmagazin «Bilan» und erklärte auf einem Halbdutzend Seiten, warum die Patrons bald keine Lehrlinge mehr wollen. Die Titelgeschichte formulierte in deutlichen Worten, was in besseren Kreisen in der französischen Schweiz längst feststand: Wer heute eine Berufslehre macht, ist entweder etwas dumm oder war in der Schule nicht fleissig genug – und lehnt sich in der Lehre zurück. Die Lehrlinge, ein faules Pack. Das Westschweizer Bildungssystem ist vom elitären Frankreich geprägt. Da fällt Handwerk auf keinen goldenen Boden.
Doch auch in Deutschschweizer Agglomerationen müssen sich Mittelstandseltern rechtfertigen, wenn es ihr Nachwuchs nicht aufs Gymnasium schafft. Es ist keine Überraschung, dass die Maturitätsquote in der Zürcher Goldküstengemeinde Erlenbach bei 50 Prozent liegt; der Vorstadtschulkreis Wallisellen und die Oberländergemeinde Wald bilden mit 6 beziehungsweise 8 Prozent das düstere kantonale Schlusslicht. Ein Banquierssohn, der Verkäufer wird? Eine Arzttochter, die Flachmalerin lernt? Undenkbar! Das Schweizer Berufsbildungssystem mag zwar gut sein, aber nicht gut genug für die eigenen Kinder. Sohn, du sollst es einmal besser haben – auf einem gewissen Niveau wird die Vorgabe anspruchsvoll.
Gegen das latent schlechte Image der Berufsbildung kämpft das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie mit allen Mitteln an – einigermassen erfolglos. In gut gemachten und verständlichen Broschüren mit eingängigen Titeln («Der Weg der Profis») verbreitet es die Kunde vom erfolgreichen und zukunftsträchtigen Weg «für eine erfolgreiche Karriere». «Die Schweiz ist Berufsweltmeisterin – in diversen Branchen», lobt Volkswirtschaftsministerin Doris Leuthard im Vorwort. Schweizer Berufsleute seien weltweit begehrt. «Unser duales Berufsbildungssystem ermöglicht vielfältige Bildungsmöglichkeiten, Karriereperspektiven und berücksichtigt die Bedürfnisse der Betriebe und des Arbeitsmarktes.» Es ist das Mantra der eidgenössischen Bildungspolitiker.
Doch stimmt’s wirklich? Ein Ketzer, wer es hinterfragt.
Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass das Schweizer Berufsbildungssystem geprägt ist von immensen Unterschieden. So bewegt sich ein angehender Feinmechaniker bei einem international tätigen Hightechkonzern wie ABB oder ein Banklehrling bei der Grossbank UBS in einem hochkompetitiven, innovativen Arbeitsumfeld. Während ein Kellner, heute «Gastrofachmann» genannt, Bauer, pardon: «Agrarpraktiker», oder Metzger in ein traditionelles, kleingewerbliches Umfeld eintritt, das je nach Region und Betrieb noch genauso funktioniert wie vor hundert Jahren – Berufsfelder, die von allen Reformen der letzten Jahre unberührt geblieben sind und die trotz «modernen» Berufsbezeichnungen kaum Anschlussmöglichkeiten bieten.
«Das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis ist ein ausserordentlich grobes Etikett», findet Thomas Meyer. Der Berner Soziologe ist Co-Leiter von TREE (Transitions from Education to Employment), einem Langzeitforschungsprojekt, das den Übergang Jugendlicher von der Ausbildung in die Arbeitswelt begleitet. «Der Titel ‹Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis› suggeriert, dass es sich bei den verschiedenen Berufen um ein Zertifikat von gleicher Ordnung handelt», sagt Meyer. «Zu Unrecht.» Beim EFZ handle es sich vielmehr um eine Art Berufszulassung, welche die effektive Qualität der Ausbildung nur teilweise widerspiegle.
Dass der Arbeitsmarkt die EFZ-Inhaber gut absorbiere, sei noch kein Qualitätsmerkmal, sagt Meyer. «Man müsste untersuchen, wer sich mit welcher Ausbildung wie auf dem Markt behaupten kann, wenn sich das Berufsumfeld verändert», sagt er. Viele Berufsbilder seien schon seit Jahren stark im Wandel begriffen. Die Frage sei, wie und ob sich die Leute überhaupt umschulen und weiterbilden liessen. Die Fragestellung ist keine rhetorische: Zur Weiterbildungsfähigkeit ehemaliger Lehrlinge existieren überaus beunruhigende Indizien. Zum Beispiel in einer brisanten, aber weitgehend unbeachteten Sonderauswertung der Volkszählung 2000 von Jean-Marc Falter und Cyril Pasche von der Universität Genf aus dem Jahr 2007. Die ALL-Studie (Adult Literacy and Life Skills Survey) wurde in fünf Ländern durchgeführt (in Kanada, den USA, Italien, auf den Bermudas, im mexikanischen Teilstaat Nuevo León und in der Schweiz), sie gilt als Pisa-Studie der Erwachsenen. Die Erhebung zeigt unter anderem, dass Berufsleute mit EFZ in zentralen allgemeinbildenden Fertigkeiten wie «Literacy» – also in der Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben und auch zu verstehen – nur unwesentlich besser abschneiden als solche, die gar keinen Abschluss gemacht haben. Gemäss Falter und Pasche müssen 40 Prozent aller Schweizer Werktätigen als «inadäquat» gebildet für ihre Tätigkeit bezeichnet werden. Das Phänomen, so schreiben die Forscher weiter, betreffe vor allem Arbeitnehmer mit mittlerer Berufsbildung, solche, die Ausbildungen mit fachspezifischem Fokus und wenig Grundwissen gemacht haben, kurz: Arbeitskräfte mit EFZ.
«Die Pisa-Studie kennt Wertungsstufen von 1 bis 5; wer unter einer 2 liegt, wird als ‹nicht weiterbildungsfähig› betrachtet», so Meyer. In der Schweiz liege die Quote der funktionalen Analphabeten bei 15 bis 20 Prozent. Es stellt sich die Frage, wie diese Bildungsschwachen ein Zertifikat erlangen, das sie laut «Pisa» nicht schaffen können. Oder andersherum: Was ist ein Zertifikat wert, wenn selbst funktionale Analphabeten es erhalten? Da bekommt die stolze Lehrabschlussquote von 90 Prozent, die das BBT gern ins Feld führt, plötzlich einen seltsamen Beigeschmack. «Das ist eine bildungspolitische Zeitbombe», konstatiert Meyer, «die noch nicht einmal entdeckt worden ist.»
Die hohe Durchlässigkeit des Schweizer Berufsbildungssystems, schreibt Bundesrätin Doris Leuthard, sorge dafür, dass die Fachkräfte «in allen Abschnitten des Berufslebens ihre Karriere individuell und den eigenen Fähigkeiten entsprechend planen können». Tatsächlich?
Für diesen Eifer auf höchster Ebene gibt es noch einen anderen Grund: Das duale Modell der Schweiz, bei dem Auszubildende zugleich am Arbeitsplatz und in der Schule ausgebildet werden, ist international – wie könnte es anders sein – ein Sonderfall. Einzig unsere nächsten, gleichsprachigen Nachbarn Deutschland und Österreich kennen ein ähnlich praxisorientiertes Ausbildungssystem. Lateinischsprachige Länder wie Italien, Frankreich, Portugal und Spanien sowie Skandinavien und der ganze angelsächsische Raum sind fest in der Hand der Akademiker. Die EU wie die USA setzen bei der Berufsbildung auf ein vollschulisches Modell. Die Schweiz steht mit ihrer Berufsbildung allein da und gerät in Zeiten der Globalisierung, in der die Arbeitskräfte immer mehr darauf angewiesen sind, dass ihre Diplome auch jenseits der Grenze anerkannt werden, in die Defensive. Zwar schauen die anderen mitunter sehnsüchtig auf die Erfolge der Arbeitsintegration des germanischen Modells, schütteln aber ob der gymnasialen Maturitätsquote der Schweiz, die mit 19,7 Prozent (2008) etwa auf dem Niveau der Türkei liegt, nur den Kopf. Es fehlt ihnen am tieferen Verständnis für unsere Ausbildungstradition. Der Boss – mein Lehrer und Ausbilder? No thanks!
Die jüngste OECD-Studie attestiert dem System mittlerweile zwar «umfassende Qualitätskontrollen»; der erste Bericht 1991 war noch vernichtend ausgefallen. Die Qualitätskontrolle verlaufe, so heisst es in der Studie «Learning for Jobs» vom April 2009, auf konstruktive Art und Weise, indem die Berufsfachschulen mittels Fragebogen evaluieren, wie Lehrbetriebe und Lernende die Qualität ihrer Leistungen beurteilen. Die Autoren empfehlen der Schweiz aber, die Stärken ihres Systems aktiv zu fördern. «Dazu braucht es aussagekräftige Daten und Analysen.» Vor allem die Berufswahl sehen die Experten kritisch: «Der Anteil von Lehrabgängern, die in ihrem erlernten Beruf arbeiten, sank von 49,5 Prozent im Jahr 1970 auf 35,5 Prozent im Jahr 2005.» Auch wenn man die Veränderung des Tätigkeitsbereichs als Flexibilität werten könne, sei der nahtlose Übergang von der Ausbildung zu einer Arbeitsstelle wünschenswert.
Mit der Forderung, die Schweiz solle die Stärken ihres Systems besser fördern, legen die OECD-Experten den Finger auf einen wunden Punkt. «Die Schweiz könnte ein bildungspolitisches Labor sein», ist Meyer überzeugt. Es vereine Einflüsse der Bildungsräume Frankreichs, Italiens und Deutschlands. Leider schaffe es die Schweiz nicht, dieses Spannungsverhältnis produktiv zu nutzen. «Die Annäherung müsste in beide Richtungen erfolgen», sagt Meyer: Die Berufsbildung müsse schulischer werden, mehr Allgemeinbildung wie Sprachen und Mathematik fördern, Universitäten und Hochschulen hingegen müssten näher an die Praxis rücken. «Das würde uns die akademische Praxisferne, die in vielen Ländern Europas ein grosses Problem ist, ­ersparen», sagt er. «Die Praxiskultur ist ja dank der Berufs bildung vorhanden.» Diese Vision sieht Meyer in Berufs bildungssegmenten wie den kaufmännischen, den Informatik- und den technisch-industriellen Berufen mit ihren Möglichkeiten, an Hochschulen überzutreten, schon fast realisiert.
Der Trend indes läuft in die entgegengesetzte Richtung, auch in der Schweiz: Wegen der Bologna-Reform spielen sich die Fachhochschulen mittlerweile vielerorts wie kleine Universitäten auf. Die einst für ihren Praxisbezug hochgelobten Höheren Technischen Lehranstalten (HTL), Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschulen (HWV) sowie Höheren Fachschulen für Gestaltung (HFG) nähern sich immer mehr den universitären Hochschulen an. Mit den entsprechenden Folgen für Lehrplan und Gewichtung: Die Studiengänge werden akademischer, die praktischen Teile geraten unter Druck. Statt ihre Stärke auszuspielen, geben die Fachhochschulen sie kampflos preis.
Völlig vergessen geht in der Diskussion um die Ausrichtung der höheren Berufsbildung, dass es neben «Bologna» auch ein «Kopenhagen» gäbe. So heisst der Reformprozess der EU im Bereich der Berufsbildung, der zusammen mit «Bologna» zum Ziel hat, die EU zum «wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt» zu machen, wie es die Lissabon-Agenda im Jahr 2000 formulierte. Die Stichworte dazu lauten: Durchlässigkeit, Transparenz, Mobilität. Zwar nimmt die Schweiz auf «Expertenebene» am Kopenhagen-Prozess teil, doch findet er im Gegensatz zur Bologna-Reform weder in der Verwaltung noch in der Öffentlichkeit wirklich statt.
Die Schweiz ist die einzige Gesellschaft weltweit, die die erste nachobligatorische Bildung der Bevölkerungsmehrheit dem freien Markt überlässt. Sie sollte darum genau beobachten, wo die Entwicklung hinführt. «Die Schweiz ist Berufsweltmeisterin – in diversen Branchen», schwärmte Volkswirtschaftsministerin Doris Leuthard. «Schweizer Berufsleute sind weltweit begehrt.» Stimmt – noch. Warum das selbsternannte Mutterland der Berufsbildung nicht aktiver an der Berufsbildung der Zukunft mitarbeitet, ist ein Rätsel.
Mein Sohn, du sollst es einmal besser haben! Darum wisse: Auch der Weg der Profis birgt gewisse Risiken.

© NZZ Folio, 7. September 2009 (PDF)

Das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis gewährleistet einen soliden Karrierestart, zahlreiche Auf- und Umstiegsmöglichkeiten – und hat dennoch einen zweifelhaften Ruf. Zu Recht?

Von Lukas Egli

Sohn, du sollst es einmal besser haben! Es ist dieser elterliche Auftrag, der uns nach oben streben lässt: im Betrieb, in der Gesellschaft, im Leben – das Ziel ist, den Vater zu übertreffen. Wo dieser Weg durchführt, ist klar: über eine höhere Bildung. Die Kehrseite dieses Vaterkomplexes ist, dass viele meinen, dass am Gymnasium gescheitert sei, wer eine Lehre mache. So gerät unversehens nicht nur ein Berufsstand oder eine Branche, sondern die Hälfte aller Werktätigen in Verruf: Knapp 50 Prozent aller Schweizer im Alter zwischen 25 und 65 Jahren verfügen «nur» über ein Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ), das man mit der Berufslehre erwirbt – nach obiger Lesart ein quasi wertloses Papier.

Das ist natürlich Unsinn.

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